Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder
Part 10
»Diese junge Fürstin ist ein unausstehliches Jüngferchen! Stellen Sie sich vor, sie hat mich gestoßen und nicht einmal um Entschuldigung gebeten, sich vielmehr noch umgekehrt und mich lorgnettirt . . . C'est impayable! Und worauf bildet sie sich so viel ein? Der müßte man einmal einen Denkzettel geben.«
-- Daran soll es ihr nicht fehlen; entgegnete ihr der dienstfertige Kapitain und begab sich in ein anderes Zimmer.
Ich ging sogleich auf die Fürstin zu und forderte sie zum Walzen auf, den hiesigen freien Gebräuchen gemäß, die einem erlauben, mit Damen, denen man zuvor nicht vorgestellt war, zu tanzen.
Sie konnte sich kaum bezwingen ein Lächeln zurückzudrängen und ihren Triumph zu verbergen; indessen gelang es ihr noch schnell genug, eine vollkommen gleichgültige, ja sogar strenge Miene anzunehmen. Sie lehnte nachlässig ihren Arm auf meine Schulter, bog ihr Köpfchen etwas auf die Seite, -- und wir begannen.
Ich kenne keine reizendere, zartere Taille! Ihr frischer Athem streifte über mein Gesicht; bisweilen spielte eine im wirbelnden Fluge des Walzers losgelöste Locke auf meiner glühenden Wange . . . Ich machte drei Touren (sie walzt wunderbar leicht!). Sie war ganz außer Athem, ihre Augen waren ihr wie verwirrt; kaum konnten ihre halbgeöffneten Lippen das herkömmliche: merci, monsieur! hervorbringen. Nach einigen Minuten tiefen Stillschweigens von meiner Seite sagte ich, indem ich die bescheidenste Miene machte:
-- Ich habe gehört, meine Fürstin, daß, obgleich ich Ihnen völlig fremd bin, ich dennoch das Unglück hatte ihre Ungnade zu verdienen . . . daß Sie mein Betragen befremdete . . . Wäre es möglich?
»Wie es scheint, wünschen Sie, daß ich Sie in dieser Meinung bestätige,« antwortete sie mit einem ironischen Zuge, der ihrer beweglichen Physiognomie übrigens recht wohl ansteht.
-- Wenn ich die Kühnheit hatte, Sie irgendwie zu beleidigen, so erlauben Sie mir die noch viel größere, Sie um Verzeihung zu bitten. Ich wünsche in der That Ihnen zu beweisen, daß Sie sich in Betreff meiner sehr geirrt haben.
»Es möchte Ihnen doch etwas schwer werden . . .«
-- Und warum das?
»Weil Sie unser Haus nie besuchen und diese Bälle sich wahrscheinlich nicht oft wiederholen werden.«
-- Das heißt, dachte ich bei mir selbst, daß ihre Thüren mir auf ewig verschlossen sind. -- Wissen Sie wohl, Fürstin, sagte ich mit einem Anflug von Bedauern, daß man nie einen reuigen Sünder verwerfen muß, weil er aus Verzweiflung doppelt so schuldig werden kann, und dann . . .
Ein lautes Gelächter und Zischeln der uns Umstehenden veranlaßte mich, mich umzudrehen und meine Phrase zu unterbrechen. In der Entfernung von einigen Schritten stand eine Gruppe von Männern, unter denen sich auch der Dragoner-Hauptmann befand, welche ihre feindlichen Absichten gegen die schöne Fürstin offen kund gaben. Der Hauptmann besonders schien mit etwas sehr zufrieden zu sein, rieb sich die Hände, lachte laut auf und winkte seinen Genossen zu. Plötzlich erschien aus ihrer Mitte ein Herr im Fracke, mit langem Schnurrbart und rothem Gesichte, welcher seine unsicheren Schritte gerade auf die Fürstin zulenkte; er war betrunken.
