Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder
Part 7
Ein solches Frauenzimmer ist mir wahrhaftig noch nicht vorgekommen. Sie war durchaus nichts weniger als schön; allein ich habe auch in Betreff der Schönheit so meine eigenen Ideen . . . Es steckte viel Race in ihr . . . und bei Frauenzimmern und Pferden ist die Race eine wichtige Sache: dies ist eine Entdeckung des jungen Frankreichs. Sie, die Race, und nicht die Entdeckung des jungen Frankreichs, giebt sich zu erkennen am Gange, an den Händen und den Füßen und ganz besonders an der Nase, die eine hochwichtige Bedeutung hat. Eine regelmäßige Nase ist in Rußland noch viel seltener als ein kleiner Fuß. Meine Sirene mochte ungefähr 18 Jahr alt sein. Die ungewöhnliche Schlankheit ihrer Taille, eine ganz besondere nur ihr eigenthümliche Haltung des Kopfes, ihr langes blondes Haar, so wie ein gewisser goldiger Schein ihrer leicht verbrannten Haut an Hals und Schultern, und nun vor Allem ihre regelmäßige Nase -- alles dies übte einen geheimen Zauber über mich aus. Trotzdem ich in ihren Seitenblicken etwas Wildes und Verdächtiges wahrnahm, trotzdem daß ihr Lächeln einen ganz besondern, unbestimmten Ausdruck hatte, so war doch die Macht des Vorurtheils so groß, daß mich ihre regelmäßige Nase ganz um den Verstand brachte: ich bildete mir ein Göthe's Mignon -- dieses wunderliche Gebilde seiner germanischen Einbildungskraft -- gefunden zu haben, und in der That waren sich die Beiden so unähnlich nicht: dieselben raschen Uebergänge aus der allerüberspanntesten Aufregung in die vollständigste Regungslosigkeit, -- dieselben räthselhaften Reden, dieselben Sprünge, seltsamen Gesänge u. s. w.
Gegen Abend hielt ich sie an der Thüre fest und hatte folgendes Gespräch mit ihr:
»Sag' mir doch, Liebchen, was hast Du heut da oben auf dem Dache gemacht?«
-- Ich sah, woher der Wind blies.
»Was kümmert Dich der Wind?«
-- Woher der Wind kommt, kommt auch das Glück.
»So hast Du wohl gar mit Deinem Liedchen das Glück eingeladen?«
-- Wo man singt, da sind die Menschen immer glücklich. --
»Wenn Dein Gesang nun aber Unglück brächte?«
-- Was liegt daran? Wo nichts besser werden kann, da wird's schlechter, und vom Schlechten zum Guten ist's wieder nicht weit.
»Wer hat Dir denn diese Lieder gelehrt?«
-- Gelehrt? Niemand; es kommt mir etwas in den Sinn -- und ich fange an zu singen; wer es vernehmen soll, der begreift es schon, wer es aber nicht hören soll, der versteht es nicht. --
»Aber wie heißt Du denn, liebe Sirene?«
-- Wer mich taufte, der weiß es schon.
»Und wer taufte Dich?«
-- Ja, wie soll ich das wissen?
»Ei, Du Geheimnißvolle, Du! Aber siehst Du, _etwas_ habe ich doch von Dir erfahren.« Sie gab durch keine Veränderung ihrer Züge, durch kein Zucken ihrer Lippen zu erkennen, daß von ihr die Rede war.
»Ich habe also erfahren, daß Du gestern Nacht am Ufer warst.« Und nun erzählte ich ihr mit vieler Wichtigkeit alles was ich gesehen hatte und hoffte sie in Verlegenheit zu setzen; nicht im Geringsten! Sie fing an aus voller Kehle zu lachen.
-- Da haben Sie freilich viel gesehen und wissen doch wenig, und was Sie wissen, das halten Sie ja hübsch unter Schloß und Riegel. --
»Aber wenn es mir nun einmal einfiele, das dem Kommandanten zu hinterbringen?« sagte ich mit einer sehr wichtigen, ja sogar strengen Miene.
