Der Gehülfe

Chapter 6

Chapter 63,682 wordsPublic domain

Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besaß. Dagegen war die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank- und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus große Reichtümer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Körperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Kälte strömte sie aus, sicher war er das Gegenteil eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit und Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer sich käme. Übrigens hatte er den Befehl zurückgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschärft hatte er Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen, sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause wäre. Womöglich ließ sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, daß der zu nobel für so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers eins hatten, durfte für jedermann, auch für die höchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es war, glaubte Joseph, genügend gesorgt für ihn.

Aber Joseph war es doch ein wenig bange.

Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal sich außerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwährenden Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil umschlagen. War er gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber für einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. War er gleichmütig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man sich verpflichtet zu lächeln.

Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen über des strengen Vaters Abwesenheit von weitem an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.

»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« dachte Joseph. Da kam Silvi, das ältere der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.

Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.

»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« sagte die Frau zum Gehülfen.

Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstüre gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme der Ankömmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er bitte, eintreten zu wollen.

Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr Fischer!« rief Joseph aus. Er verneigte sich etwas zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte.

Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann, während er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach allen Seiten umschaute.

Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben in Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam alles, was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes auseinanderzusetzen.

Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien, fragte, indem er die Adlerflügel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Höhe der angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits Reklame-Aufträge eingelaufen seien?

Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bißchen nachdenklich schien er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu seinen Gunsten auslegte.

Dieser erwiderte, die Summe dürfte wohl kaum als zu hoch gegriffen betrachtet werden, im Gegenteil, und Aufträge seien bereits in ganz erfreulicher Anzahl da.

»Und die Uhr kostet?«

Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er ein ganz klein wenig, er wußte selbst nicht warum, stotterte. In der Ungewißheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf aber dieses plötzliche Gelüste als nicht ganz schicklich. Er errötete.

»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt es sich hier um ein scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben, einige kleine Notizen zu machen?«

»Aber bitte!«

Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich, war er schon darauf vorbereitet, zu sagen, dem Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im Garten eine Tasse Kaffee zu trinken.

»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht der andere. Er schrieb einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Plötzlich war er fertig. Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist mit seinen verständnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er wollte den Mund auftun, um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen und die Dame, die unten wartete, heraufholen.

Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persönlich nicht angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst für die erhaltene, liebenswürdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden.

»Schade,« nahm wieder der andere das Wort, »ich würde mich äußerst wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschließen können. Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, daß sie sich rentieren wird. Wollen Sie die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef eine höfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen.«

»Man kann ja« -- War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte?

Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen. Sollte man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Muß Joseph sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er muß nun ins Gartenhaus gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um derselben zu sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen hat.

»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.

Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben damit beschäftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen. Sie weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie für Unholde von Kindern habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz: Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte Frau, auf der andern Seite ein ironisch winkender und grüßender Kapitalist, und im Hintergrund die Ahnung von der Mißbilligung Toblers.

Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und goß sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.« --

»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau. Sie hatte die Augen getrocknet und schaute nach der Landstraße hinunter. Dort unten stand in der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des Toblerschen Besitztums zu ergötzen.

»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war unmöglich, er sagte, er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für alle Fälle seine Adresse.«

Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen. Nein, er hatte nicht sein Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine freche, frivole Lüge.

Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr übel nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stücken.

Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mädchen, saß auf einem Gartenstein und sang in leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr zu schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich und bläulich. Der Geldmann war jetzt nicht mehr zu sehen.

»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die Frau und lächelte.

»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph trotzig, »das ist das wenigste. Übrigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will.«

Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und müsse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen. Natürlich habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm das ja ganz schön ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn »Karl« nicht können. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.

Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort zu sprechen.

Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr Mann andern Menschen einzuflößen verstehe. Für Fernerstehende habe er beinahe etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft, und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die geringste Angst vor Tobler.

»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger geworden.

Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Täuschung hingeben könne. Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragödie, sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei das nie merkwürdig, sondern immer natürlich an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, daß es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, daß es eine anscheinend so unselbständige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen habe, auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig, Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelächter zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur »eine unselbständige Frau« sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt sei, nur ein vorübergehender sein können.

Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches an sich.

Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedürfnis, einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen nicht los. Um es endgültig zu bewältigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und tröstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schönen, hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Gräser und Bäume herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man empfand während dieser Arbeit eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst anschimpfen.

Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmöglich, kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen.

Wie schön wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?

Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hübschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, daß er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu Herzen nähme.

Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das war so schön anzusehen, daß der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.

Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen, es waren »die seinen«.

Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hört, ist dieser Näherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.

