Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder
Part 13
In diesem Augenblicke regte sich etwas im Gebüsche. Ich sprang vom Balkon auf den Rasen. Eine unsichtbare Hand ergriff mich an der Schulter. »Aha!« sagte eine grobe Stimme: »hab' ich Dich erwischt! Ich werde Dich lehren, des Nachts zu schönen Fürstinnen zu gehen! . . .«
-- Halte ihn fest! schrie ein anderer, der aus einem Winkel herbeigesprungen kam.
Es war Gruschnitzki und der Dragonerhauptmann.
Mit einem fürchterlichen Faustschlag auf den Kopf warf ich den Letztern nieder und stieß ihn mit einem Fußtritte vor mir in's Gebüsch. Alle Fußwege des Gartens, welcher den sanften Abhang zwischen unsern Häusern bedeckte, waren mir bekannt.
»Diebe! Wache!« schrieen sie . . . ein Schuß ertönte; der rauchende Pfropfen fiel fast zu meinen Füßen.
Innerhalb einer Minute war ich schon in meinem Zimmer, zog mich rasch aus und legte mich. Kaum hatte mein Diener die Thür zugeschlossen, als Gruschnitzki und der Kapitain schon bei mir anklopften.
»Petschorin! Schlafen Sie? Sind Sie zu Hause?« rief der Kapitain.
-- Freilich schlafe ich, antwortete ich verdrießlich.
»Stehen Sie auf! -- Diebe! . . . Tscherkessen! . . .«
-- Ich hab' den Schnupfen, antwortete ich, und fürchte mich zu erkälten.
Sie entfernten sich. Vergebens hatte ich ihrem Rufe geantwortet; sie suchten mich noch eine Stunde lang im Garten. Unterdessen war ein fürchterlicher Lärm entstanden. Aus der Festung kam ein Kosak herbeigesprengt. Alles war in Alarm, jeder suchte die Tscherkessen in jedem Busche und fand natürlich nichts. Viele aber waren höchst wahrscheinlich der festen Ueberzeugung, daß wenn die Garnison mehr Tapferkeit und Schnelligkeit entwickelt hätte, wenigstens einige zwanzig Stück von den Räubern auf dem Platze geblieben wären. --
Den 27. Juni.
Heute Morgen war am Brunnen von nichts anderem die Rede als von dem nächtlichen Anfalle der Tscherkessen. Ich trank die vorgeschriebene Gläserzahl Narsan, ging ein Dutzend Mal die lange Lindenallee auf und ab, und begegnete Wära's Gemahle, der so eben von Pätigorsk zurückgekommen war. Er faßte mich unter den Arm, und wir gingen in die Restauration, um zu frühstücken; er war in großer Angst um seine Frau. »Wie sie sich diese Nacht erschreckt hat!« sagte er: »muß doch gerade so etwas vorfallen, wenn ich nicht hier bin.« Wir setzten uns zum Frühstück nahe an die Thür, welche zum Eckzimmer führt, in welchem an zehn junge Leute waren, unter denen auch Gruschnitzki sich befand. Das Schicksal gewährte mir zum zweiten Male die Gelegenheit ein Gespräch zu überhören, welches über seine Zukunft entscheiden sollte. Er konnte mich nicht sehen und aus diesem Grunde konnte ich bei ihm keine bestimmte Absicht voraussetzen; allein dies erhöhte eben seine Schuld in meinen Augen.
»Sollten es denn wirklich Tscherkessen gewesen sein?« sagte Jemand, »hat irgend Einer sie gesehen?«
-- Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, erwiederte Gruschnitzki, aber ich muß Sie bitten mich nicht zu verrathen; die Geschichte hängt so zusammen: Gestern Abend kommt ein Mann, den ich Ihnen nicht näher bezeichne, zu mir und erzählt mir, daß er in der zehnten Stunde gesehen habe, wie sich Jemand ins Haus der Fürstin Ligoffska geschlichen. Nun müssen Sie wohl bemerken, daß die Fürstin hier und nur ihre Tochter zu Hause war. Wir geschwind mit ihm unter das Fenster der Fürstin, um den Glücklichen zu bewachen.
