Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder

Part 6

Chapter 63,604 wordsPublic domain

Ich bemächtigte mich der Papiere und brachte sie schleunigst fort, damit es ihm nicht wieder leid werden möchte, sie mir übergeben zu haben. Nicht lange darnach meldete man uns, daß die Okasija binnen einer Stunde aufbrechen werde; ich befahl anzuspannen. Der Stabskapitain kam in's Zimmer, als ich mir bereits meine Mütze aufsetzte; er schien sich für die Abreise nicht fertig zu machen und hatte etwas Gezwungenes, Kaltes in seinem Wesen.

-- Nun, Maksim Maksimitsch, reisen Sie denn nicht mit?

»Nein.«

-- Wie so denn das?

»Ich habe den Kommandanten noch nicht gesehen und habe ihm verschiedene Kronssachen zu übergeben . . .«

-- Sie waren ja doch aber bei ihm?

»Das war ich wohl . . .« sagte er ausweichend, »traf ihn aber nicht zu Hause . . . wartete nicht . . .«

Ich verstand ihn. Der arme Greis hatte, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, die Dienstgeschäfte seinen _eigenen Angelegenheiten_ (um mit der Kanzleisprache zu reden) hintangesetzt, -- und wie war er dafür belohnt worden!

-- Das thut mir leid, recht leid, Maksim Maksimitsch, sagte ich zu ihm, daß wir uns grade jetzt trennen müssen.

»Was haben wir ungebildeten Alten mit Euch zu schaffen! . . . Die Jugend ist jetzt stolz und dem Genusse der Welt ergeben; mag sein, daß es unter den tscherkessischen Kugeln noch leidlich mit Euch geht . . . aber nachher kehrt Ihr Euch von uns, und schämt Euch wohl gar, einem Freunde die Hand zu reichen.«

-- Ich verdiene diese Vorwürfe nicht, Maksim Maksimitsch. --

»Nun, ich, wissen Sie, ich spreche einmal so von der Leber herunter; übrigens wünsche ich Ihnen alles Wohlergehen und eine fröhliche Reise.

Wir trennten uns ziemlich trocken. Der gute Maksim Maksimitsch war zum eigensinnigen, zänkischen Stabskapitain geworden! Und weshalb? Weil ihm Petschorin aus Zerstreuung oder aus irgend einem andern Grunde die Hand gereicht hatte, wo der ihm gern an den Hals gesprungen wäre! Es ist traurig zu sehen, wenn der Jüngling die schönsten seiner Hoffnungen und Illusionen verschwinden sieht, wenn der Rosaflor zerreißt, durch welchen er die Thaten und Gefühle der Menschen zu betrachten pflegte; für ihn bleibt doch die Hoffnung, die zerronnenen Phantasiegebilde durch neue, zwar nicht minder vergängliche, doch darum auch nicht minder süße, zu ersetzen . . . Gegen was aber vertauscht man sie in Maksim Maksimitschens Jahren? Da verhärtet das Herz unwillkührlich und die Seele zieht sich in sich zurück.

Ich reiste allein ab.

Vorrede.

Unlängst erfuhr ich, daß Petschorin auf seiner Heimkehr aus Persien gestorben sei. Diese Nachricht erfreute mich ungemein; sie gab mir das Recht, diese Memoiren zu veröffentlichen und ich benutzte diese Gelegenheit gern, meinen Namen einem fremden Geistesprodukte voranzustellen. Gebe Gott, daß meine Leser mich nicht für diesen Betrug verurtheilen!

Ich habe mich nunmehr noch über die Gründe auszusprechen, die mich veranlaßten, dem Publikum die Herzensgeheimnisse eines Menschens vorzulegen, den ich nie gekannt habe. Wäre ich noch sein Freund gewesen! die feige Indiskretion der wahrhaften Freunde ist ja aller Welt hinreichend bekannt; so aber habe ich ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, und noch obendrein auf dem Reisewege! Es geht daraus aber auch hervor, daß ich gegen ihn nicht jenen unerklärlichen Haß nähren kann, der sich unter der Larve der Freundschaft verbirgt und nur den Moment des Todes oder großer Unglücksfälle abwartet, um sofort über das Haupt des geliebten Gegenstandes die Schauergüsse der Vorwürfe, der Rathschläge, der Bemitleidung und des Hohnes auszugießen.

