Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 4

Chapter 44,134 wordsPublic domain

Si Dscheha ging Tierhäute kaufen; die trug er hin und hing sie an den Nagel. Auch Därme hängte er hin. Und da die Häute und Därme dort blieben, begannen sie nach einem oder zwei Tagen zu stinken. Dscheha kam hin, ließ sie aber, wie sie waren.

Der, der das Haus gekauft hatte, kam zu ihm und sagte: »Was ist das für ein Handel, Si Dscheha? Du hast Häute und Därme gebracht und sie im Hause aufgehängt! Sie stinken. Wie kann ich denn da wohnen?«

»Freund,« antwortete Dscheha, »ich habe dir nur das Haus verkauft, nicht wahr? Den Nagel habe ich mir behalten, und ich habe dir gesagt, daß ich ihn dir nicht verkaufe. Du hast jetzt nichts mehr zu sagen.«

Nun sagte der Käufer zu ihm: »Geh in dein Haus. Ich verlasse es. Ich lasse dir das Geld und das Haus. Ich kann nicht länger drinnen wohnen. Es ist ein fürchterlicher Gestank, und das Haus selber ist vergiftet.«

»Gut,« sagte Dscheha; »wenn du ausziehen willst, so zieh. Das Geld, das habe ich ausgegeben, und du bekommst keinen Heller zurück.«

»Ich schenke dir das Haus und das Geld,« sagte der Käufer.

Si Dscheha verließ ihn und zog wieder in sein Haus; und der andere machte sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

401.

Si Dscheha ging im Felde und hatte Hunger. Da sah er einen Araber, der aß. In der Meinung, daß ihn der einladen werde, mitzuessen, ging er hin; aber er wurde keineswegs eingeladen, sondern der Araber fragte ihn nur: »Woher bist du, Bruder?«

»Aus deinem Dorfe,« antwortete Dscheha.

»Dann bringst du uns gute Nachrichten.«

»Ich bringe dir alle guten Nachrichten, die du willst.«

»Hast du Nachrichten von unserm Dorfe?«

»Ja.«

»Hast du Nachrichten von Omm Othman?« — Das war die Frau des Arabers. —

»Oh,« sagte Dscheha, »sie wiegt sich wie ein Pfau.«

»Und wie geht’s meinem Sohne Othman?«

»Gewöhnlich spielt er Ball mit seinen Kameraden.«

»Wie geht es dem Kamel?«

»Das wird bald zerplatzen, so feist ist es.«

»Und was ists mit unserm Hunde Titu?«

»Er ist sehr scharf, und das will etwas heißen. Die Diebe fürchten ihn, so daß der Pferch vor ihnen sicher ist.«

»Und unser Haus, wie steht es damit?«

»Es ist wie eine Festung.«

Nun schwieg der Araber. Er aß, ohne Si Dscheha einzuladen, und der stand auf, um wegzugehn. Der Araber fragte ihn: »Wohin, Bruder?«

»Ins Dorf,« antwortete Dscheha. »Seid Titus Tod wimmelts dort von Dieben.«

»Titu ist tot?«

»Ja.«

»Woran ist er gestorben?«

»Er hat von dem Fleische des Kamels zu viel gefressen, und daran ist er gestorben.«

»Das Kamel ist also auch tot?«

»Ja.«

»Woran ist es gestorben?«

»Es ist über das Grab Omm Othmans gestolpert.«

»Omm Othman ist gestorben?«

»Ja.«

»Woran?«

»An dem Kummer über den Tod Othmans.«

»Othman ist gestorben?«

»Ja.«

»Wieso?«

»Das Haus hat ihn erschlagen, als es einstürzte.«

Bei diesen Worten sprang der Araber wie ein Narr auf und lief in der Richtung seines Dorfes davon, sein Essen im Stiche lassend. Si Dscheha aß alles, was noch da war.

402.

Der Kaid von Dschehas Stamm liebte die Frauen leidenschaftlich, und Dscheha, der ihn oft besuchte, machte ihm Vorstellungen. »Wie kannst du denn,« sagte er zu ihm, »du, ein Kaid, gar so in die Frauen vernarrt sein? Nimm doch ein wenig Vernunft an. Fürchte den Herrn. Es ist eine Schande für dich.« Diese Worte drangen dem Kaid bis auf den Grund seines Herzens.

