Der graue Alltag und sein Licht

Part 12

Chapter 123,789 wordsPublic domain

Ein liebreicher Tag! Der war einst mein. Meine ganze Jugend war solch liebreicher Tag. Und dann jener heilige Christabend! Da _seine_ Liebe mich weckte. Wie könnt’ ich sonst ganz in anderen aufgehen? Nächstenliebe üben? Opfer bringen, Christ sein, mich selbst verleugnen um der mühseligen Brüder und Schwestern willen? Mit seinem Bekenntnis hat er mich geadelt, hat mir Gesundheit, Kraft und Güte verliehen und sich selbst gut und gütig gezeigt. Denn Ritter Lage ist verschlossen. Er weiß, was für Aufgaben meiner harren. Er weiß, wieviel Sonne ich abgeben muß. So senkte er mit seinem Bekenntnis eine Fülle von Sonne in mich hinein, die sich niemals erschöpfen kann. – Aber vielleicht fühlte er auch erst, als er mich küßte, wie gut er mir war. »Du Scheue!« »Meine Königin!« hat er mich genannt. Und einmal strich es an meinem Ohr hin: »Liebste!« Kann eine Frau wohl je vergessen, wenn der einzige Mann, den sie im Herzen trägt, Liebste zu ihr sagt? – Nun bin ich Frau Liebe, Frau Treue, Frau Güte. Wenn ich mit umflortem Blick die Wunderwelt Gottes streife, die bereiften Bäume, die schneeglitzernde Heide, die Abendsonne über dem tiefdunkeln Weiher … dann rufe ich wohl zugleich:

»Ich sollte in Freuden vor euch stehen und meine Augen strahlen lassen: ihr seid so schön. – Habt Geduld! Ich will es wieder lernen, das heilige Lachen.« Und so sage ich auch den kranken Menschen, die nach meinen frohen Augen verlangen, weil sie meinen, diese zwei Sonnen ständen ihnen wohl zu, da sie doch von Gottes Sonne in ihrem Siechtum nichts sehen.

Du Ritter Lage! Das war deine Mission. Was ich jetzt tue an Heilkräftigem und Gutem, du hast es ausgelöst für immer durch dein Bekenntnis. Und wenn ein Segen von mir ausgehen wird, – _du bist sein Urquell_. – –

Montag.

Der liebe Freund war gestern bei mir. Leo von ter Mählen. Ritter Lage hatte ihn geschickt. Wie arbeitete es in seinem Antlitz, als er vor mir stand! Er hielt eine lange Weile wortlos meine Hände, und dann klang es nur: »Freiin Brigitte! Sie armes, tapferes Mädchen …«

»Wer tapfer ist, ist niemals arm«, entgegnete ich ihm leidlich fest. Dann saßen wir erst lange schweigend.

»_Das_ hatte ich nicht vermutet«, sagte er endlich. »_Das nicht._ – Das reichste Glück hätte mir gerade eben getaugt für Clemens Lage. Diese düsteren, zwanzig Jahre, die hinter ihm liegen, hätten verklärt werden müssen durch ein Meer von Licht, das durch Sie zu ihm gekommen wäre, Freiin Brigitte. Könnt’ ich’s dem Clemens schaffen … was setzte ich _nicht_ dafür ein? Glauben Sie mir, Brigitte?«

»Ich glaube es Ihnen. Und der Gedanke, daß Sie, sein bester und liebster Freund, in meiner Nähe bleiben, das macht meinen Weg so viel sonniger.«

»Sie sind bescheiden, Baronin. Aber daß Sie nur über mich zu befehlen brauchen, das soll Ihnen immer gegenwärtig sein. Ich will Ihnen die Hände unter die Füße breiten, genügt Ihnen das?«

»Es ist viel zu viel«, wandte ich ein. »Ich bin Ilexwege gewohnt, bin auch nicht wehleidig. – Hat Ihnen Clemens Lage erzählt, daß wir uns restlos ausgesprochen haben?«

»Menschen wie ihr können sich niemals restlos aussprechen«, meinte er ernst. »Ihr seid dazu geschaffen, ein ganzes Dasein lang euch immer neu zu sehen und zu erleben.«

»Immer neu zu sehen und zu erleben«, wiederholte ich. »Das habe ich mir ersehnt mein ganzes, junges Leben lang …« Und ich wehrte meinen Tränen nicht, die plötzlich hervorbrachen.