Ich gestehe, daß ich nicht wenig erschrak, obgleich mein Nachbar ungemein mit seinem Frühstück beschäftigt war; er konnte, wenn Gruschnitzki eben so gut die Wahrheit errathen hätte, Dinge hören, die ihn ziemlich unangenehm berührt haben müßten; allein von der Eifersucht verblendet, ahnte er den wahren Zusammenhang nicht einmal.
-- Also, sehen Sie, wir gingen dahin und nahmen ein Gewehr mit, das übrigens nur blind geladen war, bloß um zu erschrecken. Bis zwei Uhr warteten wir im Garten. Endlich kam er, Gott weiß woher, zum Vorschein -- aus dem Fenster kann er nicht gekommen sein, denn es war nicht aufgegangen, er muß also aus der Glasthüre, die hinter den Säulen liegt, gekommen sein; -- also endlich, sage ich, sehen wir Jemand auf dem Balkone gehen . . . Eine schöne Fürstin? he? Nun, das muß ich gestehen, das sind Moskauer Gewohnheiten! Wem soll man hier noch vertrauen? Wir wollten ihn ergreifen, aber er riß sich los und warf sich wie ein Hase ins Gebüsch; da schoß ich ihm nach . . . .
Ein Gemurmel der Ungläubigkeit erhob sich um Gruschnitzki . . .
-- Sie glauben es nicht? fuhr er fort: ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort, daß alles die nackte Wahrheit ist, und zum Beweise will ich Ihnen sogar den saubern Herrn nennen. --
»Sprich, sprich, wer ist es?« ertönte es von allen Seiten.
-- Petschorin, antwortete Gruschnitzki.
In diesem Augenblicke hob er die Augen auf -- ich stand vor ihm in der Thüre; er wurde feuerroth. Ich ging auf ihn zu und sagte langsam und vernehmlich:
»Es thut mir sehr leid, daß ich erst eingetreten bin, nachdem Sie bereits Ihr Ehrenwort zur Bekräftigung der allerabscheulichsten Verläumdung verpfändet haben; meine Gegenwart würde Ihnen eine überflüssige Niederträchtigkeit erspart haben.«
Gruschnitzki sprang von seinem Platze auf und wollte hitzig werden.
»Ich fordere Sie auf,« fuhr ich mit derselben Stimme fort, »sogleich Ihre Worte zu widerrufen. Sie wissen selbst recht gut, daß alles leere Erfindung ist. Ich habe nie geglaubt, daß eine Dame, die gegen Ihre glänzenden Eigenschaften, gleichgültig ist, eine so abscheuliche Rache verdient hätte. Ueberlegen Sie es wohl: bleiben Sie bei Ihrer Meinung, so verlieren Sie das Recht auf den Namen eines ehrlichen Mannes und setzen Ihr Leben auf's Spiel.«
Gruschnitzki stand mit gesenktem Blicke vor mir; er war in einer großen Aufregung. Allein der Kampf zwischen Gewissenhaftigkeit und Eitelkeit dauerte nicht lange. Der Dragonerhauptmann, der neben ihm saß, stieß ihn mit dem Ellenbogen an; er fuhr auf und antwortete schnell, ohne mich anzusehen:
-- Mein gnädiger Herr, wenn ich etwas sage, so denke ich es auch und bin bereit es zu wiederholen . . . Vor Ihren Drohungen fürchte ich mich nicht, und bin auf alles gefaßt.
»Das Letzte haben Sie bereits bewiesen,« antwortete ich ihm kalt, indem ich den Dragonerhauptmann unter den Arm faßte und mit ihm das Zimmer verließ.
-- Was ist gefällig? fragte der Kapitain.
»Sie sind Gruschnitzki's Freund und werden wahrscheinlich sein Sekundant sein?«
Der Kapitain verneigte sich mit Wichtigkeit.
-- Sie haben es getroffen, erwiederte er, es ist sogar meine Pflicht sein Sekundant zu sein, weil die ihm zugefügte Beleidigung sich auch auf mich bezieht; ich war die vergangene Nacht mit ihm, setzte er hinzu, seinen krummen Rücken aufrichtend.