Nun hatte der Kaid eine Magd, die eine Frau von großer Schönheit war, und die sagte zu ihm, als sie seine Niedergeschlagenheit bemerkte: »Was drückt dich, Herr?«

Der Kaid antwortete: »Dscheha hat mir dasunddas gesagt.«

»Sonst nichts?« sagte sie. »Nun, gib mir die Erlaubnis zu ihm zu gehn. Du bleibst noch eine Weile hier, und kommst dann unversehens zu Dscheha nach. Du wirst schauen, was ich tun werde, und wirst dich wundern, in was für einer Verfassung du ihn finden wirst.«

»Geh,« sagte der Kaid zu ihr, und sie ging. Sie kam zu Dscheha und setzte sich mit ihm in seinem Hause nieder. Als Dscheha sie sah, wurde er sterblich verliebt in sie. Er rückte näher zu ihr, aber sie schlug ihn zurück; er verfolgte sie, und wohin immer sie sich setzte, er kam zu ihr. »Bleib auf deinem Platze, Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »und komm mir nicht zu nahe. Wenn du aber herankommen willst, so laß mich auf dir reiten; du wirst mit mir auf dem Rücken auf allen vieren gehn.«

»Komm,« sagte Dscheha, und sie legte ihm einen Sattel auf und einen Zaum an und setzte sich rittlings auf ihn; er begann auf allen vieren zu kriechen.

Unversehens kam der Kaid, und der sagte zu ihm: »Si Dscheha, mir hast du verboten, die Frauen zu lieben, und du, sieh nur, in was für einer Verfassung du bist!«

»Herr,« antwortete Si Dscheha, »ich hatte Angst, dich zu einem solchen Esel werden zu sehn, wie ich einer bin.«

Der Kaid begann zu lachen und machte ihm ein Geschenk.

403.

Es war ein Jude, der täglich also zum Herrgott betete: »O mein Gott, zeige dich mir«; und er betete unter einem Baume. Eines Tages hörte ihn Dscheha, als er lustwandelte. Am nächsten Tage ging er hin und war noch vor dem Juden dort; er stieg auf den Baum und verbarg sich im Laube. Der Jude kam und betete wie gewöhnlich. Si Dscheha rief ihn an und sagte: »O mein Anbeter, nimm hundert Dinar und gib sie der Frau Dschehas. Dann komm sofort hieher zurück, und du wirst mich sehn.«

Als der Jude diese Worte hörte, war er auf dem Gipfel der Freude. Er ging nach Hause, holte hundert Goldstücke und gab sie der Frau Dschehas. Dann kam er zum Baume zurück und sagte: »O mein Gott, ich habe getan, was du mir gesagt hast.« Si Dscheha warf ihm einen Strick zu, indem er sagte: »Fasse diesen Strick und du wirst zu mir emporsteigen.« Der Jude ergriff den Strick und Si Dscheha zog ihn herauf; als er ihn aber einigermaßen in der Höhe hatte, ließ er den Strick los. Der Jude fiel herunter und schlug sich ein Loch in den Kopf. »O mein Gott,« sagte er, »du bist unersättlich! Du nimmst mein Geld und schlägst mir überdies ein Loch in den Kopf!«

404.

Man wußte sich keinen Rat mehr, um Dscheha sein Schmarotzerhandwerk zu legen. Als nun eines Tages die vornehmen Leute zu einem Manne essen gingen, der einen Festschmaus vorbereitet hatte, schloß sich ihnen Dscheha an; da sagten sie untereinander: »Was machen wir nur mit Si Dscheha?« Und einige sagten: »Wann die Schüsseln aufgetragen werden, wollen wir zu ihm sagen: ›Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es‹, damit er nichts ißt. Unsere Worte werden ihn so beschäftigen, daß er nichts ißt.«

Als die Speise kam, sagten sie zu ihm: »Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es.«

»Unser Haus ist davor bewahrt geblieben?« fragte Dscheha.

Während sie sich darauf beschränkten, zu sprechen, aß Dscheha. Sie sagten: »Das Feuer ist schon bei deinem Hause.«

»Nun, mich hat es noch nicht erreicht.«

»Jetzt hat es deine Kleider erfaßt.«

»Mein Kopf brennt noch nicht, nicht wahr?« antwortete Dscheha. »Meine Füße mag es verschlingen, wenn es mir nur den Kopf in Ruhe läßt.«

Und er aß immerzu. Als dann die andern desgleichen tun wollten, stellte es sich heraus, daß Dscheha alles aufgegessen hatte; und sie sagten untereinander: »Si Dscheha hat uns zum besten gehabt.«

405.

