Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder

Part 4

Chapter 43,802 wordsPublic domain

»Ich habe gestern den ganzen Tag gedacht und gedacht,« erwiederte sie unter Thränen, »und habe mir mancherlei Unglück vorgestellt; bald schien es mir, als habe ein wilder Eber ihn verwundet, bald als hätte ein Tschetschiner ihn in die Berge geschleppt . . . Aber heute dünkt es mich als habe er mich nicht mehr lieb.«

-- Nun wahrhaftig, Liebchen, etwas Schlimmeres hättest Du auch nicht ausdenken können! -- Sie fing an zu weinen und erhob endlich mit stolzer Würde ihr Haupt, wischte die Thränen ab und fuhr fort:

»Wenn er mich nicht mehr liebt, wer hindert ihm denn mich nach Hause zurückzuschicken? Ich zwinge ihn zu nichts. Wenn das aber so fortgeht, so werde ich von selbst mich entfernen; ich bin keine Sklavin, ich bin eines Fürsten Tochter!« . . .

-- Ich bemühte mich sie zu beruhigen. -- Höre, Bela, siehe, er kann doch nicht immer hier sitzen, als ob er an Deinen Unterrock genäht wäre: er ist ein junger Mann, der es liebt, dem Wilde nachzustellen, -- und der da kommt und geht; wenn Du aber so melancholisch sein willst, dann wird er Deiner erst recht überdrüssig.

»Wahr, wahr,« antwortete sie, »ich werde heiter sein!« -- Und mit lautem Lachen griff sie nach ihrem Tamburine, fing an zu singen und zu tanzen und um mich herum zu springen; allein es dauerte nicht lange und sie fiel wieder auf ihr Bett und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

-- Was sollte ich mit ihr anfangen? Sie müssen wissen, ich habe mit Damen nie Umgang gehabt; ich sann und sann, wie ich sie trösten könnte und sann doch nichts aus; so schwiegen wir denn alle Beide eine Weile . . . Eine unausstehliche Position! . . .

-- Endlich sagte ich zu ihr: »Willst Du, so gehen wir ein wenig auf dem Walle? Das Wetter ist schön!« -- Es war im September, und wahrhaftig ein wunderschöner, heller, nicht zu heißer Tag; man konnte die Berge alle sehen, als ob sie auf Porzelan gemalt gewesen wären. Wir gingen, und spazierten schweigend auf dem Festungswalle auf und ab. Sie setzte sich endlich auf den Rasen nieder und ich setzte mich neben sie. Wahrhaftig, es kommt mir jetzt recht lächerlich vor, ich lief hinter ihr drein, wie eine Wärterin.

-- Unsere Festung stand auf einem erhabenen Orte und bot eine schöne Aussicht dar; von der einen Seite lief eine weite Ebene, von Schluchten durchschnitten, auf einen Wald aus, der sich bis auf den Rücken der Berge hinaufzog; hier und da tauchten die Aule, tauchten die Herden auf; von der andern Seite floß ein kleiner Fluß eilig dahin, der das dichte Gesträuch bespülte, welches die steinigten Hügel bedeckt, die sich endlich der Hauptkette des Kaukasus anschließen. Wir saßen an einer Ecke der Bastion, so, daß wir von beiden Seiten alles überschauen konnten. Auf einmal sehe ich, wie Jemand auf einem grauen Pferde aus dem Walde immer näher und näher herangeritten kommt, und endlich auf der andern Seite des Flüßchens in einer Entfernung von ungefähr 700 Fuß von uns stehen blieb und sein Pferd nach allen Seiten herumwarf. »Was zum Henker ist das?« sagte ich, »sieh' doch 'nmal hin, Bela, Du hast bessere Augen als ich, was das für ein Dschigit ist und zu wessen Belustigung der gekommen sein mag.«

-- Sie blickte hin und schrie auf: Das ist Kasbitsch!

