Chapter 8
Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist ja gewiß schon ein wenig nachdenklich geworden, darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die zur Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben prolongieren zu lassen, zurückzuweisen. Aber er hütet sich, die Gedanken des Mißtrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat, laut zu äußern. Es kann alles nur eine vorübergehende Krisis sein, und ein Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich selbst strenger Mann, der weiß, was vorlaute Bemerkungen einem strebenden und mit der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil anrichten können. Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem Direktionszimmer leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste, aber man schweigt, denn man dient dem Handel und dem industriellen Verkehr der aufblühenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hügel zum Abendstern ein bißchen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben gewöhnlich einen feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden erst dann, wenn die Gewißheit der endgültigen Zahlungsunfähigkeit buchstäblich vorhanden ist. Da kann Tobler also noch ins Fäustchen lachen und froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der Sparbank von Bärenswil wie in einem wohlverschlossenen Grabe.
Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Sänger- oder Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er eben nur deshalb noch nicht auftut, weil er diese letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch nicht nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn sie durchs Dorf geht, von allen Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem wird es sicher noch nicht so schlimm stehen.
Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte über Nacht in das technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten sich ja einstellen. Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce widerstehen, die mit den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«? Und wenn einer einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, würde man ihn schon zu halten verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit dem Herrn Fischer, der ja übrigens, wenn man sich die Sache recht überlegte, vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der daher eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß man ihn so ernst nahm.
War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flügel ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat? War man nicht mit der Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen beschäftigt? Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller Mechaniker fast täglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen? Andere Leute spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen.
Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war Herr Tobler nicht nach »diesem Lumpen-Bärenswil« gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur Genüge. Nein, es galt gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um die neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger und arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in dem Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses auseinanderzugehen drohten. Und deshalb ließ Tobler, unbekümmert um das, was man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren flüstern würde, den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen Heuwagen voll Geld kosten.
Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren dürfen, das wäre noch besser gewesen! Denen mußte man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude versalzen, die diese Menschen empfinden würden, wenn es so weit käme, daß Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater »abzotteln« müßte. Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde Tobler gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaßen fertig hergestellt wäre, an die angesehensten Bürger des Dorfes, an solche, die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig meinten, Einladungskarten schicken, damit sie sähen, wie fest und wie überlegen er das Leben betrachtete und anpackte.
Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fühlte, wer Frau und vier Kinder sein eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da sollten nur ihrer ein paar herankommen, er würde sie davonjagen mit Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen Augen. Und wenn sie dann noch nicht genug hätten, die Speck- und Wurstesser, nun, so würde es ihm eben einfallen können, den einen oder den andern von ihnen handlich anzupacken und über den Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände würde er in einem solchen Fall nicht machen.
Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C. Tobler, technisches Bureau, überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks- und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser und Zimmermann, Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und Buchdrucker, Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten und Waren, ohne sofortige Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine spätere, gelegentliche Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem Getuschel und Gezischel in den öffentlichen Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, bloß auf diesen Fall und für diese Lage zum voraus einzuüben, und das auch nur dann, wenn ihn ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert hatten.
Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit und Wohlanständigkeit rings in die schöne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll zum See und zur Ebene herablachenden Hügel, umgeben und umarmt von einem wahrhaft herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufällig vorübergehenden Spaziergängern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und seine weißen Gesimse, bräunlich winkt der schöne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Geröll um die schlanke, feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart und an seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus, das der Lebendigkeit, und das der Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die tief in den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser älteren Ursprungs, aber es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken muß, es könne sein, daß er es unehrenhafterweise verlassen müsse, dem darf übel zumut sein, er hat Ursache.
Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler.
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Si-vi, Si-vi!
Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht. Ein grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen weiß diese Magd ausgezeichnet, wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets wegläßt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem bloßen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mädchen spricht niemand liebevoll.
Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit ganz natürlichen Dingen zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn aus allen Ecken tönt und flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus, daß man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei in unmittelbarer Nähe sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln, Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist die Luft um das Mädchen herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und Liebkosungen.
Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann geht hin und schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt ihn, denn die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater, dieselben dunklen Augen, dieselbe Fülle des Gesichts, ein und dieselbe Nase, überhaupt ganz Herr Tobler.
Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes Abbild der Mutter, eine zugleich verkleinerte, aber auch ziemlich mißratene Photographie derselben. Armes Kind! Was kann sie dafür, daß man sie schlecht photographiert hat? Sie ist dünn und doch plump. Sie scheint von Charakter, wenn man bei einem Kind von einem solchen sprechen darf, mißtrauisch, und in der Seele scheint sie falsch und verlogen zu sein.
Wie ist dagegen Dorli entzückend aufrichtig im ganzen Wesen. Deshalb hat man sie ja auch im ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. Man macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. Joseph trägt die Dora im Garten herum, auf den Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so tut er's. Sie bittet so schön. Der Himmel selber scheint ihr auf den Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weiße, kleine Wolken scheinen diesem Kinderhimmel alsdann zu entschweben, und irgendwo, meint man, müsse jemand plötzlich angefangen haben Harfe zu spielen. Sie bittet und befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher Befehl ist immer mit einer tatsächlich schönen Bitte verbunden.
Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schüchtern, zu verschlagen dazu, sie getraut sich nicht recht, es zu tun, aber um bitten zu können, muß man ein unbändiges, kräftiges Vertrauen zu sich und zu andern haben. Wenn man den schönen Mut zu einer flehentlichen Bitte finden soll, muß eines zum voraus von der Erfüllung derselben fest, ja felsenfest überzeugt sein, aber Silvi ist von niemands Güte überzeugt, da man sie nur zu rasch und zu unvorsichtig an ganz anderes gewöhnt hat. Ein verprügeltes Hudelgeschöpfchen wie Silvi wird leicht von Tag zu Tag unliebenswürdiger und häßlicher zum Anschauen und Ertragen, weil sich ein solch kleiner Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht nimmt, sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen Trotz, den nur niemand einem unentwickelten Kind zutraut, bemüht, durch ein immer schlechteres Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen stets höher zu reizen. Es ist überhaupt mit der Silvi ganz eigentümlich, es ist einem fast unmöglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. Die Augen beurteilen sie sogleich schlecht, nur das Herz, wenn man eines hat, sagt hinterher: Arme, kleine Silvi!
Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, Edi, der Jüngere, der Vernachlässigte. Aber in gewissen Familien sind Knaben höher im allgemeinen geschätzt als Mädchen, so daß es nicht möglich ist, daß einem weniger geliebten Knaben in einem solchen Maß alle gütige, warme Zuneigung verloren geht, wie es beim »verschuggten« Mädchen der Fall sein kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: Walter und Edi sind, zusammengerechnet, ein höherer Wert als das weibliche Doppelgebild Dora und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene Naturen, der erste ist ein wilder, zu Streichen aufgelegter, aber offenherziger Bursche, während Edi gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, ganz wie Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig spricht, ebenso wie diese. Edi macht sich auch nie über Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht um so natürlicher empfundenes Einverständnis. Ja, sie spielen sogar zusammen. Walter würde nie mit Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich über sie lustig und mißhandelt sie oft, weil man den Knaben daran gewöhnt hat, nichts dabei zu empfinden.
Von Silvi muß noch erwähnt werden, daß sie fast jede Nacht ihr Bettchen vernäßt, trotzdem sie von Pauline regelmäßig aus dem Schlaf geweckt wird, um auf das Nachttöpfchen gesetzt zu werden. Diesem körperlichen Makel hat die Kleine hauptsächlich die strenge Behandlung, welcher man sie aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des festen Glaubens, sie sei zu faul zu erwachen und vom Bett aufzustehen. Pauline hat Auftrag von Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken unsauber sei, und zwar jedesmal, und wenn Ohrfeigen nichts nützen, so solle die Magd nur den Möbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht eher etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So hört man denn oft mitten in der Nacht ein jämmerliches Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen, vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen Schimpfnamen, die Pauline der Sünderin glaubt anhängen zu müssen. Morgens muß Silvi das Häfchen, das sie während der Nacht benutzt hat, selber nach unten tragen. Es ist dies auch eine Verordnung der Mama, die der Ansicht ist, daß es sich für eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit eigenen Händen zu besorgen, die Pauline habe auch sonst noch genug zu tun. Da sitzt dann das Hutzel- und Hudelkind mit dem bewußten Gegenstand, den sie in kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem der Treppenabsätze und scheint, wenn man sie so betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die sonst den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu bekümmern, verlassen zu sein. Wenn sie sich »zum Überfluß« noch widerspenstig zeigt, sperrt man sie in den Keller, und dann ist des Geschreies und Polterns gegen die zugeschlossene Kellertüre kein Ende, so daß sogar Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, auf den Jammer, der aus der Villa tönt, aufmerksam werden.
Tobler weiß von alledem wenig, er ist ja so selten zu Hause, jetzt geht er überhaupt immer mehr auf Reisen. Er ist von Geschäftssorgen erfüllt und kann sich der Erziehung und Überwachung seiner Kinder in nur ganz geringem Grade widmen. So ein Mann, wie Tobler einer ist, überläßt gern die häuslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist und kämpft in Dingen der Reklame-Uhr und des Schützenautomaten. Der Mann trägt die Verantwortung, da müßte man hoffen dürfen, die Frau trage die Liebe und die Mühe. Der Mann kämpft mit der Existenz, und die Frau sorgt für die Haltung und für das friedliche Benehmen zu Hause. Inwiefern das Frau Tobler tut, wird es sich zeigen? Vielleicht.
Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten geben. Die Kinder Tobler bilden ein sehr ungleichmäßiges Viereck. An den vier Spitzen des Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. Walter spreizt seine Beine und zerreißt seinen frechen Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt am Finger und lächelt und schaut auf die sie bedienende Silvi herab, die der Prinzessin die Schuhe binden muß. Edi schnitzt an einem Holzstück herum, das er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die Arbeit, die das Taschenmesser, dessen er sich bedient, leistet, versunken. Wo ist da Regelmäßigkeit? Wie kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht sein? Pauline schaut zum Küchenfenster heraus. Diese Person aus den weiteren Volksschichten hat verwunderlicherweise keinen Sinn für Gerechtigkeit, oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich das unregelmäßige Viereck, die Kinder zerstreuen sich, jedes in seine Art und Weise hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen, und in den Weltraum rund um das Haus Tobler herum, in die Schmerzen und Freuden hinein, in die Demütigungen und in die kosenden Worte, in die Stube und in den täglichen Kreis, in die Schlafnächte und in den Fortgang der kindlichen Erfahrungen. Vielleicht üben sie sogar einen gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. Wer kann's wissen. --
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Im Laufe der Woche, die im übrigen ruhig verlief, waren eines Abends zwei Leute, Herr und Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern zu Besuch gekommen. Es war recht gemütlich gewesen, wie man sich auszudrücken pflegt. Man holte wieder einmal ein Spiel Karten und »jaßte«. Der »Jaß«, so hieß in der weiten und breiten Landesgegend ein beliebtes, ja sogar national gefärbtes und angehauchtes Kartenspiel. Frau Tobler, die es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden ist, bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, unterrichtete Frau Doktor Specker in den zahlreichen Kniffen, die dasselbe enthielt, letztere Dame war darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an diesem Abend viel gelacht und gescherzt worden. Joseph wurde das Amt eines Kellermeisters übertragen, er hatte Wein aus dem Keller zu holen und den Inhalt der Flaschen dann in die Gläser zu gießen, und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß er einen gewissen Stolz besaß, der Tobler dumm vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen Takt, so daß sich sein Chef nicht zu genieren brauchte, ihn mit den herrschaftlichen Gästen näher bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, hatte Tobler laut gesagt, auf welche Worte sich Joseph vor der Dame und dem Herrn aus dem Dorf verneigte.
Was waren es denn eigentlich für Leute gewesen? Er war Arzt und dazu ein noch blutjunger Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar nichts weiteres vor, als die Bestätigung in Weibesgestalt, die Frau des Arztes zu sein, weiter gar nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und führte sich als solche den ganzen Abend still und schüchtern auf. So war Frau Tobler nicht ganz, der sah man denn doch, namentlich wenn man beide Frauen miteinander verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, aber an der Frau Doktor Specker war gar nichts Geheimes. Man aß süßes Gebäck zum Wein, und die Herren rauchten.
»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt,« dachte Joseph, indem er sich bemühte, so klug und so knifflig wie möglich zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt richtete an den Gehülfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange er in Bärenswil und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausführlich, als ihm die Zurückhaltung, die Menschen von unstetem Lebenswandel in solchen Fällen immer eigen ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt, und es wurden ihm nun in der Spielregel von allen vier Seiten des Tisches die glänzendsten Reden gehalten, als würde es gegolten haben, einen verbohrten, schwerfälligen Ketzer zu bekehren.
Gesprochen war im übrigen das Alltägliche worden, und das war ja schließlich das »Gemütliche« gewesen.
Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen und kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers Wirsich eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus dem Hause Tobler beförderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich beständige Rede war. Die Sache war folgende:
Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd aus der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorläuferin von Pauline, ein nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d. h. diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wäschestücke und anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war, die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu augenfällig und in der Tat unanständig unterhalten wurden. Außerdem war die betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als eine Gefahr für die Kinder. Sie hatte sich öfters plötzlich im bloßen Hemd auf der Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann steif und fest und hoch und teuer, und unter Tränen und Krämpfen ihres fetten Leibes, auf die Vorwürfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und müsse sterben, und was des zynischen und läppischen Geschwätzes mehr sein mochte. Da die Herrschaften Tobler genau um die nächtlichen Besuche wußten, die die lüsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es kluger- und billigerweise geraten, das Dienstverhältnis zu dem ungesunden und verderblichen Mädchen aufzulösen und ihr den Abschied zu geben.
Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien über Frau Tobler in der Gegend, wo sie wohne, Gerüchte verstreut worden, dahin deutend, ihre frühere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein Liebesverhältnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise glaube, da sie zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und lügenhafte Zungen es seien, die so etwas hätten sagen können. Aber verpflichtet habe sie sich gefühlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient hätte, von den abscheulichen Lästerreden Mitteilung zu machen, um sie zu warnen usw.
Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch richtig noch auch nur vernünftig geschrieben war, versetzte die Empfängerin in die hellste Entrüstung, denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines Dienstboten an die frühere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein eines schlimmen Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man saß draußen im Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer energischen Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich zu sein.
»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau zur Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre hineinwickelte, beinahe kränkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie es ja wohl auch noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es scheine ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu dienen, und höflich sei sein Benehmen ihr gegenüber heute auch nicht gerade.
»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph beinahe zornig, »erteilen Sie mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«
Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das und wandte ihm, indem sie ihn mit einem erstaunten Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte stillschweigend zu seiner Arbeit zurück.
Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert, im Bureau, bat sich von dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach und fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt sie mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut über die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie fertig geworden, und da konnte sie sich des Bedürfnisses doch nicht erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen Meinung zu hören. Der Brief war an die Mutter der heimtückischen Magd gerichtet und lautete:
Geachtete Frau!