Als er vor der erbebenden Fürstin mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen stillstand und seine umnebelten, grauen Augen auf sie richtete, hob er mit falscher Diskantstimme an:
»Permettez! Ei was Ceremonien! ich engagire Sie hiermit zur Mazurka!« --
-- Was ist Ihnen gefällig, sagte sie mit zitternder Stimme, indem sie einen hülferufenden Blick um sich warf. Leider hatte sich ihre Mutter entfernt und keiner der ihr bekannten Kavaliere war in der Nähe; ein Adjutant zwar schien Alles zu sehen, was vorging, verbarg sich aber in dem großen Haufen, um nicht in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden.
»Wie?« sagte der betrunkene Herr, welcher dem Dragoner-Hauptmann zuwinkte, der ihn seinerseits durch Zeichen ermuthigte, »so ist's Ihnen nicht gefällig? ich habe nochmals die Ehre, Sie pour Mazurek zu engagiren . . . . Sie glauben vielleicht, ich bin betrunken? Das ist nichts! im Gegentheil, ich kann Ihnen versichern . . .«
Ich sah, daß sie nahe daran war, vor Furcht und Unwillen in Ohnmacht zu fallen.
Ich ging an den betrunkenen Herrn heran, faßte ihn ziemlich fest am Arme und bat ihn, indem ich ihm fest ins Auge blickte, sich zu entfernen, weil, fügte ich hinzu, die Fürstin mir schon längst versprochen habe, die Mazurka mit mir zu tanzen.
»Nun, auch gut, auf'n andermal,« sagte er grinsend und entfernte sich mit seinen Gefährten, welche ihn in ein anderes Zimmer zogen.
Ein wunderbarer, seelenvoller Blick war mein Lohn.
Die Fürstin ging sogleich zu ihrer Mutter und erzählte ihr Alles; diese suchte mich sogleich auf und drückte mir ihre Dankbarkeit aus; sie erklärte mir, daß sie meine Mutter kenne und mit einem halben Dutzend meiner Tanten befreundet sei.
»Ich weiß nicht, wie es geschah, daß wir mit Ihnen bis jetzt noch nicht bekannt sind,« fügte sie hinzu, »aber gestehen Sie, daß Sie selbst daran Schuld sind; Sie fliehen alle Menschen so, daß man gar nicht weiß, was man daraus machen soll. Ich hoffe, daß die Luft meines Salons ihren Spleen vertreiben wird, nicht wahr?«
Ich antwortete ihr mit einer jener Redensarten, welche ein jeder in ähnlichen Fällen bereit haben muß.
Die Quadrille zog sich schrecklich in die Länge.
Endlich ertönte die Mazurka, wir setzten uns in die Reihen.
Ich spielte weder auf den betrunkenen Herrn, noch auf mein früheres Betragen, noch auf Gruschnitzki an. Der unangenehme Eindruck der vorangegangenen Scene fing allmälig an sich zu verwischen; ihr Gesichtchen blühte wieder auf; sie scherzte sehr sinnig; ihre Unterhaltung war geistreich, ohne alle Prätension, lebhaft und beredt; ihre Bemerkungen bisweilen recht treffend. Ich gab ihr in einer sehr verwickelten Phrase zu verstehen, daß sie mir schon längst gefiele. Sie senkte das Köpfchen und eine leichte Röthe verbreitete sich über ihr Antlitz. --
»Sie sind ein seltsamer Mann!« begann sie hierauf, indem sie ihre Sammetaugen auf mich richtete und gezwungen lächelte.
-- Ich suchte deshalb Ihre Bekanntschaft nicht, fuhr ich fort, weil Sie ein zu dichter Kreis von Verehrern bereits umgiebt und ich befürchten mußte, vollkommen unter diesen zu verschwinden.
»Sie befürchteten das umsonst; sie sind alle unausstehlich langweilig.«
-- Alle! Wäre es möglich . . . Alle?
Sie blickte mir scharf ins Auge, als ob sie sich bemühe, sich etwas ins Gedächtniß zurückzurufen, worauf sie abermals erröthend mit fester Stimme sagte: »_Alle!_«
-- Selbst mein Freund Gruschnitzki?
»Ist er auch Ihr Freund?« sagte sie, indem sie den Zweifel durch ihre Frage blicken ließ.
-- Das ist er.
»Nun freilich, er gehört nicht in die Reihe der Lästigen . . .«
-- Aber wohl in die Reihe der Unglücklichen, sagte ich lächelnd.
