Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder

Part 11

Chapter 113,569 wordsPublic domain

-- Ich? Für nichts in der Welt zeige ich mich der Fürstin eher, als bis meine Uniform fertig ist.

»Wünschest Du, daß man ihr Deine Freude mittheile?«

-- Nein, ich bitte Dich, sprich ihr nichts davon . . . Ich will sie überraschen . . .

»So sage mir wenigstens, wie Deine Sachen mit ihr stehen?«

Er wurde verwirrt und nachdenkend; er hätte gern ein Bischen aufgeschnitten und sich wichtig gemacht, wenn er sich nicht ein Gewissen daraus gemacht hätte, und doch schämte er sich die Wahrheit zu gestehen.

»Ja, was meinst Du, liebt sie Dich?«

-- Ob sie mich liebt? Aber ich bitte Dich, Petschorin, was hast Du für Ideen! . . . Wie könnte das so schnell gehen? . . . Und gesetzt, es wäre dem so, wie könnte ein anständiges Frauenzimmer das sagen! . . .

»Gut! Nach Deiner Meinung soll nun wahrscheinlich ein Mann auch von seiner Leidenschaft schweigen? . . .«

-- Ach, Liebster, es kommt nur darauf an, wie man's anfängt. Vieles spricht man nie aus, sondern läßt es errathen. --

»Das ist schon recht . . . Indessen verpflichtet die Liebe, die wir in den Augen lesen, ein Frauenzimmer durchaus zu nichts, während Worte . . . Nimm Dich in Acht, Gruschnitzki, sie führt Dich an . . .«

-- Sie? antwortete er, die Augen zum Himmel erhebend und selbstgefällig lächelnd: Du thust mir leid, Petschorin!

Er ging.

An demselben Abend begab sich eine zahlreiche Gesellschaft zu Fuß nach dem Erdsturz. --

Nach der Meinung der hiesigen Gelehrten ist dieser Erdsturz nichts anders als ein erloschener Krater; er befindet sich am Abhange des Maschuk, ungefähr eine Werst von der Stadt. Ein enger Fußpfad führt zwischen Gesträuchern und Felsen dahin; als wir den Berg erstiegen, reichte ich der Fürstin meinen Arm, den sie während der ganzen Promenade nicht wieder fahren ließ.

Unser Gespräch begann mit übler Nachrede: ich fing an, alle An- und Abwesenden unserer Bekanntschaft herunter zu reißen, indem ich zuerst ihre schwachen, alsdann ihre schlechten Seiten hervorhob. Meine Galle gerieth in volle Thätigkeit. Ich fing scherzend an und endigte mit wirklicher Erbitterung. Anfangs belustigte sie es; zuletzt fing sie an zu erbeben.

»Sie sind ein gefährlicher Mensch!« sagte sie zu mir; »ich möchte lieber den Mördern im Walde unter's Messer fallen als unter ihre kleine Zunge, und ich bitte Sie in vollem Ernste: sollte es Ihnen jemals einfallen, Schlechtes von mir sagen zu wollen, lieber ein Messer zu nehmen und mich damit zu ermorden; -- ich glaube ohnedem, daß es Ihnen nicht schwer fallen würde.«

-- Sehe ich denn einem Mörder so ähnlich? . .

