Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen

Chapter 10

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Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater, seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung, an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd, entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war, den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben, und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, -- es war, als ob Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt, während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten. Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert. Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten, und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen zerfleischt worden wäre.

»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen, die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten konnte, still zu stehn.«

»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.

»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«

»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan. »Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele. Nennt ihr die Erfahrung, so nenn' ich die Halluzination und das Leben in Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die Natur gesetzt hat.«

Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche, die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg, und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben versuchen will.«

»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil Feuer machen; Franziska friert.«

Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.

Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine Erzählung an.

Die Gefangenen auf der Plassenburg

Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche, nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute, arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe, Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt, geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der Seufzer und eine Stätte des Schweigens.

Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung: es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden. Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam.

An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung. Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine, Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett, sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war.

Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage, von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach langem Schmachten in Tyrannenfesseln -- ich bediene mich der zeitgemäßen Ausdrucksweise, -- sich endlich anschickte, für seine Rechte in die Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder verkleinerte.

Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt.

Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach. Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: »Überall da wohnen Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« -- »Das ist richtig«, antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt' ich Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander, würd' ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde Leben.«

Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf. »Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen, während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse! Erleben will ich's, das Ungetüm von Welt, erleben!«

»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?« erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das _nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten. Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um den Brei, seit langem spür ich's, und mich zieht's hinunter zu den Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in ihnen.«

»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist, geschieht's. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen sie, und nicht das Schwert.« -- »Und du?« fragte Alexander. -- »Ich? Ja, bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart. Da wälz' ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir den erzähle, da kniest du einfach.«

Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der, mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben.