Part 3
Dschuhas Familie hatte als Nachbarn in der Gasse sehr angesehne Leute, und in dem Nachbarhause war eine Frau, die einen Einäugigen zum Liebhaber hatte; den sah Dschuha täglich das Haus betreten. Was tat nun Dschuha? Er kaufte sich eine ganz magere Ziege und die schlachtete er; dann versammelte er die Hunde des Stadtviertels um sich und schnitt ihnen das Fleisch der Ziege zurecht und gab es ihnen zu fressen. So kam auch ein einäugiger Hund dazu. Die andern Hunde hatte er schon alle satt gemacht und sie waren wieder weggelaufen; nun nahm er den einäugigen Hund her, der darauf wartete, daß er ihm zu fressen gebe: er jagte ihn in die enge Gasse hinein und schlug auf ihn los, bis schließlich der Hund in das Haus floh, wo die Frau mit ihrem einäugigen Liebhaber war. Der Hund lief also in die Tür und verkroch sich im Hausflur. Dschuha trat nun auch ins Haus, ging in den Hausflur und rief: »Hinaus mit dir, Einäugiger! Du frißt die Sachen der Leute und nimmst Reißaus und versteckst dich bei Fremden im Hausflur.« Die Frau hörte das, die Ärmste, kam von innen heraus und fragte: »Was gibts mit dem Einäugigen?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn mit eigenem Auge hineingehn sehn; er ist ein Hund und Hundesohn.« Da sagte die Frau bittend: »Da sind hundert Piaster; geh aber weg: du verursachst mir einen Lärm vor der Haustür.« Dschuha handelte mit ihr um den Betrag, bis sie ihm schließlich fünfhundert gab. Als er dann das Geld in der Hand hatte, sagte er zu ihr: »Dort im Hausflur steckt der Hund; jag mir ihn heraus.« Da blickte sie hin und sah den Hund, und sie sah, daß er einäugig war wie ihr Geliebter; und sie rief: »Ach, dieser nichtsnutzige Dschuha hat mich angeführt!« Damit jagte sie den Hund hinaus und Dschuha ging mit ihm weg.
387.
Dschuha pflegte die Kühe seiner Verwandten von Mutterseite auf die Weide zu treiben; ihm selber gehörte von der Herde nur ein Kalb. Die Kühe waren alle mager, Dschuhas Kalb hingegen fett; als er nun einmal auf das Kalb nicht achtgab, ersahen seine Verwandten die Gelegenheit und schlachteten es. Sie waren gerade dabei, es zu verzehren, als Dschuha heimkam; da sagten sie einfach zu ihm: »Dein Kalb hat uns so gefallen, daß wir es geschlachtet haben; jetzt essen wir es.« Dschuha bat sie und sagte: »Gebt mir wenigstens die Haut.« Sie gaben sie ihm. Er ging damit weg und bot sie im Basar zum Verkaufe aus. Den ganzen Tag bot er sie aus; schließlich verkaufte er sie um einen Heller. Er überlegte und sagte sich: »Was tu ich mit dem Heller?« Dann machte er ein Loch in den Heller, zog einen Faden durch und wickelte sich den Faden um den Finger und machte sich auf den Weg nach Hause. Da sah er vor sich zwei Männer auf der Straße; die hatten einen Kasten voll Goldstücke gefunden und waren eben dabei, sie mit einem Maße zu messen und sie zu teilen. Dschuha schlich sich von hinten an sie heran und warf seinen Heller mitten unter die Goldstücke; und er sagte zu ihnen: »Seid gegrüßt!« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« Er antwortete: »Und was ists mit euch? Teilt ihr das Geld anderer Leute?« Sie antworteten: »Diesen Schatz hat uns Gott geschenkt; wir haben ihn regelrecht durch Zauberei gehoben.« Dschuha aber sagte: »Der Schatz gehört mir.« Sie fragten: »Wieso denn?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn gekennzeichnet, und zwar mit einem Heller, durch den ein roter Faden gezogen ist.« Sie suchten nach und fanden den Heller wirklich; nun sagten sie zu Dschuha: »Du hast recht; da müssen wir ihn unter uns drei teilen.« Dschuha aber erwiderte: »Nein; nehmt ihr eine Hälfte, und ich will die andere nehmen.« Und er nahm die Hälfte von den Goldstücken, und die andern nahmen die Hälfte. Er steckte sein Geld in den Bausch seines Burnus und ging heim.
