Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 2

Chapter 23,959 wordsPublic domain

Dschoha antwortete darauf nichts. Aber eines Tages fing er einen großen, schönen Storch mit herrlichen Flügeln, die ihn hoch in den Himmel trugen, mit einem wunderbaren Schnabel, dem Schrecken der Vögel, und mit zwei Lilienstengeln als Beinen. Und nachdem er ihn gefangen hatte, stieg er mit denen, die ihm Vorwürfe gemacht hatten, auf das Dach seines Hauses, und dort schnitt er dem Storche mit einem Messer die herrlichen Federn der Flügel und den wunderbaren langen Schnabel und die hübschen, so zierlichen Beine ab, stieß ihn mit dem Fuße hinaus und sagte: »Fliege! fliege!«

Entrüstet schrien ihn seine Freunde an: »Daß dich Allah verfluche, Dschoha! Warum diese Verrücktheit?«

Und er antwortete ihnen: »Dieser Storch hat mich geärgert und hat meine Augen verdrossen, weil er nicht so war wie die andern Vögel; jetzt aber habe ich ihn den andern ähnlich gemacht.«

378.

Und einmal kam sein Nachbar zu Dschoha, um ihn zu einem Mahle einzuladen, und sagte zu ihm: »Komm zu mir essen, Dschoha.« Und Dschoha nahm die Einladung an. Und als sie alle beide vor dem Eßbrette saßen, wurde ihnen eine Henne aufgetragen. Und Dschoha gab es nach mehrern Kauversuchen auf, sich mit dieser Henne zu befassen, die eine alte war unter den allerältesten Hennen, und deren Fleisch zäh war wie Leder; und er begnügte sich, ein wenig von der Suppe, worin sie gekocht war, zu sich zu nehmen. Dann stand er auf, nahm die Henne, stellte sie in die Richtung nach Mekka und schickte sich an, sein Gebet über ihr zu sprechen. Und sein Wirt sagte betreten zu ihm: »Was willst du, Ungläubiger? Seit wann beten die Muselmanen über den Hühnern?«

Und Dschoha antwortete: »Du täuschest dich, Oheim. Diese Henne, über der ich beten will, ist keine Henne: sie hat nur die Gestalt einer Henne; denn in Wirklichkeit ist sie eine alte heilige Frau, die in eine Henne verwandelt worden ist, oder ein verehrungswürdiger frommer Mönch! denn sie war im Feuer, und das Feuer hat sie verschont.«

379.

Ein andermal war Dschoha mit einer Karawane ausgezogen und der Mundvorrat war gar spärlich und der Hunger der Reisenden war beträchtlich; und er wurde von seinem Magen so gepeinigt, daß er gern das Futter der Kamele verschlungen hätte. Als sie sich nun beim ersten Halt alle niedergesetzt hatten, um zu essen, zeigte Dschoha so viel Zurückhaltung und Bescheidenheit, daß sich seine Gefährten nicht genug wundern konnten. Sie drangen in ihn, das Brot und das harte Ei, das ihm zukam, zu nehmen, aber er antwortete: »Nein, bei Allah! eßt nur und seid zufrieden; ich wäre nicht imstande, ein ganzes Brot und ein Ei aufzuessen. Nehmt nur jeder euer Brot und euer Ei; mir gebt dann, wenn es euch beliebt, jeder die Hälfte von seinem Brot und seinem Ei: mehr verträgt mein Magen nicht, der ziemlich schwach ist.«

380.

Ein andermal, an einem sehr heißen Tage, hatte sich Dschoha in der ärgsten Sonnenglut auf den Weg gelegt und hielt seinen Freudenstifter entblößt in der Hand. Da kam einer vorbei, und der sagte zu ihm: »Schande über dich, Dschoha! was machst du da?«

Und Dschoha antwortete: »Schweige, Mann, und geh mir aus meinem Winde! siehst du nicht, daß ich meinen Kleinen Luft schöpfen lasse zu seiner Erfrischung?«

3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis

381.