»Sie sind noch viel schlimmer . . .«

Ich blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, und sagte endlich zu ihr, indem ich eine tief gerührte Miene annahm: »Ja, das war mein Schicksal von Jugend auf; alle lasen auf meinem Gesichte die Kennzeichen schlechter Eigenschaften, die ich gar nicht besaß; aber man setzte sie voraus -- und sie kamen zum Vorschein. Ich war aufrichtig -- man beschuldigte mich der Falschheit: ich wurde versteckt: Ich fühlte tief das Gute und das Schlechte. -- Niemand hatte mich lieb, alle thaten mit weh -- ich wurde rachesüchtig; ich war finster, andere Kinder waren heiter und plauderhaft; ich fühlte mich über sie erhaben, -- man stellte mich unter sie: so wurde ich neidisch. Ich war bereit, die ganze Welt zu lieben -- Niemand wollte mich verstehen: so lernte ich hassen. So floß meine farblose Jugend im Kampfe mit mir und der Welt dahin; meine besten Gefühle verbarg ich in der Tiefe meines Herzens aus Furcht vor dem Grinsen der Ironie: dort sind sie nun erstorben. Ich redete die Wahrheit -- man versagte mir das Vertrauen: ich fing an zu täuschen. Da ich nun die Welt und die Sprungfedern der Gesellschaft so gut kennen gelernt hatte, so wurde ich in der Kunst zu leben bald erfahren, und sah, wie andere Leute ohne alle Kunst glücklich wurden, die sich ganz umsonst derjenigen Vortheile bedienten, welchen ich mit so unermüdlichem Fleiße nachjagte. Da tauchte in meiner Brust die Verzweiflung auf, -- nicht jene Verzweiflung, welche man mit dem Laufe einer Pistole kuriren kann, sondern eine kalte, ohnmächtige Verzweiflung, die unter der äußeren Liebenswürdigkeit und einem gutmüthigen Lächeln verborgen liegt. Ich wurde ein moralischer Krüppel: die eine Hälfte meiner Seele existirte gar nicht mehr; sie war vertrocknet, verdampft, abgestorben und so riß ich sie aus und warf sie fort, -- während die andere sich rührte und lebte Jedermann zu dienen, und Keiner dies bemerkte; weil Niemand von der Existenz der verloren gegangenen Hälfte etwas gewußt hatte; aber Sie haben jetzt die Erinnerung an sie wachgerufen und ich habe Ihnen ihre Grabschrift vorgelesen. Vielen Menschen scheinen alle Grabschriften insgesammt lächerlich; mir nicht, besonders, wenn ich daran denke, was unter ihnen begraben liegt. Uebrigens bitte ich Sie gar nicht etwa, meine Meinung zu theilen; lachen Sie immerhin, wenn Ihnen meine Darstellung der Sache lächerlich scheint: Ich benachrichtige Sie zuvor, daß mich das nicht im Geringsten beleidigen wird.

In diesem Augenblicke begegnete ich ihrem Blicke; in ihren Augen glänzten Thränen, ihr Arm, der sich auf den meinigen stützte, zitterte, ihre Wangen glühten, sie bedauerte mich! Das Mitgefühl -- dies Gefühl, dem sich die Frauen so leicht unterwerfen, streckte seine Klauen über ihr unerfahrenes Herz. Während der ganzen Promenade war sie zerstreut und kokettirte mit Niemand, -- ein wichtiges Zeichen!

Wir langten beim Erdfalle an; die Damen verließen ihre Kavaliere, sie ließ meinen Arm nicht fahren. Die Witze der hiesigen Dandies machten sie nicht irre. Der Abgrund der Untiefe, vor welchem sie stand, erschreckte sie nicht, während die andern Damen laut aufkreischten und sich die Augen bedeckten.

Auf dem Rückwege erneuerte ich unser trauriges Gespräch nicht, indessen gab sie mir auf meine leeren Fragen und Gaukeleien nur kurze und zerstreute Antworten.

-- Haben Sie schon geliebt? fragte ich zuletzt.

Sie sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, schüttelte das Köpfchen und verfiel wieder in tiefes Nachdenken; es war klar, daß sie etwas sagen wollte, aber nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Busen wogte . . . Wie konnte dem anders sein! Ein Gaze-Aermel ist ein geringer Schutz, und der elektrische Funke zuckte aus meinem Arme in -- den ihrigen: fast alle Leidenschaften fangen damit an, und wir täuschen uns sehr oft wenn wir glauben, daß ein Frauenzimmer uns wegen unserer moralischen oder physischen Vorzüge liebt; es ist wahr, diese bahnen uns den Weg, sie stimmen das Herz zur Aufnahme des heiligen Feuers -- nichtsdestoweniger entscheidet die erste Berührung jedesmal das ganze Verhältnis.

»Nicht wahr, ich bin heute sehr liebenswürdig gewesen?« sagte die Fürstin mit einem gezwungenen Lächeln zu mir, als wir von der Promenade zurückgekehrt waren.