388.
Dschuha ging zu seinen Verwandten und öffnete seinen Burnus; da erstaunten sie und fragten ihn: »Woher hast du das viele Geld?« Er antwortete: »Wißt ihr das nicht? das ist ja das Geld für die Kalbshaut.« Sie sagten: »Da wollen wir doch auch unsere Kühe schlachten und die Häute verkaufen.« Dschuha sagte: »Schlachtet sie nur; ihr werdet reich daran werden.« Sie schlachteten also ihre Kühe und zogen ihnen die Häute ab. Dschuha hatte ihnen aber noch geraten: »Laßt die Häute stinkend werden; salzt sie nicht ein.« Als nun diese Bauern ihre Kühe geschlachtet, das Fleisch verzehrt und auch die Hunde damit gefüttert hatten, ließen sie die Häute liegen, bis sie zu stinken begannen. Nach drei oder vier Tagen sah Dschuha nach, und da fand er, daß aus den stinkenden Häuten Würmer herauskrochen; er ging wieder zu seinen Verwandten und sagte zu ihnen: »Nehmt jetzt die Häute und verkauft sie.« Sie gingen in den Basar und boten die Häute aus. Es kamen die Schuster und sahen sich die Häute an, und sie sahen, daß Würmer herauskrochen und daß sie entsetzlich stanken. Da sagten sie untereinander: »Sie wollen uns zum besten haben!« Damit nahmen sie die unglückseligen Verkäufer her und versetzten ihnen Faustschläge; und sie schrien: »Nehmt euer Aas wieder und werft es weg!« Die Verwandten Dschuhas zogen ab und entwichen; und sie sagten: »Wenn wir Dschuha nicht heute Nacht töten, so macht er uns noch ganz arm.«
389.
Sie gingen zu Dschuha, nahmen ihn fest und banden ihn und sagten zu ihm: »Du hast uns also arm gemacht.« Dschuha sah sie an und sagte zu ihnen: »Ihr habt es also geglaubt, daß man stinkende Kuhhäute kauft? Ich habe euch ja nur zum besten gehabt.« Sie nahmen ihn also fest, fesselten ihn und steckten ihn in einen Sack; den banden sie zu und wollten also Dschuha ins Meer werfen. Als sie ans Ufer kamen, sahen sie einen Schafhirten auf der Weide; nun sagten sie untereinander: »Wir wollen den Sack einstweilen niederlegen und bei dem Hirten Milch trinken.« Sie gingen zu dem Hirten und fragten ihn: »Hast du einen Trunk Milch?« Er gab ihnen Milch in einem Schlauche und sie tranken sie. Dann setzten sie sich zu dem Hirten, den Kopf auf die Ellbogen gestützt; sie begannen schläfrig zu werden und schließlich übermannte sie der Schlaf. Der Hirt ließ sie ruhig schlafen und ging seine Schafe zurücktreiben; dabei sah er den zugebundenen Sack und er stieß mit seinem Stabe daran. Dschuha sagte im Sacke: »Laß mich in Frieden.« Der Hirt erschrak und sagte: »Ist das ein Mensch oder ein Geist? Was ists mit dir in dem Sacke da?« Dschuha antwortete: »Man will mich zu meinem Meister bringen, der mich unterrichten soll; und wen mein Meister unterrichtet, der sieht das Schicksalsbuch, das Gott verwahrt.« Da sagte der Hirt: »Ach, ich möchte gern an deiner statt hingehn.« Dschuha sagte: »Nein, damit bin ich nicht einverstanden.« Er stellte sich abgeneigt, obwohl er es gar zu gern gehabt hätte, wenn der andere seine Stelle eingenommen hätte. Aber der Hirt ließ nicht ab, Dschuha um diese Gunst zu bitten, bis Dschuha endlich nachgab und sagte: »Gut denn; binde den Sack auf, damit ich heraus kann.« Der Hirt machte den Sack auf und Dschuha kroch heraus; dann befahl er dem Hirten: »Zieh deine Kleider aus.