Einmal kam ein Mann zu Dschuha und sprach zu ihm: »Ich habe eine Kuh und möchte sie verkaufen, aber niemand will sie mir abkaufen.« Dschuha antwortete: »Ich werde den Verkauf besorgen. Bring sie morgen auf den Markt; da will ich sie an den Mann bringen.« Dschuha ging zu seiner Mutter und erzählte es ihr, und sie sagte zu ihm: »Weißt du auch, mein Sohn, wie du die Kuh teuer verkaufen kannst?« »Sag mirs.« »Sag: ›Das ist eine sehr schöne Kuh; sie ist noch jung, ist aber schon im sechsten Monate trächtig.‹« »Schön,« antwortete Dschuha.

Am nächsten Morgen brachte ihm der Mann die Kuh; Dschuha trieb sie auf den Markt und begann sie auszurufen. Man fragte ihn: »Dschuha, ist das eine gute Kuh?« Er antwortete: »Eine sehr gute; ich weiß, daß sie sehr gut ist.« »Wieso weißt du das?« »Sie ist noch jung und ist schon trächtig im sechsten Monate.« »Ja dann ist sie gut.« Dschuha verkaufte sie in der Tat sehr teuer. Dann ging er nach Hause.

Nun hatte er eine junge Tochter, und um die warben eben Leute, als er nach Hause kam. Und ihre Mutter sagte zu den Leuten: »Da kommt ihr Vater. Bittet ihn um sie; er wird sie euch schon geben.« »Was wollt ihr?« fragte Dschuha. »Wir wollen deine Tochter haben.« Er sagte: »Ja die ist gut: ihr Verstand ist gut entwickelt, ihre Augen sind hübsch, ihre Augenbrauen sind zierlich, ihr Haar ist schön genug, und überdies ist sie im sechsten Monate schwanger.« Die Leute begannen zu lachen, wandten sich zur Tür und gingen weg.

Nun sagte die Frau zu Dschuha: »Schämst du dich nicht?« »Warum denn?« »Wie kannst du zu Leuten, die um deine Tochter werben kommen, sagen, sie sei im sechsten Monate schwanger?« »Nun, bei der Kuh war es doch heute gut, die gar nichts wert war. Niemand hat sie mir abnehmen wollen, bis ich den Leuten gesagt habe, sie sei im sechsten Monate trächtig; da haben sie sie sofort genommen. Na, und wenn einer etwas kaufen will, ists da besser, er erhält ein Ding oder gleich zwei?«

Dschuha ging nun weg von seiner Frau. Auf der Straße kam er wieder mit den Leuten zusammen, die bei ihm um seine Tochter geworben hatten, und die sagten zu ihm: »Wie hast du uns nur sagen können, deine Tochter sei eine Jungfrau, und dann behaupten, sie sei im sechsten Monate schwanger?« Dschuha antwortete: »Das will ich euch erklären. Wenn du zum Beispiel reisest und irgendwohin willst, ist es da besser, wenn du in neun Stunden hinkommst oder in drei?« »Natürlich ist es in drei Stunden besser.« »Nun, das trifft auch bei meiner Tochter zu; ist es besser, wenn sie ihrem Gatten in drei Monaten ein Kind schenken kann, oder wenn das erst in neun Monaten möglich ist?« Da lachten die Leute und gingen weg.

382.

Dschuha kam einst zu König Jachja; der mochte ihn gut leiden und sagte zu ihm: »Verlange, was du willst.« Dschuha antwortete: »Wer Jachja heißt, soll mir einen Piaster geben, wer am frühen Morgen ausgeht, desgleichen, wer auf seine Frau hört, desgleichen, ebenso wer einen langen Bart hat, und schließlich wer grindig ist.« Der König befahl: »Fertigt ihm die Gewährung seiner Bitte schriftlich aus.« Dschuha nahm den Bescheid und ging.