Wir verließen einander.

Sie ist unzufrieden mit sich; sie klagt, sich selbst der Kälte an . . . O, dies ist der erste, der wichtigste Sieg! Morgen wird sie mich belohnen wollen. Das weiß ich alles schon im Voraus -- und das ist langweilig!

Den 12. Juni.

Heute sah ich Wära. Sie quälte mich mit ihrer Eifersucht. Die junge Fürstin war wahrscheinlich auf die Idee gekommen, ihr ihre Herzensgeheimnisse anzuvertrauen: eine glückliche Wahl, in der That!

»Ich errathe recht gut, wohin dies alles neigt,« sagte Wära zu mir: »sage mir jetzt lieber ganz einfach, daß Du sie liebst.«

-- Wenn ich sie nun aber nicht liebe?

»Wozu sie denn so verfolgen, beunruhigen und ihre Einbildungskraft so in Wallung bringen? . . . . O, ich kenne Dich durch und durch! Höre, wenn Du willst, daß ich Dir glauben soll, so kommst Du in ungefähr einer Woche nach Kislowodsk; wir ziehen schon übermorgen dahin. Die Fürstin wird hier noch länger bleiben. Miethe die Wohnung nebenan; wir werden im Halbgeschosse des großen Hauses nahe bei der Quelle wohnen; die Fürstin bezieht die untere Etage. Nebenan steht ein Haus desselben Wirthes, das noch nicht vermiethet ist. Du kommst doch?«

Ich versprach es und schickte noch denselben Tag dahin, die Wohnung für mich in Beschlag zu nehmen.

Gruschnitzki kam um sechs Uhr Abends zu mir und machte mir die Mittheilung, daß morgen, gerade zum Balle, seine Uniform fertig sein würde.

»Endlich werde ich mit ihr einen ganzen Abend hindurch tanzen . . . Da will ich mich einmal mit ihr recht satt reden,« fügte er hinzu.

-- Wann findet der Ball Statt?

»Morgen! Mein Gott, weißt denn Du das nicht? Es ist morgen ein großer Feiertag, und die hiesige Behörde hat es übernommen, den Ball zu arrangiren . . .«

-- Komm, laß uns nach dem Boulevard gehen . . .

»Für nichts in der Welt in diesem eckligen Mantel . . .«

-- Wie, so hast Du ihn nicht mehr lieb? . . .

Ich ging allein, und da ich zufällig der Fürstin Mary begegnete, engagirte ich sie zur Masurka. Sie schien erstaunt und erfreut.

»Ich dachte, Sie, tanzten nur aus Nothwendigkeit, wie das vergangene Mal,« sagte sie holdselig lächelnd.

Sie bemerkt, wie es scheint, die Abwesenheit Gruschnitzki's durchaus nicht.

-- Sie werden morgen angenehm überrascht werden, sagte ich zu ihr:

»Wodurch das?«

-- Das ist ein Geheimniß . . . auf dem Balle werden Sie es selbst errathen.

Den übrigen Theil des Abends brachte ich bei der Fürstin zu; Gäste waren nicht da, außer Wära und einem sehr, drolligen alten Männchen. Ich war aufgelegt und improvisirte verschiedene seltsame Geschichten. Die junge Fürstin saß mir gegenüber und hörte meinem Unsinne mit einer so tiefen, gespannten, ja, zärtlichen Aufmerksamkeit zu, daß es mir ordentlich zu Herzen ging. Wohin ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Koketterie; wohin ihre Launen, ihre herausfordernde Miene, ihr superbes Lächeln, ihr zerstreuter Blick?

Wära bemerkte alles; auf ihrem krankhaften Gesichte malte sich ein tiefer Kummer; sie saß im Schatten am Fenster, in einen breiten Lehnstuhl begraben . . . Sie that mir leid . . .