Si Dscheha kaufte auf dem Markte eine Ziege um zehn Duro. Er trieb sie heim, schlachtete sie und häutete sie. »Diese Ziege kostet uns viel Geld,« sagte er zu seiner Mutter, und sie erwiderte: »Was willst du tun, mein Sohn?«

»Für den Augenblick das Fleisch kochen; späterhin werden wir sehn, was zu tun ist. Am nächsten Markttage werde ich die Haut auf den Markt bringen; du wirst hingehn und sie in der Hand halten. Ich werde immer um dich herum sein, und du wirst tun, als ob du mich nicht kenntest; ebenso werde ich tun, als ob ich dich nicht kennte. Ich werde um die Haut handeln, und welchen Preis immer ich dir biete, weigerst du dich, sie mir zu verkaufen. Ich werde sie spannenweise messen. Du sagst zu mir: ›Ich verkaufe sie nicht.‹ Ich werde dir zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Duro bis zu hundert Duro bieten. Unter den Fremden, die dazukommen werden, wird einer sein, der dir mehr bieten wird, und dem verkaufst du sie. Gib acht jetzt! Merk dir wohl, wie ich dich empfehlen will!«

Sie machten sich auf den Weg und kamen auf den Markt. Si Dscheha ging abseits, und seine Mutter hielt die Ziegenhaut. Si Dscheha kam und sagte zu ihr: »Wie viel hat man dir für die Haut da geboten?« Und auf ihre Antwort: »Zehn Duro« begann er sie spannenweise zu messen. Alle Welt sammelte sich um sie. »Die Haut, die du da mißt,« sagte einer zu ihm, »wozu kann sie dir dienen?«

»Sie wird gut zu verwenden sein,« antwortete Dscheha; »sie gibt eine große Trommel oder eine kleine.«

Er zog sich zurück, kam aber einen Augenblick später wieder, ging wieder zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Nun, altes Frauchen, was ists mit der Haut?«

»Mein Sohn,« antwortete die Alte, »man hat mir zwanzig Duro gegeben.«

»Verkaufst du sie um fünfzig?«

»Nein.«

Si Dscheha maß die Haut noch einmal und ging weg. Die Leute liefen zusammen und sagten einander: »Si Dscheha ist verrückt. Wie geht es zu, daß er, der sonst so durchtrieben ist, sich so täuschen läßt?«

Dscheha kam zurück und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, wie viel hat man dir für die Haut geboten?«

»Sie ist noch auf fünfzig Duro, mein Sohn.«

»Ich will sie messen, ob sie zu meinem Zwecke taugt oder nicht.« Er maß sie, und als er damit fertig war, sagte er zu seiner Mutter: »Wenn du sie verkaufen willst, so gebe ich dir hundert Duro.«

»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete sie, und Dscheha entfernte sich und beobachtete sie von weitem.

Ein Mann, der auf den Markt gekommen war, kam und sagte zu der Mutter Dschehas: »Altes Frauchen, verkaufe sie mir. Ich gebe dir um zehn Duro mehr als der Mann.«

»Gib das Geld her, bevor er kommt; er könnte mir sonst Vorwürfe machen, daß ich einem andern den Vorzug gegeben habe.«

Er gab der Alten das Geld, und die machte sich auf den Heimweg und Si Dscheha gesellte sich zu ihr; sie gingen, bis sie dorthin kamen, wo sie wohnten, und dort blieben sie.

Die Alte hatte aber dem Käufer der Haut gesagt: »Diese Haut ist gar kostbar; lege sie in die Sonne: sie wird trocknen, und du wirst sehn, was für einen Nutzen du finden wirst.«

Er breitete also die Haut an der Sonne aus. Zwei oder drei Tage darauf ging er nachsehn und fand sie vollständig ausgetrocknet. Er nahm sie zwischen die Hände und rieb sie; da zerfiel sie. Nun ging er die Frau suchen, die sie ihm verkauft hatte. Er traf die Mutter Dschehas und sagte zu ihr: »Altes Frauchen, bist du nicht die, die mir die Haut verkauft hat?«

»Sag so etwas nicht noch einmal,« sagte die Alte. »Ich, Häute verkaufen! ich bin die Mutter Si Dschehas.«

»Schon recht,« sagte der Mann; »sieh nur selber, wer mich betrogen haben kann, wenn du es nicht bist.«

»Mein Sohn,« erwiderte die Alte, »das habe ich nie getan.«

Der Mann ging heim, ohne sie erkannt zu haben. Die Ziegenhaut verblieb ihm und er warf sie den Hunden hin.