-- »Der verdammte Kerl! Ist er gekommen um uns zu verhöhnen?« -- Ich schaue ebenfalls hin -- wahrhaftig es ist Kasbitsch, sein schwarzbraunes Gesicht, und zerrissen und zerlumpt und schmierig wie immer. -- »Das ist meines Vaters Pferd,« sagte Bela, indem sie mich bei der Hand faßte; sie zitterte wie ein Blatt, ihre Augen funkelten. Schau, schau! dachte ich bei mir selbst: auch in Dir, mein Seelchen, schweigt das Räuberblut nicht!

-- »Komm' mal hierher,« sagte ich zur Schildwache, »sieh nach Deinem Gewehr und schieß mir 'nmal diesen Burschen da herunter -- bekommst einen Silberrubel.« -- »Zu befehlen Eure hohe Gnaden: er steht nur nicht ganz still . . .« »So befiehl es ihm!« sagte ich lächelnd . . .

-- »Heda! Gutfreund!« schrie ihm der Soldat zu, indem er ihm mit den Armen winkte: »warte doch einmal ein Bischen, was drehst Du Dich denn da wie ein Kreisel herum?« -- Kasbitsch blieb wirklich stehen und hörte zu; wahrscheinlich glaubte er, daß man mit ihm in Unterhandlungen treten wolle, -- da kam er gerade recht! . . .

-- Mein Grenadier legt an . . . Batz! . . . vorbei; -- das Pulver war nur von der Pfanne abgebrannt; Kasbitsch spornte sein Pferd daß es einen Seitensprung that. Dann hob er sich in den Steigbügeln in die Höhe, schrie etwas in seiner Sprache, drohte mit der Nagaika[A] -- und weg war er!

-- Schämst Du Dich denn nicht! sagte ich zur Schildwache. --

»Ew. hohe Gnaden! Er wird dem Tode doch nicht entgehen,« entgegnete dieser, »dieses verdammte Volk kriegt man mit Einem Male nicht todt.«

-- Nach einer Viertelstunde kehrte Petschorin von der Jagd zurück; Bela warf sich ihm um den Hals und äußerte keine Klage, keinen Vorwurf über seine lange Abwesenheit . . . Dagegen war ich recht böse auf ihn. Nun bitte ich Sie, -- sagte ich -- da war Kasbitsch so eben am andern Ufer des Flüßchens und wir haben auf ihn geschossen; wie leicht hätten Sie auf ihn stoßen können? Diese Gorzen sind ein rachesüchtiges Volk; glauben Sie etwa, daß er nicht längst errathen habe, daß Sie dem Asamat behülflich waren? Und ich will wetten, daß er Bela heute erkannt hat. Ich weiß, daß sie ihm vor einem Jahre schrecklich gefiel -- er hat es mir selbst gesagt -- und wenn er hätte hoffen können, eine anständige Morgengabe zusammenzubringen, so hätte er wahrhaftig auch um sie angehalten . . . -- Hierbei verfiel Petschorin in Gedanken.

»Ja,« antwortete er; »wir müssen vorsichtiger sein . . . Bela! von heute an darfst Du nicht mehr auf dem Festungswalle spazieren gehen.«

[Fußnote A: Eine Art Reiterpeitsche.]