»Gewiß! Ist Ihnen das lächerlich? Ich möchte Sie wohl einmal an seiner Stelle sehen . . .«
-- Wie so? Ich bin seiner Zeit auch einmal Junker gewesen und muß gestehen, daß dies die glücklichste Zeit meines Lebens war!
»Ist er denn Junker? . . .« sagte sie rasch, »ich meinte . . .«
-- Was meinten Sie?
»Nichts, nichts! -- Wer ist doch jene Dame?«
Das Gespräch nahm nun eine andere Richtung und kehrte auf diesen Gegenstand nicht wieder zurück.
Die Mazurka war beendigt und wir gingen auseinander -- auf Wiedersehn!
Die Damen fuhren nach Hause. Ich ging zum Abendessen und begegnete Werner.
»Aha!« sagte er, »sind Sie das? Und wollten doch die Bekanntschaft der Fürstin nicht anders machen, als indem sie sie von einem sichern Tode erretteten!«
-- Ich habe mehr gethan, erwiederte ich ihm; ich habe sie vor einer Ohnmacht auf dem Balle gerettet! . . .
»Wie so das? Erzählen sie doch.«
-- Nein, das mögen Sie errathen, der Sie ja doch Alles auf der Welt errathen.
Den 30. Mai.
Gegen sieben Uhr Abends ging ich auf dem Boulevard spazieren. Gruschnitzki, der mich von fern kommen sah, kam auf mich zu; in seinen Augen leuchtete ein lächerlicher Enthusiasmus. Er drückte mir kräftig die Hand und sagte mit tragischer Stimme:
»Ich danke Dir, Petschorin . . . Du verstehst mich? . . .«
-- Aufrichtig gesagt: nein; doch in jedem Falle bedarf es durchaus keines Dankes, erwiederte ich ihm, da ich mich einer Dir erwiesenen Wohlthat nicht recht erinnern kann. --
»Wie, und gestern? hast Du denn ganz vergessen? Mary hat mir alles wiedererzählt . . .«
-- So, so also zwischen Euch ist jetzt schon alles gemein? sogar die Dankbarkeit? . . .
»Höre,« sagte Gruschnitzki sehr wichtig, »ich bitte Dich, scherze nicht über meine Liebe, wenn Du mein Freund bleiben willst . . . Siehst Du, ich liebe sie bis zum Wahnsinn, und ich meine, ich hoffe, sie liebt mich auch . . . Ich habe eine Bitte an Dich. Du wirst heute Abend dort sein; versprich mir alles zu beobachten: ich weiß, daß Du darin Meister bist und die Weiber besser kennst als ich . . . Die Weiber! Die Weiber! Wer kann sie je verstehen? Ihr Lächeln widerspricht ihren Blicken, ihre Worte versprechen und locken an, während der Ton ihrer Stimme wieder zurückstößt . . . Bald errathen sie unsere geheimsten Gedanken, bald verstehen sie die sichtbarsten Zeichen nicht . . . So z. B. die Fürstin: gestern noch sprühten ihre Augen vor Leidenschaft, so oft sie auf mir ruhten, und heute sind sie umwölkt und kalt.« --
-- Vielleicht geschieht dies in Folge der Wirkungen des Wassers? entgegnete ich ihm.
»Du siehst auch in Allem nur die schlechte Seite . . . Materialist,« fügte er verächtlich hinzu. »Uebrigens, laß uns von etwas anderem sprechen,« und mit einem abgedroschenen, schalen Calembour versetzte er sich wieder in heitere Laune.
Gegen neun Uhr begaben wir uns zusammen zur Fürstin.
Als ich an den Fenstern Wäras vorüberging, sah ich sie in der Fensterbrüstung sitzen. Wir warfen uns einen verstohlenen Blick zu; bald nach uns erschien auch sie in dem Gastzimmer der Fürstin, die mich ihr als einen weitläuftigen Verwandten vorstellte. Man trank Thee; der Gäste waren viele, das Gespräch ein allgemeines. Ich war bemüht der Fürstin zu gefallen, ich scherzte und machte sie einige Male recht herzlich lachen. Die junge Fürstin hätte wohl auch manchmal gern mitgelacht, allein sie nahm sich zusammen, um nicht aus ihrer angenommenen Rolle zu fallen: sie findet nämlich: daß ein düsteres Wesen ihr wohl steht und hat vielleicht nicht so Unrecht. Auch Gruschnitzki schien sehr damit zufrieden, daß meine Lustigkeit sie nicht ansteckte.
