Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder

Part 14

Chapter 143,704 wordsPublic domain

-- Nun, so habe ich Folgendes ausgedacht. Sehen Sie auf der Höhe dieses senkrechten Felsens, rechts, das enge, freie Plätzchen? Von da bis in den Abgrund wird es ungefähr 200 Fuß sein, wenn nicht mehr; unten liegen spitze Steine. Ein jeder von uns stellt sich an den äußersten Rand des Plätzchens; auf diese Weise muß selbst eine leichte Wunde tödtlich werden; dies muß auch mit Ihren Wünschen übereinstimmen, da Sie selbst sechs Schritt Distanz bestimmt haben. Derjenige, welcher verwundet wird, fliegt unvermeidlich in die Tiefe hinab und zerschlägt sich in Stücke. Die Kugel zieht der Doktor heraus und dann wird es ein Leichtes sein, diesen überraschen Tod durch einen Sturz zu erklären. Wir werfen das Loos, wer zuerst schießen soll. Schließlich erkläre ich Ihnen, daß ich mich anders nicht schießen werde.

»Nach Belieben!« sagte der Kapitain, bedeutungsvoll auf Gruschnitzki blickend, der mit dem Kopfe ein Zeichen des Einverständnisses gab. Sein Gesicht veränderte sich von Minute zu Minute. Ich hatte ihn in ein schwierige Lage versetzt. Schossen wir uns unter den gewöhnlichen Bedingungen, so konnte er mir in die Beine zielen, mich leicht verwunden und so seine Rache befriedigen, ohne sein Gewissen allzusehr zu beschweren; jetzt aber mußte er entweder in die Luft schießen oder zum Mörder werden, oder endlich seine niedrigen Vorsätze aufgeben und sich mit mir derselben Gefahr aussetzen. In dieser Minute hätte ich nicht an seiner Stelle sein mögen. Er führte den Kapitain an die Seite und fing an sehr lebhaft mit ihm zu sprechen; ich sah, wie seine blaugewordenen Lippen bebten; allein der Kapitain wandte sich mit einem verächtlichen Lächeln von ihm. -- »Du bist ein Narr!« sagte er zu Gruschnitzki ziemlich laut, »Du verstehst Dich auf nichts! Brechen wir auf, meine Herren!«

Ein enger Pfad führte zwischen Gesträuchen auf den Abhang; Felsentrümmer bildeten die schwankenden Stufen dieser natürlichen Treppe; wir hielten uns an die Büsche fest und klommen empor. Gruschnitzki ging voran, hinter ihm seine Sekundanten, dann kamen wir, der Doktor und ich.

»Ich bewundere Sie,« sagte der Doktor, indem er mir kräftig die Hand drückte. »Lassen Sie mich den Puls fühlen! . . . Oho! wahrer Fieberschlag! aber auf dem Gesichte ist nichts zu bemerken . . . nur Ihre Augen glänzen heller als sonst.«

Plötzlich rollten uns mit Geräusch kleine Steine unter die Füße. Was ist das? Gruschnitzki war gestolpert; der Zweig, an welchen er sich festgehalten, hatte nachgegeben und er wäre auf dem Rücken hinuntergefahren, wenn ihn seine Sekundanten nicht aufrecht gehalten hätten.

-- Nehmen Sie sich in Acht! rief ich ihm zu: fallen Sie nicht zu früh; das ist ein schlimmes Zeichen. Gedenken Sie Julius Cäsars!

Endlich waren wir auf der Höhe des vorspringenden Felsens angekommen; der kleine freie Platz war mit feuchtem Sande bedeckt, wie absichtlich zu einem Duelle. Rundum, einer zahllosen Herde gleich, drängten sich die Berghöhen in den goldenen Morgennebel; der Elborus erhob sich gegen Süden mit seinen weißen Massen, die Kette der Gletscher beschließend, zwischen welchen bereits Wolkenstreifen herumwanderten, die von Osten herangezogen waren. Ich begab mich an den Rand des Plätzchens und blickte in die Tiefe . . . der Kopf wurde mir fast vom Schwindel ergriffen: dort unten schien es mir so dunkel und kalt wie im Grabe; bemooste Felsenzacken, vom Sturm und der Zeit hinuntergeworfen, erwarteten ihre Beute.

