Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 5

Chapter 54,143 wordsPublic domain

Das Haus des Sultans war gegenüber von dem Baume, woran er die Hunde gebunden hatte, und die Tochter des Sultans betrachtete das Schauspiel von ihrem Fenster aus. Dscheha verfolgte die Hunde ununterbrochen; wenn er von der einen Seite her auf sie eindrang, retteten sie sich auf die andere, und wenn er sie verfolgte, liefen sie in einer andern Richtung.

Darob begann die Tochter des Sultans zu lachen. Das hörte die Negerin und ging zum Sultan und sagte: »Herr, meine Gebieterin lacht.« Hastig lief der Sultan hin, und als er bei seiner Tochter war, fragte er sie: »Tochter, warum lachst du? Zeit deines Lebens hast du noch nicht gelacht. Heute hat Gott dein Herz erschlossen.«

»Vater,« antwortete sie, »du siehst, was der Mann dort mit den Hunden treibt; das ist der einzige Grund, daß ich lache.«

Der Sultan sagte zu seinem Sklaven: »Geh zu dem Manne dort, der die Hunde gefangen hat, und sag ihm: ›Wohlan, schenke den Hunden die Freiheit; der Sultan sagt dir: komm.‹« Der Neger ging. Als er bei Dscheha war, wiederholte er ihm die Worte des Sultans.

»Ich werde sie nicht freilassen,« erklärte Dscheha; »ich habe ihnen auf dem letzten Markt einen Ochsen verkauft, und heute haben sie sich geweigert, mich zu bezahlen.«

»Komm doch zum Sultan, Narr, der du bist,« sagte wieder der Neger. »Er wird dich, so Gott will, reich machen. Er selber hat mir gesagt: ,Sag ihm, er soll kommen und die Hunde laufen lassen; ich will ihn bezahlen.‹«

Dscheha ließ die Hunde laufen, sagte aber zu dem Neger: »Vielleicht hast du mich zum besten, und dann habe ichs.«

Dscheha ging also mit ihm, und als er vor dem Sultan stand, sagte dieser zu ihm: »Was hast du mit den Hunden gehabt?«

»Am letzten Markte«, antwortete Dscheha, »habe ich ihnen einen ganzen Ochsen verkauft, und sie haben ihn gefressen. Heute habe ich zu ihnen gesagt: ›Gebt mir mein Geld.‹ Sie haben sich geweigert. Dann habe ich sie gefangen.«

»Wie viel forderst du?«

»Zwanzig Duro.«

»Komm,« sagte der Sultan und ließ Dscheha in ein Zimmer treten. Dscheha sah, daß es voll Gold war.

»Also,« sagte der Herrscher, »nimm dir, was du willst.«

»Das ist es nicht, was ich will,« sagte Dscheha. »Laß mich nur gehn und meine Schuldner wieder fangen.«

Die Tochter des Sultans war dabei; da sie zu lachen begann, sagte Dscheha zu ihr: »Du hast recht, dich über mich lustig zu machen; denn nachdem ich alle beisammen gehabt habe, die mir Geld schuldig sind, bin ich von euch zum Narren gehalten worden. Dein Vater hat den Schwur vergessen, den er deinetwegen geschworen hat. Laß mich jetzt wenigstens gehn, um meine Widersacher zu verfolgen.«

Da der Sultan gesehn hatte, daß Dscheha ein sehr schmutziger Mensch war, hatte er nicht vom Anfang an zu ihm sagen wollen: »Ich gebe dir meine Tochter«; indem aber Dscheha das Wort Schwur aussprach, rief er dem Sultan die Sache ins Gedächtnis, und nun sagte dieser: »Wohlan, so heirate meine Tochter.«

»Ich werde sie nicht heiraten,« antwortete Dscheha, und das zu dem Zwecke, für einen gewichtigen Mann angesehn zu werden.

