Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 11

Chapter 113,517 wordsPublic domain

»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.« Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung, und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag. Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen, ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe gegeneinander.

Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist, nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.«

»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.«

»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht? Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose Katastrophe das gibt?«

Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange, so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor. Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über ihn her und legten ihm Handschellen an.

Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete. »Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung, Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief herzu.

Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör. Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und Befehle eingefordert habe.

Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke, daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre verdrießliche Lage rasch zu bessern.

Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig, aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero sechzig.« Das war die einzige Antwort.

Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger, selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« -- »Jawohl, wenn sie vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden begann. -- »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt klang. -- »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter Einfall, verdammtes Land.« -- »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« -- »Mensch, ich glaube, du spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. -- »Mit nichten, Freund. Ich denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser Unglück nicht mehr so groß dünken.« -- »Der Geschmack ist verschieden, sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs, worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich sonst verrückt werden müßte vor Wut.«

Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund, überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte.

Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten, ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete? Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren, hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht, dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters, die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der Dunkelheit einiges Licht.

Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn, blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten.

In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen, daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte.

Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen, wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.

So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich, obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige, mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten, ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm, ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher Vergangenheit, war Wort und Sprache.

Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr. Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf, den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert, erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an, die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um zu reden.

In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet, mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.«

»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen. Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt, paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten.

Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh, gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne, ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig, breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog, schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die Blicke empor.

Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück. Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«, murmelte er, »und doch Menschen!« -- »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib' sie gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.«

Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht, und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher. Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz, entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche, reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während Peters Ungeduld beständig wuchs.

Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht verwickelt wurden.

Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot, lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert? Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht, drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er wurde sofort in Eisen gelegt.