Da begann ich die ganze dramatische Geschichte unserer Bekanntschaft, unserer Liebe -- versteht sich unter veränderten Namen -- zu erzählen. Ich stellte meine Zärtlichkeit, alle meine Bekümmernisse, mein Entzücken so lebhaft dar, ich schilderte ihren Charakter und ihre Schritte in so vortheilhaften Farben, daß sie mir unwillkürlich meine Koketterie mit der Fürstin verzeihen mußte.

Sie stand auf setzte sich zu uns heran und wurde lebhafter. Erst gegen zwei Uhr erinnerten wir uns, daß die Doktoren befehlen, um eilf Uhr schlafen zu gehen.

Den 13. Juni.

Ungefähr eine halbe Stunde vor dem Balle war Gruschnitzki im vollen Glanze seiner Armee-Infanterie-Uniform zu mir gekommen. Mit dem dritten Knopfe war noch eine kleine bronzene Kette eingeknöpft, an welcher ein Doppellorgnon hing; die Epauletten von ungleicher Form standen in die Höhe wie ein Paar Amorsflügel. Seine Stiefeln krachten; in der linken Hand hielt er zimmetfarbige, hundelederne Handschuhe und seine Mütze, mit der rechten wühlte er in den kleinen Locken seines gekräuselten Haupthaares. Selbstzufriedenheit und zu gleicher Zeit eine gewisse Unsicherheit drückten sich in seinem Gesichte aus; sein sonntägliches Aussehen, sein stolzer Gang hätten mich laut lachen gemacht, wenn das mit meinen Absichten hätte übereinstimmen können.

Er warf seine Mütze und Handschuhe auf den Tisch und fing an, an den Schößen zu ziehen und sich vor dem Spiegel in Ordnung zu bringen: ein ungeheuer großes schwarzes Halstuch, über ein bereits sehr hohes Unterhalstuch gebunden, dessen Schweinsborsten sein Kinn in die Höhe hielten, guckte wohl um dreiviertel Zoll aus dem Kragen heraus; das schien ihm noch zu wenig: er zog es noch vollends bis an die Ohren in die Höhe; von dieser sauren Arbeit -- denn der Kragen war eng und unbequem -- füllte sich sein Gesicht ganz mit Blut an.

»Man sagt, Du habest dieser Tage meiner Fürstin ungeheuer die Cour gemacht?« sagte er ziemlich nachlässig und ohne mich anzublicken.

-- Wo haben wir schon Gänse mit einander gehütet! antwortete ich ihm, indem ich mich eines sehr beliebten volksthümlichen Sprichwortes bediente.

»Sag' mal, sitzt mir die Uniform gut? . . . Ach, der verfluchte Jude! . . . wie mich das unter den Armen schneidet! Hast Du keine Odeurs?«

-- Aber ich bitte Dich, wozu willst Du deren noch mehr? Du riechst so schon nach nichts als Rosenpomade . . .

»Das thut nichts; gieb nur her . . .«

Er goß sich ein halbes Glas ins Halstuch, Schnupftuch und in die Aermel.

»Wirst Du tanzen?« fragte er.

-- Ich glaube kaum.

»Ich fürchte, daß ich mit der Fürstin werde die Mazurka eröffnen müssen, -- und noch weiß ich fast nicht eine einzige Figur . . .«

-- Hast Du sie bereits zur Mazurka engagirt?

»Nein, noch nicht . . .«

-- Siehe zu, daß man Dir nicht zuvorkommt.

