Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder
Part 12
»Das will ich damit nicht sagen . . . Indessen, wissen Sie wohl, giebt es Fälle . . .« fügte er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, in welchen ein anständiger Mensch gezwungen ist zu heirathen, auch giebt es Mütter, welche derartigen Fällen nicht vorbeugen. Darum rathe ich Ihnen als Freund vorsichtiger zu sein. Hier am Brunnen weht eine gefährliche Luft: wie manchen schmucken Kerl habe ich nicht gesehen, der wahrhaftig eines bessern Looses werth gewesen wäre, und der von hier geradesweges unter die Haube gerieth . . . Wollen Sie wohl glauben, daß man mich sogar hat verheirathen wollen! Besonders eine Mama aus der Provinz, die ein sehr blasses Töchterchen hatte. Ich hatte das Unglück ihr zu sagen, daß die frische Gesichtsfarbe nach der Hochzeit wiederzukehren pflegt; alsbald bot sie mir mit Thränen der Dankbarkeit die Hand ihrer Tochter und ihr ganzes Vermögen an -- ich glaube sie hatte etwa funfzig Seelen. -- Ich antwortete ihr aber, daß ich dazu unfähig wäre.
Werner verließ mich in der festen Meinung, er habe mich gewarnt. Aus seiner Rede vernahm ich, daß über mich und die Fürstin entschieden schlechte Gerüchte im Umlauf waren. Das soll Gruschnitzki nicht umsonst hingehen.
Den 18. Juni.
Seit drei Tagen bin ich bereits in Kislowodsk. Ich sehe Wära jeden Tag am Brunnen und auf der Promenade. Des Morgens, nach dem Aufstehen, setze ich mich ans Fenster und richte meine Lorgnette auf ihren Balkon; sie ist schon längst angekleidet und wartet auf das verabredete Zeichen; wir begegnen uns wie zufällig im Garten, der von unsern Häusern nach dem Brunnen führt. Die belebende Bergluft hat ihr ihre Gesichtsfarbe und Kräfte wiederverliehen. Nicht umsonst wird der Narsan die Heldenquelle genannt. Die hiesigen Einwohner behaupten, daß die Luft von Kislowodsk zur Liebe stimmt, daß hier alle Romane ihre Entwickelung finden, die irgendwo am Fuße des Maschuk geknüpft wurden. Und wirklich athmet hier alles nur Einsamkeit und Mysterium; die dunkeln Schatten der Lindenalleen, die sich über den Sturzbach breiten, der bald mit Schaum und Gebrause von Abhang zu Abhang rast, bald ein Bett sich mitten durch die grünenden Berge wühlt, sowohl, wie die Schluchten voller Nacht und Schweigen, deren Verzweigungen sich nach allen Seiten hin erstrecken, -- wie die Frische der aromatischen Luft, vom Dufte der hohen Gräser des Südens und dem der weißen Akazie geschwängert, -- wie das ununterbrochene, süß einlullende Rauschen der kühlen Quellen, die sich am Ende der Ebene begegnen, und nun, wie Freunde vereint, ihrem Ausflusse in den Podkúmok entgegenfließen. Diesseits ist die Schlucht breiter und verwandelt sich zuletzt in einen begrünten Hohlweg; eine staubige Landstraße zieht sich hindurch. So oft ich nach ihr schaue, will es mich bedünken, als käme ein Wagen, und als schaute ein rosiges Gesichtchen aus dem Wagenfenster. Wie viele Wagen sind nicht dieses Weges daher gekommen, aber der noch immer nicht. Das Dörfchen, jenseits der Festung, ist bevölkert. Aus der Restauration, die wenige Schritte von meiner Wohnung auf einem Hügel liegt, schimmern des Abends die Lichter durch die doppelte Pappelreihe; Lärm und Gläserklang ertönen bis in die späte Nacht.
Nirgends wird so viel Kachetiner (Land-) wein und so viel Mineralwasser getrunken wie hier.
Für diese doppelte Vieltrinkerei Giebt es der Freunde viel -- doch ich bin nicht dabei.
Gruschnitzki tobt mit seiner Bande fast jeden Tag im Wirthshause; mich grüßt er fast nicht mehr.