Nach dem Thee begab man sich in den großen Salon.
»Bist Du mit meiner Folgsamkeit zufrieden, liebe Wära?« fragte ich sie, als ich an ihr vorüberging.
Sie warf mir einen Blick der Liebe und Dankbarkeit zu. Ich bin an solche Blicke gewöhnt, doch gewährten sie mir einstmals die reinste Seligkeit. Die Fürstin ließ ihre Tochter ans Piano gehen: alle bestürmten sie mit Bitten, ein Liedchen vorzutragen; -- ich schwieg und begab mich, dies augenblickliche Durcheinander benutzend, an's Fenster zu Wära, die mir etwas für uns beide ganz besonders Wichtiges mitzutheilen hatte . . . Was kam heraus? Unsinn.
Unterdessen war der Fürstin meine Gleichgültigkeit sehr empfindlich, wie ich das an einem erzürnten, strahlenden Blicke leicht errathen konnte . . . O, ich verstehe wunderbar diese stumme aber ausdrucksvolle, kurze aber kräftige Sprache! . .
Sie sang. Ihre Stimme ist nicht übel, es fehlt ihr aber an Schule . . . übrigens habe ich kaum hingehört. Dahingegen verschlang sie Gruschnitzki, der sich völlig auf das Royal legte, mit den Augen, und rief ein Mal über das andere mit halber Stimme: charmant! délicieux!
»Höre,« sagte Wära zu mir, »ich will nicht, daß Du mit meinem Manne Bekanntschaft machst, dahingegen verlange ich unbedingt, daß Du der Fürstin zu gefallen strebst; das ist Dir ein Leichtes, Du kannst alles, was Du nur willst. Wir können uns nur hier sehen . . .«
-- Nur? . . .
Sie erröthete und fuhr fort: »Du weißt, daß ich Deine Sklavin bin, daß ich Dir niemals zu widerstreben vermochte . . . und ich werde meinen Lohn dafür schon erhalten: Du wirst aufhören mich zu lieben. Aber meinen Ruf muß ich doch zu erhalten suchen -- Du weißt recht gut, daß es nicht meinetwegen geschieht! O, ich flehe Dich an, quäle mich nicht wieder, wie früher, mit leeren Zweifeln und einer erzwungenen Kälte: ich sterbe wohl bald, denn ich fühle, wie ich von Tag zu Tage abnehme . . . und doch kann ich an das künftige Leben nicht denken, sondern meine Gedanken weilen immer bei Dir. Ihr Männer könnt den Genuß eines Blickes, eines Händedruckes nicht verstehen . . . während ich -- ich schwöre es Dir -- wenn ich Deine Stimme höre, eine tiefergreifende, seltsame Seligkeit empfinde, welche selbst die glühendsten Küsse nicht ersetzen können.«
Unterdessen hatte die Fürstin Mary aufgehört zu singen. Laute Lobeserhebungen ertönten rund um sie; ich war der letzte, der zu ihr heranging und ihr etwas über ihre Stimme sagte. Ich that es ziemlich gleichgültig.
Sie machte eine kleine Grimasse, indem sie die Unterlippe etwas nach vorn bewegte, und nahm sich überhaupt sehr lächerlich aus.
»Es ist mir dies um so schmeichelhafter,« sagte sie, »als Sie mich gar nicht gehört haben; aber vielleicht lieben Sie die Musik gar nicht.«
-- Im Gegentheil . . . besonders nach Tische.
