Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen
Chapter 7
Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden, die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten, um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«
Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge. Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war, löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig mit den Rudern und fuhr hinaus.
Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er steuern?«
Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß niemand.
Von Helden und ihrem Widerspiel
Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den Erzähler.
»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«
Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«, antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen, sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«
»Trotzdem denk' ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt, satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen. In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker und in Ketten schmachtete.«
»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati. »Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es Auffassung, scheint mir.«
»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«, versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß' es mir nicht ausreden, daß die meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«
»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf Hadwiger hin.
»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«, sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit! Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde hingerichtet.«
»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt, während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.
»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«
»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte, griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört, lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten, und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein gebrochenes Versprechen des Glücks.«
»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für eine große Sache erfüllen.«
»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«
»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ. Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt, die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten Georg nach England gebracht wurde.«
»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele und wir verzichten auf alle Argumente.«
»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin, willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle, der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach. Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke, Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend; eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte: dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus, lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll, und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts, wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«
»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«
»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«, antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«
»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«
»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man treffen kann.«
»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte Lamberg.
»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.