Da sprang sie plötzlich mit einem liedartigen Schrei davon und verbarg sich, gleich einem Vögelchen, das aus einem Busche aufgescheucht worden. -- Meine letzten Worte waren durchaus nicht am rechten Orte; damals ahnte ich noch nicht ihre Wichtigkeit, hatte aber in der Folge Gelegenheit sie zu bereuen. --
Mit dem Einbruche der Dämmerung befahl ich meinem Kosaken, den Thee, wenn auch kalt, anzusetzen, steckte ein Licht an, setzte mich an den Tisch und rauchte gemüthlich mein Reisepfeifchen. Ich hatte bereits mein zweites Glas Thee ausgetrunken, als plötzlich die Thüre knarrte und das leichte Rauschen eines Kleides und flüchtiger Tritte in meiner Nähe hörbar ward; ich fuhr zusammen und sah mich um, -- siehe da, meine Undine. Sie setzte sich leise und lautlos mir gegenüber und heftete ihre Augen auf mich, und -- ich weiß nicht recht warum -- ihr Blick kam mir wunderbar zärtlich vor; er erinnerte mich an einen jener Blicke, welche in früheren Jahren so eigenmächtig mit meinem Leben gespielt hatten. --
Sie schien eine Frage von mit zu erwarten, allein ich schwieg, von einer unerklärlichen Aufregung überwältigt. Ihr Gesicht war von einer Todtenblässe überzogen, welche die innere Aufregung nur zu sehr verrieth; ihre Hand fuhr ohne Zweck auf dem Tische herum, und ich bemerkte ein leichtes Zittern an ihr; ihr Busen wogte bald hoch auf, bald schien sie wieder den Athem an sich zu halten. Diese Komödie fing an mir lästig zu werden, und ich war so eben im Begriff, dies Schweigen auf die allerprosaischste Weise von der Welt zu unterbrechen -- nämlich, ihr eine Tasse Thee anzubieten -- als sie plötzlich aufsprang, meinen Hals mit ihren Armen umwand, und ein feuchter, feuriger Kuß auf meinen Lippen wiederklang. Es wurde mir ganz düster vor den Augen, mein Kopf fing an sich zu drehen und ich drückte sie in meiner Umarmung mit aller Gewalt der jugendlichen Leidenschaft; aber sie schlüpfte mir wie eine Schlange aus den Armen und raunte mir ins Ohr: »Heute Nacht, wenn alles schläft, komm nach dem Ufer,« und fuhr wie ein Blitz aus dem Zimmer. Auf dem Flure rannte sie die Theekanne und das Licht um, die beide auf dem Fußboden standen. »Was für ein Höllenmädel!« schrie der Kosak, der darauf gerechnet hatte, sich an den Ueberbleibseln des Thee's gütlich zu thun, und sich nun auf seine Streu hinstreckte. Jetzt erst kam ich wieder zu mir.
Nach ungefähr zwei Stunden, als alles im Hafen still geworden war, weckte ich meinen Kosaken auf: »Wenn Du einen Pistolenschuß hörst,« sagte ich zu ihm, »so kommst Du nach dem Ufer!« Er riß die Augen auf und antwortete mechanisch: »Sehr wohl, Ew. Gnaden.« -- Ich steckte die Pistole in den Gurt und ging. Sie erwartete mich bereits am Rande der Abfahrt; ihre Kleidung war mehr als leicht, ein kleines Tuch umwand ihre schlanke Taille anstatt einer Schärpe.
»Folgen Sie mir!« sagte sie, indem sie mich bei der Hand faßte; -- wir stiegen das Ufer hinab. Ich begreife nicht, wie ich nicht den Hals dabei gebrochen; unten angekommen, wandten wir uns rechts, und schlugen denselben Weg ein, auf welchem ich unlängst dem Blinden gefolgt war. Der Mond war noch nicht aufgegangen; nur zwei Sternchen schimmerten wie zwei rettende Leuchtthürme am dunkeln Himmelsgewölbe. Schwerfällige Wellen rollten in abgemessenen Distanzen hintereinander her, hoben aber kaum den einzigen Nachen in die Höhe, der am Ufer festgebunden lag.