Da sprang Baron ter Mählen auf. »Nicht so, nicht so, teure Brigitte,« rief er, »ich kann Sie nicht leiden sehen …«

Er lief im Zimmer umher, wie ein Tiger im Käfig. Der Schmerz, zwei liebe Freunde im aussichtslosen Kampfe zu sehen, hob ihn aus dem Gleichgewicht.

»Haben Sie Clemens Trost gebracht?« fragte ich endlich leise.

»Meinen Sie, Baronin, daß solches Geschehen irgendeinen Trost in sich birgt? Oder daß unser Freund aufnahmefähig gewesen wäre? Überdies bedürfen Clemens und ich niemals vieler Worte. Ich sagte ihm nur: ›Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan.‹« – –

Ich wand meine Hände in bitterm Schmerz ineinander.

»Wäre es nicht besser gewesen, Brigitte, Ritter Lage hätte Sie unwissend gelassen? Er hat Sie aufgestört durch das Bekenntnis seiner Liebe …«

»Wagen Sie es, dies auszusprechen?« rief ich außer mir. »Hätte er geschwiegen, so hätte er einen Verschmachtenden ohne Wegzehrung auf eine Wüstenwanderung geschickt. Dessen ist ein Ritter nicht fähig. Oder bereut er jene Stunde im dorischen Tempel?«

»Sieh, sieh, was der Lagesche Jähzorn für Blüten treibt«, sagte Baron Leo beruhigend. »Clemens denkt genau wie Sie. Sogar das Wort ›Wegzehrung‹ gebrauchte er.«

»Ich segne jene Stunde«, sagte ich fest. »Und ich werde immer so mein Leben formen, als sei ich seine Gattin und hätte die Ehre seines Namens zu hüten.«

Ter Mählen sah mich erschrocken an. »Das ist ein vorschnelles Wort, das Sie sich geben, Brigitte Lage. Ihr Leben liegt noch unausgefüllt in langer Strecke vor Ihnen …«

»Es ist randvoll ausgefüllt!« rief ich. »Vom ersten Augenblicke an wußte ich, daß Ritter Lage mein Schicksal war. So lächerlich es Ihnen klingen mag, Baron, – die wunderlichen Berichte, die Clemens auf das dicke gelbe Büttenpapier schrieb, gaben mir all das, was Vaters früher Tod an meiner Erziehung zum Menschen übrigließ. Ich verdanke Ritter Lage mein Selbst.«

»Und Ihr Glück, Brigitte? Ihre volle Entfaltung? Ihre Erfüllung?«

»Ich bin nicht unglücklich«, wehrte ich ab. »Ich habe Clemens Lage reiner, fester und größer zu eigen, als ihn je ein Weib besitzen könnte. Aber meine Jugend und mein Begehren hat er mit sich genommen, die gab ich ihm als Geschenk in jener Stunde. Und er gab mir dafür sein Vertrauen …«

Baron von ter Mählen streckte mir beide Hände hin. »Sie haben sich das Größeste vorgenommen, Freiin Brigitte. Sie wollen aufgehen in andern. Doppelt schwer das Wagnis, weil Sie aus sich, und _nur_ aus sich selbst Liebe schürfen wollen, ohne selbst erneut zu werden. Aber wenn ein Mensch auf Gottes Erde dies Wagnis unternehmen kann, so sind _Sie_ es. Werden Sie mich rufen, Baronin, wenn Sie meiner bedürfen?«

Er stand auf, und ich gab ihm meine Hand, die er ehrerbietig küßte.

Ich bejahte seine Frage. Dann war er gegangen, und meine einsame Wanderung begann. – – –

41.

Die alte Eva kommt mir von Kräften. Freilich ist sie weit über die Siebenzig hinaus. Aber sie konnte doch noch huschen und schleppt sich jetzt am Stock. Den verbirgt sie vor mir. Wie töricht! Sie soll ein gutes Ausruhen und meine töchterliche Pflege in Haus Lage haben. Es ist mir ein lieber Gedanke, daß ich selbst älter werde bei diesem alten Inventar und … Nein. Wenn ich diesen Satz zu Ende schreibe, so klingt aus ihm müde Entsagung und Verzicht. Das soll nicht sein. Wenn ich untapfer an meine Mission herangehe, so kann Ritter Lage keine Freude an Gitti haben. Seinen Stolz auf mich, den will ich mir verdienen. Seit ich weiß, wie hoch er mich wertet, seitdem will ich diese Höhe erreichen … Auch nicht wegmüde und wund auf dem Gipfel niederfallen. Weiterschreiten. – Hie und da rückschauend rasten, aber nicht rosten.