Das Plätzchen, auf welchem wir uns schlagen sollten, bildete ein fast rechtwinkeliges Dreieck. Von dem vorspringenden Winkel wurden sechs Schritte abgemessen und man kam überein, daß derjenige, welchem es zufallen würde, das feindliche Feuer zuerst auszuhalten, an diesem Winkel, mit dem Rücken dem Abgrund zugewandt, stehen solle; wird er nicht erschossen, so wechseln beide Parteien mit den Plätzen.

Ich beschloß Gruschnitzki alle Vortheile zu überlassen, -- ich wollte ihn prüfen; in seiner Seele konnte noch ein Funke Großmuth erwachen und dann hätte sich alles zum Besten gewandt; allein seine Eigenliebe und Charakterschwäche sollten siegen . . . Ich wollte mir das volle Recht verschaffen ihn nicht zu verschonen, wenn mich das Schicksal begnadigte. Wer hätte nicht ähnliche Bedingungen mit seinem Gewissen abgeschlossen?

»Werfen Sie das Loos, Doktor!« sagte der Kapitain.

Der Doktor zog eine Silbermünze aus der Tasche und hob sie in die Höhe.

»Die Kehrseite!« rief Gruschnitzki rasch aus, wie Einer, den plötzlich ein elektrischer Schlag zu sich brachte.

-- Der Adler! sagte ich.

-- Die Münze flog auf und fiel klingend herab; alle warfen sich auf sie zu.

-- Sie sind der Glücklichere, sagte ich zu Gruschnitzki, es ist an Ihnen zuerst zu schießen! Aber vergessen Sie nicht, daß wenn Sie mich nicht tödten, ich Sie wahrhaftig nicht verfehle -- Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.

Er erröthete; er schämte sich doch einen Wehrlosen morden zu wollen; ich sah ihm scharf in's Auge; Einen Augenblick schien es mir, als wolle er sich mir zu Füßen werfen und um Verzeihung bitten; wie aber sollte er so niedrige Absichten bekennen? Es blieb ihm nur ein Mittel übrig -- in die Luft zu feuern; ich war überzeugt, daß er es thun werde! nur Eins konnte ihn daran verhindern, der Gedanke nämlich, daß ich das Duell erneuern würde. --

»Jetzt ist es Zeit!« raunte mir der Doktor zu, indem er mich am Aermel zupfte, »wenn Sie jetzt nicht sagen, daß wir ihre Absichten kennen, so ist Alles verloren. Sehen Sie nur, er ladet schon . . . wenn Sie nichts sagen, so werde ich selbst . . .«

-- Für nichts auf der Welt, Doktor! entgegnete ich, indem ich ihn am Arme zurückhielt; Sie werden Alles verderben, und gaben mir doch Ihr Wort sich in nichts zu mischen . . . Was geht Sie's auch an? Vielleicht will ich getödtet werden?

Er blickte mich mit Verwunderung an.

»O, das ist was Anderes! Nur beklagen Sie sich dann in jener Welt nicht über mich.«

Der Kapitain hatte unterdessen seine Pistolen geladen und gab Gruschnitzki, dem er lächelnd etwas zuflüsterte, die Eine, die Andere mir.

Ich stellte mich an den Rand des Abgrundes, fest mit dem linken Fuße auf den Stein gestemmt und ein wenig vorwärts gebogen, um mich im Falle einer leichten Wunde nicht sogleich rückwärts zu werfen. Gruschnitzki stand mir gegenüber und fing an auf ein gegebenes Zeichen die Pistole anzulegen. Seine Kniee zitterten. Er zielte mir gerade auf die Stirn.

Eine unaussprechliche Wuth begann in meiner Brust zu kochen.

Plötzlich ließ er den Lauf der Pistole etwas herabsinken und, leichenblaß, zu seinem Sekundanten gewendet, sagte er mit hohler Stimme: »Ich kann nicht!«

-- Memme! erwiederte ihm der Kapitain. Der Schuß ging los. Die Kugel streifte mir das Knie. Unwillkührlich machte ich einige Schritte vorwärts, um schneller vom Rande hinwegzukommen.