»Warum willst du sie nicht heiraten?«

»Weil ich, wenn ihr mich auch jetzt sehr schmutzig seht, immerhin der Sohn eines Sultans bin; gebt acht, daß ihr euch nicht in mir täuscht.«

»Das ist gerade das,« sagte der Sultan, »was auch mein Wunsch war; es war mir darum zu tun, daß meine Tochter einen Sultanssohn und nicht irgendeinen schmutzigen Bauer heirate.«

Er gab ihm seine Tochter und Dscheha heiratete sie. Und der Sultan sagte zu ihm: »Nun, mein Schwiegersohn, wirst du bei mir wohnen oder in deinem Hause?«

»Bei dir will ich nicht wohnen,« antwortete Dscheha; »ich habe ein Haus.«

»Also, da ist deine Frau, nimm sie; nimm auch alles Geld, alle Kamele, alle Pferde und alle Maultiere, die du willst.«

Dscheha führte seine Frau weg und nahm überdies diese unendlichen Reichtümer mit.

414.

Dscheha führte also seine Frau heim; aber als sie ankam, gefiel ihr das Haus gar nicht, weil sie es voller Schmutz fand. »Was?« sagte sie sich; »dieser Mensch hat mich zum besten gehabt. Er hat mir gesagt: ›Ich bin ein Sultanssohn, ich bin aus einem großen Hause‹; jetzt sieht man, wie schlecht es mit seinem Hause bestellt ist.« Aber sie verschloß diese Gedanken in ihrem Herzen und wollte sie niemand kundtun.

Es kam das Fest heran, und sie sah Dscheha zur Arbeit gehn, obwohl alle Welt dem Feste zu Ehren feierte. »Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »was tust du? alle Welt feiert des Festes halber, und du gehst arbeiten! Hast du mir nicht seinerzeit gesagt: ›Mein Vater ist Sultan‹, und wieder: ›Ich habe ein schönes Haus, ich bin aus einem großen Hause‹?«

»Meine Liebe,« antwortete Dscheha, »es ist wahr, ich habe das gesagt, und ich habe nicht gelogen; ich will jetzt nur eine kleine Arbeit verrichten.«

»Kein Mensch verrichtet in der Festzeit eine Arbeit, weder eine kleine, noch eine große; man arbeitet an den andern Tagen genug.«

»Das ist wahr, meine Liebe. Aber wenn mich die Dorfleute feiern sehn, feiern sie; sehn sie mich zur Arbeit gehn, gehn auch sie. Ich, ich bin wohl in der Lage, nichts zu tun; mir wird es an nichts mangeln. Daß ich öffentlich so tue, geschieht nur, damit nicht die Kinder des Volkes unaufhörlich im Hunger leben.«

Ein andermal sagte sie zu ihm: »Si Dscheha, wie ist nur das Kleid, das du trägst, zugeschnitten? warum kleidest du dich nicht wie die Sultanssöhne?«

»Meine Liebe,« antwortete er, »auf schöne Kleider gebe ich nichts der Leute halber; sie machen alles, was ich mache: gehe ich ihnen im Müßiggang voran, so arbeiten sie auch nichts mehr; gebe ich ihnen ein Beispiel mit schönen Kleidern, so werden auch sie sich, wenn sie ein paar Groschen haben, solche kaufen, und die ganze Familie wird Hunger leiden.«

»Wieso ist es möglich gewesen, Si Dscheha, daß du mir gesagt hast: ›Ich bin Sultan‹? Ich sehe dich doch niemals das Herrscheramt ausüben. Niemand im Volke nennt dich Sultan oder Sultanssohn. Du hast mich belogen; du bist sicherlich nichts sonst als ein Bettler und legst dir die Eigenschaft eines Sultans fälschlich bei.«

»Ich frage dich,« antwortete Dscheha, »was deine Absicht ist. Hast du die Absicht, hier zu bleiben, so mach nicht die Närrin und bleib in deinem Hause. Wenn du merkst, daß du den Verstand verloren hast und meiner vielleicht überdrüssig bist, so geh wieder heim zu deinem Vater. Ich liebe keine Leute, die sich, obwohl von geringem Stande, doch besser dünken als die andern. Ich für meine Person bin der Sultan meiner Brüder, und es ist mir unmöglich, jemand unrecht zu tun, wer immer es sei.«

»Ich glaube es nicht eher, daß du Sultan bist, als bis du den Muezzin getötet hast, der mich jeden Morgen so zeitlich früh weckt.«

»Morgen werde ich ihn töten,« sagte Dscheha. »Ich werde dir seinen Kopf bringen, und du wirst so erkennen, ob ich ein Sultan bin oder ein Betrüger.«

415.