»So? Also waren Sie das, dem ich den hübschen Schlag über den Kopf versetzte? . . .«
Er wurde gelb und blau im Gesicht; eine unterdrückte Bosheit drückte sich in seinem Gesichte aus.
»Ich werde die Ehre haben, Ihnen heute meinen Sekundanten zuzuschicken,« fügte ich hinzu, indem ich ihn artig begrüßte und so that, als ob ich seine Wuth gar nicht bemerkte. --
Auf dem Perron der Restauration traf ich den Gemahl Wära's. Dem Anscheine nach erwartete er mich.
Er ergriff meine Hand mit einer Wärme, die an Entzücken streifte.
»Edler, junger Mann,« sagte er mit Thränen in den Augen, »ich habe alles mit angehört. Solch ein Bube, solch ein Lump! Und solche Leute soll man in einem ordentlichen Hause aufnehmen! Gott sei Dank, daß ich keine Kinder habe! Sie aber wird Die belohnen, für die Sie Ihr Leben einsetzen. -- Sein Sie überzeugt von meiner Verschwiegenheit, bis alles vorbei ist,« fuhr er fort, »ich war auch einst jung und habe gedient, und weiß, daß man sich in solche Dinge nicht mischen darf. Empfehl' mich Ihnen.«
Der arme Schlucker! Freut sich, daß er keine Töchter hat . . . Ich ging sofort zu Werner, fand ihn zu Hause und erzählte ihm alles -- meine Beziehungen zu Wära und zur Fürstin, so wie das Gespräch, das ich überhört und aus welchem ich die Absicht dieser Narren erkannt hatte, mich zum Besten zu haben und mich mit einer blinden Ladung schießen zu lassen. Jetzt aber nahm die Sache eine ernstere Wendung: eine solche Lösung hatten sie wahrscheinlich nicht erwartet.
Der Doktor willigte ein mein Sekundant zu sein; ich gab ihm einige Anweisungen in Betreff der Bedingungen des Duells; er sollte vor Allem darauf bestehen, daß die Sache so geheim gehalten würde wie möglich; denn war ich schon bereit mich jeden Augenblick dem Tode zu unterziehen, so hatte ich doch nicht im Geringsten Lust, meine Zukunft auf dieser Welt auf ewig zu verderben. --
Hierauf begab ich mich nach Hause. Nach einer Stunde kam der Doktor von seiner Expedition zurück.
»Gegen Sie ist wirklich eine Verschwörung im Werke,« sagte er. »Ich fand bei Gruschnitzki den Dragonerhauptmann und noch einen Herrn, dessen Name mir nicht gleich einfällt. Ich blieb eine Minute lang im Vorzimmer stehen, um meine Kaloschen auszuziehen. Drinnen war ein fürchterliches Lärmen und Streiten . . . »Für nichts in der Welt willige ich jetzt ein,« sagte Gruschnitzki, »er hat mich öffentlich beleidigt; damals war es ganz etwas anders.« -- »Nun, was geht das Dich an,« meinte der Kapitain, »wenn ich doch Alles auf mich nehme. Ich war Sekundant in fünf Duellen und weiß schon wie man das anfängt. Ich habe mir bereits alles ausgedacht; ich bitte, störe mich in nichts; es kann gar nichts schaden, ihn ein wenig einzuschüchtern. Und dann -- warum wolltest Du Dich einer Gefahr aussetzen, wenn man sie vermeiden kann? . . .« In diesem Augenblicke trat ich ein; sie schwiegen plötzlich still. -- Unsere Unterhandlungen dauerten ziemlich lange; endlich kamen wir in Folgendem überein: Ungefähr fünf Werst von hier ist eine tiefe Schlucht; sie gehen morgen früh um vier Uhr dahin ab, wir folgen eine halbe Stunde später; Ihr schießt Euch auf sechs Fuß Distanz -- Gruschnitzki hat es selbst so gefordert; der Getödtete kommt auf Rechnung der Tscherkessen. -- Mir ist aber noch ein Verdacht gekommen: sie, ich meine die beiden Sekundanten, haben ihren frühern Plan in etwas verändert, und wollen nur die Pistole Gruschnitzki's mit einer Kugel laden. Das sieht denn doch gerade aus wie Todtschlag; in Kriegszeiten und besonders in einem asiatischen Kriege lass' ich etwas List wohl gelten, aber ich halte Gruschnitzki doch für honneter als seine Gefährten. Was meinen Sie? Sollen wir ihnen zeigen, daß wir sie durchschaut haben?