Eines Tages ging er früh ums Morgengrauen zu einem Stadttore und setzte sich dort nieder. Da kam ein Beduine vorbei, der Brennreisig in die Stadt bringen wollte. Dschuha hielt ihn an und sagte zu ihm: »Gib mir einen Piaster.« Der Beduine fragte: »Warum?« Dschuha antwortete: »Weil du am frühen Morgen ausgehst.« Der Beduine blickte auf und sagte: »Hätte ich nicht auf meine Frau gehört, wäre ich nicht früh aufgestanden.« Da sagte Dschuha: »Jetzt mußt du mir zwei Piaster geben.« Der Beduine wurde zornig und sagte: »Weg! laß mich in Ruh; sonst kannst du den Stock da von der Hand Hadsch Jachjas zu kosten bekommen!« Da sagte Dschuha: »Jetzt machts drei Piaster.« Sie begannen zu streiten: der eine sagte: »Gib her,« und der andere: »Ich gebe dir nichts,« bis sie sich zu prügeln anfingen. Da wurde der Bart des Beduinen sichtbar, und Dschuha sah, daß er lang war; da sagte er: »Vier Piaster.« Sie prügelten sich weiter, und da wurde auch der Kopf des Beduinen bloß; Dschuha sah, daß er grindig war, und so sagte er sofort: »Fünf Piaster.« Der Streit wurde immer heftiger und schließlich wurden sie vor den Sultan geführt.

Der Sultan antwortete: »Was soll das heißen, Dschuha?« Dschuha antwortete: »Hier ist der treffliche Bescheid, den du mir gegeben hast. Bei diesem Manne habe ich die fünf Eigenschaften getroffen, die in dem Bescheide verzeichnet sind: er heißt Jachja, geht am frühen Morgen aus, hört auf den Rat seiner Frau, hat einen langen Bart und ist grindig.« Der Sultan sagte zu dem Beduinen: »Geh nur ruhig nach Hause; du bist ein armer Mann und bist hergekommen, um dir etwas zu verdienen, und Dschuha hat dich abgehalten.« Und er gab ihm ein Geschenk und sagte: »Geh jetzt.« Dschuha sah König Jachja an und sagte: »Es mangelt doch einem jeden, der Jachja heißt, am Verstande.« Darüber erboste sich König Jachja und ereiferte sich immer mehr; endlich rief er: »Bei Gott, wenn du mir niemand ausfindig machst, der Jachja heißt und dem es am Verstande mangelt, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Dschuha antwortete: »Gib mir hundert Piaster und gewähre mir neun Tage Frist.« Der König ließ ihm das Geld geben und gewährte ihm die gewünschte Frist, erklärte aber nochmals: »Wenn du mir nicht binnen neun Tagen einen Menschen, wie beschrieben, bringst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.«

Dschuha verließ den Palast und ging auf den Schafmarkt; dort kaufte er einen hübschen Hammel. Den trieb er in den Basar der Gewürzkrämer. Er fragte einen Mann: »Ist vielleicht in dem Basar da ein Mann, der Jachja heißt?« Der Mann sagte: »Der in dem Laden dort heißt Jachja.« Dschuha ging zu dem ihm bezeichneten und sagte zu ihm: »Friede sei über dir!« Der Gewürzkrämer antwortete: »Über dir sei der Friede,« und bewillkommnete Dschuha. Der sagte: »Du heißt Jachja?« Der Krämer antwortete: »Jawohl.« Dschuha sagte: »Ich habe dir ein Geschenk gebracht.« Der Krämer fragte: »Von wem denn?« Dschuha antwortete: »Diesen Hammel hat dir der Erzengel Gabriel geschickt.« Der Alte freute sich und rief: »Lob sei Gott, der sich meiner erinnert und mir durch den Engel Gabriel einen Hammel geschickt hat.[5]« Dschuha sagte ihm noch: »Ich warne dich aber vor einem: dieser Hammel erzählt alles weiter, was er zu hören und zu sehn bekommt; er ist ein Plauderer.« Der alte Jachja nahm den Hammel mit nach Hause und band ihn in der Küche an.