Am nächsten Morgen ließ Dscheha den Muezzin bis auf die Spitze des Minarets steigen; dann ging er ihm nach und schlug ihm den Kopf ab. Den gab er seiner Frau mit den Worten: »Da hast du den Kopf des Menschen, der dich alle Morgen früh geweckt hat.«

Und sie sagte: »Nun sehe ich, daß du Sultan bist.«

Dscheha ging einen Hammel kaufen, und den kehlte er ab. Den Kopf des Muezzins warf er in den Brunnen; den Kopf des Hammels, den er getötet hatte, versteckte er und legte ihn unter eine große Holzschüssel.

Gegen Mittag begannen die Leute den Muezzin zu suchen, konnten ihn aber nicht finden. Endlich stiegen sie aufs Minaret, und dort fanden sie ihn tot mit abgeschlagenem Kopfe. Und sie sagten: »Wer hat unsern Muezzin getötet?« Einer nahm das Wort und sagte: »Si Dscheha habe ich heute zeitlich früh hier heraufsteigen sehn; der hat ihn vielleicht getötet.«

Sie gingen zu Si Dscheha und sagten zu ihm: »Si Dscheha, hast du den Muezzin getötet?«

»Nein,« antwortete er. »Was hat er mir getan, daß ich ihn hätte töten sollen? Seht nach, wer mit ihm auf schlechtem Fuße gestanden ist; der hat ihn auch getötet. Ich war es nicht.«

»Der Mann, der dich hat aufs Minaret steigen sehn, hat gesagt, du hast ihn getötet. Du belügst uns. Wir wollen dein Haus durchsuchen, ob wir nicht seinen Kopf finden.«

»Kommt und sucht,« sagte Dscheha.

Sie traten ein und begannen zu suchen; sie stöberten das ganze Haus durch, fanden aber nichts. Da fiel einem die große Holzschüssel auf, die verkehrt dalag, und er ging hin, und hob sie auf; und er fand darunter den Hammelkopf. Nun sagte er zu seinen Gesellen: »An dieser Stelle, die uns verdächtig war, finde ich einen Hammelkopf. Es ist also wahrscheinlich, daß es nicht Dscheha war, der den Muezzin getötet hat.«

Darauf gingen sie alle nach Hause, und Dscheha war gerettet.

416.

Dscheha traf im Walde einen Schakal und zu dem sagte er: »Du Schakal, wie bist du denn eigentlich geartet? Du tust Tag und Nacht nichts andres, als im Walde herumzulaufen. Komm, geh mit mir nach Hause, und wir werden miteinander wohnen; was ich esse, wirst du essen, und wenn ich nichts tue, wirst du nicht mehr tun.«

»Gott hat mich erschaffen,« antwortete der Schakal, »damit ich im Busche herumlaufe, und es ist mir unmöglich, in einem Hause zu verweilen.«

»Meine Absicht ist,« erwiderte Dscheha, »dir gutes zu tun.«

»Du bist listig,« sagte der Schakal; »aber wenn du eine List hast, so habe ich ihrer zehn. Darum wird es dir nie gelingen, mich zu foppen.«

»Mein lieber Freund, ich habe auch nicht eine einzige List; du bist eben mißtrauisch. Ich will nur, daß du mit mir nach Hause essen und trinken kommst. Das ist besser, als so durch den Wald zu schweifen, ausgesetzt den Dörnern, der Kälte und dem Hunger.«

»Ich wiederhole dir,« sagte der Schakal, »daß du ein großer Schurke bist; ich bin es auch. Wir werden also niemals zusammenkommen.«

»Und warum nicht?« sagte Dscheha; »sind wir nicht Brüder? Ich bin von Mitleid für dich bewegt gewesen; sonst hätte ich nicht so mit dir gesprochen.«

»Ich habe es dir gesagt und ich wiederhole es dir, daß ich nicht mitgehn werde; sobald du aber darauf bestehst, gut, so gehe ich mit.«

Der Schakal begleitete also Dscheha. Und als sie dann zu Hause angelangt waren, sagte er: »Ins Haus gehe ich nicht; ich werde vor der Tür schlafen.«