Als ich diese Memoiren durchlas, überzeugte ich mich von der Aufrichtigkeit desjenigen, der seine eigenen Schwächen und Untugenden so unbarmherzig zur Schau stellte. Die Geschichte der menschlichen Seele, und wäre es der allergeringsten, ist interessanter und nützlicher als die Geschichte eines ganzen Volkes, besonders wenn sie das Resultat der Beobachtungen des Verstandes über sich selbst ist und wenn sie ohne den eitlen Wunsch geschrieben ward, Theilnahme oder Verwunderung zu erwecken. Die Confessions Rousseau's haben schon das Ueble an sich, daß er sie seinen Freunden vorlas.

So leitete mich also nur der Wunsch nützlich zu werden bei der Veröffentlichung dieses mir zufällig in die Hände gerathenen Journals. Obgleich ich alle Eigennamen veränderte, so werden doch diejenigen sich wahrscheinlich leicht wiedererkennen, von denen die Rede ist, und vielleicht hier den Schlüssel zum Betragen eines Menschen finden, der auf dieser Welt nichts mehr mit ihnen gemein hat. Man entschuldigt fast immer das, was man versteht. Ich habe in diesem Buche nur Dem Platz gegönnt, was sich auf Petschorins Aufenthalt im Kaukasus bezieht. Es bleibt mir noch ein dickes Heft unbenutzt zurück, in welchem er sein ganzes Leben beschreibt. Dereinst soll auch dieses dem Urtheile der Welt übergeben werden; doch wage ich es jetzt aus vielen Gründen noch nicht, diese Verantwortlichkeit zu übernehmen.

Vielleicht wünschen einige Leser meine eigene Meinung über Petschorins Charakter zu vernehmen. Meine Antwort -- _der Titel des Buches_. »Das ist ja eine böse Ironie!« werden sie sagen. Ich weiß nicht. --

Tamán.

In tal notte atra e funesta Mente freme la tempesta Chi va in circa di un asil?

Anonimo.

Tamán ist das allermiserabelste Nest unter allen russischen Seestädten. Beinahe wäre ich vor Hunger darin umgekommen, nicht gerechnet, daß man mich zur Zugabe noch ersäufen wollte. Ich kam spät des Nachts mit Postvorspann daselbst an; der Postillon hielt das ermüdete Dreigespann vor der Thür des einzigen steinernen Hauses an, das sich bei der Einfahrt befindet. Die Wache, ein tschornomórski[A] Kosak, rief, als er das Gebimmel des Glöckchens hörte, halbschlaftrunken mit wilder Stimme sein: »Wer da?« Ein Unteroffizier und ein Gefreiter kamen heraus. Ich erklärte ihnen, daß ich ein Offizier sei, der sich im Auftrage der Krone nach einer aktiven Abtheilung begebe, und forderte eine Kronswohnung für die kurze Zeit meines Aufenthaltes hierselbst. Der Gefreite führte uns in der Stadt herum; aber bei welcher Barake wir auch vorsprachen -- nirgends war ein Unterkommen zu finden. Es war kalt; ich hatte drei Nächte nicht geschlafen, war furchtbar müde und fing an ärgerlich zu werden. »So führe mich endlich unter Dach, Spitzbube,« schnaubte ich den Kosaken an, »und wenn's beim Teufel wäre, nur zur Stelle!«

[Fußnote A: Vom schwarzen Meere.]

»Da ist wohl noch ein Nest,« antwortete der Kosak, indem er sich im Nacken kratzte, »nur wird es Euer Gnaden nicht zusagen; -- es ist da nicht ganz rein!«

Da ich die genaue Bedeutung des letzten Wortes nicht auffaßte, so befahl ich ihm voranzugehen, und so gelangten wir nach einer langen Wanderung durch die schmutzigen Gassen, an deren Seiten ich nichts als alte Plankenzäune sah, zu einer kleinen Hütte, dicht am Ufer des Meeres.