« Er zog die Kleider des Hirten an und gab ihm die seinigen und die zog der Hirt alsbald an; dann steckte er ihn in den Sack und band den zu. Dann trieb er die Schafe vor sich her, und kehrte so ins Dorf zurück; vorher hatte er aber noch dem Hirten eingeschärft: »Wenn man dich fortträgt, so verhalte dich still; denn wenn du sprichst, wird man dich in die Tiefe des Meeres werfen.« Dschuhas Verwandte standen nach einiger Zeit, als Dschuha schon mit seiner Herde weit weg war, vom Schlafe auf, nahmen den Sack und warfen ihn ins Meer; dann sagten sie untereinander: »Jetzt sind wir ihn los.« Nun gingen sie heim, aber auf einem kürzern Wege als Dschuha, der erst in der Nacht ins Dorf kam. Alle Frauen im Dorfe waren frohen Muts und riefen: »Dschuha ist tot! wir sind ihn los!« Aber nach Sonnenuntergang, da kommt auf einmal Dschuha mit einer Schafherde ins Dorf! und die Frauen riefen: »Da ist ja Dschuha wieder! er lebt ja noch und ist gar noch nicht tot! und ihr habt gesagt: ›Wir haben Dschuha ins Meer geworfen, wir sind ihn los!‹«
390.
Nun wurde Dschuha gefragt: »Woher hast du denn die Schafherde?« Und Dschuha antwortete: »Die habe ich aus dem Meere heraufgebracht: das Meer hängt am Himmel, und unterm Meere weiden die Schafe.« Sie sagten: »Rate uns, Dschuha, wie wir es anstellen sollen.« Dschuha sagte: »Bindet euere Kinder, fesselt sie, wie ihr mich gefesselt habt, steckt sie in Säcke und werft sie ins Meer; dann werden auch sie gegen Sonnenuntergang Schafe bringen wie ich.« Da nahm ein jeder sein Kind und steckte es in einen Sack; und sie trugen die Kinder zum Meere und warfen sie hinein. Nun war in dem Dorfe auch eine Witwe; die wandte sich an Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe keine Kinder.« Dschuha sagte: »Nimm deinen Hund und wirf ihn den Kindern nach; er wird dir schon gegen Sonnenuntergang Schafe bringen.« Die Witwe warf den Hund ins Meer; aber er schwamm natürlich wieder heraus. Dschuha saß versteckt auf der Spitze eines Hügels, besah sich die Sache und lachte für sich und rief dem Hunde zu: »Bring nur deiner Herrin schöne Hammel und Lämmer!« Der Hund schwamm aber immer wieder zurück ans Ufer zu seiner Herrin, ohne Schafe oder sonst etwas mitzubringen. Da rief die Frau Dschuha herbei und sagte: »Mein Hund da hat mir keine Schafe gebracht.« Dschuha antwortete: »Weil er nicht untergetaucht ist; hätte er getaucht, so hätte er dir welche gebracht. Die andern werden, weil sie untergetaucht sind, gegen Abend Schafe bringen; binde ihm doch einen Stein an den Hals, damit er ordentlich untertaucht.« Als die Sonne unterging und die Kinder noch nicht kamen, sahen sich die Leute an und sagten zu ihm: »Dschuha, die Kinder sind nicht gekommen.« Dschuha antwortete: »Bis die Dunkelheit einbricht.« Es wurde dunkel, aber die Kinder kamen nicht wieder. Die Leute wurden unruhig und sagten zu Dschuha: »Die Kinder sind noch immer nicht gekommen.« Dschuha sagte: »Ja, habt ihr denn wirklich geglaubt, daß es in der See Schafe gibt? an euern Kindern haben sich heute die Fische gütlich getan.« Da begannen sie über ihre Kinder zu wehklagen und zu weinen; dann aber nahmen sie Dschuha fest, fesselten ihn und sagten: »Für den gibt es nur das eine, daß wir ihn in die gefährliche Einöde bringen und an eine Olive binden, damit ein Löwe kommt und ihn frißt.«
391.