406.

Eines Tages sagte die Mutter zu Si Dscheha: »Ich gehe Holz machen.« Er bildete sich ein, das sei wahr; sie ging aber irgendwohin, setzte sich nieder und legte einen Fuß über den andern. Dscheha kam und sah, daß sie die Füße übereinander geschlagen hatte.

Am nächsten Tage sagte sie zu ihm: »Sohn, das Barfußgehn bringt mich um; kaufe mir doch Schuhe.«

Dscheha holte Baumwolle und machte ihr daraus Schuhe; »da, Mutter,« sagte er, »da sind deine Schuhe.«

»Aber,« sagte sie, »wie lange werden die denn halten?«

»Mutter,« antwortete Dscheha, »wenn du immer so viel gehst wie gestern, werden sie halten, bis du stirbst.«

407.

Als Si Dscheha noch klein war, war er ein wenig dumm und unwissend; erst als er ein wenig größer war, erwachte sein Geist.

Eines Tages, es war der Tag, wo sein Vater starb, war er allein auf der Welt; er hatte niemand mehr als seine Mutter. Nun nahm er einmal einen Ochsen, um ihn zu verkaufen. Auf dem Wege traf er eine Eule, und er sagte zu ihr: »Kaufst du meinen Ochsen?«

Die Eule schrie: »Imiaruf.«

»Gibst du mir fünfzehn Realen?« fuhr Dscheha fort.

»Imiaruf,« wiederholte die Eule.

»Du gibst mir zwanzig?«

»Imiaruf.«

»Du gibst mir fünfundzwanzig?«

»Imiaruf.«

»Da hast du deinen Ochsen.« Und er fügte bei: »Und das Geld?«

»Imiaruf.«

»Beim nächsten Markte?«

»Imiaruf,« sang die Eule.

»Gut; da ist der Ochse. Das Geld werde ich am nächsten Markttage holen.«

»Imiaruf.«

Dscheha ließ den Ochsen dort und ging. Als er daheim angelangt war, sagte seine Mutter zu ihm: »Und der Ochse, mein Sohn?«

»Den habe ich verkauft,« antwortete er; »um fünfundzwanzig Realen. Was das Geld betrifft, so warte ich darauf bis zum nächsten Markte.«

Als der nächste Markttag gekommen war, ging er an den Ort, wo er den Ochsen gelassen hatte; dort traf er die Eule und die sang wie am ersten Tage. »Und das Geld?« sagte er.

»Imiaruf.«

»Heute will ich mein Geld haben.«

»Imiaruf.«

Dscheha ging auf sie zu, indem er sagte: »Ich muß heute mein Geld haben.« Die Eule flog gegen ein altes Gemäuer hin; Dscheha folgte ihr und sagte: »Du mußt mir mein Geld geben.«

»Imiaruf,« schrie die Eule.

Dscheha verfolgte sie immer weiter, bis er sie in dem Gemäuer vor sich hatte. Sie entwischte ihm wieder; aber Dscheha fand in dem Gemäuer einen Schatz.

»Du glaubst,« sagte er nun zu der Eule, »daß ich ein Dieb bin wie du? ich, ich stehle nicht; ich werde nur nehmen, was mir gebührt.« Und er zählte seine fünfundzwanzig Realen ab und steckte sie zu sich; dann ging er heim.