»Warum willst du nicht im Hause schlafen?« fragte ihn Dscheha; »da heraußen ist es ja kalt.«

»Ich will hier bleiben; ich bin an die Kälte gewöhnt. Ins Haus gehe ich nicht.«

»Meinetwegen,« sagte Dscheha; »bleib also da.«

Der Schakal hielt sich nun gewöhnlich draußen auf und Dscheha im Hause. Zu Mittag brachte ihm Dscheha das Mittagessen, am Abende das Nachtmahl. Schließlich mußte aber Dscheha einmal weggehn, und da gab er seiner Frau folgende Aufträge und sagte zu ihr: »Gib acht; laß deinen Sohn nicht heraus.« Er wußte, daß man vor dem Schakal auf der Hut sein mußte. Dann entfernte er sich, und seine Frau ging ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach. Der kleine Knabe trat vor die Tür. Als ihn der Schakal sah, stürzte er sich auf ihn und fraß ihn. Dann leckte er alles Blut auf und ließ nichts übrig, was ihn hätte verraten können.

Die Mutter des Knaben kam heraus, um ihn zu suchen. Als sie ihn nicht fand, ging sie zum Schakal und sagte zu ihm: »Hast du vielleicht mein Kind gefressen?«

»Das ist sehr gut,« sagte der Schakal; »so also steht es? Warum hat mich denn dein Mann hergebracht? Vielleicht deswegen, damit ich mich heute über dein Gezeter ärgern soll?«

Dscheha, der in diesem Augenblicke zurückkam, blieb auf der Straße stehn; als er seine Frau weinen hörte, lief er herbei und sagte: »Was hast du?«

»Der Schakal, den du hergebracht hast, hat deinen Sohn gefressen.«

Der Schakal tat, als ob er zornig wäre, und sagte zu Dscheha: »Ich habe es dir am ersten Tage gesagt: laß mich, ich gehe nicht her. Dann hast du mich aber gezwungen zu kommen. Jetzt segne dich Gott! So also handeln Freunde an ihren Freunden? Laß mich augenblicklich gehn.«

»Bleib nur,« sagte Dscheha, »und mache dir nichts aus den Reden einer Frau.«

Er ging zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Schweig, sage ich dir, damit er bleibt und nicht geht. Daß er meinen Sohn gefressen hat, bezweifle ich nicht; vorderhand aber wollen wir ihn dabehalten, damit ich ihn töte, ihn, der mein Kind gefressen hat.«

Der Schakal erriet alles. Si Dscheha dachte bei sich, daß er auf den Schakal, nachdem er ihn habe einschlafen lassen, losgehn und ihn abkehlen werde; aber der Schakal, der voraussah, was ihm geschehn sollte, ließ seine Wirte einschlafen, sprang über die Mauer und suchte das Weite.

Si Dscheha und seine Frau standen auf und er ging an den Ort des Schakals; aber er fand, daß der Schakal nicht mehr da war. Er kehrte zu seiner Frau zurück und sagte zu ihr: »Du bist schuld daran, daß er gegangen ist. Hättest du nicht mit ihm gesprochen, so hätte er sich nicht geflüchtet und wir hätten ihn getötet; nach dem Auftritte aber, den du ihm gemacht hast, hat er fortgehn müssen.«

417.

Als Dscheha alt wurde, ließ sein Gesicht nach, und er sah nicht mehr so gut wie in seinen jungen Jahren: einst hatte er ein Rebhuhn oder einen Hasen auf fünfhundert Schritt gesehn und mit jedem Pfeil, den er abschoß, sein Ziel getroffen; jetzt aber zitterten seine Hände und er sah nicht mehr so gut. Als seine Freunde diese Zeichen des Greisenalters bemerkten, machten sie sich lustig über ihn. Um ihnen nun den Mund zu stopfen, dachte er sich eine List aus, die wir erzählen wollen.

Er kaufte einen jungen Hund, den er Packan nannte, und richtete ihn auf jede Jagd ab; und er lehrte ihn alles bringen, was er ihm angab. Oft versteckte er am Morgen einen toten Hasen im Gebirge; er zeigte dem Hunde den Ort, wo er ihn hinlegte, und ging mit ihm zurück nach Hause. Gegen Mittag sagte er dann dem Hunde: »Such.« Packan lief ins Gebirge und kam im Nu mit dem Hasen im Maule zurück. Schließlich war der Hund ausgezeichnet abgerichtet. Dscheha wartete den Tag des großen Festes ab, um die Dorfleute zu verblüffen.

