Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder

Part 9

Chapter 93,731 wordsPublic domain

Gestern traf ich sie im Scheláchow'schen Magazine; sie handelte auf eine prachtvolle persische Decke. Die Fürstin bat ihre Mutter, nicht zu knickern: dieser Teppich würde ihr Kabinet so ungemein zieren! . . . Ich gab vierzig Rubel mehr und erstand ihn; dafür wurde ich mit einem Blicke belohnt, in welchem die entzückendste Wuth blitzte. Gegen die Mittagszeit befahl ich absichtlich, vor ihren Fenstern mein tscherkessisches Pferd auf und ab zu führen, das mit diesem Teppiche bedeckt war. Werner war gerade bei ihnen und erzählte mir, daß der Effekt dieser Scene ein wahrhaft dramatischer gewesen sei. Die junge Fürstin will eine Schilderhebung gegen mich predigen; ich bemerkte sogar, daß bereits zwei Adjutanten in ihrer Gegenwart sich sehr kalt mit mir begrüßen; indessen speisen sie jeden Tag bei mir zu Mittag.

Gruschnitzki hat eine geheimnißvolle Miene angenommen: er geht mit auf dem Rücken zurückgeworfenen Armen und erkennt Niemanden; sein Bein ist plötzlich hergestellt, kaum daß er etwas hinkt. Es war ihm gelungen, mit der Fürstin in eine Unterhaltung zu treten und hatte bei dieser Gelegenheit der jungen Fürstin irgend ein Kompliment gesagt; diese ist, wie es scheint, eben nicht sehr peinlich, denn seit der Zeit erwiedert sie seinen Gruß mit einem höchst graziösen Lächeln.

»Du willst also durchaus nicht mit der Fürstin bekannt werden,« sagte er gestern zu mir.

-- Nein, durchaus nicht!

»Aber ich bitte Dich, das angenehmste Haus im ganzen Bade! Die beste hiesige Gesellschaft bemüht sich . . .«

-- Mein Freund, mich hat so manche gute Gesellschaft schon schrecklich gelangweilt. Du besuchst sie also?

»Nein, noch nicht; ich sprach höchstens zweimal mit der jungen Fürstin, nicht öfter, und dann weißt Du wohl, daß man nicht so in ein Haus stürmen kann, obgleich man hier ziemlich frei ist . . . Ganz was anders wäre es, wenn ich Epauletten trüge!«

-- Aber, lieber Freund, Du bist ja so viel interessanter; Du verstehst es bloß nicht, Deine vortheilhafte Lage zu benutzen; macht Dich doch Dein Soldatenmantel in den Augen jedes gefühlvollen Fräuleins zum Helden und zum Dulder.

Gruschnitzki lächelte selbstgefällig. »Was Du für Unsinn sprichst,« sagte er.

-- Ich bin überzeugt, fuhr ich fort, daß die junge Fürstin schon längst in Dich verliebt ist.

Er erröthete bis über die Ohren und blähte sich.

O Selbstliebe! Du bist der Hebel, mit welchem Archimedes die Erdkugel aufheben wollte! . . .

»Du spaßest gern,« erwiederte er, indem er sich etwas beleidigt anstellte; erstens kennt sie mich noch so wenig . . .«

-- Die Weiber lieben nur diejenigen, welche sie nicht kennen. --

»Ich mache aber auch gar keinen Anspruch darauf ihr zu gefallen, ich will nur die Bekanntschaft eines angenehmen Hauses machen; auch wäre es sehr lächerlich, wenn ich irgend welche Hoffnungen, nährte . . . Ihr hingegen, Ihr Petersburger, mit Euch ist es ganz etwas anders . . . Ihr Petersburger Sieger braucht nur hinzusehen, so thauen die Weiber schon auf . . . und weißt Du auch, Petschorin, daß die junge Fürstin von Dir gesprochen hat?«

-- Wie so? hat sie schon mit Dir von mir gesprochen?