Er ist gestern erst angekommen; trotzdem ist es ihm bereits gelungen sich mit drei alten Herren zu verzanken, die das Bad vor ihm nehmen wollten; -- wahrlich, das Unglück entwickelt in ihm den kriegerischen Geist.
Den 22sten Juni.
Endlich sind sie angekommen. Ich saß am Fenster, als ich das Gerassel ihrer Equipagen hörte; mein Herz klopfte laut . . . Was bedeutet das? Wäre ich wirklich verliebt? Ich bin so dumm beschaffen, daß man es wohl von mir erwarten könnte.
Ich dinirte bei ihnen. Die Fürstin sah mich sehr zärtlich an, geht aber ihrer Tochter nicht von der Seite . . . Abscheulich! Wära hingegen ist in voller Eifersucht gegen die Fürstin -- habe ich doch endlich diese Seligkeit erstrebt! Was thut ein Weib nicht, um ihre Rivalin zu kränken? Ich erinnere mich, daß die eine sich in mich verliebte, weil ich eine andere liebte. Es giebt nichts Paradoxeres als den weiblichen Geist: es ist schwer, ein Frauenzimmer von etwas zu überzeugen; man muß sie dahin bringen, daß sie sich selbst überzeuge. Die Ordnung der Beweise, womit sie ihre Vorurtheile vernichten, ist höchst originell; will man sich ihre Dialektik aneignen, so muß man in seinem Geiste alle Schulregeln der Logik über den Haufen werfen. Zum Beispiel, die gewöhnliche Manier zu folgern ist:
Dieser Mann liebt mich; ich aber bin verheirathet: folglich darf ich nicht lieben.
Weibliche Manier:
Ich darf ihn nicht lieben, denn ich bin verheirathet; er liebt mich aber, -- folglich . . .
Hier folgen einige Punkte, denn der Verstand spricht nicht mehr; hingegen sprechen meistentheils: die Zunge, die Augen, und in ihrem Gefolge das Herz, wenn ein solches vorhanden ist.
Wie nun, wenn diese Memoiren jemals einer Dame unter die Augen geriethen? -- »Verläumdung!« ruft sie mit Entrüstung aus.
Seit Dichter schreiben und Damen sie lesen (wofür wir ihnen die größte Dankbarkeit weihen), hat man sie so oft Engel genannt, daß sie in ihrer Herzenseinfalt diesem Complimente wahrhaftig Glauben schenkten, vergessend, daß diese selben Dichter den Nero für Geld einen Halbgott nannten . . .
Es würde mir übel anstehen, boshaft von ihnen zu sprechen, mir, der ich außer ihnen auf der Welt nichts lieb habe, mir, der ich immer bereit bin, ihnen meinen Frieden, meinen Ehrgeiz, mein Leben zu opfern. Allein ich suche ja auch nicht in einem Anfalle des Grames, oder der beleidigten Eigenliebe ihnen den Zauberschleier abzureißen, durch welchen nur ein geübtes Auge dringt. Nein, alles was ich von ihnen sage, ist bloß das Resultat
So mancher regen Geistesmühen So mancher bittern Herzensqual.
Die Damen sollten eigentlich wünschen, daß alle Männer sie so gut kennten wie ich, weil ich sie hundertmal mehr liebe, seit ich sie nicht mehr fürchte und hinter ihre kleinen Schwächen gekommen bin.
Da fällt mir gerade ein, daß Werner vor einigen Tagen die Damen mit dem verzauberten Walde verglich, von welchem Tasso in seinem »Befreiten Jerusalem« erzählt.[A] -- »So wie man ihn betritt,« sagte er, »fliegen einem von allen Seiten solche Schrecken entgegen, daß Gott bewahre: Pflicht, Stolz, Anständigkeit, öffentliche Meinung, Lächerlichkeit, Verachtung . . . Man braucht aber nur die Augen zuzumachen und darauf loszugehen; -- nach und nach verschwinden die Schreckbilder, und eine stille, freundliche Flur dehnt sich vor Dir aus, in deren Mitte die grünende Myrthe blüht. Wehe Dir aber, wenn Dein Herz bei den ersten Schritten bebt und Du Dich zurückziehst!«
[Fußnote A: Canto XVIII.]