An diesem Tage legte er am Morgen einen toten Hasen neben einen Baum, der mehr als fünfhundert Schritt vom Dorfe entfernt war, und zeigte ihn seinem Hunde. Zu Mittag lud er seine Nachbarn ein, den Kaffee vor seiner Tür zu nehmen. Es kamen Leute von allen Seiten, und es war eine große Menge da, als sich Si Dscheha plötzlich erhob und schrie: »He, Freunde! seht ihr dort unten den Hasen neben dem Baume?« Alle machte große Augen und blickten angestrengt hin; da sie nichts sahen, sagten sie zu Dscheha: »Du bist ein Narr; wieso könntest du denn einen Hasen auf diese Entfernung sehn?«

»Ich begreife,« antwortete Dscheha, »daß ihr ihn mit euerm schwachen Gesichte nicht bemerken könnt; aber ich sehe ihn.« Dann wandte er sich an seine Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile. Ich will einmal diesen jungen Leuten zeigen, daß weder mein Auge, noch mein Arm schwach geworden ist.« Er nahm einen Pfeil und schoß ihn ins Blaue ab. »Ich habe ihn getroffen!« schrie er. Und zu seinem Hunde: »Lauf, Packan, und bring den Hasen; heute Abend wollen wir ihn essen.« Der Hund sprang auf und lief davon. Einen Augenblick später kam er zurück, im Maule einen bluttriefenden Hasen.

Alle Welt war verdutzt. Von nun an machte man sich nicht mehr über Si Dscheha lustig, der das Stückchen noch drei- oder viermal aufführte. Ausnahmslos waren alle überzeugt, daß Dschehas Schießfertigkeit und Sehschärfe verblüffend waren. Und von diesem Tage an ehrte ihn das Volk noch mehr als früher.

418.

Dscheha hatte einen Freund, und das war der einzige Mensch auf der Welt, zu dem er ein volles Vertrauen hatte; er aß und trank sehr häufig bei ihm. Allen andern Menschen mißtraute er.

Eines Tages kam nun sein Freund und sagte zu ihm: »Komm mit mir spazieren gehn.«

»Mein Freund,« antwortete Dscheha, »ich bin nicht frei. Da du jedoch selber gekommen bist, so lasse ich meine Geschäfte und begleite dich. Wäre ein anderer zu mir gekommen, und hätte er mir alle Güter der Erde gegeben, ich hätte ihn nicht begleitet. Da aber du es bist, so kann ich dich nicht also verabschieden.«

Er ging und begleitete seinen Freund, und der sagte, als sie bei seinem Hause waren: »Komm mit hinein, Si Dscheha.«

»Mein Freund,« sagte Dscheha, »das sind die Gemächer der Frauen; zu den Frauen uns zu setzen, schickt sich nicht. Gehn wir lieber in ein Zimmer, wo wir allein sind.«

Nun hatte dieser Freund für Si Dscheha in den Frauengemächern eine Grube gegraben; Dscheha wußte davon nichts. Als Dscheha geantwortet hatte: »Gehn wir zwei ganz allein ins Zimmer,« sagte der andere zu ihm: »Warum sollen wir uns nicht im Hause einrichten? es ist leer. Das Zimmer ist klein, und nicht einmal ein einzelner Mann hätte genug Platz, sich zu setzen.«

»Gut,« sagte Dscheha, »gehn wir, wohin du willst.«

Dieser Freund, auf den Dscheha so viel Vertrauen setzte, hatte ihn verraten und Geld von Leuten genommen, denen Dscheha geschadet hatte.

Er führte also Dscheha ins Haus. Dscheha versah sich keineswegs von diesem Manne, daß er ihn töten würde, da er sein vertrauter Freund war; darum eben kam ihm der Gedanke nicht, als er ins Haus trat. Der Freund hatte über die Grube eine Matte gespannt und darüber noch einen Teppich gebreitet.