»Freue Dich indessen nicht zu sehr darüber. Ich war zufällig mit ihr am Brunnen in ein Gespräch gerathen, ihr drittes Wort war: »Wer ist der Herr mit dem unangenehmen, stechenden Blicke, er war mit Ihnen als . . .« sie erröthete und wollte den Tag nicht näher bezeichnen, indem sie sich ihrer Zuvorkommenheit erinnerte. »Sie haben nicht nöthig, mir den Tag zu nennen,« sagte ich zu ihr, »er wird mir ewig denkwürdig bleiben! . . .« Freund Petschorin, ich kann Dir nicht Glück wünschen, denn Du stehst schlecht bei ihr angeschrieben und das ist wahrhaftig Schade, denn Mary ist sehr liebenswürdig!«

Ich muß bemerken, daß Gruschnitzki zu den Leuten gehört, welche, wenn sie von einem Frauenzimmer sprechen, das sie kaum kennen gelernt haben, sie sogleich meine Mary, meine Sophie, nennen, vorausgesetzt, daß sie nur das Glück hatte ihnen zu gefallen.

Ich nahm eine ernste Miene an und erwiederte ihm: -- Ja, sie ist nicht übel . . . indessen nimm Dich in Acht, Gruschnitzki! die russischen Damen nähren sich zum großen Theile nur von platonischer Liebe, man darf daher keinen Gedanken auf ein Ehebündniß unterhalten; die platonische Liebe ist aber die allerunruhigste. Die junge Fürstin scheint zu jenen Frauenzimmern zu gehören, welche verlangen, daß man sie angenehm unterhalte; langweilt sie sich jemals nur zwei Minuten an Deiner Seite, so bist Du unwiderruflich verloren: Dein Schweigen muß ihre Neugierde erwecken, Dein Gespräch das ihre niemals ganz befriedigen, Du mußt sie in jeder Minute entzücken; sie wird zehnmal für Dich. öffentlich ihre Meinung verläugnen und dies ein Opfer nennen, und um sich dafür zu belohnen, Dich unaufhörlich quälen und zu guter letzt sagen, daß sie Dich nicht leiden kann.

Wenn Du keine Gewalt über sie erlangst, so giebt Dir selbst ihr erster Kuß kein Recht auf den zweiten; sie wird mit Dir kokettiren, bis sie genug hat, und nach vielleicht zwei Jahren verheirathet sie sich mit irgend einer Mißgestalt aus lauter Gehorsam gegen ihre Mutter; dann sagt sie Dir wohl, daß sie unglücklich ist und daß sie nur _einen_ Menschen auf der Erde liebte (nämlich Dich), daß es aber dem Himmel nicht gefallen hat, sie mit Diesem zu vereinigen, weil er -- einen Soldatenmantel trug, obgleich unter diesem dicken, grauen Mantel ein glühendes, edles Herz pochte . . .

Gruschnitzki schlug mit der Faust auf den Tisch und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ich lachte in meinem Innern und konnte sogar zweimal ein sichtbares Lächeln nicht zurückdrängen, was Gruschnitzki aber zum Glücke nicht bemerkte. Es ist klar, er ist verliebt, denn er ist noch leichtgläubiger geworden als er früher war; an seinem Finger trug er sogar schon einen silbernen Ring mit einem Herzen, hiesiger Arbeit. Das kam mir sehr verdächtig vor. Ich betrachtete ihn genauer, und siehe da, was sah ich? . . . mit kleinen Buchstaben war der Name Mary in die innere Seite eingravirt, so wie das Datum des Tages, an welchem sie das berühmte Glas aufgehoben hatte! Ich behielt diese Entdeckung für mich, auch will ich kein Geständniß von ihm erzwingen, denn er soll mich von selbst zu seinem Vertrauten wählen, und dann ist es an mir zu schwelgen.