»So hat Gruschnitzki Recht, wenn er sagt, daß Sie einen sehr prosaischen Geschmack haben . . . und ich sehe, daß Sie die Musik nur in gastronomischer Beziehung lieben.«
-- Sie sind nochmals im Irrthum, ich bin durchaus kein Gastronom, denn ich habe einen sehr verdorbenen Magen. Aber nach Tische schläfert einen die Musik ein und es soll gesund sein, nach dem Essen zu schlafen: folglich liebe ich die Musik in medizinischer Beziehung. Abends hingegen greift sie meine Nerven zu sehr an und ich werde entweder zu melancholisch oder zu ausgelassen. Das eine wie das andere ist entsetzlich ermüdend, wenn man keine bestimmte Ursachen hat sich zu härmen oder zu freuen; außerdem erscheint die Melancholie in Gesellschaft immer lächerlich und eine zu große Ausgelassenheit nicht wohlanständig.
Sie hörte mich nicht aus, ging fort, setzte sich neben Gruschnitzki und es entspann sich alsbald zwischen ihnen ein recht sentimentales Gespräch; wie es schien, antwortete aber die Fürstin auf seine weisen Phrasen ziemlich zerstreut und unzusammenhängend, obgleich sie sich Gewalt anthat, ihm zu zeigen, daß sie ihm mit Aufmerksamkeit zuhöre, denn bisweilen blickte er sie erstaunt an, bemüht, die Ursache dieser innern Aufregung zu errathen, die sich bisweilen in ihrem unruhigen Blicke verrieth . . .
Ich aber, holde Fürstin, habe Sie längst durchschaut, nehmen Sie sich wohl in Acht! Sie wollen mich mit derselben Münze bezahlen und meine Eigenliebe verwunden, -- das soll Ihnen nicht gelingen; sollten Sie mir aber gar den Krieg erklären, so würde ich schonungslos sein!
Im Verfolg des Abends bemühte ich mich absichtlich zu wiederholten Malen, mich in ihr Gespräch zu mischen; sie nahm aber meine Bemerkungen ziemlich trocken auf und ich entfernte mich zuletzt, mit verstelltem Aerger. Die Fürstin jubelte; ebenso Gruschnitzki. Jubelt nur, meine Freunde, und thut es bald! Ihr sollt früh genug aufhören zu jubeln! Es wird gewiß so kommen, meine Ahnung trügt mich nicht! So oft ich noch mit einem Frauenzimmer bekannt wurde, errieth ich stets, ohne je zu irren, ob sie mich lieben würde oder nicht.
Den Rest des Abends brachte ich an Wära's Seite zu und sprach mich mit ihr über die vergangenen Zeiten recht satt. Warum sie mich so lieb hat? ich weiß es wahrhaftig, nicht, um so weniger, als sie das einzige Weib ist, welche mich vollkommen verstand, mit allen meinen kleinen Schwächen und niedrigen Leidenschaften . . . Oder wäre gar das Böse so anziehend? . . .
Ich verließ mit Gruschnitzki das Haus; auf der Straße faßte er mich unter den Arm und begann endlich nach längerem Schweigen:
»Nun, was sagst Du nun?«
-- Du bist ein Narr, hätte ich ihm antworten mögen; aber ich hielt mich zurück und zuckte nur mit den Achseln. --
Den 6. Juni.
Alle diese Tage über bin ich nicht ein einziges Mal von meinem System abgewichen. Die Fürstin fängt an Gefallen an meiner Unterhaltung zu finden; ich erzählte ihr einige der seltsamen Begebenheiten meines Lebens und sie beginnt in mir einen ungewöhnlichen Menschen zu sehen. Ich lache über alles auf der Welt, besonders über die Gefühle: dies fängt an sie zu erschrecken. Sie wagt es nicht mehr, sich in meiner Gegenwart mit Gruschnitzki in sentimentale Debatten einzulassen und antwortete schon mehrmals auf seine Ausfälle mit einem spöttischen Lächeln; so oft sich Gruschnitzki ihr nur nähert, nehme ich ein ehrerbietiges, diskretes Wesen an und ziehe mich von ihnen zurück; das erste Mal war sie erfreut darüber, oder bemühte sich wenigstens so zu scheinen; das zweite Mal aber ärgerte sie sich über mich; das dritte Mal über Gruschnitzki.
»Sie haben außerordentlich wenig Selbstliebe!« sagte sie gestern zu mir. Warum glauben Sie denn, daß ich mich mit Gruschnitzki lieber unterhalte?«
Ich entgegnete ihr, daß ich dem Glücke meines Freundes mein eigenes Vergnügen gern aufopfere . . .