Als er zu Hause angelangt war, sagte er zu seiner Mutter: »Mutter, das ist das Geld von dem, dem ich den Ochsen verkauft habe.« Und er fügte bei: »Ich selber habe mit meinen eigenen Händen die fünfundzwanzig Realen aus dem Schatze genommen.«

»Mein Sohn,« sagte die Mutter, »gehn wir zu ihm.«

»Mutter, wenn du willst, so gehn wir hin; ich fürchte aber, daß du ihn bestehlen wirst.«

»Pfui, mein Sohn! Deinem Freunde, zu dem wir als Gäste kommen, dem werde ich etwas stehlen!«

»Also gut; komm, gehn wir.«

In aller Eile kochte sie nun Bohnen und Eier und buk Kuchen. Als sie dann das Dörfchen verließen, warf sie die Bohnen über Dscheha; er las sie auf und sagte: »Mutter, es regnet Bohnen.«

»Lies sie auf, mein Sohn.« Dscheha las sie auf und aß sie. Seine Mutter ging immer weiter; und als sie an dem bewußten Orte angekommen waren, sagte sie zu ihm: »Nun, mein Sohn, wo ist das Haus deines Freundes?«

»Da,« antwortete Dscheha.

»Zeig es mir doch.«

»Nun hier.«

»Das da?«

»Komm, ich werde es dir zeigen.«

Als er sie hingeführt hatte und sie den Schatz sah, warf sie Kuchen in die Höhe, so daß sie auf Dscheha niederfielen; und er sagte: »Ach, Mutter, es regnet Kuchen.« Er begann sie aufzulesen und sie zu essen. Seine Mutter bemächtigte sich des Schatzes und er sagte zu ihr: »Hüte dich, Mutter, etwas zu nehmen.«

»Ich nehme nichts, mein Sohn.« Aber sie hob den Schatz und wickelte ihn in ein großes Baumwolltuch, um ihn wegzutragen; und zu Dscheha sagte sie: »Komm, mein Kind, gehn wir.«

Sie gingen. Als sie ins Dörfchen kamen, warf sie die Eier über ihn. »Mutter,« sagte er, »es regnet Eier.« Er las sie auf und aß sie, und sie kamen nach Hause.

An diesem Abende ging Dscheha dorthin, wo die Leute zusammenkamen, und sagte zu ihnen: »Heute haben meine Mutter und ich einen Schatz heimgetragen.«

Sie fragten ihn: »Wann?«

»Wir sind weggegangen,« antwortete Dscheha, »als es Bohnen regnete. Als dann der Kuchenregen gekommen ist, sind wir bei dem Schatze eingetroffen, den meine Mutter weggetragen hat. Ins Dorf sind wir zurückgekommen in dem Augenblicke, wo es Eier regnete.«

»Bah,« sagten sie untereinander, »der Junge ist ein Tölpel; nehmt seine Worte doch nicht ernst.«

Warum hatte nun die Mutter Dschehas die Bohnen und die Eier gesotten und die Kuchen gebacken? Weil sie nicht zweifelte, daß der Dummkopf von ihrem Sohne alles ausplaudern werde; darum hat sie ihm die Bohnen und die Eier gesotten und die Kuchen gebacken. Sie hatte es sich an den Fingern abgezählt, daß Dscheha, wenn er den andern sagen werde: »Wir haben einen Schatz heimgebracht«, beifügen werde: »als es Bohnen und dann Kuchen und dann Eier regnete«; und sie wußte, daß also niemand seine Worte ernst nehmen werde.

408.

Si Dscheha konnte kein Pferd besteigen, aber ein guter Fußgänger war er. Eines Tages ließ ihn nun der Kaid des Dorfes rufen und sagte zu ihm: »Si Dscheha, du mußt mir diesen Brief zum Bei von Algier bringen; steig auf mein Pferd und spute dich.«

Das Pferd des Kaids war aber ein hitziges Tier, das niemand besteigen konnte außer seinem Herrn. Si Dscheha, der das wußte, zog sich mit einem einzigen Worte aus dem Handel; er fragte: »Ist es eilig, Herr Kaid?«

»Sehr eilig,« antwortete der Kaid.

»Dann«, sagte Dscheha, »geh ich zu Fuß; ich werde so viel schneller dort sein, als wenn ich zu Pferde stiege.«

Alle schüttelten sich vor Lachen, als sie ihn so reden hörten. Der Kaid, der Si Dscheha nur einen Streich hatte spielen wollen, sagte: »Bleib da; du wirst mit mir essen.«

409.