* * * * *

Heute bin ich erst spät aufgestanden; ich ging nach dem Brunnen, fand aber Niemand mehr dort. Unterdessen war es recht heiß geworden; weiße gekräuselte Gewölke zogen rasch von den Schneebergen herüber und verkündeten Sturm; die Kuppe des Máschuk rauchte wie eine erloschene Fackel; rund um ihn wanden sich und krochen, wie Schlangen, graue Wolkengebilde, die, in ihrem Fluge aufgehalten, an die Dornen seiner Gesträuche festgekettet schienen. Die Luft war mit Electricität geschwängert. Ich vertiefte mich in die Nebenallee, welche zur Grotte führt; ich war schwermüthig, denn ich gedachte jenes jungen Frauenzimmers mit dem Muttermaale auf der Wange, von welcher mir der Doktor gesprochen hatte. Warum ist sie hier? und ist sie es auch? und warum glaube ich denn, daß sie es ist, ja, warum bin ich selbst davon überzeugt? Als ob es nicht mehr Frauen mit einem Muttermaale auf der Wange gäbe! Unter diesen Gedanken hatte ich die Grotte erreicht. Ich blicke hinein: im kühlen Schatten ihrer Wölbung sitzt auf einer steinernen Bank eine Frau in einem Strohhute, in einen schwarzen Shawl gehüllt, den Kopf auf die Brust gesenkt; der Hut verbarg ihr Gesicht. Ich wollte eben umkehren, um sie nicht in ihren Träumereien zu stören, als ihr Blick auf mich fiel.

-- Wära,[A] rief ich unwillkührlich aus.

Sie fuhr zusammen und erblaßte. -- »Ich wußte, daß Sie hier sind,« sagte sie. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Ein längstvergessenes Beben durchzitterte meine Adern beim Tone dieser süßen Stimme; sie blickte mit ihren tiefen, ruhigen Augen in die meinigen; es lag in ihnen ein gewisses Mißtrauen und etwas, was einem Vorwurf ähnlich war.

[Fußnote A: Wära, Glaube, Ljubów, Liebe, Nadéshda, Hoffnung, sind in Rußland häufig gebrauchte weibliche Eigennamen.]

-- Wir haben uns lange nicht gesehen, begann ich.

»Lange -- und haben uns Beide sehr verändert.«

-- Heißt das so viel, als daß Du mich nicht mehr liebst? --

»Ich bin vermählt,« entgegnete sie.

-- Wieder? Indessen existirte dieser Grund vor einigen Jahren auch, und doch -- Sie zog ihre Hand aus der meinigen; ihre Wangen glühten.

-- So liebst Du vielleicht Deinen zweiten Mann?

Sie antwortete nichts und wandte sich ab.

-- Oder ist er sehr eifersüchtig?

Schweigen.

-- Wie? So ist er jung, schön, wahrscheinlich besonders reich und Du fürchtest . . . Ich blickte sie an und erschrak; ihr Gesicht trug den Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, in ihren Augen glänzten Thränen.

»Nicht wahr,« stammelte sie endlich, »es macht Dir viel Vergnügen, mich zu quälen? ich müßte Dich eigentlich hassen; seit wir uns kennen, hast Du mir nichts gegeben als Leid und Weh . . .« ihre Stimme zitterte. Sie neigte sich zu mir und lehnte ihren Kopf an meine Brust.

-- Wohl möglich, dachte ich bei mir selbst, daß Du mich eben deshalb liebtest . . . die Freuden vergißt man bald, den Kummer nie . . .

Ich schloß sie fest in meine Arme und hielt sie lange umschlungen. Endlich näherten sich unsere Lippen und flossen in einem heißen, berauschenden Kusse zusammen; ihre Hände waren kalt wie Eis, ihr Kopf glühte.

Hierauf entspann sich zwischen uns eins von jenen Gesprächen, welche auf dem Papiere gar keinen Sinn haben, die man gar nicht wiederholen, ja, an die man selbst nicht erinnern muß. Die Bedeutung der Töne ersetzt und vervollständigt die Bedeutung der Wörter wie in der italienischen Oper.

Sie will durchaus nicht, daß ich die Bekanntschaft ihres Mannes mache, jenes lahmen, alten Männchens, das ich im Vorbeigehen auf dem Boulevard gesehen hatte; sie hat ihn ihres Sohnes wegen geheirathet. Er ist übrigens reich und leidet an Rheumatismus. Ich erlaubte mir nicht den geringsten Ausfall gegen ihn, denn sie verehrt ihn wie einen Vater -- und wird ihn betrügen wie einen Mann . . Ein seltsames Ding ist das menschliche Herz im Allgemeinen, und das weibliche im Besondern.