-- Nun, Freund Gruschnitzki, es ist Schade, daß Du fehl geschossen hast! sagte der Kapitain: jetzt ist die Reihe an Dir, stell Dich nur hin! Umarme mich zuvor, wir werden uns wohl nicht wiedersehen! -- Sie umarmten sich; der Kapitain konnte sich kaum des Lachens erwehren! Nur nicht ängstlich, setzte er hinzu, indem er Gruschnitzki pfiffig anblinzelte, auf der Welt ist Alles doch nur Narrethei! . . . Die Natur -- eine Närrin, das Schicksal -- eine Scharteke, und das Leben -- eine Kopeke![A]

[Fußnote A: Sehr gebräuchliches Sprüchwort, welches nach seinem Wortinhalte: [CYRILLIC:Natura--dura, sud'ba--indäjka; a zhizn'--kopäjka], eigentlich so heißt: die Natur -- eine Närrin, das Schicksal -- eine Truthenne, und das Leben -- eine Kopeke; des Reimes wegen haben wir, bei der gänzlichen Sinnlosigkeit des Sprüchwortes, die Wörter vertauscht.]

Nach dieser tragischen, mit gebührender Wichtigkeit vorgetragenen Phrase, begab er sich an seinen Platz. Ivan Ignatjewitsch umarmte jetzt Gruschnitzki ebenfalls mit Thränen in den Augen und so stand er denn endlich mir allein gegenüber. Bis auf den heutigen Tag bemühe ich mich, mir dasjenige Gefühl klar zu machen, welches damals in meiner Brust kochte: theils war es Zorn der beleidigten Eigenliebe, theils Verachtung und Grimm, aus dem Gedanken hervorgehend, daß dieser Mensch, der jetzt mit einer solchen Zuversichtlichkeit, mit solch einer sorglosen Frechheit auf mich blickt, mich noch vor zwei Minuten, ohne sich selbst der geringsten Gefahr auszusetzen, wie einen Hund tödten wollte; denn, etwas schwerer am Fuße verwundet, wäre ich unvermeidlich vom Felsen hinabgestürzt.

Ich blickte ihm einige Minuten lang scharf in's Auge, um auch nur die leiseste Spur von Reue zu entdecken; es schien mir aber, als ob er ein Lächeln zurückdränge.

-- Ich rathe Ihnen vor Ihrem Tode Ihre Seele Gott zu befehlen, sagte ich ihm endlich.

»Bekümmern Sie sich um meine Seele nicht mehr, als um Ihre eigene; nur um eins bitte ich Sie recht sehr: machen Sie's kurz.«

-- So widerrufen Sie also Ihre verläumderischen Reden nicht? Sie bitten mich nicht um Verzeihung? . . . Bedenken Sie es wohl; sagt Ihnen Ihr Gewissen denn gar nichts?

»Herr Petschorin!« rief der Dragonerhauptmann. »Erlauben Sie Ihnen zu bemerken, daß Sie nicht hier sind um zu predigen . . . Machen wir der Sache ein Ende; wie leicht könnte Jemand vor der Schlucht passiren und uns sehen.« --

-- Gut. Doktor, kommen Sie, bitte, zu mir.

Der Doktor kam heran. Der Arme! Er war blässer, als es Gruschnitzki vor zehn Minuten gewesen war.

Die folgenden Worte sprach ich absichtlich mit Nachdruck, laut und vernehmlich, wie man ein Todesurtheil ausspricht:

-- Doktor, diese Herren vergaßen, wahrscheinlich in der Eile, die Kugel in meine Pistole zu laden; ich bitte Sie, dieselbe noch einmal zu laden, -- und ordentlich.

»Das kann nicht sein!« schrie der Kapitain; »das kann nicht sein! Ich habe beide Pistolen geladen; sollte die Kugel denn aus Ihrer Pistole herausgerollt sein . . . das ist nicht meine Schuld! Sie haben aber kein Recht noch einmal zu laden . . . nicht das geringste Recht . . . das ist durchaus gegen die Regeln; ich werde nie zugeben . . .«

-- Gut! sagte ich zum Kapitain, wenn dem so ist, so werde ich mich auch mit Ihnen auf dieselben Bedingungen schießen . . .