»Laß uns in den Nachen gehen,« begann meine Gefährtin. Ich schwankte -- ich bin kein Liebhaber von sentimentalen Spazierfahrten auf dem Meere; indessen war es jetzt nicht mehr Zeit davon abzustehen. Sie sprang in den Nachen, ich hinter ihr drein, und ehe ich mich dessen versah, bemerkte ich, daß wir schwimmen.
-- Was soll denn das heißen? sagte ich ärgerlich.
»Das soll heißen,« antwortete sie, mich auf die Bank drängend, und meine Taille mit den Armen umwindend, »das soll heißen, daß ich Dich so lieb habe . . .« Und ihre Wangen preßten die meinigen und ich fühlte ihren glühenden Athem über mein Gesicht dahinstreifen. Auf einmal plumpst etwas ins Wasser; ich streife nach meinem Gürtel -- die Pistole ist fort. O, da stahl sich ein fürchterlicher Verdacht in meine Seele und das Blut peitschte mir nach dem Kopfe! Ich blicke rund um -- schon sind wir gegen vierhundert Fuß vom Ufer ab, und schwimmen kann ich nicht! Ich versuche es sie von mir zurückzustoßen, sie aber hat sich wie, eine Katze an meine Kleider festgeklammert; plötzlich stieß mich ein heftiger Stoß fast über Bord. Der Nachen fing an zu schaukeln, ich brachte ihn aber wieder ins Gleichgewicht, und nun begann zwischen uns ein verzweifelter Kampf; die Wuth verlieh mir zwar Kräfte, allein ich bemerkte sehr bald, daß ich meinem Gegner an Gewandtheit weit nachstand . . .
-- Was willst Du doch von mir? schrie ich sie endlich an, und drückte ihre kleinen Hände mit ungeheurer Gewalt zusammen; ihre Finger krachten, sie gab aber keinen Laut von sich; ihre Schlangennatur hielt diese Probe aus.
»Du hast gesehen,« entgegnete sie, »und Du willst angeben!« und mit einer übernatürlichen Anstrengung riß sie mich am Bord zu Boden; wir schwebten Beide bis an die Hüften aus dem Nachen; ihre Haare berührten das Wasser: der Augenblick war entscheidend. Ich stemmte mich mit dem Knie fest gegen den Boden, ergriff sie mit der einen Hand bei den Haaren, mit der andern bei der Gurgel; da ließ sie meine Kleider los, und in demselben Augenblick stürzte ich sie auch ins Meer.
Es war bereits ziemlich dunkel geworden. Ihr Kopf tauchte noch einigemal aus den schäumenden Wellen hervor und dann war nichts mehr zu sehen . . .
Auf dem Boden des Nachens fand ich die Hälfte eines alten Ruders, vermittelst dessen es mit nach langen Anstrengungen endlich gelang, die Abfahrt zu erreichen. Als ich nun am Ufer entlang meiner Hütte zuschritt, blickte ich unwillkührlich nach jener Seite, wo der Blinde gestern Abend den nächtlichen Schiffer erwartet hatte; der Mond fing schon an am Himmel einherzuschreiten, und so schien es mir, als ob dort am Ufer etwas Weißes sitze; ich schlich mich, von der Neugierde gespornt, näher hinzu und legte mich hinter einem Vorsprung des Ufers der Länge nach ins Gras, von wo aus ich alles sehen konnte, was dort unten vorging und war nicht wenig erstaunt, nein, ich freute mich fast, meine Undine wieder zu erkennen. Sie drückte den Schaum des Meerwassers aus ihren langen Haaren; das nasse Hemd zeichnete ihre schlanke Taille und ihre hohe Brust in scharfen Contouren ab. Nicht lange, so zeigte sich in der Ferne ein Nachen, der sich rasch näherte; wie am vorigen Abende, sprang auch diesmal ein Mann mit einer tatarischen Mütze heraus, dessen Haar aber nach Kosakenart geschnitten war und in dessen ledernem Gurte ein großes Messer blinkte.
»Janko!« sagte sie, »es ist alles verloren!«
Hierauf begann ein so leises Gespräch, daß ich nicht im Stande war, das Mindeste davon aufzufassen.