Den 24. Juni.
Der heutige Abend war reich an Abenteuern. Ungefähr drei Werst von Kislowodsk, in der Schlucht, wo der Podkumok dahinfließt, befindet sich ein Felsen, der _Ring_ genannt, weil er eine von der Natur gebildete Pforte[A] bildet. Diese erhebt sich auf einem hohen Hügel, und die untergehende Sonne wirft durch sie ihren letzten glühenden Blick auf die Erde. Eine zahlreiche Kavalkade hatte sich dahinbegeben, um den Sonnenuntergang durch dieses Felsenfenster zu betrachten. Die Wahrheit zu gestehen, dachte Keiner von ihnen an die Sonne. Ich ritt neben der Fürstin Mary; auf dem Rückwege mußten wir den Podkumok durchreiten. Die Bergflüsse, selbst die allerkleinsten, sind gefährlich, besonders dadurch, daß ihr Boden ein wahrhaftiges Kaleidoskop ist: jeden Tag verändert er sich von dem Drucke (Andrange) der Wogen; wo gestern ein Stein lag, ist heute ein Loch. Ich nahm das Pferd der Fürstin bei den Zügeln und leitete es ins Wasser, das ihm nicht bis über die Kniee ging; langsam setzten wir uns stromaufwärts schräg gegen den Fluß in Bewegung. Es ist bekannt, daß man beim Reiten durch reißende Gewässer nicht aufs Wasser blicken darf, weil man sogleich schwindelig wird. Ich hatte vergessen, die Fürstin darauf aufmerksam zu machen.
[Fußnote A: Aehnlich der Porta Westphalica bei Minden. Anm. d. Uebers.]
Wir waren bereits in der Mitte der reißenden Strömung, als sie plötzlich im Sattel schwankte. »Mir ist unwohl!« sagte sie mit schwacher Stimme. Rasch neigte ich mich zu ihr, umfaßte ihre schlanke Taille mit meinem Arme, und raunte ihr zu: Sehen Sie in die Höhe, Fürstin! es ist nichts, nur sein Sie nicht furchtsam, ich bin ja mit Ihnen.
Sie fing an sich zu erholen und wollte sich meinem Arme entwinden, ich umschlang aber ihren zarten, weichen Wuchs noch fester; meine Wangen berührten fast die ihrigen, von denen es mich glühend anwehte.
»Was beginnen Sie mit mir'! . . . O mein Gott! . . .«
Ich beachtete ihr Zittern und ihre Verwirrung nicht, sondern drückte meine Lippen auf ihre zarten Wangen; sie erbebte, sagte aber nichts; wir waren die hintersten: Niemand hatte uns gesehen. Als wir eben das jenseitige Ufer erreichten, setzten sich die andern in Trab. Die Fürstin hielt ihr Pferd an; ich blieb neben ihr; offenbar beunruhigte sie mein Schweigen; ich hatte mir aber versprochen kein Wort zu sagen -- aus reiner Neugierde. Ich wollte sehen, wie sie sich aus dieser schwierigen Lage herausziehen würde.
»Entweder verachten Sie mich, oder Sie lieben mich ungemein!« sagte sie endlich mit einer Stimme, in welcher die Thränen klangen. Vielleicht wollen Sie sich über mich lustig machen, meine Seele nur aufregen, und mich dann fahren lassen . . . Das wäre ja so nichtswürdig, so niedrig, daß die bloße Voraussetzung . . . O, nein! Nicht wahr, ich habe nichts an mir, das mir Ihre Achtung versagte? Ihr kühnes Betragen . . . ich muß, ich muß es Ihnen verzeihen, weil ich Ihnen erlaubte . . . Antworten Sie mir, sprechen Sie doch, ich will Ihre Stimme hören! . . .« In den letzten Worten lag eine solche weibliche Ungeduld, daß ich unwillkührlich lächelte; zum Glücke fing die Dämmerung an einzubrechen . . . Ich erwiederte nichts.
»Sie schweigen?« fuhr sie fort: so wollen Sie vielleicht daß ich Ihnen zuerst sage, daß ich Sie liebe? . . .