Er wurde verwirrt.

Gruschnitzki stand da, den Kopf auf die Brust gesenkt, bestürzt und finster. -- »Laß sie doch!« sagte er endlich zum Kapitain, der meine Pistole aus den Händen des Doktors reißen wollte . . . »Du weißt doch selbst, daß sie Recht haben.« Vergebens gab ihm der Kapitain verschiedene Winke, Gruschnitzki wollte einmal nicht sehen.

Unterdessen hatte der Doktor die Pistole geladen und reichte sie mir zu. Als der Kapitain dies sah, spuckte er aus und stampfte mit dem Fuße! »Du bist ein Narr, mein Lieber,« fuhr er heraus, »ein elender Narr! . . . Wenn Du Dich einmal auf mich verließest, so mußtest Du mir auch in Allem folgen . . . Jetzt hast Du Dir's selbst zuzuschreiben, wenn Du wie eine Fliege verrecken mußt . . .« Er wandte sich um und brummte während er zurücktrat: »Aber es ist doch durchaus gegen jede Regel.« -- »Gruschnitzki!« sagte ich, »noch ist es Zeit; widerrufe Deine Verläumdungen und ich verzeihe Dir Alles. Es ist Dir nicht gelungen, mich zum Narren zu haben und meine Eigenliebe ist befriedigt; gedenke, daß wir einst Freunde waren . . .«

Sein Gesicht glühte, seine Augen funkelten.

»Schießen Sie!« entgegnete er, »ich verachte mich und Sie hasse ich. Tödten Sie mich nicht, so erschieße ich Sie des Nachts aus einem Hinterhalte. Für uns Beide ist auf dieser Erde nicht Raum . . .«

Ich schoß . . .

Als der Dampf sich verzog, war Gruschnitzki nicht mehr auf dem Plätzchen. Nur der Staub wirbelte noch in einer dünnen Säule am Rande des Abhangs.

Alle schrieen wie mit einer Stimme auf.

-- Finita la Commedia! sagte ich zum Doktor.

Er antwortete nicht und wandte sich mit Entsetzen ab.

* * * * *

Ich zuckte die Achseln und machte den Sekundanten Gruschnitzki's meine Verbeugung.

Beim Hinuntersteigen vom engen Bergpfade bemerkte ich zwischen den herumliegenden Felsenstücken den blutigen Leichnam Gruschnitzki's; unwillkührlich schloß ich die Augen.

Ich band mein Pferd los und ritt im Schritte heimwärts; mir lag es wie ein Stein auf dem Herzen. Die Sonne schien mir so trübe, ihre Strahlen so kalt . . .

Kurz vor dem Dörfchen lenkte ich rechts ab, dem Hohlweg zu. Der Anblick eines Menschen wäre mir eine Last gewesen: ich wollte allein sein. Ich ließ die Zügel fallen und ritt lange umher, den Kopf auf die Brust gesenkt, bis ich mich endlich in einer wildfremden Gegend sah; sogleich wandte ich mein Pferd um und suchte den verlorenen Weg wieder auf; die Sonne war bereits im Untergehen als ich erschöpft auf einem erschöpften Pferde Kislowodsk erreichte.

Mein Bedienter sagte mir, Werner sei hier gewesen und habe zwei Billete zurückgelassen. Das Eine war von ihm, das Andere von Wära:

Ich erbrach das erstere; es lautete folgendermaßen:

»Alles ist aufs Beste arrangirt; der Körper ist entstellt hierhergebracht worden; die Kugel ist herausgezogen. Alle sind überzeugt, daß ein unglücklicher Zufall die Ursache seines Todes war; nur der Kommandant, dem der Streit wahrscheinlich bekannt war, schüttelte mit dem Kopfe, sagte aber kein Wort. Beweise sind gegen Sie nicht vorhanden, Sie können also ruhig schlafen, wenn Sie können . . . Adieu!«

Lange konnte ich mich nicht entschließen das zweite Billet zu öffnen. Was konnte sie mir schreiben? . . . Ein düsteres Vorgefühl wogte in meiner Seele.

