Der Hafen

Part 8

Chapter 83,691 wordsPublic domain

Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen, mit dem es ihm beliebt.

Alois Biver.“

Der andere Brief lautete:

„Sehr geehrter Herr!

Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung stellen, könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. Freundliche Nachricht sieht bald entgegen

Hochachtungsvollst E. Leprotto.

Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“

Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst wollte er gleich mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener stürzen, sich über den Schuft werfen und ihn bis aufs Blut prügeln. Aber er sank gleich wieder zurück. Er steckte die Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita suchen, um bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden.

Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen und schien gewartet zu haben.

„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig.

Baptist nahm ihn aus der Tasche.

„Da, lesen Sie!“

„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich Ihren Namen und Luxemburg las. Er hatte mich zur Post nachfragen geschickt, ob nichts da sei!“

„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“

„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“

Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als er fertig war, schaute ihn Margherita an.

„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend.

Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes Armzucken.

Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während des Tages in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. Baptist war fassungslos und wie verwirrt. Er fühlte sich von finstern Gewalten dunkel verfolgt, sehnte sich nach einem Ausweg und zappelte gepeinigt, verwundet und ermattet in der Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe, die er bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen Wärme, mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit den Abend über neben ihr auf dem Podium und wich auch nicht von ihrer Seite, als sie gegen Mitternacht nach Haus gingen.

Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, Baptist, ich bin krank!“

Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr nieder.

„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er besorgt. Aber er sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre Glieder schüttelten.

„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt und fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug sie immer stärker.

Mittlerweile waren die andern herangekommen.

„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an.

Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“

Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr.

„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.

„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.

„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.

Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran.

„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen. Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.

Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war eine große, geschlossene Droschke.

„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“

Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie wickeln zu können.

Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten. Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen, wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „_Cuor mio!_ ...“

Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt, daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“

Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger, Verräter!“

Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.

Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran. „Paolo, wir wollen ...“

Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere, widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.

‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken, kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen. Dann war es aus und Finsternis.

Siebentes Kapitel

Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.

Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.

Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die Straße gesetzt.

Er war geheilt.

Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und selbständig dem Leben übergeben mußte.

Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten einwickeln zu wollen.

Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen, hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.

Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte Bilder.

Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen, mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm. Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.

An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der Eingetretene war.

Baptist sagte: „Ich wohne hier!“

Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, als sei es ganz unmöglich, und er schaute Baptist an, indem er ihn ins Licht drehte.

„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“

„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig.

„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten Sie im Grab gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“

„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig erstaunt mit der Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus niemals in einen Spiegel geschaut. Als der Wirt ihn vor einen solchen führte, sah Baptist eine rote Narbe, von der Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn schneiden.

„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das wußte ich nicht!“

Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner Verletzung. Der kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr zu sich kommen über solche schwarze Schlechtigkeit und über solche unerhörten, heftigen Geschehnisse.

Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, als der Wirt plötzlich auffuhr.

„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, als die Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen es holen! sagte sie, und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! Das bring’ ich doch mal gleich.“

Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes und gut verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es bedächtig auf. Es war seine Geige.

„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert zu sein. „Es sind ja auch noch andere Sachen von mir im Haus!“

Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an.

„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort.

„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal kühl.

„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen.

„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“

Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos.

„Ihre Italiener!“

„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider und alles mitgenommen. Wo sind sie denn?“

„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, gleich als Sie nicht mehr kamen, weggezogen.“

„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist wie teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“

Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte Bedauern zu dem Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so niederträchtig mitgespielt hatten. Aber er wollte Baptist doch erinnern, daß er noch in seinem Buche stehe.

„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist.

... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt.

„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist.

„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. Oder vielleicht haben Sie einen Vater, der mal einspringt?“

„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen kann.“

„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie überlegend, geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner Mann, es sind doch gegen hundertzehn Franken!“

„Ja!“ antwortete Baptist.

„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. „Aber so eine Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten wir nicht irgendwie so eine Garantie haben?“

Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“

Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein Einfall, dessen Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches vorkam; ihm vorkam, als sprengte er damit seine Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus in die Luft. Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres!

Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn Franken!“

„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig entgegen.

Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“

Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als säße er mit dem ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn wir! Zeigen Sie mir einen Musikhändler, der sie vielleicht kauft,“ sagte er erregt.

Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich der Anfall, der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, wieder verlaufen. Sein geschwächter Körper war übermüdet von der ungewohnten Freiheit, seine Gedanken waren wie entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie vereinzelte Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde.

Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in dem neben allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen verkauft wurden; ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage seines dunklen Winkels und die Art seiner Kundschaft nützte.

Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster.

„Zehn Franken!“ sagte er.

Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher und Trödler, „es ist eine Geige, weißt du!“

Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie zärtlich in den Kasten.

„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt.

„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen.

„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden.

Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft gehen, in ein größeres Musikgeschäft.“

Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte sie mit verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. Er nahm die Geige, und tat, als zupfte und guckte er sachverständig dran herum.

Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. Er schlug die Augen zu Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ dann kehrte er stracks um und ging in den Raum hinter dem Laden. Von dort brachte er einen dicken blonden Herrn mit einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück. Der nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und verschwand dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf hörte Baptist, wie in der Ferne, Geigentöne aufklingen und gleich wieder verstummen. Das wiederholte sich ein paarmal.

Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. Er sagte: „Guten Tag!“ als er an die beiden herantrat, und fragte gleich hinterher: „Was wollen Sie dafür?“

Baptist zuckte mit den Schultern.

„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“

Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer Maus, so erstaunt war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld die Geige weggeworfen sei. Aber er war mürbe. Die Verhandlungen und vorher das Herumlaufen wegen der Geige kamen ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich.

Da sagte er: „Ja.“

Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or rasch davon.

Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.

Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu sehen!“ sagte er.

Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben und hieß:

„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“

Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die Räume hinter dem Laden.

* * * * *

Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein! Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.

Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.

Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des unausmeßbaren Verlassenseins ein.

Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein.

„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.

Baptist bejahte.

Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß, von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt über das ganze Gesicht.

Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“

„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.

Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat der Wirt auf Baptist zu.

Baptist sagte: „Danke!“

„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett gelegt.“

Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig! Gern geschehn!“

Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und traten auf die Straße hinaus.

Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie, als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.

Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu.

Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen, um seine Schuld zu bezahlen.

„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört.

„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“

Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden von einem Druck irrte er draußen umher.

Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott, vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten verschwände!“

Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher, die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben.

Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen. Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus.

Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins Bett.

* * * * *

Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren, tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand.

Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit zu seiner Türe herein.

Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