Ich schwieg.
»Wollen Sie das?« fuhr sie, sich rasch zu mir wendend, fort . . . In der Entschlossenheit ihres Blickes und ihrer Stimme lag etwas Fürchterliches . . .
-- Wozu? antwortete ich mit den Achseln zuckend.
Sie schlug ihr Pferd mit der Peitsche und jagte mit verhängten Zügeln auf dem engen gefährlichen Wege dahin; dies war so rasch vor sich gegangen, daß ich sie kaum einholen konnte, und zwar erst als sie sich der übrigen Gesellschaft bereits angeschlossen hatte. Bis zu ihrem Hause blieb sie in einem Lachen und Sprechen; in ihren Bewegungen lag etwas Fieberhaftes; mich sah sie nicht ein einziges Mal an. Allen fiel diese ungewöhnliche Heiterkeit auf. Ihre Mutter freute sich innerlich, so oft sie auf ihr Töchterchen blickte, das Töchterchen hingegen hatte ganz einfach Nervenzucken: diese Nacht liegt sie schlaflos und in Thränen! Dieser Gedanke gewährt mir einen unaussprechlichen Genuß: es giebt Augenblicke in denen ich die Vampire begreife . . . Bis jetzt gelte ich noch immer für einen guten Jungen und beute diese Benennung aus!
Nachdem sie vom Pferde gestiegen war, begaben sich die Damen zur Fürstin; ich war tief aufgeregt und galloppirte in die Berge, um die Gedanken, die sich in meinem Kopfe drängten, zu zerstreuen. Der thauige Abend athmete besänftigende Kühle. Der Mond stieg hinter den dunkeln Bergspitzen empor. Jeder Schritt meines unbeschlagenen Pferdes fand im Schweigen der Schluchten sein Echo; beim Wasserfall hielt ich still mein Pferd zu tränken, sog gierig einigemal die frische Luft der südlichen Nacht ein, und begann den Rückweg. Ich ritt durch das Dörfchen. Die Lichter fingen an hier und da in den Fenstern zu erlöschen; die Wachen auf der Festung und die Kosaken der benachbarten Feldwachen riefen sich mit gedehnter Stimme an.
In einem der Häuser des Dörfchens, das am äußersten Ende des Hohlweges stand, bemerkte ich eine ungewöhnliche Beleuchtung; von Zeit zu Zeit ertönte ein lautes unzusammenhängendes Stimmengetön, an welchem ich ein militairisches Gelage erkannte. Ich stieg ab und schlich mich an's Fenster; eine nicht gut anschließende, vorgestellte Fensterlade erlaubte mir die Zecher wahrzunehmen und ihre Worte aufzufangen. Man sprach von mir.
Der Dragonerhauptmann, vom Weine erhitzt, schlug mit der Faust auf den Tisch und forderte die allgemeine Aufmerksamkeit:
»Meine Herren!« sagte er, »das hat keinen Sinn und Verstand. Dem Petschorin muß man einen Denkzettel geben. Diese Petersburger Flatterer bilden sich immer so viel ein, bis man ihnen eins derb auf die Nase giebt! Er bildet sich ein, daß er allein die Welt kennt, weil er immer reine Handschuhe und geputzte Stiefeln trägt. -- Und was er für ein aufgeblasenes Lächeln hat! Und dennoch bin ich überzeugt, daß er eine Memme -- eine recht feige Memme ist!«
»Ich glaube das auch,« sagte Gruschnitzki. »Er liebt es, sich durch einen Spaß aus der Schlinge zu ziehen. Ich habe ihm einmal solche Dinge gesagt, daß ein Anderer mich auf dem Flecke zu Boden gehauen hätte, aber Petschorin zog alles ins Lächerliche. Ich habe ihn natürlich nicht gefordert, denn das war seine Sache; aber er wollte durchaus nicht anbeißen . . .«
»Gruschnitzki ist böse auf ihn, weil er ihm die Fürstin abspenstig gemacht hat,« sagte Einer.
