Part 9
Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte: „Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“
Baptist sprang auf.
„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen. Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts. Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen. Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der Sieg dauerte nur drei Augenblicke.
Baptist wimmerte leise.
Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs – der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen, graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende, verletzte Tierchen.
Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is gut! Kindi stirbt!“
Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen, schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.
Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und blöde: „Gebt!“
Einer sah es.
Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“
„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade an der Ecke ihre Türe offen hielt.
‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt.
„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“
Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist alles hin.
Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren, kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun, einmal mit Bier und einmal mit Branntwein.
Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten, bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg, die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in Geschäftsbetriebe eingetreten waren.
Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme. Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn bald sanft dem Schlaf.
Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah.
* * * * *
Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm das Dach über dem Kopfe nahm.
Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos, wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen, wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes Tier, das am Sterben liegt.
Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem Schuppen, einem Eisenbahnwagen.
Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief: „Aufstehen! Raus!“
Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren, rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum, in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben Baptist auf.
Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist: „Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.
Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße.
„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“
„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.
„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.
„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den Alten.
Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte: „Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“
„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.
„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter.
Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen, verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe.
Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal die Katrine – och!“
Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.
Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und hielt eine kleine flache Blechflasche hin.
Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.
Baptist trank daraus.
Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist.
„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem wässerigen, farblosen Glanz.
Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder, als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum!
Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“
„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten Kameraden im Stich lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte und streichelte ihm mit einer unbeholfenen groben Zärtlichkeit über den Arm. Die andern lachten roh.
Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden fortzugehn. Aber er dachte doch gleich daran, es heimlich zu tun, wenn sich eine Gelegenheit böte.
In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof heraus auf die Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor den Lumpen nieder und fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof tragen?“
Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von einem Fuß auf den andern und schauten an dem Fremden vorbei die Straße hinab, als stünde niemand vor ihnen.
Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer Mitte heraus, hob den Koffer in die Faust und schritt davon.
Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ lallte er. Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten dann laut heraus. „So ’n Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete Vater los und sprudelte die Schimpfwörter in seinen grauen Bart, daß die Haare wie in einem Regen auf und nieder flogen.
Achtes Kapitel
Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn.
Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang. Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.
Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.
„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum letztenmal gegessen?“
„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende peinliche Angelegenheit wegzukommen.
„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“
„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie standen!“
Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den andern Kollegen!“
Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine halbe Stunde Zeit habe ich noch!“
„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.
Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse. Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine Post, – helf ich Ihnen!“
Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas, das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...
Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind, dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet, als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf.
Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand.
„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben mag.“
Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom Bahnhof weglief.
Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.
„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“
„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.
„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“
Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn seitdem?“
„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.
„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“
Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte.
„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja noch ein Kind. Wie alt?“
„Dreiundzwanzig!“
Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“
Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit haben!“
„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo. Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt, hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich zusammen!“
„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St. Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin, und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.
Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war. Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und verbarg die braune angeräucherte Decke.
Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen, roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah, trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die Wäsche schon?“
„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.
Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von Bart herauskam.
„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein, oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.
„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“
Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“
„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“
„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.
„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie. Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“
„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun auf deutsch.
„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette. „Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal, sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de Paris_.“
Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“
„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“ Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.