Ihr Brief, wie er Wort für Wort unverwischlich in meinem Gedächtniß bleiben wird, lautete also:

»Ich schreibe Dir in der vollkommenen Ueberzeugung, daß wir uns niemals wiedersehen werden. Vor einigen Jahren, als ich von Dir Abschied nahm, dachte ich dasselbe; allein es hat dem Himmel gefallen, mich nochmals heimzusuchen . . . ich hielt diese Prüfung nicht aus; mein schwaches Herz unterwarf sich der bekannten Stimme . . . Du wirst mich deshalb nicht verachten, nicht wahr? Dieser Brief soll mein Abschied und meine Beichte zugleich sein: ich fühle mich gedrungen Dir Alles mitzutheilen, was sich in meinem Herzen aufgespeichert hat, seit es Dich liebt. Ich will Dich nicht beschuldigen --: Du thatest mit mir, wie ein jeder andere Mann an Deiner Stelle gethan haben würde: Du liebtest mich wie Dein Eigenthum, wie die Quelle Deiner wechselnden Freuden, Aufregungen und Besorgnisse, ohne welche das Leben langweilig und gleichförmig ist. Ich begriff dies gleich von Anfang an . . . Allein Du warst unglücklich und so opferte ich mich in der Hoffnung, daß Du dereinst einmal die Größe meines Opfers würdigen, die tiefe Zärtlichkeit verstehen würdest, die an keine Bedingung der Welt geknüpft war. Seitdem ist manches Jahr entflohen! Ich hatte alle geheimen Saiten Deiner Seele kennen gelernt und die Ueberzeugung gewonnen, daß jene Hoffnung eine eitle war. Das ging mir bitter durch die Seele! Allein, meine Liebe hatte mein ganzes Herz überwuchert: sie wurde düstrer, aber erstarb nicht.

Wir trennen uns jetzt auf ewig; indessen kannst Du die Ueberzeugung bewahren, daß ich niemals einen andern lieben werde: meine Seele hat an Dir bereits alle ihre Liebesschätze, ihre Thränen, ihre Hoffnungen erschöpft. Wer Dich einmal geliebt hat, kann auf die übrigen Männer nicht ohne eine gewisse Geringschätzung herabblicken; nicht als ob Du besser wärst als sie, o nein! allein in Deinem Wesen liegt so etwas Besonderes, Stolzes, Geheimnißvolles, das nur Dir allein angehört; was Du auch sprechest, in Deiner Stimme liegt stets eine unwiderstehliche Gewalt. Niemand versteht es wie Du, so beständig geliebt werden zu wollen; in Keinem ist das Böse so anziehend, keines Andern Blick verspricht so viel Seligkeit, Niemand versteht es wie Du seine Vorzüge zu benutzen und kein Mensch kann so wahrhaft unglücklich sein, wie Du, weil Niemand so sehr wie Du sich bemüht, sich das Gegentheil einzureden.

Jetzt muß ich Dir noch den Grund meiner eiligen Abreise mittheilen, er wird Dir unzureichend scheinen, weil er sich nur auf mich allein bezieht.

Heute früh kam mein Mann zu mir und erzählte mit Deinen Vorfall mit Gruschnitzki. Offenbar muß ich mich während dieser Erzählung sehr verändert haben, denn er blickte mir lange forschend in die Augen; ich verlor fast das Bewußtsein, wenn ich bedachte, daß Du Dich heute schlagen mußt, und daß ich Schuld an Allem bin; es schien mir eine Weile, als sollte ich wahnsinnig werden . . . Allein jetzt, wo ich wieder mit Ruhe urtheilen kann, habe ich die Ueberzeugung, daß Du am Leben bleibst. Du kannst ohne mich nicht sterben, es ist unmöglich! Mein Mann ging lange im Zimmer auf und ab; ich weiß nicht, mehr, was er zu mir, gesprochen, erinnere mich auch meiner Antworten nicht mehr, -- wahrscheinlich habe ich ihm gesagt, daß ich Dich liebe -- Ich erinnere mich nur, daß er mich am Ende unseres Gespräches mit einem gräßlichen Worte beleidigte und das Zimmer verließ. Ich hörte wie er Befehl gab den Reisewagen in Ordnung zu bringen . . . Und nun sitze ich schon seit drei Stunden am Fenster und warte auf Deine Rückkehr . . . Allein Du lebst, Du kannst nicht sterben! . . . Der Wagen ist so gut wie bereit . . . Adieu, Adieu . . . Ich bin verloren, -- doch was thut das? . . . Könnte ich nur die Ueberzeugung mit mir nehmen, daß Du meiner stets gedenken -- ich will nicht sagen: mich lieben -- nein, meiner nur gedenken wirst! . . . So lebe wohl; man kommt . . . ich muß den Brief verbergen . . .