In der Dämmerung.

Eben ging die alte Eva aus meinem Zimmer. Sie hatte lange bei mir gesessen, nachdem sie um mein Vertrauen gebeten. – Da hab’ ich es ihr geschenkt, der alten Dienerin des Hauses Lage, und habe sie dadurch zur Freundin emporgehoben. Viel Wirrnis hat außerdem diese Aussprache geklärt. Eva hat sehr unter unserm Mißtrauen gelitten. Ihre Berichte an den im Ruhestand lebenden Pfarrer waren gut gemeint und sind böse entstellt worden. Nun wird auch dieser Stein des Anstoßes weggeräumt, denn der alte Pfarrer verläßt Lage. Das ist gut für den jungen, und auch für das Dorf, und nicht zuletzt für mich, die Schutzherrin. –

Der Nachfolger Oswalds ist ein ruhiger Gelehrter. Kein Feuerkopf, wie ihn wohl Lage brauchen könnte, wenigstens die Jugend, die schon gleich am ersten Sonntag nach seiner Predigt Gesichter aufsteckte, die besagen sollten: »Der Mann tut uns nichts.«

Und seine Frau scheint kränklich zu sein. Immer etwas stöhnend und Klageweibchen. Pastoren und Lehrer sollten gesunde Frauen heiraten, – wer sollte es _nicht_? Aber es steckt ja auch viel Grausamkeit in dem Verlangen. Ich hatte mich darauf gefreut, mit der Pastorin die praktische Leibsorge auszuüben, während dem Pfarrherrn das Seelenheil der Dörfler verbleiben sollte. Damit ist es nun nichts. Zu allererst muß ich immer die Pfarrfrau betreuen, die mir immerhin ein gutes Vertrauen entgegenbringt. – Aber mehr als 365 Krankheiten erlaube ich ihr nicht. Heute hielt sie mich und sich auch mit viel Schreckhaftem auf, bis ich ihr den guten Rat gab, mich zu begleiten und über dem wirklichen Leid und der Not ihrer Pfarrkinder die eigenen Schwierigkeiten zu vergessen. Und nun haben die 3 Wanderstunden, die wir heute von Haus zu Haus unternahmen, hoffentlich Gutes ausgewirkt. – Die Pfarrfrau sah mit großen, erstaunten Augen auf all die Bresthaftigkeit ringsumher, sah auch leuchtende Augen über eingefallenen Wangen und hörte den dankerfüllten Bericht einer Mutter, daß sie nach monatelangem Wachen am Bett ihres kranken Kindes nun wieder ein Stündchen hätte ruhen können, weil es so herrlich vorwärtsginge. – Und sah dann auch den erbärmlichen kleinen Krüppel, um den diese Nächte durchwacht wurden. Das »Nichtsehen« und »Dochglauben« wird allen Menschen so schwer. Auch meiner Pfarrerin von Lage muß man mit Beweisen kommen. –

Die Sonntagmorgen sind mir meine liebsten Stunden. Wenn ich von meinen Samaritergängen zurückkehre, wie Ritter Lage meine Dorfbesuche nannte, dann kann ich nicht sofort in das Gleichgewicht kommen. Ich muß erst mit Bäumen, Sträuchern, Wiesen, Wald und Feldern Zwiesprache halten. Heute suchte ich meine Birke; ich rieb mir die Augen, weil ihr kraftvoller Stamm mir sonst immer schon von weitem leuchtete in seinem scharf umrissenen Schwarzweiß. Dann fand ich sie am Boden liegend. Mein Ausruf mag wohl wie ein Stöhnen geklungen haben, denn der Förster ging von den Holzfällern fort und trat mit der Entschuldigung zu mir heran: »Die Birke hatte den Wurm in sich.« Den Wurm in sich – mein Kleinod, mein prächtigster Baum …