»Wirklich?« sagte er, indem er sich vor die Stirn schlug. »Adieu, ich will sie am Thorwege erwarten.« Er ergriff seine Mütze und eilte fort. Nach einer halben Stunde ging auch ich. Auf der Straße war es dunkel und leer; rund um das Restaurationsgebäude drängte sich das Volk; die Fenster waren erleuchtet. Die Töne der Militair-Musik wurden mir vom Abendwinde entgegengetragen. Ich ging langsamen Schrittes vorwärts; ich war traurig . . . Ist es möglich, dachte ich, daß meine einzige Bestimmung auf dieser Erde die wäre, die Hoffnungen anderer zu zerstören. Seit ich lebe und wirke, gebrauchte mich das Schicksal noch immer zur Entwickelung fremder Dramen, als ob ohne mich Niemand sterben oder in Verzweiflung gerathen könnte! Ich war noch immer eine nothwendige Person des fünften Aktes; unwillkührlich spielte ich die Rolle des Henkers oder des Verräthers. Welche Absicht hatte das Schicksal hierbei? Hätte es mich wohl gar zum Verfasser von bürgerlichen Trauerspielen und Familienromanen bestimmt? Oder zum Mitarbeiter der Novellenlieferanten für literarische Journale, wie z. B. die »Lesebibliothek«?[A] . . . Was strebe ich darnach es zu wissen? . . . Wie viele der Menschen giebt es nicht, die beim Beginn ihres Lebens hoffen, dasselbe wenigstens wie Alexander der Große oder Lord Byron zu endigen, und die dennoch ihr ganzes Leben lang nicht über den Titel eines Titularrathes hinauskommen? . . .

Als ich in den Saal getreten war, hielt ich mich hinter einer Menge Herren versteckt und fing an meine Beobachtungen zu machen. Gruschnitzki stand neben der jungen Fürstin und erzählte ihr etwas mit großer Lebhaftigkeit; sie hörte ihm zerstreut zu, blickte nach den Seiten und legte ihren Fächer an die Lippen; ihr Gesicht drückte Unzufriedenheit aus, ihre Augen suchten rundum etwas; ich ging sachte von hinten herum, um ihr Gespräch zu überhören. --

[Fußnote A: Ein übrigens anerkannt tüchtiges Journal, unter der Redaktion des Prof. Senkowski.]

-- Sie martern mich, Fürstin, sagte Gruschnitzki. Sie haben sich ungemein verändert, seit ich Sie zum letzten Male gesehen habe . . .

»Sie haben sich auch verändert,« antwortete sie, einen rapiden Blick auf ihn werfend, dessen versteckten Spott er nicht auffaßte.

-- Ich, ich hätte mich verändert? . . . O niemals! Sie wissen, daß dies unmöglich ist! Wer Sie nur einmal gesehen, der trägt auf ewig Ihr göttliches Bild in sich! --

»Ich bitte, schweigen Sie . . .«

-- Warum wollen Sie denn jetzt das nicht mehr anhören, wozu Sie mir noch unlängst ein geneigtes Gehör schenkten? . . .

»Weil ich Wiederholungen nicht liebe,« antwortete sie mit einem feinen Lächeln.

-- O, wie bitter habe ich mich getäuscht! Ich wähnte, daß diese Epauletten mir wenigstens das Recht verliehen, zu hoffen . . . Nein, es wäre mir besser gewesen ewig in jenem verachteten Soldatenmantel zu verbleiben, welchem ich vielleicht Ihre Auszeichnung einzig und allein verdankte . . .

»In der That, der Mantel stand Ihnen sehr gut . . .«

In diesem Augenblicke trat ich hervor und machte der Fürstin eine Verbeugung; sie erröthete leicht und sagte rasch:

»Nicht wahr, Monsieur Petschorin, der graue Mantel steht Monsieur Gruschnitzki bei weitem besser? . . .«

-- Ich bin nicht Ihrer Meinung, gnädige Fürstin, erwiederte ich, in der Uniform sieht er noch viel jugendlicher aus.

Gruschnitzki hielt diesen letzten Schlag nicht aus. »Wie alle Knaben, hat auch er die Prätension ein reifer Mann zu sein; er glaubt, daß auf seinem Gesichte die tiefen Spuren der Leidenschaften den Stempel der Jahre ersetzen.« Er warf mir einen wüthenden Blick zu, stampfte mit dem Fuße und entfernte sich.

-- Gestehen Sie, gnädige Fürstin, sagte ich zu ihr, daß, obgleich er immer höchst lächerlich war, er Ihnen doch jüngst noch interessant schien . . . im grauen Mantel? . . .

Sie schlug die Augen nieder und schwieg.

Gruschnitzki verfolgte die Fürstin den ganzen Abend; bald tanzte er mit ihr, bald war er ihr vis-à-vis; er verschlang sie mit den Augen, seufzte, und langweilte sie mit Bitten und Vorwürfen. Nach der dritten Quadrille haßte sie ihn bereits.