Sie nahmen Dschuha und brachten ihn in die Einöde; sie banden ihn nahe der Straße an eine Olive und verließen ihn. So an den Baum gefesselt, sah er einen Reiter kommen, einen Kaid, der beim Bei in Tunis gewesen war. Der Reiter kam heran und sagte: »Friede sei über dir.« Dschuha antwortete, als wäre er gar nicht geneigt gewesen, zu sprechen: »Über dir sei der Friede.« Der Reiter fragte ihn: »Warum bist du gefesselt?« Dschuha antwortete: »Geh, laß mich in Ruh! was fragst du mich?« Der Greis sagte: »Ist denn Fragen ein Verbrechen oder etwas unrechtes?« Dschuha antwortete: »Du wirst mich sicher wieder zu dem machen, was ich früher war.« Der Greis fragte ihn: »Was warst du denn früher?« Dschuha antwortete: »Ich war früher hundert Jahre alt: da man mich aber gefesselt und an den Baum Sidi Abd Elkaders gebunden hat, bin ich zu einem Dreißigjährigen geworden; denn jeder alte Mann, den man an diesen Baum fesselt und der sich still und stumm verhält, wird wieder jung.« Da sagte der Greis: »Freund, bei Gott, ist das so?« Dschuha antwortete: »Bei Gott.« Nun bat ihn der Greis: »Laß mich an deinen Platz«, und schließlich sagte Dschuha: »So binde mich denn los.« Der Greis band Dschuha los und der befahl ihm: »Leg deine Kleider ab; denn ich kann dir nur das Hemd auf dem Leibe lassen.« Der Greis zog seine Sachen aus und legte die Burnusse ab, die Seidenschale und das Turbantuch; und Dschuha zog, nachdem er ihn an seiner statt an die Olive gebunden hatte, seine Kleider an und bestieg seine Stute und ritt hinein ins Dorf. Nichts ahnend saßen die Leute da, als auf einmal Dschuha herangesprengt kam auf einer schönen Stute und in kostbaren Kleidern; sie fragten ihn: »Dschuha, woher hast du die Stute?« Er antwortete: »In der Schlucht dort laufen überall Pferde umher.« Sie sagten zu ihm: »Bei Gott, du lügst, du Taugenichts! wen hast du wieder zum besten gehabt?«
III.
Berberische Überlieferungen
392.
Dschuha hatte einen Esel; den fütterte er, bis er hübsch dick wurde. Seine Stadtviertelsgenossen sagten zu ihm: »Verkauf uns den Esel.« »Der ist zu teuer für euch,« antwortete Dschuha. Sie sagten: »Sage uns du, wie hoch sein Preis sein soll; wir werden ihn dir schon bezahlen.« Dschuha antwortete: »Ich werde es nicht sagen; aber wir wollen ihn auf den Eselsmarkt bringen, und für das, was er dort gilt, verkaufe ich ihn euch.« »Gut,« sagten sie. Am nächsten Morgen ging er mit dem Esel früh auf den Markt, stopfte ihm den Hintern mit Goldstücken voll und übergab ihn dem Ausrufer.