Desselbigen Abends hatte ich eine lange Auseinandersetzung mit ihm; es that mir weh, daß er sich gegen das arme Mädchen so verändert hatte; denn außerdem daß er den halben Tag auf der Jagd lag, so war sein ganzes Betragen gegen sie kalt, er liebkoste sie selten und sie fing an zusehends abzumagern, ihr Gesichtchen wurde länger, ihre großen Augen umwölkt. Wie oft fragte ich sie nicht: Warum seufzest Du, Bela? Bist Du traurig? »Nein!« Trägst Du nach etwas Verlangen? »Nein!« Sehnst Du Dich nach Deinen Angehörigen? »Ich habe keine Angehörigen.« -- Ganze Tage lang konnte man außer »Ja« und »Nein« nichts aus ihr herausbringen. -- Nun, dies Alles sagte ich ihm denn. »Hören Sie mich an, Maksim Maksimitsch,« erwiederte er: »ich habe einen unglückseligen Charakter; hat mich die Erziehung so gemacht, hat Gott mich so erschaffen, ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß wenn ich die Ursache von anderer Leute Unglück bin, ich selbst mich nicht minder unglücklich fühle. Natürlich ist ihnen dies ein schlechter Trost -- es handelt sich hier auch nur darum, daß Dem so ist. Von meiner ersten Jugend an, sobald ich nur der elterlichen Bevormundung entrückt war, gab ich mich leidenschaftlich allen Genüssen hin, die man für Geld nur erlangen kann, und natürlich ekelten mich diese Genüsse bald an. Dann betrat ich die große Welt, und auch die Gesellschaft langweilte mich bald; ich verliebte mich in die Schönen der »großen Welt« und wurde wieder geliebt, -- allein ihre Liebe reizte nur meine Einbildungskraft und Eigenliebe, das Herz ging leer dabei aus . . . So fing ich an zu lesen, zu studiren -- auch die Wissenschaften wurden mir langweilig; ich sah, daß weder der Ruhm noch das Glück irgendwie an sie gefesselt sind, denn die glücklichsten Menschen sind -- die Unwissenden, und der Ruhm -- ein Glücksfall, zu dessen Erreichung man nur gewandt zu sein braucht. So wurde mir Alles zum Ekel . . . Bald darauf wurde ich nach dem Kaukasus versetzt: das war die glückseligste Zeit meines Lebens. Ich hoffte, daß die Langeweile unter den Kugeln der Tschetschiner nicht wohnen würde -- vergebens; nach einem Monate war ich so an ihr Sausen und an die Nähe des Todes gewöhnt, daß ich wahrlich dem Fluge einer Mücke mehr Aufmerksamkeit zuwandte, -- und da wurde mir noch öder zu Muthe als je zuvor, denn ich verlor fast die letzte Hoffnung. Als ich Bela in meinem Hause sah, als ich sie zum ersten Male auf meinen Knieen hielt und ihre schwarzen Locken küßte, da glaubte ich Thor, daß sie ein Engel sei, den mir das mitfühlende Schicksal zugesandt habe . . . Ich irrte mich abermals: Die Liebe einer Wilden ist nicht viel besser als die einer vornehmen Dame; die Unwissenheit und Herzenseinfalt der Einen ist eben so langweilig wie die Koketterie der Andern. Wenn Sie wollen, so liebe ich sie noch; ich bin ihr dankbar für einige recht süße Augenblicke und bereit mein Leben für sie hinzugeben, -- aber ich langweile mich mit ihr . . . Bin ich ein Thor oder ein Bösewicht, ich weiß es nicht; das aber ist gewiß, daß ich des Mitleids eben so würdig bin, vielleicht noch mehr als sie; meine Seele ist von der Welt verdorben worden; meine Einbildungskraft eine unstäte, mein Herz unersättlich; mir ist alles zu wenig; an den Kummer gewöhne ich mich so leicht, wie an den Genuß, und so wird mein Leben von Tag zu Tage leerer; mir bleibt nur _ein_ Mittel übrig: zu reisen. Sobald es nur angehen wird reise ich ab, -- nur nicht nach Europa, Gott behüte! -- Ich gehe nach Amerika, Arabien, Indien! -- Vielleicht trifft mich unterwegs der Tod! Wenigstens bin ich überzeugt, daß dieser letzte Trost, mit Hülfe der Stürme und der schlechten Wege, nicht allzulange wird auf sich warten lassen!« --

-- So sprach er noch lange und seine Worte gruben sich mir tief in's Gedächtniß, denn es war zum ersten Mal, daß ich einen 25jährigen Menschen also sprechen hörte, und, gebe es Gott, zum letzten Male! -- Wie seltsam! Sagen Sie selbst, -- fuhr der Stabskapitain fort, indem er sich an mich wandte, -- Sie waren, wie es scheint, auch in der Residenz, und noch unlängst; sind denn wirklich die dortigen jungen Leute alle so?