Ich schaute auf den Gefällten nieder und dachte daran, daß hundert Frühlinge ihn in Liebe zum Licht emporgetragen hatten … Ein Wurm schlug ihn zu Boden und nichtige Menschenhand. – Der Förster sah befremdet nach mir hin, als ich antwort- und grußlos weiterschritt. Mir galt der Wald nichts mehr, da der eine Baum fehlte. Wie schwer wird meine Erziehung zum Verzicht sein! Vor wieviel Lücken soll ich noch stehen und tatlos warten, bis sie sich schließen, oder bis sich mein Empfinden vor ihnen verschließt?

Auf diesem ernsten Heimwege begegnete mir die Korb-Sina. Mir war sie wie ein Gruß, wie der winzige Teil eines Glückes, das verschollen war und vergessen sein sollte. Ich hätte sie mit beiden Händen festhalten und an mich ziehen mögen. Um leise eifrig an ihrem Ohr hin zu sprechen: »Wie geht es _ihm_? Wo weilt er? Betreust du ihn? Hängt mein Name noch in seinen Räumen? Spricht er von mir?«

Aber als ich hastig ihren Namen rief, sah sie mich mit bösen Augen an und stieß nur hervor: »Maria ist fort!« Da war ein Klang drin, erschütternder als der Fall der Birke. –

»Was soll das, Sina?« rief ich noch. –

Da war sie schon entwichen. –

Aber meine Füße wollten mich kaum weitertragen. Ich sah ihr lange nach. _Dir_ gibt sie die Schuld, daß das einzige, was diese verachtete Frau besitzt, fern von ihr und der Heimat leben muß …

Wie stark muß ich werden, um auch ungerechte Vorwürfe klaglos zu ertragen. Und wie abgeklärt, gerecht und verzeihend, um über allem zu stehen und – »wohlzutun denen, die dich beleidigen oder verfolgen«.

Still war mein Heimweg, nachdenklich trat ich ins Haus. – Hier fand ich Tante Fernande meiner wartend. Mit heißen roten Bäckchen trippelte sie in ihrem Sonntagsstaatsgewand im langgestreckten Zimmer auf und nieder, ungeduldig zusehend, wie ich die Garderobe ab- und zusammenlegte. Bis Eva kam, um alles in den Schrank zu hängen. Die Krinoline, welche Tante Fernande unter den Kleidern von Muhme Jesuliebe trägt, wippte auf und nieder, und sämtliche Falbeln rund um den weiten Rock schienen in derselben Aufregung wie die Trägerin selbst zu sein. Als ich dann endlich äußerlich geruhig neben ihr saß, packte sie die Nöte ihres alten Herzens aus.

Haus Lage sei ein kaltes Grab, sie aber nicht gewillt, sich in ein solches schon mit siebenzig Lenzen hineinzulegen, da die deutschen Lages doch allesamt 90 Jahre und mehr erreichten. So sie aber dieses Leben in Langeweile weiterführen müsse, würde ihr mattglimmender Docht unweigerlich verlöschen.

Also gewählt drückte sich Tante Fernande aus, denn das Idiom des Altenfrauenhospitals war ihr nie recht geläufig gewesen, und das wenige davon hatte sie schnell in Haus Lage vergessen.

»Ei«, entgegnete ich ihr. »Da ist rasch abzuhelfen. Langeweile soll der widerlichste Gast sein, den man sich denken kann. Gottlob, daß ich ihn in meinem ganzen Leben nicht kennenlernte. Tante Fernande, ich habe keine Kindergärtnerin, seit Maria Oswald fort ist, und die neue Pfarrfrau ist kränklich. Willst du dies Amt übernehmen in deiner frischen Rüstigkeit?«

Das letzte war allerdings etwas stark aufgetragen, aber ihr ganzes Persönchen verjüngte sich unter meinen Worten, und lebhaft erwog sie alle Vorteile dieser neuen Tätigkeit. Zuletzt kam freilich noch ein tiefer Stoßseufzer als Frage, wer ihr den Ohm Matthias ersetzen könne, der zwar ein ungehobelter Patron und Barbar, doch ein Meister im Schachspiel gewesen sei, und dieses entbehre sie ungeheuerlich. So versprach ich ihr denn als Partner den Baron von ter Mählen, und sie lächelte sofort versöhnt.