Der volle Mond beleuchtete das Schilfrohrdach und die weißen Wände meiner neuen Wohnung; auf dem Hofe, der mit einem Kieselgeschiebe umgeben war, war noch eine zweite elende Hütte, noch kleiner und hinfälliger als die erste, an diese angekleckst. Das Ufer fiel fast von den Wänden der Hütte senkrecht, wie abgeschnitten, ins Meer hinab, und unten tanzten mit ununterbrochenem Gebrause die dunkelblauen Wogen. Der Mond schaute friedlich auf das unruhige, aber ihm unterthänige Element, und ich konnte bei seinem Lichte, weit vom Ufer ab, zwei Schiffe wahrnehmen, deren schwarzes Takelwerk sich wie ein Spinnengewebe am matten Himmelsgewölbe abzeichnete. -- »Es liegen Schiffe im Hafen,« dachte ich bei mir selbst, »morgen kann ich also nach Geléndschick abreisen!« Ein Linienkosak begleitete mich als Bedienter. Ich befahl ihm den Koffer loszubinden und den Postillon zu entlassen, und fing an nach dem Wirthe zu rufen. -- Keine Antwort; ich poche; alles stumm . . . Was bedeutet das? Endlich kroch aus dem Hausflure ein Junge von ungefähr vierzehn Jahren hervor.

»Wo ist der Wirth?« -- Njä-má.[A] -- »Was? kein Wirth?« -- Ne, keener . . . -- »Nun, also eine Wirthin?« -- Die is nach dem Dorfe gelofen. -- »Wer macht mir denn da die Thür auf?« sagte ich und schlug mit dem Absatz dagegen. Die Thüre sprang von selbst auf; ein feuchter Dunst wehte mir entgegen. Ich steckte ein Zündholz an und hielt es dem Jungen unter die Nase; es beleuchtete zwei glanzlose, weiße Augen. Er war blind, stockblind von Geburt an. Er blieb unbeweglich vor mir stehen und ich begann seine Züge zu mustern.

Ich muß gestehen, daß ich ein starkes Vorurtheil gegen alle Blinden, Lahmen, Tauben, Stummen, Buckligen, Bein- und Armlosen u. s. w. u. s. w. habe. Ich habe bemerkt, daß zwischen dem Aeußerlichen des Menschen und seiner Seele stets eine seltsame, geheime Beziehung Statt findet: als ob mit dem Verlust eines Gliedes die Seele irgend eines Gefühls verlustig ginge.

Ich fing also an die Züge des Blinden zu mustern; aber sagen Sie mir selbst, was kann man möglicherweise in einem Gesichte ohne Augen lesen? . . . Ich blickte ihn lange mit unwillkührlichem Mitleid an, als plötzlich ein kaum bemerkbares Lächeln über seine dünnen Lippen glitt, das, ich weiß nicht warum, einen äußerst widerlichen Eindruck auf mich machte. In meinem Kopfe tauchte der Verdacht auf, daß dieser Blinde doch nicht ganz so blind sei, wie er es schien; vergebens hielt ich mir vor, daß man den grauen Staar unmöglich nachahmen könne, und nun noch obendrein wozu? Wie dem nun auch immer sei -- ich klebe bisweilen an gewissen Vorurtheilen . . .

[Fußnote A: Die Antworten des Knaben geschehen im klein-russischen Dialekte, der ungefähr unserm Plattdeutsch entspricht. Njä-má: hier ist keiner.]