Nun hatte der Alte einen Sohn, der eben geheiratet hatte. Die junge Frau mußte auf einmal auf den Abtritt gehn, und dort ließ sie einen fahren; ach, da sah sie, daß der Hammel herguckte. Sie schämte sich heftig und sprach bei sich: »Der sagt es jetzt meinem Manne und stellt mich vor ihm bloß.« Drum sagte sie zu dem Hammel: »Bitte, sag nichts.« »Bäh, bäh.« »Versprich mir, daß du nichts sagen wirst.« »Määh.« Da zog sie ihr Leibchen aus und bat den Hammel: »Nimm es, aber sage meinem Manne nichts.« Und so zog sie sich ein Kleidungsstück nach dem andern aus, um es dem Hammel hinzugeben, bis sie splitternackt auf dem Abtritte dasaß. Ihre Mutter vermißte sie und fand sie endlich auf dem Abtritte; da sie sah, daß sie nackt und bloß war, fragte sie sie: »Dir fehlt doch nichts?« »Ach, Mütterchen, ich habe einen streichen lassen, und der Hammel hat es gehört, und ich ängstige mich, daß ers weitererzählt; und er will mir nichts versprechen.« Da zog sich die Alte auch aus und saß schließlich auch nackt auf dem Abtritte. Die Mutter des jungen Gatten vermißte die beiden und ging ihnen nach; und sie sagte zu ihnen: »Warum sitzt ihr denn nackt und bloß da?« Die Mutter der jungen Frau begann: »Mein Töchterchen hat einen streichen lassen, und wir haben Angst, der Hammel erzählts ihrem Manne.« Da zog sich die Mutter des jungen Gatten auch aus und gab auch alle ihre Kleider dem Hammel und sagte zu ihm: »Mein Söhnchen, bitte, sags nicht weiter.«

So standen die Dinge, als der alte Jachja sein Haus betrat. Er rief hinein: »Chaddidscha! Fatima!«, aber niemand antwortete ihm. Da suchte er das ganze Haus ab, bis er auf den Abtritt kam und die drei Frauen sah; er fragte sie: »Was ists mit euch?« Sie schwiegen; denn sie schämten sich. Er sagte: »Sagt es mir nur.« Nun sagten sie: »Die junge Frau hat früher einen streichen lassen, und wir haben uns geängstigt, daß es der Hammel ihrem Manne erzählen werde.« Da begann sich der alte Jachja auch zu entkleiden: er gab dem Hammel Turban, Rock und Kaftan und saß schließlich nackt wie die drei Frauen auf dem Abtritte.

Endlich kam der junge Ehemann, der Sohn des alten Jachja, heim; er fand das Haus öde und leer. Er rief: »Mutter! Frau!«, aber niemand antwortete ihm. Als er dann vom Abtritte her ein Geräusch hörte, ging er hin, und dort fand er die ganze Gesellschaft nackt: Vater, Mutter, Frau und Schwiegermutter. »Gottes Wunder!« sagte er; »was ist denn los mit euch?« Sie schwiegen und schlugen ihre Augen zu Boden; dann trat sein Vater vor und sagte zu ihm: »Deine junge Frau, mein Sohn, hat einen fahren lassen, und wir hatten Angst, der Hammel könnte es dir erzählen.«