Si Dscheha hatte einen Feind, der ein Eierhändler war. Den traf er eines Tages, als er auf den Markt ging; er trat auf ihn zu und sagte: »Du hast da wirklich schöne Eier.«

»Laß den Spott,« sagte der Händler. »Willst du welche kaufen, so kauf; wenn nicht, so geh deines Weges.«

Dscheha kaufte zwei Eier und steckte geschickt in jedes ein Goldstück. Dann sagte er zu seinem Feinde: »Höre; ich will jetzt Frieden machen mit dir, und darum will ich dir einen guten Rat geben.«

»Wir werden sehn,« sagte der Händler; »sprich.«

Nun sagte ihm Dscheha ins Ohr: »Verkaufe diese Eier nicht; alle enthalten sie Goldstücke!«

»Pack dich,« schrie der Händler; »du lügst.«

»Ich lüge?« sagte Dscheha; »also gut: sieh her.« Und er schlug vor ihm die zwei Eier auf, die er gekauft hatte. Der Händler stand ganz verdutzt da, als er die zwei Goldstücke sah, die zum Vorscheine kamen. Dscheha las sie auf, schob sie in seine Tasche und ging heim.

Alsbald nahm der Händler seine Eier und schlug sie alle ohne Ausnahme auf. Goldstücke aber fand er nicht ein einziges, und er schrie: »Gott verderbe die Augen Si Dschehas, so wie ich alle meine Eier verdorben habe!«

410.

Si Dscheha hatte in einem Hause, das auch der Eigentümer bewohnte, eine Kammer gemietet. Er bezahlte nie die Miete und lärmte die ganze Nacht in seiner Kammer. Der Eigentümer, der dieses Lärms halber nicht schlafen konnte, sagte eines Tages zu ihm: »Warum verübst du allnächtlich einen solchen Lärm in deiner Kammer?«

»Mein Sohn,« antwortete Dscheha, »ich richte Schlangen ab, um sie den Aissawa[6] zu verkaufen.«

»Du züchtest Schlangen in meinem Hause?« schrie der Eigentümer. »Gut also; du kannst jetzt ziehen. Die Miete schenke ich dir, aber räume das Haus noch heute.«

»Das ists ja, was ich wollte,« dachte Dscheha. »Auf diese Weise brauche ich keine Miete zu zahlen.«

411.

Eines Tages war Si Dscheha bei seiner Mutter zu Hause geblieben. Da sie nichts zu essen hatten, sagte er zu ihr: »Warte, ich hole etwas zu essen.«

Er ging zu den Schülern, die er alle beisammen fand, und sagte zu ihnen: »Kommt, ihr sollt heute bei mir essen.« Er war nämlich ihr Mitschüler, war aber an diesem Morgen nicht zur Schule gegangen. Als er ihnen nun sagte: »Kommt heute zu mir essen«, antworteten sie: »Si Dscheha, du bist arm.«

Er antwortete: »Das ist Brauch bei uns: wenn ein Schüler den ganzen Koran auswendig kann, muß er seinen Mitschülern zu essen geben.«

»Gut ists,« sagten sie. »Geh und richte das Mahl her; wir werden kommen.«

»Steht auf und kommt mit,« sagte Dscheha; »das Mahl ist schon kalt.«

Sie standen auf und gingen mit ihm. Als sie in seinem Hause angelangt waren, ließ er sie in eine Kammer treten. Dann nahm er ihre Schuhe, die sie an der Tür gelassen hatten, und steckte sie in einen Sack; hierauf ging er zu den Schülern zurück und sagte zu ihnen: »Wartet ein bißchen; ich komme sofort wieder.« Er ging aber weg und nahm den Sack mit ihren Schuhen mit; er kam zu einem Garkoch.

»Gib mir etwas um zwei Franken,« sagte er zu ihm, »und nimm dafür dies Paar Schuhe.«

Dann ging er zu einem Fleischer und hielt ihm dieselbe Rede, dann zu dem Kuskussuverkäufer; und als er so alle Schuhe der Schüler verteilt hatte, ging er, mit köstlichen Mundvorräten beladen, nach Hause. Sofort nach seiner Heimkehr setzte er alles den Schülern vor, und sie ließen es sich trefflich schmecken. Dann erhoben sie sich, um in ihre Schule zu gehn. Als sie ihre Schuhe suchten, sagte Dscheha zu ihnen: »Kommt mit mir; ich habe sie versteckt.«

Sie gingen mit ihm. Einen führte er zum Garkoch und sagte zu ihm: »Gib ihm zwei Franken; er wird dir deine Schuhe geben.« So zeigte er schließlich allen, wo er ihre Schuhe verpfändet hatte, und die armen Schüler gaben Geld her, um sie wiederzubekommen. Er blieb bei seiner Mutter; und von den Speisen hatten sie noch zwei Tage zu essen.