Der Gemahl Wära's, Semen Wassiljewitsch G. . . ist ein entfernter Verwandter der Fürstin Ligoffska; er wohnt dicht neben ihr; Wära sieht die Fürstin sehr oft, und ich gab ihr mein Wort, die Bekanntschaft der Mutter, und der jungen Fürstin die Cour zu machen, um so die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Auf diese Weise werden meine Pläne in nichts gestört, und ich werde meine Freude daran haben. --

Meine Freude! ich habe aber bereits jene Periode des Seelenlebens durchlaufen, wo man nur dem Glücke nachjagt; in welcher das Herz die Nothwendigkeit fühlt, irgend Jemanden innig und leidenschaftlich zu lieben; jetzt fühle ich nur noch das Bedürfniß geliebt zu werden und auch das nur noch von sehr wenigen; es scheint mir sogar, daß ich an einer beständigen Anhänglichkeit genug hätte. Welch eine leidige Gewohnheit des Herzens! . . .

Eins war mir immer seltsam . . . ich wurde nie zum Sklaven einer Geliebten; im Gegentheil erlangte ich stets über ihren Willen und über ihr Herz eine unwiderstehliche Macht, obgleich ich nie danach gestrebt habe. Woher mag dies kommen? Vielleicht daher, daß mir niemals etwas unaussprechlich theuer war, und daß sie jede Minute befürchten mußten, mich zu verlieren? oder ist es der magnetische Einfluß eines starken Organismus? Oder gelang es mir ganz einfach nicht, auf ein Frauenzimmer von hartnäckigem Charakter zu stoßen?

Auch muß ich gestehen, daß ich die Frauenzimmer von Charakter eben nicht liebe; ist denn das ihre Sache?

Richtig, jetzt erinnere ich mich: einmal, ein einzigesmal liebte ich ein Weib von fester Willenskraft, welches ich niemals besiegen konnte . . . wir schieden als Feinde; -- doch wer weiß, hätte ich sie fünf Jahre später getroffen, ob wir uns nicht anders getrennt hätten . . .

Wära ist krank, sehr krank, obgleich sie es nicht Recht haben will; ich fürchte, sie hat die Schwindsucht oder jene Krankheit, welche man fièvre lente nennt, eine Krankheit, die so wenig russisch ist, daß wir in unserer Sprache nicht einmal einen Namen dafür haben.

Der Sturm überraschte uns in der Grotte und hielt uns länger als eine halbe Stunde darin gefangen. Sie nöthigte mich nicht, ihr die Versicherung meiner Treue zu geben; sie fragte nicht, ob ich seit unserer Trennung Andere geliebt habe, sie vertraute mir auf's Neue mit der früheren Sorglosigkeit -- und ich täusche sie nicht; sie ist das einzige Weib auf der Welt, welche ich nicht im Stande wäre zu täuschen. Ich weiß wohl, daß wir uns bald wieder trennen müssen, und diesmal vielleicht für immer: Beide gehen wir auf verschiedenen Wegen dem Grabe entgegen; doch die Erinnerung an sie wird unverwischlich in meiner Seele zurückbleiben. Ich habe ihr das immer wiederholt und sie glaubt mir auch, obgleich sie das Gegentheil behauptet. Endlich trennten wir uns; lange folgte ich ihr mit den Blicken, bis sich ihr Hut hinter den Gesträuchen und Felsen verbarg. Mein Herz zog sich krankhaft zusammen wie nach der ersten Trennung. O, wie mich dieses Gefühl entzückte! Sollte wohl gar die Jugend mit ihren wohlthuenden Stürmen auf's Neue zu mir zurückkehren? oder ist es nur ihr letzter Abschiedsblick, ihre letzte Gabe zur Erinnerung? Es kommt mir lächerlich vor, wenn ich bedenke, daß mein Aeußeres noch immer das eines Jünglings ist . . . mein Gesicht ist zwar blaß, doch frisch; die Glieder geschmeidig und kräftig; mein volles Haar wallt, die Augen glühen, das Blut kocht . . .

Sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, setzte ich mich zu Pferde und ritt hinaus in die Steppe; ich mag gern auf einem feurigen Rosse durch das hohe Gras gegen den Wüstenwind jagen; mit Gier sauge ich die duftige Luft ein, und richte den Blick in die blaue Ferne, bemüht die nebeligen Umrisse der Gegenstände zu erfassen, welche von Minute zu Minute klarer und bestimmter werden. Welcher Gram auch auf dem Herzen laste, welche Unruhe auch die Gedanken ermüde, Alles zerstiebt im Augenblicke; in der Seele wird einem so leicht; die Ermüdung des Körpers überwindet die Aufregung des Geistes. Es giebt keinen Blick eines Weibes, den ich nicht beim Anblick der lockigen Berge vergäße, wenn sie von der Mittagssonne in duftiges Roth gehüllt daliegen, -- den ich nicht dem Lächeln des blauen Himmels oder dem Geräusche des Waldstroms, der von Fels zu Felsen stürzt, vergäße.

Ich glaube, die Kosaken, die auf ihren Wachtposten gähnten, zerbrachen sich lange den Kopf mit dem Räthsel, das ich ihnen darbot, als sie mich so ohne allen Grund und ohne Ziel dahinstürmen sahen; denn der Kleidung nach hielten sie mich wahrscheinlich für einen Tscherkessen. Man hat mir in der That versichert, daß ich im tscherkessischen Costüm zu Pferde einem Kabardinzer ähnlicher sei als viele Kabardinzer. -- In der That bin ich, was diese edle kriegerische Kleidung anbetrifft, ein vollkommener Dandy. Nicht Eine Tresse zu viel; die Waffen sind werthvoll, aber von einfacher Arbeit; das Rauhwerk an der Mütze nicht zu lang und nicht zu kurz, die Nesteln und Verbrämungen sind mit aller nur möglichen Genauigkeit angeheftet; mein Beschmet ist weiß, mein Tscherkessenmantel dunkelbraun. Ich habe mich lange der tscherkessischen Art zu reiten befleißigt, und nichts kann meiner Eigenliebe so schmeicheln, als wenn man meine Kunst, auf kaukasische Weise zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde: eins für mich, drei für meine Freunde, um der langen Weile zu entgehen mich allein umherzuschleppen; sie machen mit Vergnügen von meinen Pferden Gebrauch, reiten aber niemals mit mir zusammen aus. Es war bereits sechs Uhr Nachmittags, als ich mich erinnerte, daß es Zeit sei zu essen; mein Pferd war ermüdet, ich lenkte es daher auf den Weg, welcher von Pätigorsk nach einer deutschen Kolonie führt, wohin die Brunnengesellschaft sehr oft zum Piquenique geht. Der Weg dahin windet sich zwischen Gebüschen, indem er bisweilen durch kleine Schluchten führt, wo unter dem Schatten hoher Gräser rauschende Bäche dahinfließen; rundum erheben sich amphitheatralisch die blauen Gebirgskolosse des Beschtu, des Schlangenberges, des Eisen- und des Kahlenberges. Ich betrat eine dieser Schluchten, welche im hiesigen Dialekt Balka heißen und hielt still, um mein Pferd zu tränken; in demselben Augenblicke wurde auf dem Wege eine laute und glänzende Kavalkade sichtbar; die Damen in schwarzen und blauen Amzonen, die Herren im buntesten Gemisch des tscherkessischen und nishegarótskischen Costüm; voran ritt Gruschnitzki mit der Fürstin Mary.

Die Damen, welche das Bad besuchen, glauben noch immer an die Anfälle der Tscherkessen am hellen, lichten Tage; aus diesem Grunde wahrscheinlich hatte Gruschnitzki über seinen Soldatenmantel eine Schaschka gehängt und ein paar Pistolen in den Gurt gesteckt, in welcher heldenmäßigen Ausstaffirung er ziemlich lächerlich aussah. Ein hohes Gesträuch verbarg mich vor ihnen, doch konnte ich sie durch dessen Blätter Alle sehen und an dem Ausdruck ihrer Mienen errathen, daß ihr Gespräch ein sentimentales war. Endlich näherten sie sich der Schlucht; Gruschnitzki führte das Pferd der Fürstin beim Zügel; ich hörte zufällig das Ende, ihrer Unterhaltung.