-- Für nichts auf der Welt, Doktor! Sein Sie ganz ruhig; ich lass' mich nicht anführen.
»Was wollen Sie eigentlich thun?«
-- Das ist mein Geheimniß.
»Ueberlegen Sie wohl, welcher Gefahr Sie sich aussetzen . . . auf sechs Schritte!«
-- Doktor, ich erwarte Sie morgen um vier Uhr; die Pferde werden bereit stehen . . . Adieu!
Ich blieb bis gegen Abend zu Hause und schloß mich in meinem Zimmer ab. Ein Lakai der Fürstin kam, mich zu ihr zu bitten, -- ich ließ sagen, ich wäre krank.
* * * * *
Es ist zwei Uhr des Nachts . . . ich kann nicht schlafen. Und doch müßte mich der Schlaf etwas stärken, damit morgen meine Hand nicht zittert. Uebrigens ist es schwer auf sechs Schritt fehlzuschießen. Ha, mein Herr Gruschnitzki, Ihre Mystification soll Ihnen nicht gelingen . . . wir werden unsere Rollen wechseln; jetzt kommt es mir zu, auf Ihrem bleichen Gesichte die Zeichen der geheimen Furcht aufzusuchen. Warum haben Sie selbst diese verhängnißvollen sechs Fuß bestimmt? Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen ohne Weiteres meine Stirne darbieten? . . . Nein, wir werfen das Loos! und dann . . . dann . . . wie aber, wenn ihn das Glück begünstigt, wenn mein Stern mich endlich verließe? . . . Und wie leicht könnte dies sein; diente er doch solange schon meinen Launen . . .
Wie? sterben? So sterben? Für die Welt freilich kein großer Verlust; und mir selbst ist es auf ihr auch schon ziemlich langweilig. Ich komme mir vor wie Jemand, der auf einem Balle gähnt, der aber bloß deshalb noch nicht schlafen geht, weil sein Wagen noch nicht da ist. Jetzt ist der Wagen da . . . Adieu! . . .
Ich überschaue im Gedächtniß meine ganze Vergangenheit, und frage mich unwillkührlich: Warum habe ich gelebt? Zu welchem Zwecke wurde ich geboren? Wahrscheinlich hat doch ein solcher existirt, wahrscheinlich war meine Bestimmung eine erhabene, denn ich fühle in meiner Seele unermeßliche Kräfte . . . Ich habe nur diese Bestimmung nicht errathen, sondern ließ mich von den Lockungen leerer und undankbarer Leidenschaften fortreißen; aus ihrem Schmelzofen kam ich fest und kalt wie Eisen hervor, aber hatte auch für immer jedes edle Streben -- die schönste Blüthe des Lebens -- verausgabt. Und wie oft habe ich seit jener Zeit die Rolle des Beiles in den Händen des Schicksals gespielt! Gleich dem Instrumente des Hochgerichtes fiel ich auf das Haupt der geweihten Opfer, oft ohne Bosheit, immer ohne Mitleid . . . Meine Liebe hat Niemandem Glück gebracht, weil ich denen, die ich liebte, niemals etwas geopfert habe: ich liebte meinetwegen, zu meinem eigenen Vergnügen; ich genügte nur dem seltsamen Bedürfniß meines Herzens, und saugte mit Begier ihre Gefühle, ihre Zärtlichkeit, ihre Freuden und Leiden auf -- und konnte mich niemals sättigen. So sieht ein vom Hunger Gequälter, den die Entkräftung in den Schlaf gesenkt hat, im Traume die üppigsten Speisen und schäumendsten Weine; mit Entzücken verschlingt er die lustigen Gerichte seiner Einbildungskraft und er fühlt sich leichter; kaum aber ist er erwacht -- sein Bild verschwindet, und es bleibt ihm nichts als doppelter Hunger und doppelte Verzweiflung!