»Na, da bitte ich zu grüßen! Ich habe freilich der Fürstin ein wenig die Cour gemacht, indessen hab ichs gleich wieder dran gegeben, weil ich nicht heirathen will, und es gegen meine Grundsätze ist, ein junges Mädchen zu compromittiren.«
»Ja, ich gebe Ihnen die Versicherung, er ist die größte Memme, nämlich Petschorin und nicht Gruschnitzki, -- Gruschnitzki ist ein braver Junge, und außerdem mein innigster Freund!« sagte wiederum der Dragonerhauptmann. -- Meine Herren, nimmt ihn hier Niemand in Schutz? Keiner? Desto besser! Wollen wir einmal seine Courage auf die Probe stellen? Das wird Sie alle amüsiren . . .«
»Das wollen wir wohl; aber wie?«
»Ich habe einen Plan; hören Sie: Gruschnitzki ist besonders böse auf ihn; ihm kommt also die erste Rolle zu! Er zieht die erste beste Dummheit heran und fordert Petschorin zum Duell . . . Erlauben Sie, erlauben Sie: gerade hierin liegt der ganze Witz; -- und fordert Petschorin zum Duell. Gut! Alles dies -- die Herausforderung, die Vorbereitungen, die Bedingungen müssen so feierlich und schrecklich wie möglich gemacht werden, -- das übernehme ich; ich werde Dein Sekundant sein, armer Freund! Gut! Aber jetzt sollt Ihr sehen, wo der Knoten liegt: In die Pistolen laden wir keine Kugeln; ich stehe Ihnen dafür ein, daß Petschorin Furcht hat -- wir stellen sie sechs Fuß einander gegenüber; Hol's der Teufel! Sie sind damit einverstanden meine Herren?«
»Wundervoll ausgedacht! -- Vollkommen einverstanden? Und warum denn nicht?« ertönte es von allen Seiten.
»Und Du, Gruschnitzki?«
Mit Spannung harrte ich der Antwort Gruschnitzki's. -- Eine kalte Wuth durchzuckte mich bei dem Gedanken, daß ich ohne diesen Zufall diesen Narren ein Gegenstand des Spottes hätte werden können. Wenn Gruschnitzki nicht einwilligte, so hätte ich mich ihm an den Hals geworfen. Allein nach kurzem Schweigen erhob er sich von seinem Platze, streckte dem Hauptmann seine Hand entgegen und sagte mit vieler Wichtigkeit: »Gut, ich bin damit einverstanden.«
Das Entzücken der ganzen verehrlichen Gesellschaft läßt sich schwer beschreiben.
Ich kehrte nach Hause zurück, von zwei verschiedenartigen Gefühlen bewegt. Das eine war Traurigkeit -- »Warum hassen sie mich doch alle?« dachte ich, -- »warum? Habe ich irgend einem von ihnen etwas zu Leide gethan? Nein. Oder gehöre ich in die Reihe derjenigen Menschen, deren bloßer Anblick bereits Widerwillen erregt?« Und sodann fühlte ich, wie ein giftiger Grimm allmälig meine ganze Seele erfüllte. »Nehmen Sie sich in Acht, Herr Gruschnitzki!« rief ich aus, indem ich in meinem Zimmer auf und ab schritt: »so lasse ich mit mir nicht spielen. Der Beifall Ihrer stupiden Kameraden kann Ihnen theuer zu stehen kommen! Ich bin kein Spielzeug für Sie! . . .
Ich that die ganze Nacht kein Auge zu. Gegen Morgen war ich gelb wie eine Pomeranze.
Des Morgens früh begegnete ich der Fürstin am Brunnen.
»Sind Sie krank?« fragte sie, indem sie mich durchdringend anblickte.
-- Ich habe die Nacht nicht geschlafen.
»Ich auch nicht . . . Ich beschuldigte Sie . . . vielleicht . . . mit Unrecht? -- Aber so erklären Sie sich, ich kann Ihnen alles verzeihen . . .«
-- Alles?