Dann wurde sie elegisch. »Ich hatte es mir anders gedacht, Nichte Brigitte. An den ersten Besuch von Baron _Clemens_ Lage hatte ich Hoffnungen geknüpft …«

Da geleitete ich sie sacht zur Tür hinaus. Sie ist ja wie ein Kind und wird sich rasch beruhigt haben. Ich aber nicht. Ich kann noch nicht von Möglichkeiten reden hören, welche die Prinzessin Ohnearg und Weißnichts verschlafen hat …

31. Dezember.

Heute ist Silvester. So einsam habe ich es wohl noch nie erlebt. Daheim bei den Eltern pflegten wir aufzubleiben bei Kartenorakel und Bleigießen, und in der Neujahrsnacht wurden dann noch einmal die unvergeßlichen Weihnachtslieder unter der brennenden Thüringer Edeltanne gesungen, bis Licht um Lichtchen knisternd erlosch. – Und dann saß man still plaudernd noch ein Stündchen zusammen, und ich nahm goldene Vater- und Mutterworte in jedes neue Jahr mit hinüber und baute auf ihnen mein Leben weiter auf. Gesegneter Untergrund! Gesegnet Silvester! Heute bin ich allein. Tante Fernande ist zu Pastors gegangen. Sie hat im Spital eine Menge fröhlicher, lebenbejahender Altjahrsabendscherze kennengelernt, sogar Mummenschanz haben die verhutzelten Weiblein getrieben, und ich konnte Tante Fernande nur mit Mühe zurückhalten, als Knecht Ruprecht verkleidet ins Pfarrhaus zu stapfen. Ordentlich alt kam ich mir neben ihr vor, als sie kichernd mit ihrem Laternchen abzog, in ihrem Pompadour Kartenspiele und Scherze bergend, als Überraschung für das biedere, pfarrherrliche Paar.

Die alte Eva habe ich zu Bett geschickt, – mir selbst wollte ich die Novellen von Wilhelm Raabe auf meinen Schreibtisch legen …

* * * * *

Da lag schon etwas anderes …

Ritter Lage schreibt: »Mein heiliges Lichtchen soll am Silvesterabend nicht noch einsamer brennen, als es ohnehin leuchtet. Ich will bei ihm sein. Du! Du!

Leo ter Mählen hat mir erzählt. Hat mir ein Wort von Dir gesagt, wie es eben nur das Licht von Lage in seinem Herzen hegen kann: ›Ich will mein künftiges Leben so formen, als ob ich Ritter Lages Gattin sei und die Ehre seines Namens zu hüten hätte.‹ –

Und nun sage ich Dir, der ich immer tölpelhaft in Dein Leben eingriff, Dich mit bösen Worten kränkte, wo Du die Liebe selbst verkörpertest, und Dich schlug, wenn ich Dich hätte streicheln sollen, daß Du mich nicht so hart strafen darfst, Gitti. –

Nicht freveln darfst Du – nicht einsam bleiben.

Um Deiner selbst willen nicht, Du starkes, schönes, geliebtes Geschöpf. _Das_ soll meine Strafe sein, daß ich Dich inmitten der Deinen sehen muß an der Seite eines kraftvollen Gatten, dem Du gesunde Kinder schenkst …

Gitti, um eines boshaften, siechen Mannes willen, der Deine Liebe hundertfach kränkte und verletzte; und der sie zum Schlusse nicht einmal annimmt aus Deinen reinen Händen … Gitti, – nicht um meinetwillen darfst Du verkümmern in Einsamkeit und Öde von Lage …

Laß Dich herausreißen von einer starken, vornehmen Männlichkeit, verschwende keinen Gedanken mehr an mich.

Wenn mein Leiden größere Fortschritte machen sollte, so will ich mich selbst in Haus Lage vergraben, wenn Du es verlassen hast. Dein Geist, Gitti, bleibt ja doch darinnen und wird sich meinem brennenden Heimweh zugesellen …

Der Enterbte.«

Nach dem Lesen dieses Briefes bin ich zum erstenmal als Herrin aufgetreten. Ich habe die Antwort geschrieben und dann in der Silvesternacht die alte Eva geweckt und habe sie durch den unterirdischen Gang mit dem Briefe zu Ritter Lage geschickt. Bis zur Hälfte des Weges geleitete ich die Müde an meinem Arm, und sie schritt wacher und froher als je zuvor. Weil sie hofft …

Clemens hat ihr selbst meinen Brief abgenommen:

»Ritter Lage, Du hast gar nicht das Recht, mir so zu schreiben. Denn da Du meine Liebe und mein persönliches Ich ablehntest, gehöre ich wieder ganz mir selbst. Über mich selbst aber habe auch nur ich zu entscheiden.

Ich bleibe allein. –

Und die letzte Lage möchte dereinst in Lage sterben. Deshalb weise mich nicht fort aus dem Urväterhaus, auch wenn Du lebenslängliches Wohnrecht darin hast. Ich werde Dir nie im Wege sein. Und Du allein sollst bestimmen, wer unser Erbe dereinst antreten soll. Bis dahin – höre wohl zu, Ritter Lage – verwalte ich dies Erbe, als ob ich Deine Gattin sei und die Ehre Deines Namens zu hüten hätte. – Eine deutsche Lage schenkt Herz und Mund und Leib und Seele _freiwillig_ nur dem, den sie liebt. Dem bleibt auch ihre Treue über das Grab hinaus. Selbst wenn er ihrer nicht wert wäre. So hat es mich mein Vater gelehrt. Du aber bist der Ritter Lage, und ich gab Dir meine Liebe ohne Vorbehalt.

In das Dunkel unserer Tage aber laß uns Sonne tragen.

Deine Brigitte.«

Im Januar.

Wie öde ist dieser Monat. So lastend der Schnee. Und wenn er vertaut, wie tief und zäh dann der Schmutz in der Dorfstraße. Ich muß dann plötzlich an mein liebliches, reinliches, blühendes Erfurt denken, darinnen ich nie einen so dichten, nimmer sich hebenden, nassen Nebel erlebte. Oder sind das nur Stimmungen? Ist alle Verklärungskraft von mir gewichen? Dünkte mich nicht einst auch der Nebel schön? Weil ich durch ihn hindurch in die Waldkapelle schreiten durfte, in der mein Licht glühte? Und lachte ich nicht früher hellauf, wenn ich mit meinen festen Rindsledernen im Schlamm steckenblieb, nur weil es Lager Erde war, die sich an meine Sohlen heftete und mich festhielt im Lager Grund?

Aus der Tiefe schmerzlicher Stunden, des Heimwehs, der Vereinsamung hilft mir jetzt oft Beethoven, der Schutzherr der deutschen Lages. Wenn ich nicht allzuoft an meinen Flügel komme, so liegt es an der großen Arbeitslast, die auf mir ruht, und die Baron von ter Mählen »ungeheuerlich für ein kleines Mädchen« findet. Er ahnt doch wohl nicht so recht, daß diese Arbeit meinen einzigen Gesundbrunnen bildet, in den ich niedertauche, wie in ein Kohlensäurebad. Und dann die Musik, – Beethoven! Die Töne dünken mich Eimerchen, die sich in mich versenken und dann wieder emporsteigen, randvoll gefüllt mit guten Gedanken und Vorsätzen, die sich nun verteilen lassen auf ödes Brachland rings um mich her. Musik ist Religion, sie hebt meine Seele zu Gott. Die Holländer Lages waren nicht ausübend musikalisch, sie sind allezeit nur »musikhungrig« gewesen, wie mir einmal Baron ter Mählen andeutete. Und dies Innerliche ist oft mehr als protzendes Künstlertum.

Mein köstlicher Bechsteinflügel ist recht mein treuer Freund. Er muß mir ja auch alles ersetzen, was sonst in junge Herzen Glück hineinbringt. Und ich kann ihm weit mehr anvertrauen als irgendeinem lebendigen Menschen. Und wenn er es weit hallend ausplaudert bis in den Winterwald hinein oder es flüsternd an das leuchtende Kaminfeuer hinsagt, so tut er mir nicht weh, sondern wohl. – –