-- Aber wo ist denn der Blinde? sagte endlich Janko mit etwas erhöhter Stimme.
»Ich habe ihn fortgeschickt,« war die Antwort.
Es dauerte auch nicht lange, so kam der Blinde, mit einem Sacke auf dem Rücken, den er in das Boot abwarf.
-- Höre, Blinder! sagte Janko, Du giebst gut Acht auf jenen Ort . . . Du weißt, da liegen reiche Waaren . . . sage dem (den Namen konnte ich nicht hören), daß ich ihm länger nicht dienen kann; die Sache hat eine schlechte Wendung genommen; er kriegt mich nicht wiederzusehen; es ist jetzt gefährlich; ich will mir an einem andern Orte Arbeit suchen, und er wird einen solchen Wagehals nicht sobald wieder finden. Du kannst ihm auch sagen, daß Janko ihn jetzt nicht im Stiche ließe, hätte er meine Mühe besser bezahlt; ich finde überall Brod, wo nur der Wind bläst und das Meer braust!« Nach einigem Schweigen fuhr Janko fort: »Sie muß mit fort; sie darf hier nicht zurückbleiben; der Alten kannst Du nur sagen, daß sie ja die Ehre wahre, wenn es jetzt ihr Loos sein sollte umzukommen. -- Uns seht Ihr nicht mehr wieder.«
-- Aber ich? sagte der Blinde mit kläglicher Stimme.
»Was gehst denn Du mich an?« war die Antwort.
Unterdessen war meine Undine in den Nachen gesprungen und hatte ihrem Gefährten mit der Hand zugewinkt; dieser drückte dem Blinden etwas in die Hand, indem er sagte: »Da, kaufe Dir Pfefferkuchen.« -- »Nichts weiter?« sagte der Blinde. -- »Nu, da hast Du noch mehr« -- ein fallendes Geldstück erklang auf dem Gesteine. Der Blinde nahm es nicht auf. Janko setzte sich in den Nachen; der Wind blies grade vom Ufer: rasch zogen sie ein kleines Segel auf und eilten auf den flüchtigen Wogen dahin. Lange schien beim Lichte des Mondes das weiße Segel zwischen den dunklen Wogen hervor; der Blinde saß noch immer am Meeresufer und ich glaubte ein Schluchzen zu vernehmen; in der That weinte der blinde Knabe lange, lange . . . Ich war traurig. Und warum warf mich doch das Schicksal in den friedlichen Kreis dieser _ehrlichen Schleichhändler_? Wie ein Stein, den man in eine glatte Wasserfläche wirft, hatte ich ihren Frieden aufgestört, und wie ein Stein wäre ich auch bald auf den Grund gesunken.
Ich kehrte nach Hause zurück. Auf dem Flure flackerte das aufgebrannte Licht auf einem hölzernen Teller und mein Kosak lag, trotz meines Befehles, im tiefsten Schlafe, mit beiden Händen das Gewehr haltend. Ich ließ ihn zufrieden, nahm das Licht und ging in das Zimmer. O weh! Meine Schatulle, meine Schaschka mit silberner Einfassung, ein Dagestaner-Dolch -- das Geschenk eines Freundes -- alles war verschwunden. Jetzt errieth ich wohl, was das für Sachen gewesen waren, die der verwünschte Blinde da herangeschleppt hatte. Obgleich ich nun meinen Kosaken mit einem ziemlich unsanften Stoße aufweckte und ihn tüchtig ausschalt, so war doch nichts mehr zu machen! Und wäre es nicht lächerlich gewesen, mich bei der Behörde zu beschweren, daß ein Blinder mich bestohlen und ein achtzehnjähriges Mädchen mich fast ertränkt hätte? Gott sei Dank, daß sich des Morgens Gelegenheit fand abzureisen und ich dies Nest verlassen konnte. Was aus der Alten und dem Blinden geworden ist, weiß ich nicht. Was gehn denn mich auch die Freuden und Leiden der Menschen an -- mich, einen herumwandernden Offizier und noch dazu mit einem Passe in Kronsangelegenheiten! . . .
Die Fürstin Mary.
Dost thou drink tears, that thou provok'st such weeping?