»Alles . . . aber sagen Sie die Wahrheit, und schnell . . . Sehen Sie, ich habe hin und hergedacht, und mich bemüht, mir Ihr Betragen zu erklären, es zu entschuldigen; vielleicht fürchten Sie Hindernisse von Seiten meiner Familie . . . Das will nichts sagen: besonders wenn Sie erst wissen, -- (ihre Stimme fing an zu zittern) ich will sie schon erbitten. Oder sollte Ihre eigene Lage? O, so wissen Sie, daß ich Alles, Alles für den zu opfern bereit bin, den ich liebe . . . O, antworten Sie schnell, -- haben Sie Mitleid . . . Nicht wahr, Sie verachten mich nicht?«
Sie ergriff meine Hand.
Ihre Mutter ging mit Wära's Gemahl voran und sah von allem nichts; allein wir wurden von den spazierengehenden Kranken, den allerneugierigsten Klätschern aller Neugierigen, gesehen, und so befreite ich meine Hand schnell von ihrem leidenschaftlichen Drucke.
-- Ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« erwiederte ich der Fürstin; ich werde meine Schritte weder entschuldigen, noch erklären: Ich liebe Sie _nicht_.«
Ihre Lippen erbleichten.
»Verlassen Sie mich, sagte sie kaum hörbar.
Ich zuckte die Achseln, wandte mich um und ging fort.
Den 25. Juni.
Bisweilen verachte ich mich . . . kommt es vielleicht daher, daß ich auch die Andern verachte? . . . Ich war der edelmüthigen Regungen nicht fähig; ich fürchte mich, dadurch selbst lächerlich zu werden. Ein Anderer hätte an meiner Stelle der Fürstin son cocur et sa fortune angeboten; allein über mich hat das Wort _heirathen_ eine Art zauberischer Gewalt: wie leidenschaftlich ich auch ein Frauenzimmer liebe, sobald sie mir nur zu verstehen giebt, daß ich sie heirathen soll -- Adieu Liebe! mein Herz wird zu Stein, und nichts vermag es auf's Neue zu beleben. Zu allen Opfern bin ich bereit, nur nicht zu diesem; zwanzigmal lieber stelle ich mein Leben, ja meine Ehre auf die Karte, aber meine Freiheit verkaufe ich nicht. Weshalb halte ich sie für so kostbar? Was finde ich in ihr? Wohin flüchte ich mich dereinst? Was erwarte ich von der Zukunft? . . . In der That ganz und gar nichts. -- Es ist bei mir eine feindselige Furcht, ein unerklärliches Vorgefühl . . . Giebt es doch Leute, welche sich gegen ihren Willen vor Spinnen, Schaben und Mäusen fürchten . . . Und soll ich es ganz gestehen? Als ich noch ein Knabe war, legte ein altes Weib meiner Mutter über mich die Karte. Sie wahrsagte mir _Tod in Folge meiner bösen Frau_; das hat mich damals schon tief ergriffen; in meiner Seele entstand eine unüberwindliche Abneigung gegen die Ehe . . . Trotzdem sagt mir etwas, daß ihre Wahrsagung in Erfüllung gehen wird; aber Mühe will ich mir wenigstens geben, daß dies so spät wie möglich geschehe.
Den 26. Juni.
Gestern kam der Taschenspieler Apfelbaum hier an; An den Thüren der Restauration ist eine lange Affische angeschlagen, welche das hochverehrte Publikum benachrichtigt, daß der obengenannte berühmte Taschenspieler, Akrobat, Professor der Chemie und Optik, die Ehre haben wird, heute Abend um 8 Uhr im adligen Saale -- sonst Restauration -- eine brillante Vorstellung zu geben; Billete sind zu haben zum Preise von zwei und einem halben Rubel.
Alle haben sich verabredet, den berühmten Taschenspieler zu sehen; sogar die Fürstin Ligoffska, obgleich ihre Tochter krank ist, hat für sich ein Billet genommen.
Nach dem Mittagessen ging ich vor Wära's Fenster vorüber; sie saß allein auf dem Balkone; ein Zettelchen fiel vor meinen Füßen auf die Erde:
»Komm heut Abend um zehn Uhr zu mir; Du kannst die Paradentreppe heraufkommen; mein Mann ist nach Pätigorsk gereist und kehrt erst morgen früh zurück. Von meinen Leuten wird Niemand zu Hause sein, ich habe ihnen allen Billete gegeben, sogar denen der Fürstin. -- Ich erwarte Dich; komme unbedingt.«
-- Aha! dachte ich, endlich kommt es doch, wie ich es wünschte.