Die, die den Esel kaufen wollten, kamen herbei und musterten ihn, ob er ihnen wohl gefalle und sie auf ihn bieten sollten. Der Ausrufer bestieg ihn und ließ ihn lustig galoppieren, und der Esel lief hurtig dahin und blies seinen Wind, während ihm die Goldstücke aus dem Hintern fielen. Die Leute, die zusahen, hoben die Goldstücke auf und begannen einander zuzuraunen: »Der Esel Dschuhas mistet Gold.« So kam es, daß auch die, die ihn eigentlich nicht hatten kaufen wollen, darauf loszubieten begannen. Man überbot sich gegenseitig, bis der Esel auf zehntausend Franken kam. Da verkaufte ihn Dschuha und nahm das Geld in Empfang. Er trat zu dem, der den Esel gekauft hatte, und sagte zu ihm: »Ich habe dir etwas verkauft, das der verkörperte Reichtum ist.« Der Käufer antwortete: »Sage mir, worin sein Futter besteht.« Dschuha antwortete: »Du mußt ihm genügend Gerste und Gras geben und ihn auch täglich zweimal tränken; und wenn du ihn in den Stall schließt, so laß ihn dort nicht so ohne weiteres: wenn du vielmehr willst, daß er gehörig viele Goldstücke zur Welt befördert, so bring ihn auf deinem eigenen Lager unter, decke ein Moskitonetz über ihn und feßle ihm die Füße, damit ihm bis Tagesanbruch nichts vom Lager heruntergleitet. Mit Tagesanbruch aber geh zu seinem Lager; da wirst du zwei Körbe voll Goldstücke finden.«
Der Käufer des Esels wachte die ganze Nacht in froher Hoffnung, daß es Tag werde. Früh ging er zum Zimmer und öffnete es; und freudig sprach er bei sich: »Heute werde ich durch Dschuhas Esel ein reicher Mann.« Er hob das Netz auf, und nun fand er, daß der Esel zwei ganze Körbe Mist ins Bett gemacht hatte, während sein Urin auf dem Boden unter dem Bette eine lustige Pfütze bildet. Er warf den Esel vom Bette herunter und begann den Mist zu durchwühlen, fand aber auch nicht ein Goldstück. Nun ging er mit dem Esel zu Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe mit dem Esel alles so gemacht, wie du mir gesagt hast, habe aber nicht entdeckt, daß er mir etwas andres verschafft hätte als zwei Körbe Mist; und das Bett hat er mir in einen netten Zustand versetzt. Und nicht ein einziges Goldstück habe ich gefunden.« Dschuha antwortete: »Wie? Habe ich dir denn gesagt, du solltest ihn in dein Bett legen?« Der Käufer antwortete: »In mein Bett habe ich ihn genommen, weil ich Angst hatte, die Nachbarn könnten mir die Goldstücke stehlen, die er misten werde; deshalb habe ich ihn in das Bett gelegt.« Dschuha antwortete: »Darum hat er dir auch keine Goldstücke gemistet. Deine Gesinnung gegen die Nachbarn war nicht edel; darum hat dir Gott nichts schenken wollen.« Nun sagte der Mann: »Gib mir mein Geld zurück und nimm deinen Esel.« Dschuha antwortete: »Nein, ich gebe dir nichts zurück; du hast den Esel auf dem Basar gekauft, wo Recht und Gesetz gilt.«
Darauf sagte der Käufer: »Wohlan, wir wollen zum Richter gehn.« Dschuha antwortete: »Ich gehe nicht mit dir; verklage nur erst den Esel, und ich werde dann schon kommen.« Der Mann ging hin und verklagte Dschuha; dann nahm er einen Schergen mit zu Dschuha. Sie kamen zu ihm und der Scherge sagte: »Steh auf, der Richter läßt dich rufen.« »Gut,« antwortete Dschuha und ging mit ihm. Als er und sein Gegner vor den Richter traten, gebot ihnen der, zu sprechen. Der Käufer begann: »Ich habe von Dschuha einen Esel gekauft, der Goldstücke misten sollte. Als ich ihn kaufte, fragte ich Dschuha: ›Was gibst du ihm zu fressen?‹ Er antwortete mir: ›Gib ihm genügend Gerste und Gras und tränke ihn zweimal des Tages. Laß ihn auch in dein Bett steigen und feßle ihm die Füße, damit du am Morgen neben ihm findest, was er setzen soll.‹ Ich tat so, wie er mich geheißen hatte. Am Morgen ging ich zum Esel, fand aber dort nichts als einen Haufen Mistbatzen.« Da sagte der Richter zu ihm: »Du bist verrückt; gibt es denn auf der Welt einen Esel, der Goldstücke mistet? Dschuha ist ganz in seinem Rechte; dir jedoch fehlt es am Verstande.«
Nun wurde der Mann sehr zornig. Er ging mit seinem Esel heim und prügelte ihn zu Tode.
393.