»Und das meinige auch,« fügte sie hinzu.
Ich blickte sie starr an und machte eine sehr ernste Miene. Hierauf sprach ich den ganzen Tag kein Wort mit ihr . . . Am Abende war sie sehr nachdenklich, und heute morgen am Brunnen noch viel nachdenklicher. Als ich mich ihr näherte, hörte sie nur zerstreut auf Gruschnitzki, der sich, wie es schien, in Entzückungen über die Natur erging; kaum bemerkte sie mich, so begann sie laut zu lachen (und zwar durchaus mal à propos), um damit zu zeigen, als habe sie mich gar nicht bemerkt. Ich ging an ihr vorüber und beobachtete sie unbemerkt aus der Ferne: sie wandte sich von ihrem Gesellschafter ab und gähnte zweimal. Gruschnitzki langweilt sie also ganz bestimmt. Noch während zweier Tagen werde ich nicht mit ihr sprechen.
Den 10. Juni.
Ich frage mich öfter, woher es kommt, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit der Liebe eines jungen Mädchens nachjage, die ich weder verführen will noch jemals zu heirathen beabsichtige. Wozu diese weibische Koketterie? Wära liebt mich besser, als die Fürstin Mary mich jemals lieben wird; hätte sie mir nun noch wenigstens eine unüberwindliche Schöne geschienen, so wäre ich vielleicht von der Schwierigkeit des Unternehmens angestachelt worden . . . .
Dem ist aber nicht so! Folglich ist es nicht jenes, unruhige Bedürfniß nach Liebe, welches uns in den ersten Jünglingsjahren so martert, und uns von dem einen Weibe zum andern wirft, bis wir auf eine solche stoßen, die uns nicht ausstehen kann: nun beginnt unsere Beständigkeit -- die wahre, unendliche Leidenschaft, welche man mathematisch mit einer Linie vergleichen kann, die von einem gegebenen Punkte sich in die Unendlichkeit erstreckt; das Geheimniß dieser Unendlichkeit ruht nur in der Unmöglichkeit, das Ziel, nämlich das Ende, erreichen zu können.
Warum aber mache ich mir so viel damit zu thun? Aus Neid gegen Gruschnitzki? Der Schlucker! er ist dessen gar nicht werth. Oder ist es in Folge jenes garstigen, aber unüberwindlichen Gefühles, welches uns die süßen Verirrungen unseres Nächsten zu vernichten antreibt, damit wir, wenn er uns verzweiflungsvoll frägt, wem man nun noch trauen könne, die niedrige Genugthuung haben mögen, ihm zu antworten:
-- Mein Freund, es ist mir grade so ergangen, und doch siehst Du, daß ich zu Mittag und zu Abend speise, wunderschön schlafe und hoffe, dereinst ohne Klagen und Thränen zu versterben.
Doch verhehlen wir es uns nicht, es liegt ein unermeßlicher Genuß in der Herrschaft über eine jugendliche, dem Leben kaum erschlossenen Seele! Sie ist einer Blume gleich, deren süßestes Aroma dem ersten Sonnenstrahle entgegenduftet; in dieser Minute muß man sie pflücken und sich sattsam daran weiden. Dann werfe man sie immerhin auf den Weg, es wird sich wohl noch Jemand finden, der sie aufnimmt! Ich fühle in mir eine unersättliche Gier, die alles verschlingt, was mir in den Weg kommt; die Leiden und Freuden der andern betrachte ich nur insofern, als sie Bezug auf mich haben, wie eine Speise, welche meine Seelenkräfte aufrecht erhält. Ich selbst bin nicht mehr im Stande unter dem Einflusse der Leidenschaften den Verstand zu verlieren; mein Ehrgefühl wurde durch äußere Umstände zurückgedrängt, es erschien aber bald wieder in einer andern Gestalt; denn was ist das Ehrgefühl anders als der Durst nach Macht -- meine höchste Genugthuung aber ist: meinem Willen alles zu unterwerfen, was mich umgiebt; wenn man nun das Gefühl der Liebe, der