Um acht Uhr ging ich zum Taschenspieler. Das Publikum versammelte sich gegen das Ende der neunten Stunde; die Vorstellung begann. In den letzten Stuhlreihen erkannte ich die Lakaien und Kammermädchen Wära's und der Fürstin. Es fehlte auch nicht Einer. Gruschnitzki saß in der vordersten Reihe, mit seiner Lorgnette bewaffnet. Der Taschenspieler wandte sich stets an ihn, so oft er ein Schnupftuch, eine Uhr, einen Ring und dergl. mehr brauchte.
Gruschnitzki grüßt mich schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber heute sah er mich sogar recht frech an. Gut, ich werde Allem Rechnung tragen, wenn unser Abrechnungstermin wird gekommen sein.
Kurz vor zehn stand ich auf und ging.
Auf dem Hofe war es so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Schwere dunkle Gewölke hingen auf den Spitzen der nahen Berge; nur dann und wann rauschte ein ersterbendes Windchen in den Kronen der Pappeln, welche die Restauration umstehen; an den Fenstern drängte sich das Volk. Ich ging die Anhöhe hinab und, nachdem ich mich aus der Thür gestohlen hatte, ging ich raschen Schrittes voran. Plötzlich schien es mir, als hörte ich Jemanden hinter mir. Ich blieb stehen und blickte rund um mich. Es war unmöglich, in der Finsterniß irgend etwas zu erkennen; doch ging, ich, der Vorsicht wegen, gleichsam spazieren gehend, einige Male um das Haus. Als ich an den Fenstern der Fürstin vorüberging, hörte ich abermals Tritte hinter mir; ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ging eilig an mir vorüber. Dies fing an mich zu beunruhigen. Indessen gelangte ich an den Perron und eilte schnell die dunkle Treppe hinauf. Die Thür ging auf; eine kleine Hand ergriff die meinige . . .
»Es hat Dich doch Niemand gesehen?« flüsterte Wära leise, indem sie mich an sich zog.
-- Niemand.
»Glaubst Du jetzt, daß ich Dich liebe? O, ich habe lange geschwankt, lange mit mir selbst gekämpft . . . aber Du machst nun einmal alles aus mir, was Du willst . . .«
Ihr Herz schlug heftig, ihre Hände waren kalt wie Eis. Nun begannen die Vorwürfe der Eifersucht, die Klagen; sie forderte von mir, daß ich alles gestehen solle, und sagte, daß sie meine Treulosigkeit mit Ergebenheit ertragen würde, da sie ja nichts wolle als mein Glück einzig und allein. Ich glaubte nicht ganz daran, beruhigte sie indessen durch Schwüre, Versprechungen u. s. w. u. s. w.
»Also willst Du Mary nicht heirathen? Du liebst sie nicht? Und sie glaubt . . . weißt Du wohl, daß sie Dich bis zum Wahnsinn liebt, die arme Seele!« --
* * * * *
Gegen zwei Uhr Mitternacht öffnete ich das Fenster, knüpfte zwei Shawls zusammen, und glitt an den Säulen vom obern Balkon auf den niedern hinab. Bei der jungen Fürstin brannte noch Licht. Eine unsichtbare Macht fesselte mich an ihr Fenster. Der Vorhang war nicht ganz herabgelassen, so daß ich meinen neugierigen Blick im Innern des Zimmers herumschweifen lassen konnte. Mary saß im Bette aufrecht, die Arme über die Kniee gekreuzt; ihr volles Haupthaar war unter eine Nachthaube aufgeschürzt, die mit Spitzen garnirt war; ein großes Ponceau-Halstuch umhüllte ihre weißen Schultern, ihr kleines Füßchen war in bunten, persischen Pantoffeln versteckt. Sie saß unbeweglich, den Kopf auf die Brust gesenkt; neben ihr auf einem Tischchen lag ein aufgeschlagenes Buch; allein ihre Augen, unbeweglich und mit einem unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen schon zum hundertsten Male eine und dieselbe Seite zu überlaufen, während ihre Gedanken fern waren . . .