Lassen wir jetzt diese Leute und ihre Sachen und wenden wir uns wieder zu Dschuha. Was tat also Dschuha? Dschuha hielt sich eine Woche lang fern vom alten Jachja; dann aber ging er wieder in seinen Laden. Der Alte bewillkommnete ihn freudig und sagte: »Sei gegrüßt!« Dschuha sagte: »Komm her! ich will dir etwas anvertrauen, was ein Geheimnis zwischen uns bleiben soll.« Jachja sagte: »Sag es.« Dschuha sagte: »Ich bin der Engel Asrael und heute Nacht wird mich Gott zu dir senden, um deinen Geist zu holen.« Jachja sagte: »Freund, was habe ich denn verbrochen?« Dschuha antwortete: »Du magst etwas verbrochen haben oder nicht: wer vor seinem Ende steht, muß den Fuß langstrecken. Geh hin und nimm von allen deinen Angehörigen, Verwandten und Bekannten Abschied.« Der alte Jachja erwiderte: »Ich will aber nicht sterben.« Dschuha sagte: »Was soll das heißen? Das Geschenk ist dir recht, aber vom Sterben willst du nichts hören? Nimm nur dein Leichentuch und geh nach Hause. Ich werde gegen Abend zu dir kommen und zwar mit zwei andern Engeln, nämlich Michael und Gabriel.« Damit verließ er den alten Jachja. Der dachte nun: »Heute Nacht muß ich also sterben.« Dann nahm er sein Leichentuch und ging nach Hause. Er wusch sich und betete zwei Abschnitte; und zu den seinigen sagte er: »Niemand soll das Haus verlassen.« Hierauf ging er zu seinen Freunden und Verwandten und sagte zu ihnen: »Verzeiht mir alles schlechte.« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« und er antwortete: »Heute Nacht muß ich sterben.« Der eine sagte: »Jachja ist verrückt geworden«, der andere: »Vielleicht hat er seinen Tod vorausgesehn.« Dann ging Jachja wieder nach Hause. Seine Frau und seine Schwiegertochter kamen ihm entgegen und sagten zu ihm: »Sei gegrüßt!«; er aber entgegnete: »Weder gegrüßt, noch sonst etwas. Verzeihet mir alles; denn heute Nacht muß ich sterben.«

Dschuha ging wieder zum Könige und sagte zu ihm: »Nun habe ich einen ausfindig gemacht, der Jachja heißt wie du und dem es am Verstande fehlt.« Er brachte zwei Kapuzenmäntel und der König und der Wesir zogen sie an; er tat das gleiche. Und um die Zeit des Abendgebetes ging er mit ihnen zu dem alten Jachja; sie fanden die Haustür offen. Als sie eintraten, flohen die weiblichen Familienmitglieder, indem sie riefen: »Das ist der König Tod; er will vielleicht auch uns töten.« Die drei traten ein und sagten zum alten Jachja: »Friede sei über dir.« Er antwortete ihnen mit matter Stimme: »Über euch sei der Friede.« Nun befahl ihm Dschuha: »Lege dich hin und strecke dich lang.« Jachja legte sich hin und streckte sich lang. Dschuha befahl ihm weiter: »Sag dein Glaubensbekenntnis.« Dann begann er den Alten von unten an zu quetschen und zu zwicken: mit dem Beine fing er an und zwar mit der großen Zehe; dann kam er ihm an den Bauch, an die Brust und schließlich an den Hals. Als er ihm tüchtig an den Hals griff, wurde Jachja ohnmächtig. Drauf deckte ihm Dschuha das Gesicht zu und sagte zum Sultan und zum Vesir: »Laßt uns wieder gehn.« Und als er das Haus verließ, sagte er zu den Angehörigen des alten Jachja: »Wer sich muckst oder gar schreit, dessen Geist hole ich.« Zum Sultan aber und zum Wesir sagte er: »Morgen sollt ihr mit mir dem Begräbnisse beiwohnen.«

Am nächsten Morgen ging der Sohn des alten Jachja aus und holte die Sänger und die Bahre. Man wusch den Alten und hüllte ihn in das Leichentuch, legte ihn, ohnmächtig, wie er noch immer war, auf die Bahre und zog zum Friedhofe. Unter den Leuten, die dem Begräbnisse beiwohnten, waren der Sultan und der Wesir und auch Dschuha. Dem begegnete ein altes Weib und er sagte zu ihr: »Komm her; da ist ein Goldstück. Geh an die Bahre, tritt zu den Trägern und sage zu ihnen, was ich dir sagen werde.« Und er sagte ihr, was sie zu sagen haben werde. Sie trat auf die Träger zu und sagte zu ihnen nach dem Wortlaute Dschuhas: »Wer ist der Tote?« Man antwortete ihr: »Der alte Jachja vom Basar der Gewürzkrämer.« Sie sagte: »Gott sei ihm nicht gnädig! Ich habe bei ihm, als ich meine Tochter verheiraten wollte, ein Pfündchen Ambra gekauft; da hat er mich um vier Unzen betrogen.« Als das der alte Jachja hörte, richtete er sich auf der Bahre auf und rief: »Ich bin ein Betrüger, du schlechtes Weib? Mich kennt man als einen Dieb?« Da warfen die Träger die Bahre zu Boden und entflohen; alle Leute aber begannen zu lachen und der Sultan und der Wesir stimmten mit ein. Nun wandte sich Dschuha an den Sultan und sagte zu ihm: »Habe ich dir nicht gesagt, daß es jedem, der Jachja heißt, am Verstande fehlt?« Der Sultan antwortete: »Ich verzeihe dir; verlange von mir, was du willst.«

383.