Nicht wahr, Du liebst Mary nicht? Du heirathest sie nicht? Dieses Opfer mußt Du mir bringen, die ich auf dieser Welt alles für Dich verloren habe . . .«

Wie ein Besessener rannte ich nach dem Perron, sprang auf meinen Tscherkessen, den man noch im Hofe auf- und abführte, und sprengte mit verhängten Zügeln den Weg nach Pätigorsk entlang. Unbarmherzig trieb ich das erschöpfte Roß an, das röchelnd und schaumbedeckt den steinigen Weg mit mir dahinflog.

Die Sonne verbarg sich bereits hinter schwarzem Gewölke, das auf dem Rücken der westlichen Gebirgskette ausruhte; in dem Hohlwege war es dunkel und feucht. Der Podkumok murmelte tief und einförmig auf seiner Fahrt über die Felssteine. Ich erstickte vor Ungeduld und jagte vorwärts. Der Gedanke, sie in Pätigorsk nicht mehr einzuholen, schlug mir wie ein Hammer auf das Herz; noch einmal, noch einen Augenblick sie zu sehen, ihr ein letztes Lebewohl zuzurufen, ihre Hand zu drücken . . . Ich betete, fluchte, weinte, lachte . . . nein, nichts kann meine Unruhe, meine Verzweiflung beschreiben! . . . Bei dem Gedanken, sie auf ewig zu verlieren, war mir Wära plötzlich theurer geworden als alles auf der Welt, -- theurer als Leben, Ehre, Glück! Gott weiß, was für abenteuerliche, verrückte Gedanken in meinem Gehirne auftauchten . . . und unterdessen jagte ich unbarmherzig immer drauf los. -- Und auf einmal bemerkte ich, daß mein Pferd sehr schwer athmete und schon zum zweiten Male auf ebenem Wege stolperte . . . doch blieben mir nur noch fünf Werst bis nach Jesséntukoff, einer Kosakenstation, wo ich ein Pferd bekommen konnte.

Alles wäre gut abgelaufen, wenn mein Pferd noch für zehn Minuten Kräfte gehabt hätte; allein, gerade als wir aus dem Gebirge herauskamen, stürzte es beim Steigen aus einer kleinen Vertiefung des Weges, auf die Erde. Ich springe rasch ab und will es aufrichten, reiße an dem Zügel -- alles umsonst: ein kaum hörbares Stöhnen drängte sich zwischen seinen geschlossenen Zähnen hervor; nach einigen Minuten war es todt und ich in der Steppe allein, meine letzte Hoffnung zertrümmert sehend; ich versuchte zu Fuß weiter zu gehen -- meine Füße stießen aneinander; von den Aufregungen des Tages und der vorangegangenen Schlaflosigkeit zu Tode ermüdet, fiel ich auf das feuchte Gras und weinte wie ein Kind.

Lange lag ich unbeweglich dort und weinte bitterlich, nicht bemüht meine Thränen und mein krampfhaftes Schluchzen zurückzuhalten; fast glaubte ich daß meine Brust zersprengen müßte; meine ganze Festigkeit, meine ganze Kaltblütigkeit war wie Rauch verflogen; meine Seele gebrochen, meine Vernunft betäubt, -- hätte Jemand mich in diesem Augenblicke gesehen, so hätte er sich nur mit Verachtung von mir abwenden können.

Als der Nachtthau und der Bergwind meinen glühenden Kopf wieder erfrischt hatten und meine Gedanken wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen waren, begriff ich sehr wohl, daß es unnütz und thöricht ist, einem verlorenen Glücke nachzujagen. Was fehlt mir denn eigentlich? Sie noch einmal sehen? -- Und wozu das? Ist denn zwischen uns nicht alles beendigt? Ein bitterer Abschiedskuß kann meine Erinnerung um nichts bereichern und hätte uns die Trennung nur erschwert.