»So wollen Sie also Ihr ganzes Leben im Kaukasus zubringen?« sagte die Fürstin.

-- Was ist mir Rußland, antwortete ihr Kavalier: ein Land, wo Tausende von Leuten, weil sie reicher sind als ich, mit Verachtung auf mich blicken würden, während hier -- hier, dieser dicke Mantel mich nicht verhinderte, Ihre Bekanntschaft zu machen.

»Im Gegentheil . . .« sagte die Fürstin erröthend.

Das Gesicht Gruschnitzki's drückte hohe Selbstzufriedenheit aus. Er fuhr fort: Hier fließt mein Leben unter den Kugeln der Wilden geräuschvoll unbemerkt und rasch dahin, und wenn mir der liebe Gott jedes Jahr nur einen hellen Mädchenblick gewährt, einen Blick wie der . . .

In diesem Augenblicke waren sie dicht vor mir; ich gab meinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche und sprengte aus dem Gesträuch hervor.

»Mon dieu, un Circassien!« schrie die Fürstin mit Entsetzen auf.

Um ihr ihren Irrthum aufs vollkommenste zu benehmen, antwortete ich mit einer leichten Verbeugung: Ne craignez rien, madame, je ne suis pas plus dangereux que votre cavalier.

Sie war verwirrt, -- doch weshalb? war's über ihren Irrthum oder weil meine Antwort ihr zu keck schien? Ich hatte gewünscht, daß die letztere Voraussetzung die richtigere gewesen wäre. Gruschnitzki warf mir einen unzufriedenen Blick zu.

Abends spät, gegen eilf Uhr, ging ich in der Lindenallee des Boulevard's spazieren. Die Stadt schlief, nur in einigen Fenstern schimmerten noch Lichter. Von drei Seiten erhoben sich dunkle Felsenkämme, Zweige des Máschuk, auf dessen Spitze ein unheilverkündendes Wölkchen lag; der Mond stieg im Osten auf; in der Ferne, wie mit silbernen Fransen umstickt, erglänzten die Schneeberge. Der Ruf der Wachen wurde vom Geräusche der heißen Quellen unterbrochen, die des Nachts losgelassen werden. Dann und wann ertönte ein lautes Pferdegetrappel durch die Straßen, vom Geknarre der Arba, (eines hohen zweirädrigen Wagens) und einem melancholischen, tatarischen Liedchen begleitet.

Ich setzte mich auf eine Bank und versank in Gedanken.

Ich fühlte die Nothwendigkeit, meine Gedanken in einem vertrauten Gespräche zu ergießen . . . aber mit wem . . . Was macht jetzt Wära, dachte ich? ich würde viel darum gegeben haben, hätte ich ihr in diesem Augenblicke die Hand drücken können. Plötzlich höre ich rasche und ungleiche Schritte . . . wahrscheinlich Gruschnitzki . . . und so war es in der That.

-- Woher?

»Von der Fürstin Ligoffska,« antwortete er sehr wichtig; »o, wie Mary singt!«

-- Weißt Du was, sagte ich zu ihm, ich wette, sie weiß nicht, daß Du Junker bist; sie denkt gewiß, Du seiest ein degradirter Offizier . . .

»Das kann sein; was geht das mich an,« antwortete er mit Zerstreuung.

-- Nein, ich meine nur so.

»Aber weißt Du wohl, daß Du sie heute außerordentlich aufgebracht hast? Sie fand, daß Dein Betragen unerhört frech war; ich konnte sie nur mit Mühe überzeugen, daß Du eine gute Erziehung habest und die Welt zu gut kennest, als daß es Deine Absicht hätte sein können, sie zu beleidigen; sie meint, Du habest einen unverschämten Blick und wahrscheinlich eine sehr hohe Meinung von Dir selbst.«

-- Sie irrt sich nicht! . . . aber Du, willst Du nicht ihre Eroberung machen?

»Leider habe ich noch kein Recht dazu.«

-- Aha! dachte ich, er nährt also doch bereits Hoffnungen.

