Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder

Part 15

Chapter 15952 wordsPublic domain

»Ich bin sogar davon überzeugt,« fuhr sie fort, »obgleich Ihr Betragen allerdings etwas zweideutig war; indessen konnten Sie Gründe haben, die mir unbekannt sind und die Sie mir jetzt anvertrauen müssen. Sie haben meine Tochter vor Verläumdungen geschützt, Sie haben sich für sie geschlagen, -- folglich Ihr Leben für sie eingesetzt . . . Unterbrechen Sie mich nicht, ich weiß recht gut, daß Sie das nicht eingestehen dürfen, weil Gruschnitzki gefallen ist (sie machte das Zeichen des Kreuzes) . . . Gott wolle seiner und wie ich hoffe auch Ihrer Seele gnädig sein! . . . Nun, das geht mich weiter nichts an . . . ich wage es nicht Sie zu richten, weil meine Tochter, obwohl unschuldiger Weise, Schuld an dem ganzen Unglück war. Sie hat mir alles gestanden . . . ich glaube, Alles; Sie haben ihr eine Liebeserklärung gemacht . . . sie hat Ihnen ihre Gegenliebe gestanden (hier seufzte die Fürstin tief auf); nun aber ist sie krank, und ich habe die Ueberzeugung, daß es keine gewöhnliche Krankheit ist! Ein geheimer Kummer reibt sie auf; sie will es nicht gestehen, doch bin ich fest davon überzeugt, daß Sie daran Schuld sind . . . Hören Sie mich an . . . Sollten Sie vielleicht glauben, daß ich auf hohen Rang und unermeßlichen Reichthum sehe, so bitte ich Sie, sich vom Gegentheil zu überzeugen: ich will nur das Glück meiner Tochter. Ihre gegenwärtige Lage ist freilich nicht beneidenswerth, indessen ist dem ja wohl abzuhelfen, denn Sie haben Vermögen; meine Tochter liebt Sie und sie ist so erzogen, daß sie einen Mann wahrhaft glücklich machen kann. Ich bin reich; -- sie ist mein einziges Kind . . . Sagen Sie selbst, was hält Sie zurück? . . . Sehen Sie, ich sollte Ihnen alles dies nicht sagen, allein ich verlasse mich auf Ihr Herz, auf Ihre Ehre; -- bedenken Sie, daß ich diese einzige Tochter habe . . . diese einzige . . .«

Sie fing an zu weinen.

-- Fürstin, sagte ich: es ist mir unmöglich, Ihnen zu antworten: erlauben Sie mir, mit Ihrer Tochter unter vier Augen zu sprechen . . .

»Nimmermehr!« rief sie auf, in der heftigsten Bewegung vom Stuhle aufspringend.

-- Wie Sie befehlen, antwortete ich, indem ich mich anschickte fortzugehen.

Sie dachte eine Weile nach, gab mir ein Zeichen mit der Hand zu warten und ging hinaus.

Fünf Minuten vergingen; mein Herz schlug heftig, aber meine Gedanken waren ruhig, mein Kopf kalt; wie sehr ich auch in meiner Brust nach einem Funken Liebe für die liebliche Mary suchte -- es war ein vergebliches Mühen.

Da ging die Thür auf und herein trat sie. O Gott, wie war sie verändert seit der Zeit, daß ich sie nicht gesehen hatte, -- und wie lange ist das her?

In der Mitte des Zimmers angekommen, schwankte sie; ich eilte hinzu, reichte ihr meinen Arm und führte sie an einen Lehnstuhl.

Ich stand ihr gegenüber. Wir schwiegen lange; ihre großen Augen, mit einem unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen in den meinigen etwas zu suchen, was einer Hoffnung ähnlich wäre; ihre bleichen Lippen strengten sich umsonst zu einem Lächeln an; ihre zarten über die Kniee gefalteten Hände waren so mager und durchsichtig, daß sie anfing mir leid zu thun.

-- Gnädige Fürstin, sagte ich, Sie wissen also, daß ich mich bloß über Sie lustig gemacht habe? . . . Sie müssen mich verachten.

Auf ihren Wangen zeigte sich ein krankhaftes Roth.

Ich fuhr fort: -- Und lieben können Sie mich folglich gar nicht.

Sie wandte sich ab, stützte den Arm auf den Tisch, bedeckte ihre Augen mit der Hand und es wollte mich bedünken, als glänzten Thränen in denselben.

»O mein Gott!« sprach sie kaum hörbar vor sich hin.

Das fing an unerträglich zu werden: noch eine Minute -- und ich hätte zu ihren Füßen gelegen.

-- Wohlan, Sie sehen selbst, begann ich mit fester Stimme und einem erzwungenen Lächeln, daß ich Sie nicht heirathen kann. Und wären Sie jetzt dazu wirklich im Stande, Sie würden es sicherlich bald bereuen. Meine Unterhaltung mit Ihrer Frau Mutter zwingt mich zu einer so offenen und groben Erklärung; ich hoffe, es wird Ihnen leicht sein, sie aus ihrem Irrthume zu ziehen. Sie sehen, ich spiele in Ihren Augen die allermiserabelste und häßlichste Rolle, und stelle dies sogar nicht in Abrede; das ist aber auch Alles, was ich für Sie thun kann. Welche schlechte Meinung Sie immer von mir haben können, ich unterwerfe mich ihr . . . Sehen Sie, wie ich vor Ihnen erniedrigt stehe? Nicht wahr, und wenn Sie mich wirklich liebten, von diesem Augenblicke an verachteten Sie mich? . . .

Sie wandte sich zu mir, weiß wie Marmor, nur ihre Augen funkelten wunderbar.

»Ich hasse Sie . . .« sagte sie.

Ich dankte ihr verbindlichst, verneigte mich ehrerbietig und verließ sie.

Eine Stunde später flog eine Couriertroika bereits mit mir aus Kislowodsk. Einige Werst vor Jesséntukoff erkannte ich in der Nähe des Weges den Leichnam meines edlen Pferdes; der Sattel war, wahrscheinlich von einem vorbeireitenden Kosaken, abgeschnallt, und anstatt des Sattels saßen auf seinem Rücken zwei Raben. Ich seufzte und wandte mich ab.

Und jetzt, hier in dieser langweiligen Festung, frage ich mich oft, wenn meine Gedanken das Vergangene durchlaufen: warum ich jenen Pfad nicht betreten, den das Schicksal mir eröffnet hatte und wo stille Freuden und Seelenruhe meiner warteten . . . Nein, ich hätte ein solches Loos nicht lange ertragen können! Ich bin wie ein Matrose, der auf einer Korsaren-Jacht geboren und auferzogen wurde; seine Seele ringt sich in Stürmen und Kämpfen los, aber am Ufer welkt und schwindet er dahin; ob der schattige Hain ihm winke und der friedliche Sonnenschein ihm entgegenlächle; er geht den ganzen Tag auf den Kieseln am Meeresstrande, und lauschet dem einförmigen Gebrause der rollenden Wogen und schaut hinaus in die nebelige Ferne, ob er nicht in jenem matten Punkte, der von dem grauen Gewölk und der dunkelblauen Meeresfluth absticht, das erwünschte Segel entdecke, das, anfangs dem Flügel des Sturmvogels ähnlich, nach und nach aus dem Schaume des Wogendranges hervortaucht und mit festem Laufe dem einsamen Hafen sich nähert.