Ich entgegnete ihm, daß es viele Leute gäbe, die ebenso redeten und daß unter ihnen wahrscheinlich auch solche wären, welche die Wahrheit sprächen; daß übrigens der Lebensüberdruß, wie alle Moden, aus den höheren Schichten der Gesellschaft in die niederen übergegangen sei, die ihn nun abtragen, und daß in diesem Augenblicke diejenigen, welche sich am meisten und wahrhaft langweilen, sich bemühen dies Unglück wie ein Laster zu verbergen. -- Der Stabskapitain begriff diese Feinheiten nicht, schüttelte mit dem Kopfe und lächelte schlau:

-- Nicht wahr, die Franzosen haben die Mode der langen Weile aufgebracht?

»Nein, die Engländer.«

-- Aha, sehen Sie wohl! . . . erwiederte er, -- das kommt daher, daß sie immer erklärte Trunkenbolde waren!

Ich erinnerte mich unwillkührlich einer Moskauer Dame, welche behauptete, daß Byron nichts weiter als ein Trunkenbold gewesen sei. Uebrigens war die Bemerkung des Stabskapitains leichter zu entschuldigen: um sich des Weines zu enthalten, gab er sich natürlich Mühe sich zu überreden, daß alle Unglücksfälle in der Welt nur vom Trunke herrühren. --

Mittlerweile führte er seine Erzählung folgendermaßen weiter:

-- Kasbitsch ließ sich nicht mehr sehen. Indessen weiß ich nicht wie es kam, daß ich den Gedanken nicht loswerden konnte, als sei er nicht umsonst gekommen und daß er etwas Böses im Schilde führe.

-- Einstmals überredet mich Petschorin mit ihm auf die Wildschweinsjagd zu gehen; ich weigerte mich lange; was lag mir auch an einem solchen wilden Schweine! Indessen schleppte er mich zuletzt doch mit fort. --

-- Wir nahmen fünf Mann mit und zogen des Morgens früh hinaus. Bis zehn Uhr strichen wir durch Schilf und Wald umher -- nirgends Wild! »Ei was, gehen wir nicht lieber nach Hause zurück?« sagte ich. »Warum nun gerade darauf bestehen? Es ist klar, daß wir heute keinen glücklichen Tag haben!« Allein Grigorii Alexandrowitsch wollte trotz der Sonnenhitze und unserer Ermattung nicht ohne Beute heimkehren . . . So war er nun einmal: was er sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte er haben; offenbar war er in seinen Kinderjahren ein recht verzogenes Muttersöhnchen gewesen . . . Endlich, gegen Mittag, stießen wir auf einen solchen verwünschten Eber. -- Paff! Paff! verfehlt -- weg war er im Schilfe . . . es war einmal ein unglücklicher Tag! So ruhten wir uns denn ein wenig aus und begaben uns auf den Rückweg. --

Wir ritten neben einander, schweigend, mit losgelassenen Zügeln und waren bereits hart an der Festung, bloß daß das Gebüsch sie uns noch verbarg. Plötzlich ein Schuß . . . Wir blickten einander an, derselbe Verdacht durchzuckte uns . . . Unverzüglich sprengen wir nach der Richtung des Schusses, -- wir sehen: auf dem Walle hatte sich ein Haufe Soldaten versammelt, die auf das Feld hinwiesen, auf welchem ein Reiter in vollem Carriere dahinsprengte, etwas Weißes vor sich auf dem Sattel haltend. Grigorii Alexandrowitsch schrie nicht schlechter auf als irgend ein Tschetschiner; das Gewehr aus dem Futterale -- und dahin; ich ihm nach.

Zum Glücke waren unsere Pferde in Folge der unglücklichen Jagd nicht abgemattet; sie rissen sich unter dem Sattel dahin und wir kamen mit jedem Augenblicke näher und näher . . . und endlich erkannte ich den Kasbitsch, nur konnte ich nicht recht unterscheiden, was er da vor sich hielt. Ich hatte Petschorin gerade eingeholt und schrie ihm zu: »Es ist Kasbitsch!« Er blickte mich an, nickte mit dem Kopfe und schlug sein Pferd mit der Peitsche.

-- Endlich hatten wir uns ihm auf Büchsenschußweite genähert; war nun sein Pferd bereits abgequält, oder war es schlechter als die unsrigen, genug, es wollte nicht mehr recht vorwärts. Ich glaube, daß er sich in dieser Minute seines Karagös erinnerte.

-- Ich sehe, daß Petschorin im Galopp sein Gewehr anlegt! »Schießen Sie nicht!« schrie ich ihm zu: »bewahren Sie den Schuß, wir holen ihn auch so ein.« -- So ist aber die Jugend! immer entbrennt sie zur Unzeit . . . . Der Schuß ging doch los und die Kugel zerschmetterte ein Hinterbein des Pferdes; dieses machte in der Wuth des Schmerzes noch ein Stücker zehn Sprünge, stolperte dann und fiel auf ein Knie. Kasbitsch sprang herunter, und dann sahen wir, daß er in seinen Armen ein Frauenzimmer hielt, das in einen Schleier gehüllt war . . . Es war Bela . . . Die arme Bela! . . . Er rief uns etwas in seiner Sprache zu und zückte den Dolch auf sie . . . Da galt kein Zögern: ich schoß nun auf gut Glück mein Gewehr ab; die Kugel mag ihm wohl in die Schulter gegangen sein, denn er ließ sogleich den Arm sinken . . . Als der Dampf sich verzogen hatte, lag auf dem Boden das verwundete Pferd und neben ihm Bela; Kasbitsch aber, der sein Gewehr weggeworfen hatte, kletterte wie eine Katze an den Gebüschen den Felsen entlang: ich hätte ihn gern da weggeblasen -- allein es fehlte an einem fertigen Schusse! Wir sprangen von den Pferden und eilten zu Bela heran. Die Arme, sie lag unbeweglich und das Blut floß stromweis aus einer Wunde . . . So ein Bösewicht: hätte er ihr noch wenigstens in's Herz gestoßen, -- nun, wenn es einmal sein sollte, so wäre es doch mit Einem Male mit ihr ausgewesen, aber so in den Rücken . . . ein rechter Räuberstoß! Sie war ohne Bewußtsein. Wir rissen den Schleier ab und verbanden die Wunde so fest wir konnten; vergebens küßte Petschorin ihre kalten Lippen -- nichts konnte sie zu sich bringen.

-- Petschorin stieg zu Pferde; ich hob sie von der Erde empor und setzte sie so gut es gehen wollte zu ihm auf den Sattel; er umfaßte sie mit einem Arme, und wir kehrten zurück. Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Grigorii Alexandrowitsch zu mir: »Hören Sie, Maksim Maksimitsch, auf diese Weise bringen wir sie nicht lebendig nach Hause.« -- Das ist auch wahr! sagte ich, und wir jagten was die Pferde nur laufen konnten. An dem Festungsthore erwartete uns eine Menge Volkes; wir trugen nun die Verwundete vorsichtig zu Petschorin und schickten nach dem Doktor. Ob er gleich betrunken war, so kam er doch, besichtigte die Wunde und erklärte, daß sie länger als einen Tag nicht leben könne . . . er irrte sich aber . . .

»So wurde sie wieder hergestellt?« fragte ich den Stabskapitain, indem ich ihn am Arme faßte und mich unwillkührlich freute.

-- Nein, antwortete er; der Doktor irrte sich nur insofern, als sie noch zwei Tage lebte.

»So erklären Sie mit nur, auf welche Weise Kasbitsch sich ihrer bemächtigt hatte.«

-- Das war so zugegangen: trotz Petschorins Verbotes war sie aus der Festung nach dem Flüßchen gegangen. Es war auch, wissen Sie, sehr heiß; sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und die Füße ins Wasser gehalten. Da kam Kasbitsch herangeschlichen, -- schlug seine Krallen in sie, hielt ihr den Mund zu und schleppte sie in das Dickicht, woselbst er auf sein Pferd sprang und Reißaus nahm! Unterdessen hatte sie doch zu schreien vermocht; die Wachen machten Lärm, schossen, verfehlten ihn aber -- und so waren wir denn dazu gekommen.

»Ja, warum wollte Kasbitsch sie denn eigentlich entführen?«

-- Aber ich bitte Sie! diese Tscherkessen sind ein weltbekanntes Spitzbubenvolk: was schlecht verwahrt liegt, können sie nicht liegen lassen; so manches nutzt ihnen gar nichts, sie stehlen's doch . . . hierin bitte ich sie zu entschuldigen! Nun und außerdem gefiel sie ihm ja schon längst.

»Und Bela starb?«

-- Sie starb; nur quälte sie sich lange und wir quälten uns mit ihr ganz gehörig ab. Gegen zehn Uhr des Abends kam sie wieder zu sich; wir saßen an ihrem Bette; so wie sie nur die Augen aufschlug, fing sie an Petschorin zu rufen. -- »Ich bin hier, neben Dir, meine Dschánetschka (was bei uns etwa »Seelchen, Herzchen« heißen würde), erwiederte er, indem er ihre Hand ergriff. -- »Ich sterbe!« sagte sie. -- Wir suchten sie zu beruhigen und sagten ihr, daß der Arzt versprochen habe sie unbedingt zu heilen. Sie schüttelte das Köpfchen und drehte sich nach der Wand; sie wollte nicht sterben! . . .

-- In der Nacht fing sie an zu phantasiren; ihr Kopf brannte; über ihren ganzen Körper lief bisweilen ein Fieberschauer: sie sprach unzusammenhängende Reden von ihrem Vater, ihrem Bruder; sie wollte in die Berge zurück, in die Heimath . . . Dann sprach sie auch von Petschorin, gab ihm verschiedene zärtliche Benennungen oder warf ihm vor, daß er seine Dschánetschka aufgehört habe zu lieben . . . Er hörte ihr schweigend zu, sein Haupt auf die Hände gestützt; indessen bemerkte ich die ganze Zeit über in seinen Augenwimpern auch nicht eine Thräne; konnte er in der That nicht weinen oder beherrschte er sich dermaßen -- ich weiß es nicht; was mich anbetrifft, so habe ich mein ganzes Leben lang nicht etwas Jammervolleres gesehen.

Gegen Morgen ließ das Phantasiren nach; wohl eine Stunde lang lag sie unbeweglich, bleich, und so abgemattet, daß man kaum bemerken konnte, ob sie athmete; dann wurde ihr wohler und sie fing an zu sprechen; aber was meinen Sie wohl, wovon? . . . Ein solcher Einfall konnte auch nur einem Sterbenden kommen! . . . Sie fing an sich zu bekümmern, daß sie keine Christin sei und daß in jener Welt ihre Seele mit der des Grigorii Alexandrowitsch nicht zusammenkommen, daß im Paradiese ein anderes Weib seine Genossin sein werde. -- Da kam mir der Gedanke ein, sie vor dem Tode noch zu taufen; sie blickte mich mit Unentschlossenheit an und konnte lange kein Wort hervorbringen; endlich antwortete sie, daß sie in dem Glauben sterben wolle, in welchem sie geboren worden war. So verging ein ganzer Tag. Wie hatte sie sich während dieses einen Tages verändert! Die blassen Wangen waren eingefallen, die Augen waren groß geworden; die Lippen brannten. Sie fühlte eine innere Hitze, als ob in ihrer Brust ein glühendes Eisen läge.

-- Die zweite Nacht brach ein; wir schlossen kein Auge und wichen nicht von ihrem Bette. Sie litt fürchterlich und stöhnte, -- und so oft der Schmerz nur ein Bischen nachließ, bemühte sie sich, Grigorii Alexandrowitsch zu überzeugen, daß es besser mit ihr gehe, suchte ihn zu bereden sich schlafen zu legen, küßte seine Hand und verwandte kein Auge von ihm. Vor Tagesanbruch begann sie die Todesqualen zu fühlen; sie fing an sich herumzuwerfen, und riß den Verband auf, so daß das Blut von Neuem floß. -- Nachdem man ihr die Wunde wieder verbunden hatte, wurde sie für ein Weilchen ruhig und bat Petschorin sie zu küssen. Er kniete vor ihr Bett nieder, hob ihren Kopf mit dem Kissen etwas in die Höhe und drückte seinen Mund an ihre erkaltenden Lippen; sie umwand seinen Hals fest mit ihren zitternden Armen, als ob sie ihm in diesem Kusse ihre ganze Seele übergeben wollte . . . Nein, sie hat wohl daran gethan zu sterben! Was wäre wohl aus ihr geworden, wenn Grigorii Alexandrowitsch sie verlassen hätte? Und das wäre früher oder später doch der Fall gewesen . . .