»Uebrigens kommst Du bei alle dem nur um so schlechter weg,« fuhr Gruschnitzki fort; »jetzt wird es Dir sehr schwer werden, mit ihnen Bekanntschaft zu machen, und das ist Schade; es ist eins der angenehmsten Häuser, die ich nur kenne . . .«

Ich lächelte bei mir selbst. -- Das angenehmste Haus für mich ist gegenwärtig das meine, sagte ich gähnend, indem ich aufstand, um fortzugehen.

»Indessen gestehe selbst, daß Du darüber ergrimmt bist!«

-- Was für ein Unsinn! Wenn ich sonst will, so kann ich Morgen Abend bei der Fürstin sein! --

»Nun, wir wollen sehen.«

-- Wenn es Dir Vergnügen macht, will ich sogar der jungen Fürstin den Hof machen . . .

»Ja, wenn sie nur überhaupt mit Dir sprechen will.«

-- Ich warte bloß den Augenblick ab, wo sie sich an Deinem Gespräch langweilt; Adieu!

»Ich muß mich durchaus noch etwas ergehen; für nichts auf der Welt könnte ich jetzt einschlafen. Höre, laß uns lieber in die Restauration gehen, dort wird gespielt, und ich bedarf heute der starken Aufregungen.«

-- So wünsche ich, daß Du verspielen mögest. Mit diesen Worten begab ich mich nach Hause.

Den 21. Mai.

Wiederum ist bereits eine Woche vergangen und ich bin immer noch nicht mit den Ligoffska's bekannt geworden. Ich warte auf eine günstige Gelegenheit. Gruschnitzki folgt der Fürstin überall, wie ihr Schatten; ihre Gespräche finden gar kein Ende; wann wird sie seiner überdrüssig sein? . . . Ihre Mutter richtet nicht die geringste Aufmerksamkeit auf das ganze Verhältniß, denn er ist kein Bräutigam für sie. Das nenne ich mütterliche Logik! Ich fing zwei bis drei zärtliche Blicke auf und muß dem Dinge endlich ein Ende machen.

Gestern erschien Wära zum erstenmal am Brunnen. Sie ist seit unserm Zusammentreffen in der Grotte noch nicht aus dem Hause gewesen. Wir schöpften zu gleicher Zeit mit unsern Gläsern das Wasser aus dem Brunnen, wobei sie mir zuflüsterte, indem sie sich etwas vorbog:

»So willst Du nicht die Bekanntschaft der Ligoffska machen? Wir können uns nur dort sehen.«

Ein Vorwurf! Unausstehlich! aber ich habe ihn verdient. --

-- Apropos! Morgen soll im Restaurationssaale ein Subscriptionsball Statt finden; auf diesem will ich mit der jungen Fürstin die Mazurka tanzen.

Den 29. Mai.

Der Restaurationssaal war in einen adligen Versammlungssaal verwandelt worden. Der Ball begann um neun Uhr. Die Fürstin war mit ihrer Tochter unter den zuletzt erscheinenden; so manche Dame sah mit Neid und Mißgunst auf sie, denn die Fürstin Mary kleidet sich mit vielem Geschmacke. Diejenigen, welche sich zu den hiesigen Aristokraten rechnen, verbargen ihren Neid und begrüßten sie. Wie konnte dem anders sein? In einer Gesellschaft von Damen bildet sich auch sogleich ein höherer und ein niederer Kreis. Gruschnitzki stand am Fenster im dicksten Gewühl, indem er sein Gesicht ans Fensterglas drückte und kein Auge von seiner Göttin verwandte; beim Vorübergehen gab sie ihm ein kaum bemerkliches Zeichen mit dem Kopfe. Er strahlte wie die Sonne . . . Der Tanz begann mit einer Polonaise, auf welche ein Walzer gespielt wurde. Die Sporen klirrten, die Gewänder wogten und rauschten. Ich stand hinter einer dicken Dame, welche unter rosafarbenen Federn begraben war; der Prunk ihres Kleides erinnerte an die Zeit der Reifröcke, und die Buntscheckigkeit ihrer rauhen Haut an die glückliche Epoche der Schönpflästerchen aus schwarzem Taffet. Eine ungeheuer große Warze am Halse war von einem Fermoir überdeckt. Sie sagte zu ihrem Kavaliere, einem Dragoner-Kapitaine: