Part 11
Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd durch alle Adern. Sein kühles Heldentum fiel langsam von ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm, durch die engen, abgelegenen Gassen, in die der gröhlende Lärm der Hafenkneipen nur wie mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit einem leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen Straßen aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den Avenuen zu und wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee in der Breydelstraße zu gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt hatte.
Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen Bühne des Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben sich drehend änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit der Nachtstraße erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen der gleitend aufschlagenden Farben geblendet, und er trat, um sich zu schützen, seitwärts hinter die erste Säule. Der Saal war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei Reihen von holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. Der Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil an den Tischen saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten Gesten als schwarze Schattenmassen. Baptist schaute in diese dunkle Wirrnis hinein, ohne etwas anderes zu sehen, als die Farben der Feuer, die in verschwächtem und blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur immer, wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher.
Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen knallten, zischten und zirpten, und weißes Licht strömte plötzlich in die Schatten und prägte sie zu lebenden Gestalten. Die Menschen klatschten, eine Wollust des Lärmens raste in ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen. Und in diesem erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich Alientjes schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie saß zwei Tische von ihm weg und drehte ihm den Rücken. Sie drückte ihre Schulter an die Schulter eines ganz jungen, bleichwangigen Menschen, der eine schmale, blutrote Krawatte unter einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng gekleidet war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht war der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen mit kalter Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr weißes Kinn waren wie aus glühend erstarrtem Marmor. Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah, war in dem überhellen Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre Hände klatschten rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. Der schob auf einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber und legte sie unter ihrem linken Arm fest an ihren Busen.
„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich schnell in seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“
Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. Er nahm den geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde im Dahinschreiten wie aus Stein, hoch und schwer und kalt. Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn zusammen. Er kam sich vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit umgeben, wie von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines Lebens hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern um ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht.
In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. Er wollte Zeugen seiner Härtung haben und er klopfte oben an. Hasenklevers älteste Tochter saß mit einer Stickarbeit am Tisch.
„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist.
„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. Und ohne Umstände hängte sie Baptist eine Strähne grünes Garn über die Arme und begann es abzuwickeln. Baptist ließ dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er nichts dabei zu tun. Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl und sah starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten.
„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann zurück ist und drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation zu machen.
„Wer?“ fragte Baptist rauh.
„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“
Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden Blick hinzu: „Sie kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“
Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“
„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt. „Ja, das wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf alle Wochentage hat sie einen andern. Ja, ihr Mann war ihr in den Kongo davongelaufen, das wird ihr jetzt noch lange nicht recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich sag Ihnen, das ist eine ...“
Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“
Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann machte sie ein beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn aufgerollt war, verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang von Baptists Händen abzuwickeln und zog sich abweisend zu ihrem Kanevas zurück, auf das sie Rosen mit grünen Blättern stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander getrennt.
Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete ihm kaum. Er legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten sich schwer in ihm, wie Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach.
„Und das gestohlene Geld!“
Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen. Baptist warf sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen Bett umher. Er dachte gleich an die Diebstähle, denen er sich im Hause seines Vaters nicht hatte entziehen können. Die Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen hatte, entwichen seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung jener Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher, Verkommener.
Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den Betrug der Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger werden. Einmal in einem solchen Augenblick der schrecklichen Stunden sagte er dann mit lauter Stimme in hartsinniger Grausamkeit gegen sich selbst und sah dabei den Schimmer einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle mich dem Gericht!“
Neuntes Kapitel
Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte, waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging, in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen, der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer Scham und einer weglosen Verzweiflung.
Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit. Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin? hieß dieser stumme kleine Schritt.
„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’ rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes, graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war verschlossen.
Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz seiner abgeknapperten Sprechweise.
Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu. Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt. Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße auf ihn zukam.
Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er, daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht. Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist was Feines!“
Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte es heraus: „Es ist meine Schwester!“
Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und schließlich hatte er’s gefunden.
„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.
Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’ ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“ sagte Hasenklever bestimmt.
Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.
Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre fünfzig Franken gestohlen!“
Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein. „Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff. Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen Druckes braucht, um loszurasen.
Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich war’s!“
Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und die Stirn, heiß und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war gerade auf dem Gericht, um mich zu stellen deswegen.“
So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut rann heimlich und unversehens aus ihm davon. Es ward leise schwindlig in seinem schweren einfachen Kopf, und er sah wie betreten, daß er zwischen dem Bruder hier drinnen und der so vornehmen Schwester draußen stand, wie zwischen zwei dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel. Unvermittelt trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte ihm den Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, der die gestörte Maschine wieder in Gang bringen konnte. Schließlich fluchte er einen „Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, sorgenvoller Stimme: „Komm, wir wollen mal einen Schnaps zusammen trinken!“
Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen seinem Barte um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ murmelte er und wiederholte das kleine Manöver. Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas scheu, und dann sagte er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine seiner Töchter gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit wegräumen zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? Ist das denn nu auch ganz gewiß?“
Baptist winkte: „Ja.“
„Wo ist denn das Geld?“
„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist scheu.
Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes.
Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich so schlimm. Wofür war’s denn?“ Er schaute zugleich zu den Fenstern hin und machte schon einen Schritt auf die Türe zu. Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der Paulsplatz war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von den Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr enttäuscht.
„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile.
„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen wir nicht kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen uns wieder vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer drückenden, dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit nun so klar darbot. Er meinte noch: „Und es bleibt ganz zwischen uns. Da, Hand drauf!“
Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er eifrig den Kopf. „Nein“, sagte er erregt.
„Ja, was nun wieder: nein!“
„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur noch nicht dagewesen!“
Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich muß noch einen Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas wieder leer hingestellt hatte, faßte er Baptist beim Handgelenk und zog die Uhr unter der Schürze hervor: „Du hast wohl Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so zu plagen!“
Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich gerührt, daß er es ganz warm in sich werden fühlte und dem kleinen dicken Mann gerne um den Hals gefallen wäre. Er stammelte ihn an, die Erregung seines Gemütes hielt ihn strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er wurde unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen Worten glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, der selber keine sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber oft ohne Grund unter den Füßen umhergetrieben war. Er erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse in der Erzählung des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die Angelegenheit erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. „_Die_ Schmach geht ja nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, das klebt wie Teer, und das ist diese Kleinigkeit doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge sei doch bei Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß als Zeuge hin, und ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken bei mir. Da hast du’s!“
Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer Gedanke in Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der Schiffe verschwinden! Aber er sagte Hasenklever nur, daß er dann fort wolle, in die Welt hinaus!
„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete der Wirt. Er gab ihm die Hand und versprach zu helfen.
„Heut noch!“ bestand Baptist.
„Gut denn!“
Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den Schiffsbureaus. Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg Ozeanea-Gesellschaft. Als sie in den Heuerraum eintraten, rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff ‚Hamburg‘! Noch Trimmer vorhanden?“
Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“
„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte ungeduldig ein.
Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an. Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn, nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte, während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen.
Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten Weines heraufholen.
„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die mit am Tisch saß.
„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von „Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“
Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde; daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich nicht.
Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“ rief er.
Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein getrunken hatte.
Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte: „Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein anderes Geschick hier an Land bringt!“
Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie unter einen Pultdeckel. „_All right!_“ sagte er. „Sie können gehn!“ schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er sei als Kohlenzieher angeheuert.
Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr Obermaschinist, ein Trimmer!“