Einst sagten Männer zu Schaha, daß er heiraten solle; er antwortete ihnen, er werde nicht heiraten, bis der Fluß eine Frau bringe. Sie sagten: »Wie wäre es möglich, daß der Fluß eine Frau brächte?« Schaha antwortet kurz: »So sage ich euch.«
Als dann eine Zeit verstrichen war, sah Schaha eines Tages am Stadttore eine Frau aus der Fremde; er fragte sie: »Wer bist du?« Sie antwortete ihm: »Ich bin aus dem und dem Lande.« »Wohin gehst du?« »In diese Stadt.« »Was willst du da tun?« »Ich will dableiben.« Er fragte weiter: »Hast du Kinder?« Sie antwortete: »Ich habe eines geboren, aber es ist gestorben, als es noch ganz klein war.« Er sagte: »Ich fürchte, daß mir seine Krankheit Schaden bringen wird.« Sie antwortete: »Aber wie sollte dir denn die Krankheit, woran der Knabe gestorben ist, als er noch klein war, Schaden bringen können?« Er sagte zu ihr: »Liebst du mich? willst du, daß ich dich heirate?« Sie antwortete: »Ich liebe dich.«
Darauf gingen sie in die Stadt, um sich von einem Priester trauen zu lassen, und nachdem sie geheiratet hatten, blieb er daheim bis zur Regenzeit. Als dann alle Leute hinausgingen, um das Feld zu bestellen, ging auch er zur Arbeit; dabei fand er einen Schatz, einen Topf voll Gold. Diesen Topf grub er aus; für einen Teil des Goldes kaufte er Weizen, Datteln und Butter, und den Rest versteckte er in einem alten Wasserschlauche.
Darauf lebte er mit seiner Frau bis zu der Zeit, wo die Pilger kamen. Von diesen kam ein armer zu seiner Frau und bat sie um einen alten Schlauch, um darin Wasser aufzubewahren. Sie sagte, sie habe keinen, aber eine Nachbarin machte sie darauf aufmerksam, daß im obern Teile des Hauses ein alter Schlauch sei. Nun stieg sie hinauf, holte ihn und gab ihn dem Armen. Der sagte: »Gott möge dich noch in deinen Kindern segnen.« Sie antwortete: »Ich habe keine; ich habe nur eines geboren, und das ist gestorben, als es noch klein war.« Er sagte: »Möge Gott mit ihm Erbarmen haben.«
Eines Tages stieg Schaha, der in der Stadt geblieben war, in den obern Teil des Hauses, um den alten Schlauch mit dem Golde zu suchen; der war aber nicht da. Er fragte seine Frau, wo der Schlauch sei, der oben gewesen sei, und sie sagte: »Ein armer Mann ist zu mir gekommen und hat ihn verlangt. Er hat Gott um Barmherzigkeit für mein Kind angefleht, und ich bin hinaufgestiegen, habe ihn geholt und habe ihn ihm gegeben.« Schaha sagte: »Habe ich es dir nicht gesagt gehabt, daß mir die Krankheit deines Kindes, obwohl es tot ist, Schaden bringen werde? Und du hast mir erwidert: ›Wie soll dir die Krankheit des verstorbenen Kindes Schaden bringen können?‹«
Schaha ging weg und kaufte einen großen schönen Schlauch; damit ging er in den Straßen umher und fragte: »Wer tauscht einen neuen Schlauch gegen einen alten um?« Da sagte ein Armer zu ihm: »Nimm meinen alten Schlauch und gib mir den neuen.« Und er gab ihm den, der das Gold enthielt. Schaha nahm den Schlauch, wo das Gold war, von dem der Arme nichts wußte.
Dann ging Schaha nach Hause und schied sich von seiner Frau.
394.
Eines Tages ging Si Dscheha auf den Markt, um einen Esel zu kaufen. Ihm begegnete einer und der sagte zu ihm: »Wohin, Si Dscheha?« »Auf den Markt, einen Esel kaufen.« Der Mann erwiderte: »Sag: ›So Gott will‹, Si Dscheha.« Dscheha antwortete: »Warum sollte ich sagen: ›So Gott will‹? ich habe Geld bei mir und auf dem Markte sind Esel.« Damit ging er weiter.
Als er auf dem Markte angelangt war, kam ein Mann daher; der benützte einen Augenblick der Unaufmerksamkeit Dschehas und stahl ihm sein Geld. Si Dscheha machte sich auf den Heimweg, ohne einen Esel gekauft zu haben. Der besagte Freund begegnete ihm wieder und sagte zu ihm: »Was hast du gekauft, Si Dscheha?« Dscheha antwortete: »Mein Geld ist mir gestohlen worden, so Gott will; dein Vater sei verflucht, so Gott will.«
395.