Dschuha pflegte mit seiner Mutter unter einem Tuche zu schlafen, und allmorgendlich, wann der Muezzin auf das Minaret stieg, um zum Gebete zu rufen, stand seine Mutter auf und nahm das Tuch um, so daß Dschuha in der Kälte bloß liegen mußte. Eines Tages sprach er bei sich: »Dieser Muezzin ist doch ein nichtswürdiger Mensch; jede Nacht stört er mich.« Er ging zu ihm hinauf aufs Minaret; und während der Muezzin zum Gebete rief, erschlug er ihn. Und er schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn in den Brunnen seines Hauses. Dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Jetzt habe ich dir glücklich Ruhe vor dem Muezzin verschafft; ich habe ihn getötet und ihm den Kopf abgeschnitten.« Die Mutter fragte ihn: »Wo ist denn der Kopf?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn in unsern Brunnen geworfen.« Nun sagte die Mutter: »Geh jetzt hinein und leg dich schlafen; sonst wird man kommen und dich festnehmen.« Dschuha ging ins Zimmer und legte sich schlafen und die Mutter deckte ihn zu.

Sie schlachtete ein Hämmelchen, das sie hatte, und warf den Kopf in den Brunnen; das Netz und den Magen nahm sie her und machte Würste daraus. Die kochte sie, ging damit zu Dschuha und warf sie auf den Boden; dann sagte sie zu ihm: »Steh auf, Dschuha, es hat Würste geregnet.« Dschuha erhob sich, las die Würste auf und aß sie. Hierauf ging er aus; er fand die Moschee voller Menschen und die fragten einander: »Was ist das? der Muezzin hat keinen Kopf; wer hat ihn getötet?« Dschuha sagte zu ihnen: »Ich habe ihn getötet.« Sie fragten ihn: »Wo ist sein Kopf?« Er sagte: »Den habe ich in unsern Brunnen geworfen.« Nun hieß es: »Wir müssen zu Dschuha gehn, damit wir sehn, ob das wahr oder gelogen ist.« Man ließ Dschuha in den Brunnen hinab, damit er den Kopf des Muezzins heraufhole. Als er nun im Wasser herumtastete, kamen ihm die Hörner des Hammels in die Hand; da sah er hinauf und rief denen oben zu: »Hat euer Muezzin Hörner gehabt oder nicht?« Sie sagten: »Was soll das heißen? Wann hast du ihn übrigens getötet?« Dschuha antwortete: »In der Nacht, wo es Würste geregnet hat.« Da sahen sich die Leute an und sagten: »Ach, das ist ja der verrückte Dschuha!«

384.