-- Bist Du der Sohn der Wirthin? fragte ich ihn endlich. -- »Ne.« -- Wer bist Du denn? -- »Eene Waise, verlassene.« -- Hat die Wirthin Kinder? -- »Ne, sie hatte eine Tochter, aber die ist mit einem Tataren über's Meer gezogen.« -- Mit einem Tataren? Mit was für einem Tataren? -- »Der Teufel mag seinen Namen wissen! ein Tatar aus der Krim, ein Bootsmann aus Kertschi.«

Ich trat in die Hütte: zwei Bänke, ein Tisch und ein ungeheurer Koffer in der Nähe des Ofens bildeten das ganze Mobiliar. An der Wand kein einziges Heiligenbild -- ein schlechtes Zeichen! Durch die zertrümmerten Fensterscheiben pustete der Seewind mit Ungestüm. Ich langte mir aus meinem Reisekoffer ein Ende Wachskerze heraus, steckte es an und fing an meine Sachen auszupacken; meine Schaschka und Büchse kamen in die Ecke zu stehen, die Pistolen auf den Tisch, dann breitete ich meine Burka[A] über die eine Bank, mein Kosak die seinige über die andere und nach zehn Minuten schnarchte er bereits; -- allein ich konnte nicht einschlafen; vor mir in der Finsterniß drehte sich fortwährend der Junge mit den weißen Augen herum.

[Fußnote A: Ein kurzer Filzmantel, vorzüglich bei den Kosaken in Gebrauch.]

So mochte ungefähr eine Stunde verflossen sein. Der Mond schien jetzt zum Fenster herein, und seine Strahlen spielten auf dem lehmigen Fußboden der Hütte. Plötzlich schwebte auf dem vom Monde beschienenen Streifen des Fußbodens ein Schatten vorüber. Ich richte mich auf und schaue nach dem Fenster: zum zweiten Male eilte Jemand daran vorbei und verschwand Gott weiß wo; ich konnte mir nicht denken, daß dieses Wesen die schroffe, senkrechte Mauer des Seeufers hinuntergeglitten sein konnte, und doch blieb ihm kein anderer Weg übrig. Ich stand auf, warf meinen Beschmet um, steckte meinen Dolch in den Gurt und trat leise, leise aus der Hütte hinaus: der blinde Junge grade auf mich los. Ich drückte mich an den Plankenzaun und so ging er mit sicherem doch behutsamen Schritte an mir vorüber. Unter dem Arme trug er ein Bündel und nachdem er sich dem Hafen zugewandt hatte, schlug er einen engen, steilen Fußpfad ein. -- »An jenem Tage werden die Stummen reden und die Blinden wieder sehen,« dachte ich bei mir selbst, indem ich ihm in einer angemessenen Entfernung folgte, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Unterdessen fing der Mond an sich in Wolken zu kleiden und Nebel stieg vom Meere auf; kaum, daß die Laterne vom Verdecke des nahen Wachtschiffes hindurchschimmerte, am Ufer aber spritzte der Schaum der Meereswogen so in die Höhe, daß sie den Jungen jeden Augenblick zu verschlingen drohten. Ich folgte ihm, obgleich mit vieler Beschwerde, auf dem steilen, holprigen Wege und sah wie mein Blinder erst eine Weile stehen blieb und sich dann rechts hinunter begab; er ging so dicht am Wasser dahin, daß es schien, als ob die Woge ihn sofort ergreifen und mit sich fortreißen würde; allein an der Sicherheit, mit welcher er von Stein zu Stein hüpfte und die Wasserrisse vermied, konnte man deutlich sehen, daß er diesen Weg nicht zum ersten Male machte. Endlich hielt er still, als ob er auf etwas lausche, setzte sich auf die Erde und legte sein Bündel neben sich. Ich beobachtete alle seine Bewegungen, indem ich mich hinter einem vom Ufer vorspringenden Felsenstücke versteckt hielt. Nach einigen Minuten wurde von der entgegengesetzten Seite her eine weiße Figur sichtbar; sie ging an den Blinden heran und setzte sich neben ihn. Der Wind führte mir von Zeit zu Zeit ihr Gespräch zu:

»Nun, Blinder?« sagte eine weibliche Stimme: »der Sturm ist heftig; Janko wird nicht kommen.«

-- Janko fürchtet den Sturm nicht, entgegnete dieser.

