Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 12

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Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß, beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel, Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese, Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig; vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte, ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die Genossen aus der Kantine herzuschleppten.

Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt, wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden, Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine zersprengte Tür.

Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn, Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden. Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander, zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten, pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen.

Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler, sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen. Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren. Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt. Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum Vorschein gekommen sei.

Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers, hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er, kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen.

Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige, Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte.

Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine.

Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder, Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren, da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise; bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist. Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen; sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die Schwägerin.

Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege. Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine. Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit, dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal, beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige, vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich, mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch, ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter! Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen, bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft, Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei. Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser Absicht zu entsagen.

Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse, wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt.

Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not, ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg, den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den Uhrmacher, die Lupe am Aug' und auf die Rädchen lugend, den Schlächter und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen, nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen, Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich. Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede, Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind.

Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern; Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll. Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart, in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben. Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch 'rum, wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben; Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer! Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen. Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.«

Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt, seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.«

Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll, was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab.

Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander, als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle. Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen. »Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. -- »Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« -- »Die wollen Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. -- »Die kommen aus einer guten Küche,« ein dritter. -- »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief Hennecke und ballte die Faust.

Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind, verderblicher als Kanonenkugeln.« -- »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus damit!«