Als Dscheha beim Eintritte den Teppich sah, dachte er, das sei eine Aufmerksamkeit, die ihm sein Freund erweise; er ging vorwärts, um auf dem Teppich Platz zu nehmen, und fiel in die Grube.

Augenblicklich lief der Verräter zu denen, die ihm Geld gegeben und zu ihm gesagt hatten: »Du wirst Si Dscheha töten; denn er hat uns viel geschädigt.« An diesem Tage kam er nun ihnen sagen: »Ich habe Si Dscheha getötet.«

»Wir gehn mit dir,« sagten sie, »um zu sehn, wie du ihn getötet hast.« Und sie gingen mit ihm.

Im Hause angelangt, beugten sie sich über die Grube und sahen auf ihrem Grunde Si Dscheha. »Si Dscheha,« sagten sie zu ihm, »hast du es nun satt, alles nur nach deinem Kopfe machen zu wollen? Jetzt, nicht wahr, wirst du uns keinen Schaden mehr zufügen.«

»Wahrhaftig,« sagte Dscheha, »ihr seid es nicht, die meinen Untergang herbeigeführt haben; mein Freund ist es, mit dem ich oft Brot und Salz gegessen habe; sooft er mit mir aß, sooft aß ich mit ihm. Bis jetzt habe ich ihm nie etwas böses getan; er hat es mir zuerst getan, Gott Lob!«

Die Männer kehrten sich zu dem, der ihn also in die Grube gestürzt hatte, und sagten zu ihm: »Er ist nicht tot. Es ist möglich, daß er wieder herauskommt. Ist er nicht der schlaueste von allen Menschen? Er wird die Wände untergraben, bis so viel Erde herunterfällt, daß er heraufkommen kann; dann wird er uns alle töten, dich so wie uns.«

»Da ist eine Flinte,« sagte der Mann; »einer von euch soll auf ihn schießen.« Er gab ihnen die Flinte.

Der eine trat vor, um zu schießen, aber Si Dscheha stieß einen mächtigen Schrei wider ihn aus. Von Schrecken gepackt, fiel der Mann zu Dscheha in die Grube und fiel sich zu Tode. Die Flinte ging von selber los und die Kugel durchbohrte Si Dscheha.

Der Freund dessen, der, als er auf Dscheha feuern wollte, in die Grube gefallen war, sagte nun zu dem Manne, der Dscheha hinuntergestürzt hatte: »Dscheha, ists nicht wahr, hat einen Streich geführt und den einen von uns getroffen.«[7]

Der Verräter blieb daheim und der andere ging nach Hause; Si Dscheha und sein Gesell lagen beide tot auf dem Grunde der Grube.

IV.

Maltesische Überlieferungen

419.

Als die Mutter Dschahans eines Tages krank war, befahl ihm der Arzt, etwas Urin von ihr aufzuheben; am nächsten Tage werde er kommen und den Urin untersuchen. Der Arzt kam auch, und Dschahan beeilte sich, ihm das Gefäß zu zeigen. Der Arzt wunderte sich, es bis zum Rande voll zu finden, aber Dschahan erklärte ihm die Sache, indem er sagte: »Meiner ist auch dabei; der meinige ist oben.«

420.

Dschahan war einmal mit einer Henne in der Hand auf dem Wege zu seinem Herrn, um sie ihm zu schenken; aber etliche Räuber rissen sie ihm aus der Hand und entflohen. Dschahan nahm sich vor, sich zu rächen. Nachdem er den Ort, wo sie wohnten, ausfindig gemacht hatte, ging er, als Mädchen verkleidet, hin, und es gelang ihm, in ihrem Hause als Magd Aufnahme zu finden.

Als nun die Räuber eines Tages ausgegangen waren, stieg er auf das flache Dach, stellte dort eine Strohpuppe auf, die ihm ähnlich war, bestrich die Stufen der Stiege, die zum Dache führte, bis hinunter mit Seife, belud sich mit einer Menge kostbarer Dinge, die die Räuber besaßen, verließ das Haus, schloß die Tür ab und lief heim.

Nachdem die Räuber bei ihrer Rückkehr vergebens gerufen hatten, daß ihnen geöffnet werden solle, traten sie die Tür ein und stürzten blindlings die Stiege hinauf, entschlossen, sich an der frechen Dirne zu rächen, die noch immer auf dem Dache stand, als ob sie sich über sie lustig machen wollte; aber sie glitten allesamt aus und fielen einer auf den andern, und so war die Rache Dschahans erfüllt.[8]

421.