»Der Nebel wird immer dichter,« sagte wieder die weibliche Stimme mit einem Ausdrucke der Kümmerniß.

-- Im Nebel kann er sich desto leichter an den Wachtschiffen vorbeistehlen, war die Antwort.

»Aber wenn er ertrinkt?«

-- Nun was weiter? Dann gehst Du am nächsten Sonntag ohne neues Band in die Kirche.

Hierauf folgte ein Schweigen; indessen frappirte mich eins: der Blinde hatte mit mir in kleinrussischem Dialekte gesprochen, während er jetzt ganz reines Russisch sprach.

-- Siehst Du, daß ich Recht habe, begann der Blinde wieder, indem er in die Hände schlug: Janko fürchtet weder Meer, noch Sturm, noch Nebel, noch Küstenwächter: horche nur -- das ist nicht das Peitschen der Wellen, Du täuschst mich nicht, -- das sind seine langen Ruder.

Das Frauenzimmer sprang auf und richtete unruhvoll ihren Blick in die Ferne.

»Du faselst, Blinder,« sagte sie, »ich sehe nichts.«

Ich muß gestehen, daß, wie viele Mühe ich mir auch gab, etwas zu entdecken, was einem Nachen ähnlich sehen konnte, alles vergebens war. So vergingen zehn Minuten; da zeigte sich allmälig zwischen den Bergen der Meeresfluthen ein schwarzer Punkt, der bald größer bald kleiner wurde; -- bald sich langsam bis auf die Spitzen der Wogen erhebend, bald wieder in die Tiefe hinabschießend, näherte sich der Kahn immer mehr dem Ufer. -- Ein kühner Schiffer mußte Der sein, der es wagte, in einer solchen Nacht eine Meerenge von 20 Werst Weite zu durchrudern, und wichtig mußte der Grund sein, der ihn dazu antrieb.

Während diese Gedanken mich beschäftigten, blickte ich mit unwillkührlichem Herzpochen nach dem armen Kahne; der aber tauchte unter wie eine Ente und erhob sich dann wieder durch einen raschen Flügelschlag seiner Ruder aus dem Abgrunde, inmitten des wildesten Schaumgespritzes; -- plötzlich schien es mir, als ob er in einem Anlaufe gegen das Ufer sich zerschlagen und in tausend Splitter zertrümmern müsse -- allein er parirte mit ungemeiner Geschicklichkeit und hüpfte unbeschädigt in eine kleine Bucht. Ein Mann von mittlerm Wuchse sprang aus dem Nachen; er trug eine tatarische Barankenmütze; er winkte mit der Hand -- und alle drei bemühten sich, Etwas aus dem Nachen zu ziehen; die Last war so groß, daß ich bis auf den heutigen Augenblick nicht verstehe, wie er nicht untergegangen ist. Ein jeder packte sich endlich ein Bündel auf die Schultern und so gingen sie das Ufer entlang, wo ich sie zuletzt aus dem Gesicht verlor. -- Es blieb mir nun nichts übrig, als nach Hause zu gehen, doch muß ich bekennen, daß alle diese Seltsamkeiten mich dermaßen aufgeregt hatten, daß ich beschloß, den Morgen wach abzuwarten.

Mein Kosak war nicht wenig erstaunt, als er mich beim Erwachen vollständig angezogen fand; indessen gab ich ihm keine weiteren Gründe dafür an, sondern legte mich ins Fenster und schaute eine Zeitlang nach dem dunkelblauen mit zerrissenem Gewölk besäeten Himmel, nach dem fernen Ufer der Krim, das sich wie ein Lilastreifen am Horizonte dahinzieht, bis es zuletzt in einen Felsen ausläuft, auf dessen Gipfel ein Leuchtturm schimmert, und begab mich endlich nach der Festung Fanágora, um mich beim Kommandanten über die Stunde meiner Abreise nach Gelendschick zu erkundigen.