_Shakspeare_, Venus and Adonis, Stanza 156.
11. Mai.
Gestern kam ich in Pätigorsk an und miethete ein Quartier am Ende der Stadt, auf einer sehr hochgelegenen Stelle, am Fuße des Máschuk, so daß während eines Ungewitters die Wolken sich bis auf mein Dach senken werden. Heut um fünf Uhr Morgens, als ich das Fenster öffnete, füllte sich mein Zimmer mit dem Dufte der Blumen an, welche in einem bescheidenen Vordergärtchen wachsen. Die Zweige der blühenden Süßkirsche schauen mir ins Fenster und der Wind überschüttet bisweilen meinen Schreibtisch mit ihren weißen Blüthenblättern. Von drei Seiten habe ich eine wunderschöne Aussicht. Gegen Westen liegt der fünfkuppige Beschtu im Blauen, wie »die letzte Wolke eines zerstobenen Sturmes« gegen Norden erhebt sich der Máschuk, wie eine verbrämte Persermütze, und verdeckt diesen ganzen Theil des Himmelsgewölbes. Heiterer ist die Aussicht gegen Osten: unten, vor mir, liegt ein buntes reinliches, neues Städtchen, sprudeln die Heilquellen, rauscht die vielsprachige Menge, -- und dort, weiterhin, thürmen sich die Berge, immer blauer und nebeliger, zum Amphitheater empor, und am Rande des Horizontes zieht sich die silberne Kette der Schneegipfel hin, mit dem Kasbek anfangend und mit dem zweikuppigen Elborus endigend. -- -- -- In solchem Lande lebt's sich heiter! Ein gewisses beruhigendes Trostgefühl ist durch alle meine Adern ergossen. Die Luft ist rein und frisch, wie der Kuß eines Kindes; die Sonne strahlend, der Himmel blau -- wessen, so scheint es, bedarf man hier noch mehr? Wozu hier noch Leidenschaften, Wünsche, Bedauern? . . . Indessen ist es Zeit. Ich muß nun nach der Elisabethquelle gehen; man sagte mir, daß sich dort des Morgens die ganze Brunnengesellschaft versammelte.
Als ich mich in die Mitte der Stadt begab, ging ich auf den Boulevards umher, wo ich einige traurige Gruppen langsam den Berg hinaufsteigen sah; es waren meistentheils die Familien von Steppen-Gutsbesitzern; dies war leicht zu errathen an den abgetragenen altmodischen Ueberröcken der Herren und den geschmacklosen Kleidungen der Frauen und Töchter. Es war zu sehen, daß sie alle jungen Badegäste schon kannten, da sie mit zärtlicher Neugierde nach mir blickten: die Petersburger Form meines Waffenrockes führte sie irre; als sie indessen die Epauletten eines Armeeoffiziers an mir wahrnahmen, wandten sie sich unwillig von mir.
Die Frauen der Gegend selbst, so zu sagen die Brunnenwirthinnen, waren herablassender; sie haben Lorgnetten und richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf die Uniform; sie sind bereits gewohnt, im Kaukasus unter einem nummerirten Knopfe ein feuriges Herz, und unter der weißen Mütze einen gebildeten Verstand anzutreffen. Diese Damen sind sehr gütig und sind es lange! Jedes Jahr werden ihre Verehrer durch Neue abgelöst und hierin liegt vielleicht das Geheimniß ihrer unerschöpflichen Liebenswürdigkeit. Als ich auf einem engen Pfade zur Elisabethquelle hinanstieg, überholte ich eine Menge Civil- und Militairpersonen, welche, wie ich später erfuhr, eine besondere Klasse von Leuten unter denen bilden, die auf eine Wirkung des Brunnens hoffen. Sie trinken -- nur kein Wasser, gehn wenig spazieren, machen nur im Vorübergehen den Damen die Cour, spielen und klagen über Langeweile. Sie sind Stutzer und nehmen, so oft sie ihre umflochtenen Gläser in den Sauerbrunnen tauchen, eine akademische Stellung an; die Civilpersonen tragen hellblaue Halstücher, die Militairs lassen aus den Kragen die Vatermörder hervorgucken. Sie affektiren eine tiefe Verachtung gegen die Damen aus der Provinz und seufzen nach den aristokratischen Salons der Residenzen, wo sie nicht zugelassen werden.