»Das hätte ich von Dir nicht erwartet,« sagte er, auf mich zukommend und mich am Arme fassend.

-- Was?

»Du wirst mit ihr die Mazurka tanzen?« fragte er mit siegender Stimme. »Sie hat es mir gestanden . . .«

-- Nun, und was weiter? Ist das etwa ein Geheimniß?

»Versteht sich . . . Ich hätte das von einem solchen Kinde, einer solchen Kokette wohl erwarten können . . . Aber ich werde mich schon rächen!«

-- Schäume gegen Deinen Mantel oder gegen Deine Epauletten -- warum denn gerade sie beschuldigen? Was kann sie dafür, wenn Du ihr nicht länger gefällst? . . .

»Warum gab sie mir dann Hoffnungen . . .?«

-- Warum gabst Du Dich Hoffnungen hin? Wünschen und nach etwas streben -- das begreife ich -- aber hoffen, hoffen! . . .

»Du hast die Wette gewonnen, nur noch nicht ganz,« sagte er tückisch lächelnd.

Die Mazurka begann. Gruschnitzki wählte zu allen Figuren nur die Fürstin, dasselbe thaten die übrigen Kavaliere: es war ein offenbares Einverständniß gegen mich; -- um so besser: sie will mit mir sprechen, man verhindert sie daran -- sie wird es nun doppelt so sehr wünschen.

Ich drückte ihr zweimal die Hand; beim zweiten Male zog sie dieselbe zurück, ohne ein Wort zu sagen.

»Ich werde diese Nacht schlecht schlafen,« sagte sie zu mir, als die Mazurka zu Ende ging.

-- Daran ist Gruschnitzki Schuld.

»O nein!« Ihr Antlitz war so nachdenklich, so trübe, daß ich mir das Wort gab ihr diesen Abend unbedingt die Hand zu küssen.

Der Ball fing an sich aufzulösen. Als ich die Fürstin in den Wagen hob, drückte ich rasch ihr kleines Händchen an meine Lippen. Es war dunkel, und Niemand konnte es gesehen haben.

Ich kehrte, höchst zufrieden mit mir selbst, in den Saal zurück. --

An einem großen Tische speisten die jungen Leute zu Nacht; zwischen ihnen auch Gruschnitzki. Als ich eintrat, schwiegen sie alle: es war klar, man hatte von mir gesprochen. Viele haben mich noch seit dem letzten Balle auf dem Korne, besonders der Dragonerhauptmann; jetzt aber hat sich offenbar eine feindliche Clique gegen mich zusammengerottet, die unter dem Kommando Gruschnitzki's steht. Er blickt so stolz und tapfer um sich. --

-- Mir sehr angenehm; ich liebe die Feinde, obgleich nicht im Sinne des Evangeliums: sie gewähren mir Zerstreuung und setzen mein Blut in Bewegung. Immer auf der Wache stehn, jeden Blick, die Bedeutung jedes Wortes erhaschen, die Absichten Anderer errathen, ihre Verabredungen zu nichte machen, den Getäuschten spielen und dann plötzlich mit einem Rucke das ganze ungeheure und mühselige Gebäude ihrer Ränke und Pläne über den Haufen werfen, -- das nenne ich Leben!!

Im Verlaufe des Abendessens zischelte Gruschnitzki mit dem Dragonerhauptmann und gab ihm verschiedene Winke.

Den 14. Juni.

Heute früh ist Wära mit ihrem Gemahle nach Kislowodsk abgereist. Ich begegnete ihrem Wagen, als ich mich eben zur Fürstin Ligoffska begab. Sie winkte mir mit dem Kopfe, in ihrem Blicke lag ein Vorwurf.

Wer ist Schuld an allem? Warum gewährt sie mir nicht die Gelegenheit sie allein zu sehen? Die Liebe wie das Feuer -- erlischt ohne Nahrung. Vielleicht bewirkt die Eifersucht, was meine Bitten nicht vermochten.

