Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 19

Chapter 193,714 wordsPublic domain

Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied Numero eintausendachtzehn zu singen:

»Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ auf Erden stehn, bibi! alles würd' von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am Kreuz ererbt, bibi!«

Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen.

Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte: »So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz nehmen, nur nicht gegen mich selbst.«

Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien. Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch, und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik, und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu. Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit: Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.

Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich, die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz. Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen gelegen?«

In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen, die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden.

Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte, so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er sich tief.

Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop.

»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«, sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.«

Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird. Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn, die Ewiggeplagten, die Erdmänner.

Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt.

»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die Zahlen tyrannisieren den Kopf.«

»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte, wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin. »Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir, deinen Kometen.«

»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.«

»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.«

»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«, fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort.

»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?«

»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint, läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück.

»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr werdet Euch bald gewöhnen.«

Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er; »oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?«

»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht, die Schatten sind Sonnenschatten --«

»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell --?«

»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die umgrenzte Finsternis dorthin.«

»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so eine schwimmende Kugel wie die dort?«

»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt, das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen. Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.«

»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem es gruselt.

»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier begeben hat.«

Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,« antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan, aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«

»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben, sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt verschuldet.«

Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?«

Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit. Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen, und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich. Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt Schuld. Sündenschuld -- Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust, »wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne wohlgefällig ist?«

Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer. Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.«

Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger, milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter, kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.

Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht, sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine Traumvision festzuhalten bemüht ist, -- ein über alle Worte erhaben schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen, unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch, irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber prangten die triumphierenden Worte:

#Ad astra.#

Franziskas Erzählung

Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien. Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung ihr Weinen zu ersticken suchte.

Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?«

Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst. Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich, wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen: es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.«

Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen, und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen, dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem eigentlich.«

»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde; ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«

Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte, die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können, weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit beeinträchtigen würde.

Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts, eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.

Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe. Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, -- als ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten hindorren müsse.

Er wurde zur Gestalt.

Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat, gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt. Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild. Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale, ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am Finger.