Morgen sterbe ich vielleicht . . . und auf der Welt ist kein einziges Wesen, das mich ganz verstanden hätte. Die Einen halten mich für schlechter, die Andern für besser als ich wirklich bin . . . Die Einen sagen: er war ein guter Junge, die Andern -- er war ein verabscheuungswürdiger Mensch. Und das eine wie das andere ist falsch. Ist es nach alle dem noch der Mühe werth zu leben? Und doch lebt man -- aus Neugierde: man erwartet stets etwas Neues . . . Es ist lächerlich und traurig. --
* * * * *
Seit anderthalb Monaten bin ich bereits in der Festung N. -- Maksim Maksimitsch, der Kommandeur der Festung, ist auf die Jagd gegangen . . . ich bin allein und sitze am Fenster; graue Wolken haben die Berge ganz und gar überzogen; die Sonne sieht durch den Nebel wie ein gelber Flecken aus. Es ist kalt; der Wind pfeift und rüttelt an den Fensterladen . . . Langweilig! -- ich werde mein Journal, das von so vielen seltsamen Ereignissen unterbrochen wurde, weiter fortführen.
Ich überlese die letzte Seite: lächerlich! -- Ich glaubte zu sterben; das war unmöglich: ich habe den Becher des Leidens noch nicht geleert und jetzt fühle ich, daß ich noch lange leben werde.
Wie alles Vergangene sich so scharf und klar in meinem Gedächtniß abgoß! Nicht einen Zug, nicht eine Nüance hat die Zeit verwischt!
Ich erinnere mich, daß ich im Verlauf der ganzen Nacht die dem Duell voranging, nicht eine Minute geschlafen habe. Schreiben konnte ich nicht lange: eine geheime Unruhe hatte sich meiner bemächtigt. Eine ganze Stunde lang ging ich im Zimmer auf und ab; alsdann setzte ich mich und öffnete einen Roman Walter Scott's, der gerade auf meinem Tische lag. Es waren »die Puritaner von Schottland.« Anfangs las ich nur mit Anstrengung, vergaß mich aber bald, von der wunderbaren Dichtung fortgerissen.
Endlich fing es an zu tagen. Meine Nerven beruhigten sich. Ich blickte in den Spiegel; eine trübe Blässe überzog mein Gesicht, welches die Spuren der angreifenden Schlaflosigkeit trug; allein meine Augen, obgleich von einem braunen Ringe umgeben, glänzten stolz und unermüdet. Ich war mit mir selbst zufrieden.
Nachdem ich befohlen hatte die Pferde zu satteln, zog ich mich an und eilte ins Bad. Ich tauchte mich in ein abgekältetes Bad der Narsanischen Heißquelle und fühlte bald, wie die Körper- und Geisteskräfte mir auf's Neue zuströmten. Ich stieg aus der Wanne so frisch und keck, als bereitete ich mich zu einem Balle vor. Hiernach sage mir Jemand, daß die Seele nicht vom Körper abhinge! . . .
Bei meiner Rückkehr vom Bade fand ich schon den Doktor bei mir wartend. Er trug graue Reithosen, einen Archaluk[A] und eine Tscherkessenmütze. Ich lachte laut auf, als ich die kleine Figur unter dieser enormen Zottelmütze erblickte; er hat so schon gar kein kriegerisches Gesicht, aber diesmal war es noch länger als gewöhnlich.
-- Warum sind Sie so traurig, Doktor? fragte ich ihn. -- Haben Sie nicht schon hundertmal die Leute mit dem allergrößten Gleichmuthe nach jener Welt begleitet? Bilden Sie sich ein, ich hätte ein Gallenfieberchen; ich kann wieder hergestellt werden, kann aber auch dran sterben; das eine wie das andere liegt in der Ordnung der Dinge; bemühen Sie sich, mich wie einen Patienten zu betrachten, der von einer Ihnen noch unbekannten Krankheit befallen ist, -- dann kann Ihre Neugierde im höchsten Grade angeregt werden; Sie können an mir einige merkwürdige physiologische Beobachtungen anstellen . . . Denn die Erwartung eines gewaltsamen Todes ist doch wohl schon eine wirkliche Krankheit?
