Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen
Chapter 15
Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier. Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft. Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel, aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg, und sei du froh, daß du fliegst.«
Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel; über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.«
Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht. Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell' ich mich selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch zeigen.«
Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte, hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen: überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht doch kein Pfad.
So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt hat; Eifersucht -- Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt, von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse, schamlos und kalt.
Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau, Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten, der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob.
Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas, das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, -- dieser Antipode, dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das verkörperte böse Gewissen.
Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte, hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte er lieben, bewundern -- und kämpfen.
Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer unreifer Zustände gerungen hatte.
Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste ihn.
Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück, neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander, lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte er voll Argwohn.
Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild, ich hab's gleich gemerkt.«
Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte: Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe aus wie Blut.
Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung, Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als die Wege der Stümper --?«
Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und machte die Türe nicht lauter zu als sonst.
Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein, und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum. Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein, nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese führten ihn zur Stadt.
Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten Himmel.
»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt hat?« fragte der Arzt draußen.
Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit: »Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.«
Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch unschuldige Menschen und reine Farben gab.
Herr de Landa und Peter Hannibal Meier
Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.«
Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.«
»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur, trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und lief ohne Stockung weiter.«
»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska, »und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken, die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.«
»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer, von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.«
»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein Wort, das wenig besagt.«
Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort: verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.«
»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd. »Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein als einem Hund.«
»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff Lamberg das Wort.
»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte. Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren. Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht, den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah, daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden, und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.«
»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend bedacht.«
»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen, wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.«
»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, -- wir Frauen nämlich«, fügte sie entschuldigend hinzu.
»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit ihnen.«
»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt. Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.«
»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter geschwiegen hat als ihm lieb war.«
»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.