Endlich bin ich am Brunnen . . . Auf einem Plätzchen unweit des Brunnens steht ein Häuschen mit einem rothen Dache über dem Becken; etwas weiter befindet sich eine Gallerie zum Spazierengehen während des Regens. Mehre verwundete Offiziere saßen auf einer Bank, ihre Krücken zusammenhaltend, blaß und traurig. Einige Damen gingen mit raschen Schritten auf und nieder, in Erwartung der Wirksamkeit des Wassers. Unter ihnen befanden sich zwei bis drei recht artige Gesichter. Aus den Nebenalleen, welche den Abhang des Máschuk bedecken, tauchte dann und wann das bunte Hütchen einer Liebhaberin der Einsamkeit zu Zweien hervor, denn stets bemerkte ich hinter einem solchen Hute eine Militairmütze, oder einen formlosen runden Hut. Auf dem steilen Felsen, wo ein Pavillon steht welcher den Namen Aeols-Harfe führt, standen einige Liebhaber von Aussichten, welche ihre Telescope nach dem Elborus richteten; unter ihnen befanden sich zwei Gouverneure mit ihren Zöglingen, die hierher gekommen waren, um sich von den Skrofeln heilen zu lassen.
Ich blieb erschöpft am Rande des Berges stehen und begann, an die Ecke des Häuschens gelehnt, die malerische Umgegend zu betrachten, als ich plötzlich hinter mir eine bekannte Stimme höre:
»Petschorin! schon lange hier?«
Ich wende mich um: Gruschnitzki! Wir umarmten uns. Ich hatte in einer aktiven Abtheilung seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte eine Schußwunde am Beine, und war eine Woche später als ich ins Bad gereist. Gruschnitzki ist Fähndrich. Er dient erst seit einem Jahre und trägt aus ganz besonderer Koketterie einen dicken Soldatenmantel, auch hat er das St. Georgen Soldatenkreuzchen. Er ist wohlgebaut, hat eine dunkelbraune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar; seinem Aeußern nach könnte man ihm fünf und zwanzig Jahre geben, ob er gleich kaum ein und zwanzig alt ist. Wenn er spricht, wirft er den Kopf hinten über und ringelt mit der linken Hand seinen Schnurrbart, denn mit der rechten stützt er sich auf die Krücke; auch spricht er schnell und hochtrabend: er ist einer von denen, die auf alle Vorfälle des Lebens schwülstige Redensarten in Bereitschaft haben, welche das einfach Schöne nicht rührt, und die sich wichtig in ungewöhnliche Passionen und ausnahmsweise Leiden hüllen. Effekt zu machen ist ihr höchster Genuß, darum gefallen sie den romantischen Damen der Provinz bis zum Wahnsinn. Im Alter werden sie theils friedliche Gutsbesitzer, theils Trunkenbolde, bisweilen das Eine und das Andere. In ihrer Seele liegen oft recht viele gute Eigenschaften, aber nicht für einen Heller Poesie. Gruschnitzki's Leidenschaft war die des Deklamirens; er überschüttet einen mit Worten, sobald das Gespräch nur irgend den gewöhnlichen Ideenkreis verläßt; ich konnte nie mit ihm streiten. Er antwortet einem gar nicht auf das Gesagte, er hört einem gar nicht zu; kaum hält man aber etwas inne, so fängt er eine lange Tirade an, die sich scheinbar an das Gesagte anschließt, in der That aber nichts anders ist als die Fortsetzung seiner eigenen Rede.