Ich saß eine volle Stunde bei der Fürstin. Mary kam nicht zum Vorschein, -- sie ist krank. Auf dem Boulevard erschien sie des Abends auch nicht. Die daselbst zusammengekommene Rotte, mit Lorgnetten bewaffnet, nahm in der That eine drohende Gestalt an. Ich war froh, daß die Fürstin krank war: sie würden ihr irgend einen Affront angethan haben. Gruschnitzki's Haar war in wilder Unordnung, seine Miene eine verzweifelte. Wie es scheint, ist er wirklich tief angegriffen, besonders fühlt er sich in seiner Eigenliebe schwer verletzt; es giebt nun aber einmal Leute, an denen alles lächerlich ist, sogar die Verzweiflung! --

Nach Hause zurückgekehrt, bemerkte ich, daß mir heute etwas fehlt. _Ich habe sie nicht gesehen! Sie ist krank!_ Sollte ich in der That verliebt sein? . . . Was für Unsinn!

Den 15. Juni.

Um eilf Uhr Morgens, -- nämlich zur Zeit, in welcher die Fürstin Ligoffska gewöhnlich in der Jermoloff'schen Badewanne schwitzt, -- ging ich an ihrem Hause vorbei. Mary saß nachdenklich am Fenster; als sie mich sah, fuhr sie auf. --

Ich trat ins Vorzimmer; da ich keinen Lakai daselbst antraf, so benutzte ich die hiesigen freien Gebräuche und begab mich unangemeldet ins Wohnzimmer.

Eine trübe Blässe bedeckte das holde Gesicht der Fürstin. Sie stand am Fortepiano und stützte sich mit der einen Hand auf die Lehne eines Sessels; diese Hand zitterte unmerklich. Ich ging leise auf sie zu und sagte:

-- Zürnen Sie mir, gnädige Fürstin? . . .

Sie heftete einen düstern, tiefen Blick auf mich und schüttelte das Haupt; ihre Lippen wollten einige Worte hervorbringen, vermochten es aber nicht; ihre Augen füllten sich mit Thränen; sie ließ sich in den Lehnstuhl gleiten und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

-- Was ist Ihnen, Fürstin? sagte ich, und ergriff ihre Hand.

»Achten Sie mich denn gar nicht? . . . O! verlassen Sie mich! . . .«

Ich machte einige Schritte . . . Sie richtete sich im Sessel auf, ihre Augen funkelten . . .

Ich blieb an der Thür, die Klinke in der Hand, stehen und sagte:

-- Verzeihen Sie mir, gnädige Fürstin! Mein Verfahren ist das eines Wahnsinnigen . . . es soll nicht wieder vorkommen, ich werde meine Maßregeln darnach treffen . . . Was ginge Sie auch Das an, was bisher in meiner Seele vorgegangen? Sie sollen es niemals erfahren, es ist soviel besser für Sie; leben Sie wohl!

Beim Hinausgehen kam es mir vor, als hörte ich sie schluchzen. Ich trieb mich bis zum Abende zu Fuß in den Umgebungen des Maschuk herum, ermüdete mich fürchterlich und warf mich, sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, in vollkommener Abspannung auf's Bett.

Doktor Werner besuchte mich.

»Ist es wahr, daß Sie sich mit der jungen Fürstin Ligoffska vermählen?«

-- Wie so?

»Die ganze Stadt sagt es; alle meine Kranken sind mit dieser wichtigen Neuigkeit beschäftigt; diese Kranken, das ist die rechte Sorte, die wissen alles!«

Das ist ein Streich von Gruschnitzki, dachte ich.

-- Um Ihnen, lieber Doktor, die Unwahrheit dieser Gerüchte zu widerlegen, theile ich Ihnen als Geheimniß mit, daß ich morgen nach Kislowodsk übersiedele.

»Und die Fürstin?«

-- Sie bleibt noch eine Woche hier . . .

»Also verheirathen Sie sich nicht?«

-- Doktor, Doktor! Sehen Sie mich doch nur an: sehe ich wohl einem Bräutigame oder so etwas im Geringsten ähnlich?