Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 18

Chapter 183,751 wordsPublic domain

Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal, daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche. Der Graf war's zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen. Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.«

Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«, antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen, oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.«

Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen, königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern. Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini, das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß. Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite, unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren. Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in das Leben seines Beschützers einzugreifen.

Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst, und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen, denn diese Tat werde schrecklich bestraft.

Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt, dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille.

Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis, daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte, genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert. Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris, der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde.

»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig.

»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf antwortete nicht.

Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit, Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben. Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen.

Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.«

Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen: »Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen, daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen wollt.«

»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert, ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele sündenlos geworden, so brech' ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene, eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der Türe war.

Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte. Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet, trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd, und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust.

Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben, scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war, beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.

Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte. Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen der erlittenen Verletzungen starb.

Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen Gemütszustand zu täuschen.

Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister, Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister, Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient --?

Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler, Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, -- er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt« hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft.

Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt. Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten! Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab. Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen, verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt, immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt stille.«

Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben, wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein anschmiegendes Herz zertritt?

Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin, das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an. Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war, ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem Schmerz erfüllt war.

Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch, Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend: »Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, -- er hatte von der Tafel einen halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte erstickt, -- da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte.

Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag, freier Equipage und freier Jagd.