Es war einmal ein Junge, der Dschahan hieß, und der sagte zu seiner Mutter: »Gib mir einen Centime.« Sie antwortete: »Wozu?« »Damit ich mir Bohnen kaufe.« »Bohnen haben Schalen.« »Dann werde ich mir Nüsse kaufen.« »Die haben auch Schalen.« »Dann werde ich mir Erbsen kaufen.« »Gut,« sagte die Mutter und gab ihrem Dschahan drei Centimes; und er ging hin und kaufte sich Erbsen.

Nun aß er darauf los, bis er nur noch eine Erbse hatte. Diese gab er, da er noch keine Messe gehört hatte, einer Frau und bat sie: »Heb sie mir auf; ich will zur Messe gehn.« Die Frau antwortete: »Leg sie nur auf den Sims.« Aber ein Huhn fraß die Erbse, und als Dschahan zurückkam und sagte: »Ich komme um die Erbse«, antwortete die Frau: »Deine Erbse hat die Henne gefressen.« Da begann Dschahan zu schreien: »Entweder die Erbse oder die Henne!« Und die Frau sagte: »Nimm die Henne«, und gab sie ihm.

Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten; er sah eine alte Großmutter, die spann, und zu der sagte er: »Großmutter, erlaube, daß ich die Henne dalasse; ich werde sie bald wieder abholen.« Als dann die Messe zu Ende war, wollte er sie abholen, aber die Frau sagte zu ihm: »Geh dorthin zu den Truthühnern; dort ist sie.« Dschahan schrie: »Aber sie ist ja tot! Die Truthenne hat sie getötet!« Und weiter schrie er: »Entweder die Henne oder die Truthenne!« Da gab ihm die alte Frau die Truthenne.

Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten; er sah unter einer Haustür eine Frau, und zu der sagte er: »Darf ich die Truthenne dalassen?« Die Frau antwortete: »Geh und laß sie bei den Schweinen.« Als er dann von der Messe zurückkam, wollte er die Truthenne wieder haben, aber die Frau sagte zu ihm: »Die Sau hat sie dir getötet.« Da begann er zu schreien: »Mir ist alles einerlei! entweder die Truthenne oder die Sau!« Und die Frau gab ihm die Sau.

Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten, und als er eine Frau unter ihrer Haustür sah, sagte er zu ihr: »Darf ich die Sau für einen Augenblick dalassen?« Die Frau sagte: »Steck sie zur Stute.« Als er dann von der Messe zurückkam und zu der Frau sagte: »Gib mir meine Sau«, antwortete sie ihm: »Die hat die Stute getötet.« Da sagte Dschahan: »Das ist mir einerlei! entweder die Sau oder die Stute!« Und die Frau sagte zu ihm: »Nimm dir die Stute.«

Dschahan ging zu einer andern Frau und bat sie: »Laß mich die Stute dalassen.« Die Frau sagte: »Ja; laß sie da.« Nun mistete die Stute auf den Boden; die Frau hatte aber eine junge Tochter und die sagte zu ihr: »Was hast du denn da hereingebracht?«, und begann mit ihr zu zanken, weil sie den Boden eben gewaschen hatte. Und da sie ihn so beschmutzt sah, nahm sie eine Stange und begann die Stute zu prügeln, bis sie tot war. Da kam Dschahan um seine Stute und fragte: »Wo ist sie?« Die Frau antwortete: »Das Mädchen hat sie getötet.« Und die Frau schenkte ihm die Tochter und Dschahan steckte sie in einen Sack und ging damit weg.

Wieder hörte er zur Messe läuten; er sah eine alte Großmutter und zu der sagte er: »Erlaube mir, daß ich den Sack für ein wenig dalasse.« Die Alte antwortete: »Leg ihn auf den Sims da«, und Dschahan legte ihn hin. Da aber die Alte sah, daß sich der Sack bewegte, öffnete sie ihn; und sie fand das Mädchen darinnen. Sie nahm es und versteckte es, und den Sack füllte sie mit Scherben. Und damit ist die Geschichte aus.

422.