Aber leider konnte mir der Kommandant durchaus nichts Bestimmtes darüber sagen. Die im Hafen liegenden Schiffe waren alle entweder Wachtschiffe oder Handelsschiffe, die sogar ihre Ladung noch nicht einmal eingenommen hatten. »Vielleicht kommt ein Postschiff in drei, vier Tagen hier an,« sagte der Kommandant, »und dann wollen wir sehen . . .«

Ich ging finster und ärgerlich nach Hause. In der Thüre kam mir mein Kosak mit bestürztem Gesichte entgegen: -- Hier ist's faul, Euer Gnaden! raunte er mir zu. Ja, Bruder,[A] Gott weiß, wann wir von hier fortkommen! Bei diesen Worten wurde er noch verlegener, beugte sich zu mir und zischelte mir ins Ohr: Hier ist's nicht rein! Ich begegnete heute einem tschornomórskischen Kosakenunteroffiziere, mit dem ich bekannt bin, -- ich stand voriges Jahr mit ihm in einer Abtheilung -- so sagte ich ihm also, wo wir abgestiegen wären; darauf sagte er zu mir: Bruder, sagte er, da, Bruder, ist die Luft nicht rein; das sind keine gute Leute! . . . Ja, und nun bitte ich Einen in der That -- was ist das für ein Blinder! lauft der Bengel überall allein herum, nach dem Bazar, und nach Brod und nach Wasser . . . Hier sind sie, wie es scheint, schon alle daran gewöhnt.

»Hat sich denn die Wirthin nicht wenigstens einmal blicken lassen? . . .«

[Fußnote A: Brat, die gewöhnliche Anrede an Untergebene, indessen auch in seiner eigentlichen Bedeutung gebraucht.]

-- Ja, wie Sie heute aus waren, kam eine Alte mit ihrer Tochter heraus.

»Was für eine Tochter? Sie hat ja keine Tochter.«

-- Ja, dann weiß Gott was sie ist, wenn sie nicht ihre Tochter ist; sehen Sie, da sitzt die Alte gerade vor ihrem Fenster. --

Ich ging in die elende Hütte hinein. Der Ofen war stark geheizt und eine für arme Leute wahrhaft üppige Mahlzeit wurde darin gekocht. Die Alte antwortete auf alle meine Fragen, daß sie taub sei und mich nicht verstehen könne. Was war mit ihr anzufangen? Ich wandte mich also an den Blinden, der vor dem Ofen kauerte und Reisig ins Feuer warf. »Nun, Du kleiner blinder, Teufel,« sagte ich, indem ich ihn am Ohre faßte, »wohin bist Du denn diese Nacht mit dem Bündel gelaufen, he?«

Fängt der Junge an zu weinen und zu schreien und zu heulen: -- Wohin gegangen? Ich nirgend gegangen . . . Mit einem Bundel? Was für a Bundel? --

Diesmal hatte auch die Alte Ohren und fing an zu belfern: »Das ist erlogen, und noch dazu gegen einen Unglücklichen! Wofür halten Sie ihn denn? Was hat er Ihnen denn gethan?«

Mir war der ganze Kram höchst langweilig, darum ging ich ohne Weiteres fort, fest entschlossen, den Schlüssel zu diesem Räthsel zu entdecken. Ich wickelte mich in meine Burka, setzte mich am Zaune auf einen Stein, und schaute in die Ferne; vor mir dehnte sich das vom nächtlichen Sturme noch aufgeregte Meer aus, und sein eintöniges Getöse und Gestöhn erinnerte mich, gleich dem nächtlichen Straßengerolle einer großen Stadt, an die dahingeschwundenen Jahre und versetzte meine Gedanken nach dem Norden, in unsere kalte Residenz. Von Erinnerungen ergriffen, vergaß ich mich selbst . . . So saß ich wohl eine Stunde und länger . . . . Plötzlich berührt etwas wie Gesang mein Ohr. Wahrhaftig, das ist ein Liedchen, und noch dazu von einer frischen Mädchenstimme gesungen, -- aber wo kommt es her? Ich lausche -- eine herrliche Melodie, jetzt gedehnt und traurig, dann wieder rasch und feurig; ich blicke um mich -- sehe aber Niemanden rundum; ich lausche wieder -- die Töne scheinen geradezu vom Himmel zu fallen. Da richtete ich meinen Blick in die Höhe und siehe da: auf dem Dache meiner Hütte stand ein Mädchen in einem gestreiften Kleide, mit aufgelösten, loseflatternden Zöpfen, eine leibhaftige Undine. Sie schützte ihre Augen mit den flachen Händen vor den Sonnenstrahlen und schaute starr in die Ferne, bald mit sich sprechend und lachend, bald wiederum ihr Liedchen singend.