Am Siechenheim und Krankenhaus wird bienenfleißig gebaut, soweit es wechselnde Witterung zuläßt. Der junge Baumeister verehrt den Ritter Lage sehr und hat diese Verehrung auf mich übertragen. Er geht ganz in unsern Gedanken und Anregungen auf, und jedesmal, wenn ich den Bau besichtige, finde ich wieder etwas Neues. Etwas noch Schöneres und Zweckmäßigeres, als ich es mir vorgestellt hatte. Das ist ein köstlich Miteinanderarbeiten. Wenn der Frühling kommt, dann wird wohl das Haus fertig stehen, und ich will ihm und zugleich meinem Haus und Dorf einen neuen Namen geben. Das »Lager Huus« soll freilich bestehen bleiben, aber »der graue Alltag …« Könnt’ ich dies Wort verschwinden lassen! Könnt’ ich’s mit hartem Meißel ausmerzen bei den Leuten und in meinem eigenen Innern. Noch bin ich nicht so weit. An jenem Tage freilich, jenem unvergeßlichen, da der Topasenring im Tannenbäumchen hing, da mir Ritter Lage sagte: »Ich habe dich lieb, Gitti …«, da hätte ich jubelnd rufen mögen: »Ist irgendwo auf dieser gesegneten Gotteswelt noch grauer Alltag?« Und hätte Kraft und Willen gehabt, ihn mit meinem Überfluß an Liebe zu durchsonnen. Das ist vorbei. Ein Abglanz jenes Geständnisses aber blieb als stilles Leuchten in mir. Es kann nie wieder ganz dunkel werden in Lage. Aber grau ist es noch ringsumher, und wie soll ich einen leuchtenden Namen finden, wenn er nicht aus Licht und Helle herausgeboren wird? Warten muß ich. In Gehorsam gegen Gott warten.

Mich strebend weiter mühen.

Zünd an, Brigitte, zünd an!

42.

Im Februar.

Wie schrieb ich so treibend fröhlich in den ehrenfesten Folianten hinein, als noch eine treibende Fröhlichkeit in mir selbst schaffte. Jetzt nehme ich immer nur Anläufe, aber es kommt nicht zum sicheren Sprunge über die Hemmungen hinweg. Die lieben Nachbarn, das Pfarrhaus, die Lehrersleutlein, die Heidkamper und Baron Leo sorgen sich um mich. Man sagt mir, daß ich schlecht aussähe, große, bange Augen bekommen hätte und Anlage zur Einsiedelei in mir trüge, der ich um die Welt nicht nachgeben dürfe. Man schlägt mir eine große, zerstreuende Reise vor, und jeder einzelne dieser treuen, besorgten Freunde hat mir einen andern Fahrplan ausgearbeitet. Zerstreuung erhoffen sie für mich! – Und ich brauche Sammlung. Niemals habe ich in Lager Abgeschlossenheit Theater und Konzerte so sehr entbehrt, wie ich in der lauten Stadt die Natur entbehrte. Und jetzt soll ich schon fahnenflüchtig werden? Meinen Vorsätzen? Muhme Jesuliebes Mahnungen? Meinem Dorfe? Meinem Hause? Meinem Lager Wald? Wie wenig kennt ihr doch alle die Gitti. Die Ehre des Namens Lage gebietet, da ich hier bleibe. So sei es. –

Heute, nach so langen Wochen, kam ein guter, treuer Brief des Pastors Konrad Oswald aus Berlin. – Maria kann sich in der Großstadt nicht eingewöhnen, so schreibt er, aber er selbst fühlt sich ganz auf dem rechten Posten. Er muß noch Petrus, der Fischer sein, seine Kirche ist noch vielfach leer, aber auf die Hilfe und Treue der wenigen, die ihm allsonntäglich zuhören, baut er fest. Von der Seelsorge außerhalb der Kirche spricht er überaus fesselnd und rühmt Maria, die eine vorbildliche Pfarrfrau sei und mit den elendesten Kranken und verkommensten »Gesunden« in seinem Sprengel Fühlung habe. Aber alle seine werbenden Berichte über Marias Eigenschaften vermöchten kein Echo im Herzen seiner Mutter zu wecken, die mit verstockter Starrheit an ihrem Eigensinn festhalte. Nicht mit Bitterkeit schreibt er davon, aber tieftraurig. Es muß sehr schmerzen, wenn man in einem nahestehenden Menschen echte Liebe vermutete und erfindet ihn als klingende Schelle und tönendes Erz. –