Dieser Gedanke frappirte den Doktor und er wurde wieder heiterer.
Wir setzten uns zu Pferde; Werner klammerte sich mit beiden Händen an die Zügel, und wir machten voran, -- im Nu waren wir an der Festung vorüber, durch das Dörfchen und ritten in die Schlucht, durch welche sich ein mit hohem Grase halbverwachsener Weg dahinzog und die alle Augenblicke von einem rauschenden Bache durchschnitten wurde, welchen wir dann zur großen Verzweiflung des Doktors zu Pferde durchschwimmen mußten, weil sein Pferd jedes Mal im Wasser stehen blieb.
[Fußnote A: Ein kurzes gestepptes, gewöhnlich seidenes Wamms.]
Ich erinnere mich keines blaueren und frischeren Morgens. Die Sonne guckte kaum hinter den grünen Bergspitzen hervor und das Verschmelzen der ersten Wärme ihrer Strahlen mit dem dahinsterbenden Nachtfroste brachte über alle Gefühle eine gewisse süße Ermattung; in die Schlucht war noch kein Strahl des jungen Tages gedrungen; er vergoldete nur die Spitzen der Felsen, welche von beiden Seiten über uns drohten; dichtbelaubte Gebüsche, in den tiefen Spalten der Felsen ihre Nahrung findend, überschütteten uns beim leisesten Windhauche mit ihrem Silberregen. Ich erinnere mich wohl, daß ich diesmal mehr wie je zuvor die Natur liebte. Mit welchem Interesse betrachtete ich jeden Thautropfen, der zitternd an einem breiten Weinrebenblatte hing und Millionen von Regenbogenstrahlen widerspiegelte! Wie gierig dürstete mein Blick, die dampfende Ferne zu durchdringen! Dort wurde der Pfad immer enger und enger, die Felsenmassen immer blauer und furchtbarer, zuletzt in eine undurchdringliche Wand zusammenschmelzend! Wir ritten schweigend nebeneinander.
»Haben Sie Ihr Testament gemacht?« fragte plötzlich Werner.
-- Nein.
»Wenn Sie nun aber fallen? . . .«
-- Meine Erben werden sich schon einfinden.
»So hätten Sie keinen Freund, dem Sie ein letztes Lebewohl zurufen wollten?«
Ich schüttelte mit dem Kopfe.
»Keine Dame wäre auf der Welt, der Sie ein letztes Liebeszeichen hinterlassen möchten?«
-- Soll ich Ihnen, lieber Doktor, meine Seele erschließen? antwortete ich ihm . . . Sehen Sie, ich habe jene Jahre hinter mir, in welchen man sterbend den Namen seiner Geliebten ausruft und seinem Freunde eine Locke pommadirter oder nicht pommadirter Haare vermacht. Wenn ich an den nahen, möglichen Tod denke, so denke ich nur an mich selbst: wie mancher thut das nicht. Die Freunde, welche morgen mich vergessen, oder, was noch schlimmer ist, auf meine Rechnung Gott weiß was für ungereimtes Zeug aussprengen; die Damen, welche in der Umarmung eines andern über mich lachen werden, damit sie in ihm ja nicht die Eifersucht gegen einen Verstorbenen wach rufen, -- Gott mit ihnen! . . . Aus dem Sturme des Lebens habe ich nur einige Ideen, aber kein einziges Gefühl übrig behalten; schon längst lebe ich nicht mehr mit dem Herzen, sondern mit dem Kopfe. Ich wäge und analysire meine eigenen Leidenschaften und Schritte mit strenger Neugier aber ohne Theilnahme. In mir sind zwei Menschen: der eine lebt, im vollsten Sinne dieses Wortes, der andere denkt und beurtheilt ihn; der erste sagte Ihnen und der Welt schon in einer Stunde auf ewig Lebewohl; aber der andere . . . der andere? . . . Sehen Sie doch, Doktor, bemerken Sie nicht, wie auf jenem Felsen dort rechts drei Figuren auftauchen? Es scheinen unsere Gegner zu sein? . . .
Wir beschleunigten unsern Ritt.