Indessen thut es mir wohl, weinen zu können! Vielleicht aber liegt dies an meinen aufgeregten Nerven, einer vollständig schlaflosen Nacht, an den zwei Minuten vor der offenen Pistolenmündung und meinem leeren Magen.

Desto besser! Dieses neue Leiden hat in mir, um mich eines militairischen Kunstausdruckes zu bedienen, eine glückliche Diversion hervorgebracht. Das Weinen ist gesund, und überdies würde ich ohne diesen vehementen Ritt und die funfzehn Werst, die ich nun zu Fuß zurücklegen mußte, wahrscheinlich auch diese Nacht kein Auge zugemacht haben.

Ich erreichte Kislowodsk um fünf Uhr des Morgens, warf mich auf das Bett und schlief den Schlaf Napoleons nach der Schlacht bei Waterloo.

Als ich erwachte, war es draußen schon dunkel. Ich setzte mich an's offene Fenster, knöpfte meinen Archaluk auf und ließ den frischen Bergwind über meine Brust spielen, die noch unter dem schweren Drucke der Müdigkeit seufzte.

Jenseits des Flusses, durch die Spitzen seiner dichten, schattenreichen Linden, schimmerten Lichter aus den Festungswerken und dem Dörfchen herüber. Auf meinem Hofe herrschte tiefe Stille; bei der Fürstin war alles dunkel.

Der Doktor trat herein: seine Stirne war finster; gegen seine Gewohnheit streckte er mir nicht die Hand entgegen. --

-- Woher, lieber Doktor?

»Von der Fürstin Ligoffska; ihre Tochter ist sehr krank -- Nervenabspannung . . . Allein das führt mich nicht hierher, sondern Folgendes: Die Behörde wittert den wahren Verlauf der Sache, und wenn man Ihnen auch nichts positiv beweisen kann, so rathe ich Ihnen doch recht vorsichtig zu sein. Die Fürstin sagte mir, sie wisse, daß Sie sich ihrer Tochter wegen duellirt haben. Der alte Knabe, wie heißt er doch gleich? hat ihr alles mitgetheilt; er war damals Zeuge Ihres Streites mit Gruschnitzki in der Restauration. Ich kam Sie zu warnen. Leben Sie wohl. Wer weiß ob wir uns jemals wiedersehen werden; man wird Sie wohl irgend wohin verschicken . . .«

An der Schwelle blieb er nochmals stehen; er hätte mir gern die Hand gedrückt . . . und hätte ich ihm nur den geringsten Wunsch darnach gezeigt, so wäre er mir an den Hals gesprungen; allein ich blieb kalt wie Stein -- und so ging er.

So sind die Leute! so sind sie alle: Sie kennen alle schlechten Seiten einer That vorher, und doch helfen sie und rathen sie, und doch ermuthigen sie sogar dazu, indem sie die Möglichkeit eines andern Mittels nicht sehen, -- nachher aber waschen sie ihre Hände in Unschuld, und wenden sich unwillig von Dem ab, der die Kühnheit hatte die ganze Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. So sind sie alle, sogar die besten, sogar die verständigsten! . . .

Am nächsten Tage, nachdem ich von der höhern Behörde den Befehl erhalten hatte, nach der Festung N. abzureisen, begab ich mich zur Fürstin, um Abschied zu nehmen.

-- Sie war erstaunt, als ich ihr auf ihre Frage, »ob ich ihr etwas ganz besonders Wichtiges mitzutheilen habe,« antwortete, daß ich ihr viel Glück u. s. w. u. s. w. wünschte.

»Aber ich muß ganz ernsthaft mit Ihnen sprechen.«

Ich setzte mich schweigend.

Es war zu sehen, daß sie nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Gesicht wurde feuerroth; ihre vollen, runden Finger klopften auf dem Tische herum; endlich begann sie mit zögernder Stimme:

»Hören Sie, Herr von Petschorin, ich halte Sie für einen anständigen Menschen . . .«

Ich verbeugte mich leicht.