412.

Als sein Vater starb, trug ihn Dscheha auf den Markt und beerdigte ihn dort; aber einen Fuß des Toten ließ er außerhalb der Erde. Die Leute sagten zu ihm: »Was, Si Dscheha? du läßt den Fuß deines Vaters außerhalb der Erde? was ist das für ein Begräbnis?«

»Nun,« antwortete er, »jedermann weiß, wie er seinen Vater zu begraben hat. Dieser Platz ist das Grab meines Vaters, nicht wahr? Wenn ich also auf den Markt komme, werde ich meinen Esel an den Fuß meines Vaters binden, und niemand wird mir etwas sagen dürfen.«

Eines Tages ging Dscheha auf den Markt; er band seinen Esel an den Fuß seines Vaters und ging dann einen Fleischhandel anfangen. Er kaufte einen magern Ochsen, tötete ihn, deckte ihn ab, zerstückelte ihn und legte die Fleischstücke auf einen großen Stein. Alle andern Fleischer töteten fette Tiere. Sie verkauften und gingen weg; Dscheha blieb zurück. Alle, die bei ihm vorbeikamen, spien aus und setzten ihren Weg fort.

Als es Abend wurde, war er allein noch da. Die Hunde umgaben ihn und er sagte zu ihnen: »Wollt ihr es kaufen?«

Sie begannen alle zu knurren. Dscheha wandte sich zu dem größten im Rudel: »Wenn du für sie bürgst, so verkaufe ich ihnen meinen Ochsen.« Der Hund knurrte. »Ich weiß,« sagte Dscheha, »daß du mir für mein Geld gut bist«, und überließ den Hunden das Feld. Sie fraßen das Fleisch des Ochsen und Dscheha ging.

Am nächsten Markttage kam er wieder und ging sofort zum Grabe seines Vaters. Er sah, daß dort einer sein Maultier angebunden hatte; er fragte: »Wer ist das, der sein Maultier hier angebunden hat?«

Der Herr des Maultiers erhob sich und antwortete: »Ich bins.«

»Was?« sagte Dscheha. »Das ist das Grab meines Vaters. Ich habe seinen Fuß heraußen gelassen, damit alle Welt weiß, daß der Platz mein ist; denn man sieht sehr wohl, daß das das Grab meines Vaters ist, und alle, die herkommen, sollten sich sagen: ›Der Platz gehört Si Dscheha.‹ Hier hat niemand etwas zu suchen.«

Der Eigentümer des Maultiers sagte zu ihm: »Ich habe nicht gewußt, Freund, daß das der Fuß deines Vaters ist; ich habe ihn für ein Stück Holz gehalten.«

Dscheha antwortete: »Von heute an gib acht, nicht wieder hieher zu kommen.«

Von diesem Tage an wurde der Platz Eigentum Dschehas.

413.

Als der Eigentümer des Maultiers und Dscheha auseinander gegangen waren, begann Dscheha den Hund zu suchen, der die Bürgschaft für die andern Hunde übernommen hatte. Als er ihn gefunden hatte, sagte er zu ihm: »Jetzt will ich mein Geld von dir haben.« Der Hund riß aus, aber Dscheha verfolgte ihn, indem er sagte: »Die Flucht wird dir nichts nützen.«

Er hatte die Absicht, mit diesen Hunden eine gewisse List ins Werk zu setzen; er hatte nämlich sagen hören, die Tochter des Sultans habe seit dem Tage ihrer Geburt weder gelacht, noch gesprochen, und hatte sagen hören, der Sultan habe gesagt: »Ich werde meine Tochter dem geben, der sie zum sprechen bringt.«

Dscheha ging einen Strick kaufen, und den knüpfte er an einen Baum. Dann lief er, um die Hunde zusammenzufangen. Alle, deren er habhaft werden konnte, band er an diesen Strick; und als er sie alle angebunden hatte, ging er mit einem Stocke auf sie los, wobei er in einem fort sagte: »Gebt mir mein Geld.«