Ich erinnere mich dieses Liedchens noch Wort für Wort:

Auf dem freien Wellchen dort -- Auf dem grünen Meere, Tanzen Schiffe auf und ab Weißbesegelte.

Zwischen jenen Schiffen tanzt Auch mein Nachen durch, Nachen ohne Mast und Tau, Doppelrudriger.

Fängt der Sturm sein Liedchen an Ach, die alten Schiffe all' Lüften ihre Flügelchen, Stieben auseinander all'.

O, dann flehe ich das Meer Leise, leise, leise: Rühr' nicht an, Du böses Meer Meine Lódotschka.[A]

Denn es trägt die Lódotschka Sachen wunderbar und schön, Und es führt in dunkler Nacht Sie ein Brausekopf heran.[B]

Unwillkührlich erinnerte ich mich, daß ich in vergangener Nacht dieselbe Stimme gehört hatte; ich dachte einen Augenblick darüber nach; als ich aber wieder nach dem Dache blickte, war das Mädchen nicht mehr da. Plötzlich eilte sie an mir vorüber, und etwas anderes anstimmend und mit den Fingern dazu schnalzend, rannte sie zur Alten und gerieth auch sogleich mit ihr in einen heftigen Wortwechsel. Die Alte wurde sehr böse und schlug ein lautes, tiefes Gelächter auf. Auf einmal sehe ich wieder wie meine Undine von ihr weghüpft; als sie bis zu mir herangekommen war, blieb sie plötzlich stehen und sah mich durchdringend an, als ob sie über meine Gegenwart verwundert wäre, worauf sie sich gleichgültig umkehrte und langsam der Anfahrt am Ufer zuschritt. Allein damit war's noch nicht zu Ende: den ganzen Tag drehte sie sich um meine Wohnung herum; Gesang und Sprünge wechselten ununterbrochen miteinander ab! -- Ein seltsames Wesen! Auf ihrem Gesichte war nicht das geringste Zeichen der Geistesabwesenheit ausgedrückt; im Gegentheil, ihre Augen ruhten oft mit einem durchdringenden Funkeln auf mir, und diese Augen schienen mir mit einer seltsamen magnetischen Kraft begabt, auch kam es mir immer vor, als ob sie mich gleichsam zu einer Frage aufforderten. So wie ich aber anfing zu sprechen, lief sie mit einem feigen Lächeln eiligst davon. --

[Fußnote A: Kleiner Nachen.]

[Fußnote B: Das russische Volkslied bietet selten ein geregeltes Versmaaß dar, eben weil es vom Volke, das des Liedes nur des Gesanges wegen bedarf, nach Bedürfniß improvisirt wird und weil dann fehlende Silben durch länger anhaltende Noten oder anderweitige, oft sehr melodische Modulationen der Stimme ergänzt werden. Vorstehendes Liedchen, das wir im originellen Silbenmaaße fast wörtlich wiedergegeben haben, ist eine solche Improvisation. Der Reichthum der russischen Literatur an solchen Liedern ist unermeßlich; jeder einzelne russische Dialekt hat seine unerschöpflichen Fundgruben; die erste, einigermaßen vollständige, aber noch nicht ganz erschienene Sammlung derselben sind die »Sagen des russischen Volkes« von Sacharoff, 2ter Band 1849. -- Das Werk wartet noch auf einen deutschen Bearbeiter.]