Hingebung, der Furcht in andern erweckt -- was ist denn dies anders als das erste Zeichen, als der höchste Sieg der Macht? Ist es nicht die süßeste Nahrung unseres Stolzes, für irgend Jemand der Grund des Leidens und der Wonne zu sein, ohne, ein bestimmtes Recht dazu zu haben? Was heißt Glück!? Der gesättigte Stolz. -- Dürfte ich mich für besser und mächtiger halten als alle Menschen auf der Welt, so würde ich glücklich sein; wenn alle Menschen mich liebten, so würde ich auch die unversieglichen Quellen der Liebe in mir wahrnehmen. Das Böse erzeugt das Böse; das erste Leiden erweckt in uns das Verständniß von dem Genusse, einen andern zu quälen. Die Idee des Bösen konnte das menschliche Gehirn nicht durchdringen, ohne daß es nicht auch suchte, sie zur wirklichen Ausführung zu bringen. Die Ideen, sagte Jemand, sind organische Wesen, ihre bloße Empfängniß verleiht ihnen auch schon ihre Gestalt, und diese Gestalt ist die That; derjenige, in dessen Haupte die meisten Ideen entsprangen, hat auch mehr als andere gewirkt. Daher muß das Genie, das an den Büreautisch gefesselt ist, entweder sterben oder wahnsinnig werden, gerade so wie ein Mensch von mächtigem Körperbau bei einer sitzenden Lebensart und strenger Keuschheit am Schlagflusse sterben muß.
Die Leidenschaften sind nichts anders als Ideen in ihrer ersten Gestalt-Entwickelung; sie sind das Eigenthum der Herzensjugend, und ein Thor ist der, welcher glaubt das ganze Leben von ihnen bewegt zu werden: viele ruhige Ströme fangen als tobende Wasserfälle an, aber auch nicht einer von ihnen schäumt und braust bis zu seinem Ausfluß ins Meer. Aber auch diese Ruhe ist wiederum häufig das Wahrzeichen einer gewaltigen, wenn schon verborgenen Kraft. Die Vollkraft und Tiefe der Gefühle und Gedanken lassen heftige Stöße gar nicht zu: die Seele legt sich im Dulden wie im Genusse strenge Rechenschaft von Allem ab und ist davon überzeugt, daß sie so handeln muß; sie weiß, daß ohne Stürme eine beständige Sonnengluth sie austrocknen würde; sie durchdringt sich mit ihrem eigenen Leben -- verzärtelt sich und bestraft sich, wie ein geliebtes Muttersöhnchen. Nur in diesem höhern Zustande der Selbsterkenntniß kann der Mensch die Gerechtigkeit Gottes wirklich ermessen.
Indem ich diese Seite überlese, bemerke ich, daß ich mich weit von meinem Gegenstande entfernt habe . . . Doch was schadet das? Schreibe ich doch dies Journal für mich selbst, und wird doch alles, was ich auch darin hinwerfe, mir dereinst eine theure Erinnerung gewähren.
* * * * *
Gruschnitzki kam zu mir und warf sich mir an den Hals. Er ist zum Offizier ernannt worden. Ich ließ Champagner auffahren. Doktor Werner kam ebenfalls kurz nach ihm.
»Ich gratulire Ihnen nicht,« sagte er zu Gruschnitzki.
-- Und warum das?
»Darum, daß Ihr Soldatenmantel Ihnen viel besser steht, und weil, wie Sie selbst gestehen müssen, eine hier in einem Badeorte genähte Armee-Infanterie-Uniform Sie wahrhaftig um nichts interessanter machen kann. Sehen Sie wohl, bisher wurden Sie hier zu den Ausnahmen gerechnet, jetzt aber gehen Sie in der allgemeinen Regel auf.«
-- Sprechen Sie was Sie wollen, Doktor! Sie werden mich in meiner Freude nicht stören. Er weiß nicht, raunte er mir ins Ohr, welche Hoffnungen mir diese Epauletten verliehen . . . O, Epauletten, Epauletten! Eure Sternchen sind mir Wegweiser . . . Nein, ich bin jetzt vollkommen glücklich! --
»Wirst Du die Promenade nach dem Erdfalle mit uns machen?« fragte ich ihn.