Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 13

Chapter 133,608 wordsPublic domain

Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit. Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert, Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich, mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in große Positur und las mit schmetternder Stimme:

Ich richt euch einen Scheiterhaufen, auf dem das Herz der Zeit erglüht, mein Volk will ich im Blute taufen, das sich umsonst im Staube müht. Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen und Kronen, die der Rost zerfraß, euch müssen sich die Fürsten neigen und wer im Gold sich frech vermaß.

So öffnet denn die dunklen Kammern und strömt hervor wie Gottes Schar, es soll mich heute nicht mehr jammern, daß gestern Nacht und Grausen war. Auf denn, ihr Armen und Geschmähten, du seufzend hingestrecktes Land, genug der ungehörten Reden, setzt nur das alte Haus in Brand.

Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate, von eurer Not klagt Dorf und Flur, den stolzen Henkern keine Gnade, zerschmettert Höfling und Pandur. Der Feige mag vergebens zittern, der Held macht seine Brüder kühn, und aus zerbrochnen Kerkergittern wird neue Welt und Zeit erblühn.

Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.« »Geschrieben hat er's?« »Auf Papier steht's geschrieben?« »Der Dicke hat's gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?« »Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte, antwortete es in allen Dialekten durcheinander.

Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die übrigen begriffen, was im Werke war;

»Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate, von eurer Not klagt Dorf und Flur; den stolzen Henkern keine Gnade, zerschmettert Höfling und Pandur!«

sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander, und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.

Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.

Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht. Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur Flucht.

Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.

Paterner

Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«, murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben können.«

»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte Franziska.

»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort.

»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«, wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen --«

»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati.

»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht mehr an die Nerven als ans Gemüt.«

»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch. »Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?«

»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den Streit.

»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja, ja, -- es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern, was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht. Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass' ich es auch auf, wenn Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler sind feurig.«

»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort: Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte. Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die Illusion einer Dauer?

Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen; die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu. Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach, sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner die ganze Landschaft.

An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt, wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.

Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei, das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir also richtig eingesperrt«, rief Borsati. -- »Und wie steht es weiter oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. -- »Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald entwurzelt wird«, war die Antwort.

Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte, fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?« fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei. Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren, verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung.

Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht, Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab. Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah, weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von alledem.«

Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht. Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so unternehm ich's selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern, das ist ihrer und unserer nicht würdig.«

»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«, entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge. So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch. Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit, Schönheit und Schmerzlosigkeit.«

Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an. Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono, und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah.

Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf, das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung, die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender, stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und Verantwortung.«

»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati.

»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel, erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte, eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«, erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf, als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen, Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen, deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen. Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann. Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards. Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden können.«

»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend. »Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider Leute machen.«