Part 12
Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran. Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff, er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll, tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt und was Sie wollen!“
„Danke!“ antwortete Baptist.
Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein. Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren. Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den Arbeitsanzug anlegen.
Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah. Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen, schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute.
Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren hinauf geschaufelt.
Das war alles.
„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das prasselnde Fallen hörte auf.
Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen. Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers, weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich, bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen. Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen, das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin.
Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“
Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt, als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte Aufmerksamkeit spannte ab.
Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr. Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.
Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug? Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was er sagte: „Nein!“
„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend ...? Hö?!“
Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar kein Geld!“
Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also denn!“ rief er fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen wir uns!“ und er reichte Baptist die Hand hin und drückte die seinige. „Wir müssen uns waschen gehn!“ sagte er dann und führte Baptist an einen Trog in eine kleine Kabine. Dann bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie ihre Betten auf.
„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, während sie sich auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun der Vorname oder der Geschlechtsname sei. Er schwankte ein wenig und nannte dann seinen Rufnamen. Hartwig legte sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war dunkel in dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, daß er die Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände spielten in der Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die von einer milden, dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder fielen auseinander wie Steine. Seine Gedanken waren heiß und leblos zermalmt.
Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: „Schläfst du?“
Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“
Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen, nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt. Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ... tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“
Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort, so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam, wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten mußte.
Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen. „Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang.
„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn, ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem – ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“
Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe zur Hand.
Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln, schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die! Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin. Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh.
Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu ertrinken.
So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses Strolches Neuyork entgegen.
Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm, als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht besaß.
In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische Küste.“
Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer.
„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen könnte.
„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei, sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn irgendwo in den Fernen stand.
Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse, die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen, schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“
Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr? Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander wetten? Schlag ein!“
Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das sagte!“
„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig, flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten.
Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel sei Dank!“
Schluß
Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben liegen fühlte.
Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her, schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten, wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die rasende, zerfetzte Ungeduld.
Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom dorthinaus. Wohin?
Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte, wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.