Eines Tages ging Si Dscheha zu einem andern essen, und der setzte ihm ein gebratenes Zicklein vor. Dscheha packte das Zicklein und begann es zu verschlingen wie ein Wolf. Da sagte sein Wirt: »Weshalb hast du denn eine solche Wut auf das Zicklein? seine Mutter hat dich wohl einmal mit den Hörnern gestoßen?«
»Und du,« versetzte Dscheha, »du bist so mitleidig mit ihm, als ob seine Mutter deine Amme gewesen wäre.«
396.
Seine Freunde hatten gehört, daß er krank sei, und kamen ihn besuchen. Er lag im Bette. Sie schwatzten alles mögliche und ließen ihn nicht schlafen. Da stand er auf, nahm sein Kissen und sagte zu ihnen: »Ihr könnt jetzt gehn; ich bin gesund: Gott selber ists, der mich gesund gemacht hat.«
397.
Eines Tages kam er bei etlichen Leuten vorbei, die gerade beim Essen waren. Er sagte zu ihnen: »Das Heil sei mit euch, ihr Geizigen!«
Sie antworteten: »Bei Gott, wir sind nicht geizig.«
»Ach Herrgott,« schrie Dscheha, »gib, daß sie nicht lügen; gib, daß ich es bin, der gelogen hat.«
398.
Si Dscheha kochte Fleisch und es kamen zwei Freunde zu ihm. Der eine nahm ein Stück Fleisch und sagte: »Dieses Fleisch braucht Salz.«
Der andere nahm auch ein Stück und sagte: »Dieses Fleisch braucht Essig.«
Si Dscheha packte alles, was noch übrig war, und sagte: »Der Topf da braucht Fleisch.«
399.
Einmal trieben Dscheha und zwei Freunde von ihm zwei Schafe und einen Hammel heim, die sie auf dem Markte gekauft hatten. Als sie zu Hause angelangt waren, sagten seine Freunde zu ihm: »Si Dscheha, wie teilen wir sie?«
»Ihr zwei«, antwortete Dscheha, »nehmt das eine Schaf; ich und der Hammel nehmen das andere.«
400.
Eines Tages verkaufte Dscheha sein Haus, und er sagte zu dem Käufer: »Freund, das Haus habe ich dir verkauft; den Nagel aber, der in der Wand steckt, habe ich dir nicht verkauft. Daß du mir nicht morgen sagst: ›Du hast mir auch den Nagel verkauft.‹ Ich habe ihn dir nicht verkauft; ich habe dir nichts verkauft als das Haus.«
»Es ist gut,« antwortete der Käufer. »Ich habe dir das Haus abgekauft; den Nagel, der in der Mauer steckt, habe ich dir nicht abgekauft.«
Der Käufer dachte: Der Nagel ist mir gleichgültig. Ich habe das Haus gekauft; an dem Nagel liegt wenig.
Si Dscheha suchte seine Mutter auf und sagte zu ihr: »Mutter, wie lange leiden wir schon Hunger! Heute habe ich das Haus verkauft.«
»Was?« sagte sie, »du hast das Haus verkauft? wo wollen wir wohnen? Außer Hunger zu leiden, werden wir jetzt auch noch unter freiem Himmel schlafen müssen.«
»Hab keine Angst, Mutter,« antwortete Dscheha. »Ich habe ihm das Haus verkauft, habe mir aber einen Nagel vorbehalten, den ich in die Wand geschlagen habe; den habe ich ihm nicht verkauft. Und mit diesem Nagel will ich ihm das Haus wieder abnehmen. Wir sterben vor Hunger; darum habe ich mir diese List ausgedacht, damit uns der Käufer Geld gibt und wir essen können. Was das Haus betrifft, so wird er bald draußen sein.«
»Was?« sagte sie; »du hast ihm das Haus verkauft und sagst, daß er wieder herausgehn wird? Wie sollte er denn wieder herausgehn, wo er dir doch sicherlich das Geld vor Zeugen gegeben hat?«
»Sei nur ruhig,« antwortete Dscheha. »Ich werde schon einen Plan aushecken, damit er herausgehn muß.«
Und sie sagte: »Tu, was du willst.«