Am Fuße des Felsens, im Gebüsche, standen drei Pferde angebunden; wir banden die unsrigen ebendaselbst an und stiegen auf einem engen Pfade zu dem freien Plätzchen empor, wo Gruschnitzki mit dem Dragonerhauptmann und seinem zweiten Sekundanten uns erwarteten. Sie nannten ihn Iván Ignátjewitsch; seinen Familiennamen habe ich nie gehört.
»Wir erwarten Sie schon längst,« begann der Dragonerhauptmann mit einem ironischen Lächeln.
Ich zog die Uhr hervor und zeigte sie ihm.
Er entschuldigte sich, daß die seinige vorginge.
Während einiger Minuten herrschte ein drückendes Schweigen. Endlich unterbrach es der Doktor, indem er sich an Gruschnitzki wandte:
»Es scheint mir,« sagte er, »da ich Sie beide bereit sehe sich zu schlagen und hierdurch den Bedingungen der Ehre Ihre Schuld zu bezahlen, daß Sie die Sache ebenso gut auf gütlichem Wege beseitigen könnten.«
-- Ich bin bereit, sagte ich.
Der Kapitain winkte Gruschnitzki zu; dieser, in der Meinung daß ich mich fürchte, nahm eine stolze Miene an, obgleich bis zu diesem Augenblicke eine Todtenblässe seine Wangen überzogen hatte. Seit wir angekommen waren, sah er mich zum erstenmal an; in seinem Blicke lag eine gewisse Unruhe, welche den inneren Kampf verrieth.
»Erklären Sie Ihre Bedingungen,« sagte er, »und Alles was ich für Sie thun kann, können Sie sicher . . .«
-- Meine Bedingungen sind: Sie widerrufen heute öffentlich Ihre Verläumdung und bitten mich sodann um Verzeihung.
»Mein Herr, ich bin erstaunt, wie Sie es wagen, mir solche Dinge zuzumuthen?«
-- Und was hätte ich sonst von Ihnen fordern können? . .
»So schießen wir uns.«
Ich zuckte mit den Achseln. -- Wie Sie wollen; indessen bedenken Sie es wohl, daß einer von uns unbedingt bleiben muß.
»Ich wünsche, daß Sie es sein möchten . . .«
-- Und ich bin vom Gegentheil überzeugt . . .
Er wurde bestürzt, erröthete und schlug dann ein erzwungenes Lachen auf.
Der Kapitain nahm ihn unter den Arm und führte ihn an die Seite; sie zischelten lange miteinander. Ich war in einer ziemlich friedfertigen Stimmung dahingekommen, allein nun fing ich an über dies alles grimmig zu werden.
Zu mir kam der Doktor.
»Hören Sie,« sagte er mit sichtbarer Unruhe: »Sie haben wahrscheinlich ihre Verabredung vergessen? . . . Ich kann keine Pistole laden, allein in einem solchen Falle . . . Sie sind ein seltsamer Mensch! Erklären Sie ihnen, daß Sie ihre Absichten kennen und sie hören auf zu lachen . . . Welche Idee! Sich wie einen Vogel erschießen lassen . . .«
-- Thun Sie mir den Gefallen, lieber Doktor, machen Sie sich keine Sorgen und warten Sie Alles ruhig ab . . . Ich werde es schon so einrichten, daß auf ihrer Seite auch nicht der geringste Vortheil sein soll. Lassen Sie sie nur zischeln . . . Meine Herren, das fängt an langweilig zu werden, sagte ich laut zu ihnen: Sollen wir uns schlagen, oder nicht? Sie hatten gestern Zeit genug zu Verabredungen.
»Wir sind bereit,« erwiederte der Kapitain. »Stellen Sie sich, meine Herren! Doktor, sein Sie so gut sechs Schritte abzumessen . . .«
»Stellen Sie sich!« wiederholte Iván Ignátjewitsch mit kreischender Stimme.
-- Erlauben Sie! sagte ich, noch eine Bedingung: da wir uns auf Tod und Leben schlagen werden, so sind wir verpflichtet alles Mögliche zu thun, daß dies ein Geheimniß bleibe und unsere Sekundanten nicht in Verantwortung kommen. Sind Sie damit einverstanden?
»Vollkommen einverstanden.«