-- Die Hälfte des andern Tages war sie still, schweigsam und folgsam, wie sehr sie auch unser Arzt mit Umschlägen und Mixturen quälte. »Aber ich bitte Sie!« sagte ich zu ihm: »Sie sagten doch selbst, daß sie unbedingt sterben muß, wozu denn also alle diese Präparate?« -- »Ja, es ist doch besser, Maksim Maksimitsch,« erwiederte er, »des ruhigen Gewissens wegen!« -- Ein schönes Gewissen!

Nach zwölf Uhr fing sie an einen brennenden Durst zu fühlen. Wir öffneten das Fenster, allein auf dem Hofe war es noch heißer als im Zimmer; man stellte Eis um's Bett -- es wollte nichts helfen. Ich wußte, daß dieser unerträgliche Durst ein Zeichen des sich nähernden Endes war und sagte es Petschorin. --

»Wasser, Wasser!« sprach sie mit heiserer Stimme, indem sie sich im Bett erhob.

-- Er wurde bleich wie ein Betttuch, ergriff ein Glas, schenkte ein und reichte ihr. Ich hielt mir die Hände vor die Augen und sagte leise ein Gebet her, ich erinnere mich nicht mehr, welches . . . Ja, mein Herr, ich habe so manchen in den Hospitälern und auf dem Schlachtfelde sterben sehen, es war aber immer nicht das, durchaus nicht das! . . Nun muß ich gestehen, daß mich noch Eins betrübt: sie erinnerte sich vor dem Tode meiner nicht ein einziges Mal; und doch habe ich sie wie ein Vater geliebt . . . Nun, Gott sei ihr gnädig! . . . Und die Wahrheit zu gestehen: Was konnte ich ihr auch sein, daß sie meiner vor dem Tode gedachte?

-- Kaum hatte sie das Wasser ausgetrunken, so wurde ihr leichter; drei Minuten später war sie eine Leiche. Man hielt einen Spiegel an die Lippen -- er blieb rein! . . . Ich führte Petschorin aus dem Zimmer und wir gingen auf dem Festungswalle auf und ab; lange gingen wir mit auf dem Rücken überschlagenen Armen neben einander auf und ab und sprachen kein Wort; sein Gesicht drückte nichts Besonderes aus und das ging mir nahe: ich an seiner Stelle wäre vor Herzeleid gestorben. -- Endlich setzte er sich auf die Erde in den Schatten und fing an mit einem Stöckchen in den Sand zu malen. Ich wollte ihn, wissen Sie, bloß des Anstands wegen, trösten, und fing an zu sprechen: er hob den Kopf in die Höhe und lächelte . . . . Mir lief ein kalter Schauer über die Haut vor solchem Lächeln . . . So ging ich denn das Grab zu bestellen.

-- Ich muß gestehen, daß ich zum Theil, um mich zu zerstreuen, mich damit beschäftigte. Ich hatte ein Stück Termalama,[A] womit ich ihren Sarg umziehen ließ, und garnirte ihn noch mit tscherkessischen Silbertressen, welche Grigorii Alexandrowitsch für sie gekauft hatte.

-- Am andern Tage früh begruben wir sie, außerhalb der Festung, an dem Flüßchen neben dem Flecke, wo sie zuletzt gesessen hatte; rund um ihren Grabeshügel wachsen nun dichte Büsche von Akazia und Hollunder. Ich hätte ihr gerne ein Kreuzchen errichten lassen, aber, wissen Sie, das ist so eine Sache; sie war doch immerhin keine Christin . . .

[Fußnote A: Ein kostbares Tscherkessenzeug.]

»Aber was wurde aus Petschorin?« fragte ich.