Tobler war müde und gereizt, aber das war nichts Überraschendes, denn so pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hügels Mühe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte herbeizuholen, glücklich darüber, seinem Vorgesetzten für eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege zu gehen.

Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte sich die Lage der Dinge bereits verändert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es Joseph erschien, den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen kann, weil er fühlt, daß er es zu unmäßig täte.

»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte er, »wie haben ihm die Dinger gefallen?«

»Sehr gut!«

»Die Reklame-Uhr?«

»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein.«

»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten aufmerksam gemacht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau wegen, die unten am Gartentor wartete.«

»Und Sie haben sie warten lassen?«

Joseph schwieg.

»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten haben,« schrie Tobler, außerstande, die Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn verzehrten, länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück haben, von der eigenen Frau und einem nichtsnutzigen Gehülfen betrogen zu werden. Da soll der Teufel Geschäfte machen.«

Er würde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn Frau Tobler sie nicht glücklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.

»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,« rief die Frau, »und zu sagen, ich betrüge dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich dann auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient nicht, daß er mit Ausdrücken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine solche Szenen.«

Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich weinend gesprochen, aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt, Tobler war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war am Vorübergehen. Er fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun könne, um sich die Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen früh müsse sogleich telefoniert werden.

Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine große Rolle. Die kaufmännischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen werden.

Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem Herrn Fischer morgen früh telephonieren könne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß, wenn man derartige Hilfsmittel zur Verfügung hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?

Und Tobler würde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankündigung in den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.

Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon längst wieder heiter und vergnügt geworden war, als habe die Aufregung innerlich weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die späte Nacht hinein Karten. Joseph müsse das Kartenspiel auch lernen, hieß es, es sei einer kein rechter Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.

Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends war die Miene eine gedrückte, zornige und traurige. Das Geschäft war nicht zustande gekommen. Statt der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere Szene im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie das verhaltene Ungewitter selber und gefiel sich in unschönen, gotteslästerlichen Verwünschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die ganze Erde in Morast versinken, das käme jetzt alles auf ein und dasselbe heraus. Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse von Schlamm.

Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum Teufel in die Hölle zu wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er aber fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den Kopf voran, auf die Tischplatte niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten Schritten davonging.

»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte Joseph in einem Anflug von weltmännischer Ritterlichkeit zu sagen.

»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt,« erwiderte Tobler.

Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce für die täglich erscheinenden Weltblätter. In dem Inserat kamen Worte vor wie: »Glänzendes Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern Tages in die Annoncenexpedition schicken.

* * * * *

Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fünf Mark in die Tasche. Er genoß wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten zu dürfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute würde es wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler für eine Manier besaß, zu lachen und einen spöttisch von oben herab anzusehen, sobald es sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein Schlossermeister gewesen wäre, zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie rauchen gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.« Als ob Joseph soeben mit Gitteranstreichen oder Türschloßausbessern fertig geworden wäre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war die Art, wie man einem tüchtigen Gärtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht Toblers »rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete eine solche rechte Hand gebührend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres zu rauchen darbot?

Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete die Fenster und ließ sich im Bett von der weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden, was eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes auch, wie zum Beispiel der Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles sonnig und sonntäglich. Das Sonnige und das Sonntägliche schienen von weit her schon Brüderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der innige Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war auch aus so etwas Sonnigem und Sonntäglichem gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie wäre es möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein, oder gar mißgestimmt, oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an der Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte einen förmlich an. Eigentlich war man gedankenlos, und man wußte gar nicht warum, aber man schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit lag so viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an köstlich gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing dieses dumme aber beinahe süße Sonntägliche schon an.

Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf die viereckige Plattform, die ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier sah man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bäume hinüber. Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte der Gehülfe nicht länger widerstehen, es riß ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter und Eingemachtem.

Später ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie ein Küchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, es war heute das reine Tändeln mit der sonst so ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische Unterredung« erschien ihm ebenso sonntäglich geputzt wie das Wetter und die Welt draußen. Die Redewendung »und gestatte ich mir« war blau wie der See zu Füßen der Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll« am Schluß des Schreibens schien nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu duften.

Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntäglich, daß man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu unterbrechen, um rasch den Garten ein bißchen inspizieren zu gehen. Wie das duftete, wie heiß es schon war, trotz der noch frühen Morgenstunde. Da würde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so »genau kam es sicher nicht darauf an«. Ja heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung wie Joseph sein. Das »Nichtdaraufankommen«, das war schließlich der ganze Unterschied zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und Blumenduften. Heute abend würde man den Garten auch wieder einmal recht tüchtig spritzen müssen.

Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten vor, indem er das dachte. Er trug jetzt die Glaskugel ans Freie hinaus.