Dschuha hatte einen Oheim von Vaters Seite, und in dessen Frau war er verliebt und sie gewährte ihm auch ihre Gunst; da verstieß sie der Oheim und nahm eine andere Frau und die warnte er mit den Worten: »Dschuha ist ein Taugenichts; hüte dich ja, daß er dir zu nahe kommt und du ihm irgendeine Gunst gewährst.« Dschuha war der Schafhirt seines Oheims; und wenn er abends heimkam und die Frau anzureden versuchte, so wies sie ihn allemal schnöde ab. Als er aber einmal die Schafe weidete, kam er zu einem unterirdischen Gewölbe; dahinein trieb er die Schafherde, und den Eingang verrammelte er. Er ging zu seinem Onkel und sagte zu ihm: »Die Schafe sind weg.« Sein Oheim, der Ärmste, machte sich auf und suchte mit seiner Frau die Schafe; die waren in dem Gewölbe. Als die Suchenden dort in die Nähe kamen, begann auf einmal Dschuha für sich zu sprechen. Sein Oheim sagte: »Was redest und sprichst du da?« Dschuha antwortete: »Die Vögel sprechen mit mir.« Der Oheim fragte weiter: »Was sagen sie dir denn?« Dschuha antwortete: »Was mir die Vögel sagen, kann ich dir nicht wiedersagen; es schickt sich nicht.« Der Oheim dachte eine Weile nach; dann sagte er: »Sag es mir; es tut weiter nichts.« Dschuha antwortete: »Die Vögel haben zu mir gesagt: ›Wenn du die Frau deines Oheims wirst küssen, wirst du die Schafe finden müssen.‹« Da sagte der Oheim: »Also, Dschuha, ich soll die Schafe finden, wenn ich dir meine Frau überlasse?« Dschuha antwortete: »Ja, bei Gott. Wahrhaftig.« Nun sagte der Oheim: »Wohlan denn, nimm sie dort ins Gebüsch und küsse dich satt an ihr.« Dschuha nahm sie ins Gebüsch und küßte sich satt an ihr. Dann kam er aus dem Gebüsche hervor und begann wieder ein Selbstgespräch. Der Oheim fragte ihn: »Was hat dir der Vogel jetzt gesagt?« »Er hat mir gesagt, wo die Schafherde ist, nämlich dort in dem unterirdischen Gewölbe.« Der Oheim fragte ihn wieder: »Wirklich? oder lügst du mir etwas vor?« Bald waren sie bei dem Gewölbe und Dschuha öffnete es und ließ die Schafe heraus; und er sagte: »Nun, Oheim, da haben wir also die Schafe wiedergefunden.« Als sie dann zu Hause waren, sagte Dschuhas Oheim zu seiner Frau: »Dieser Dschuha ist ein Taugenichts; er verspottet uns und macht sich über uns lustig.« Und damit jagte er Dschuha weg.

385.

Dschuha hatte einen kleinen Esel. Den entdeckten etliche lose Buben und nahmen ihn weg; und als sie ihn gestohlen und verkauft hatten, kamen sie wieder zu Dschuha und sagten zu ihm: »Dschuha, dein Esel ist Kadi geworden.« Dschuha antwortete: »Wahrhaftig?« Sie beteuerten es: »Wir haben ein Buch vor uns hingelegt und zu lesen begonnen, und da hat er uns zugehört.« Dschuha nahm einen Futtersack und ging damit zum Kadi. Der Kadi sprach gerade Recht; da hielt ihm Dschuha den Futtersack hin und sagte zu ihm: »Komm, friß Gerste; du bist doch ein Esel.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Was soll das heißen? du machst mich zu einem Esel, verfluchter Junge? Greift ihn und verabreicht ihm zweihundert Hiebe.« Dschuha erhielt also von den Dienern die Hiebe; aber er schrie: »Ach, ich werde dir keine Gerste und kein Stroh mehr geben; wann ich aber wieder frei bin, werde ich dirs schon zeigen.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Der Mensch ist verrückt; was war dein Esel wert, mein Junge?« Dschuha antwortete: »Hundert Piaster.« Der Kadi befahl: »Gebt ihm hundert Piaster und jagt ihn weg.« Aber Dschuha begann wieder: »Wenn du nun nicht mein Esel bist, wo ist denn dann mein Esel?« Der Kadi fragte ihn: »Was war es mit deinem Esel?« Dschuha sagte: »Ich suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden. Da sind mir etliche Leute begegnet und die haben zu mir gesagt: ›Dein Esel ist Kadi geworden.‹ Da bin ich zu dir gekommen und du hast mir zu dem nötigen verholfen. Drum bist du wirklich ein Kadi und kein Esel.« Der Kadi ließ die Leute holen, die diese Geschichte angestiftet hatten; man brachte sie und der Kadi befahl: »Gebt jedem zweihundert Hiebe.« Und dann sagte er zu ihnen: »Ihr müßt Dschuha seinen Esel wieder verschaffen.«

386.