Er ist ziemlich witzig; seine Epigramme sind oft recht unterhaltend, niemals aber sind sie treffend und bitter; er schlägt keinen mit _Einem_ Worte nieder; er kennt nicht die Leute und ihre schwachen Seiten, denn er beschäftigte sich während seines ganzen Lebens nur mit sich selbst. Sein höchster Zweck ist -- der Held eines Romans zu werden. Er war so oft bemüht die Andern davon zu überzeugen, daß er ein, nicht für diese Welt geschaffenes, einem gewissen geheimen Leiden überantwortetes Wesen sei, daß er zuletzt fast selbst daran glaubte. Darum trägt er auch mit solchem Stolze seinen dicken Soldatenmantel. Ich durchschaute ihn sogleich, deshalb liebt er mich auch nicht, obgleich wir äußerlich in den freundschaftlichsten Beziehungen stehen. Gruschnitzki steht im Rufe eines sehr tapfern Soldaten; ich sah ihn im Gefechte: er wirthschaftet mit dem Säbel herum, schreit und wirft sich mit blinzelnden Augen vorwärts. Das ist immer nicht die wahre russische Tapferkeit.
Ich mag ihn auch nicht leiden: ich fühle, daß wir einst einmal auf einem engen Wege zusammenstoßen werden, und es dem Einen von uns nicht wohl bekommen wird . . .
Seine Ankunft im Kaukasus ist ebenfalls eine Folge seines romantischen Fanatismus. Ich bin überzeugt, daß, am Vorabend seiner Abreise aus dem väterlichen Erbdorfe, er mit düsterer Miene irgend einer niedlichen Nachbarin sagte: daß er nicht Dienste nimmt, wie dies gewöhnlich geschieht, sondern, daß er den Tod sucht, weil . . . hier fährt er denn, die Hand über die Augen gehalten, fort: »Nein, Sie (oder Du) sollen das nie erfahren! Ihre reine Seele würde erbeben! Wozu das auch? Was bin ich Ihnen? Können Sie mich je verstehen? . . .« und so fort.
So erzählte er mir selbst, daß der Grund, der ihn veranlaßte ins K. Regiment zu treten, ein ewiges Geheimniß zwischen ihm und dem Himmel bleiben würde.
Uebrigens ist Gruschnitzki in solchen Augenblicken, wo er die tragische Drappirung abwirft, recht liebenswürdig und unterhaltend. Es ist mir immer interessant, ihn mit Damen zu sehen; da kann ich mir vorstellen, wie er sich abquält.
Wir kamen uns wie alte Freunde entgegen. Ich fing an ihn über die Lebensweise im Badeort und die Hauptpersonen desselben zu befragen.
-- Wir führen ein ziemlich prosaisches Leben, erwiederte er seufzend. Diejenigen, welche des Morgens Wasser trinken, sind welk, wie alle Kranken, die aber des Abends Wein trinken, sind unausstehlich wie alle Gesunden. Damengesellschaft ist wohl da; bei ihnen ist indessen wenig Trost zu holen: sie spielen Whist, kleiden sich schlecht, und sprechen schauderhaft französisch. In diesem Jahre ist aus Moskau nur die einzige Fürstin Ligoffska mit ihrer Tochter hergekommen; doch bin ich mit ihnen nicht bekannt. Mein Soldatenmantel scheint mir die allgemeine Abneigung zuzuziehen. Die Theilnahme, welche er etwa hervorruft, liegt wie ein Almosen auf mir.
In diesem Augenblicke gingen zwei Damen an uns vorbei, dem Brunnen zu; die eine ältlich, die andere jugendlich, wohlgebaut. Ihre Gesichter sah ich, der vorstehenden Hüte wegen, nicht; doch waren sie nach den strengsten Regeln des feinsten Geschmackes gekleidet: Nichts Ueberflüssiges. Die letztere trug ein hohes Kleid gris de perles; ein leichtes seidenes Fichu umwand ihren schlanken Hals. Ihre Stiefelchen couleur puce umspannten ihr dünnes Füßchen am Knöchel so reizend, daß selbst ein in den Mysterien der Schönheit Uneingeweihter unbedingt ein Ach! ausgestoßen hätte, wenn auch nur vor Verwunderung. Ihr leichter, doch sehr edler Gang hatte etwas mädchenhaftes, das jeder Erklärung entschlüpft, vom Blicke aber wohl verstanden wird. Als sie an uns vorüberging, wehte uns von ihr jener unerklärbare Duft entgegen, von welchem bisweilen der Brief eines reizenden Frauenzimmers athmet.