Chapter 5
Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmöglich. Die Post (es wunderte einen, daß sie heute überhaupt kam) brachte eine ziemlich hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene Ausführung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches man eine so schöne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung prägte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar deutlich, beinahe mathematisch genau, als hätte man der Stirn den genauen Zahlenbetrag müssen ablesen können. Als Beigabe zur patriotischen Feier war solches nicht gerade besonders erbaulich.
»Der kann warten,« sagte der Chef, indem er die Faktura Joseph dicht neben den aufs Pult herabgebeugten, denkenden und korrespondierenden Kopf warf. Joseph sprach durch die Nase: natürlich! als sei er bereits jahrelang im Geschäft tätig gewesen, als kenne er mehr als zur Genüge schon die Verhältnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden und Hoffnungen seines Herrn. Überdies fand er es heute für passend, gutmütige Töne und Gebärden an den Tag zu legen. Bei so schönem Wetter --
»Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, Rechnungen zu präsentieren,« bemerkte Tobler. Er war gerade mit Zeichnen beschäftigt, und zwar mit der Skizzierung der »Tiefbohrmaschine«.
»Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht wenigstens die Bohrmaschine,« murmelte er zu Joseph hinüber, und von dem Korrespondenztisch her klang zur Antwort wieder ein:
»Natürlich!«
»Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den 'Schützenautomaten', der reißt alles heraus,« redete der Skizziertisch, worauf die Abteilung für kaufmännisches Wesen antwortete:
»Selbstverständlich!«
»Glaube ich eigentlich an das, was ich da sage?« dachte Joseph.
»Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl,« rief Tobler.
»Aha!« machte der Gehülfe.
Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen klaren Begriff von diesen Sachen habe.
»Ach ja,« glaubte der Schreiber erwidern zu dürfen.
Ob er den Brief an das staatliche Patentamt aufgesetzt habe?
»Nein, noch nicht.« Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.
»So machen Sie doch, zum Kuckuck!«
Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, ergab es sich, daß das Schreiben falsch war, es wurde zerrissen und mußte noch einmal geschrieben werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde ausgezeichnet. Außerdem erhielt er von seiner Frau Weiß aus der Stadt eine Antwort auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb, er brauche mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, das habe gute Zeit. Der Brief war im übrigen ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber hatte er denn etwas anderes erwartet? Nicht im geringsten. Er hielt gottlob diese gute Frau nie für geistreich.
Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte Wunde unter den Ohren am Hals der Frau Tobler.
Woher sie das habe?
Sie erzählte ihm, es komme von einer Operation her, und sie werde sich wahrscheinlich ein zweites Mal an derselben Stelle müssen operieren lassen, da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: da werfe man für so eine Sache viel Geld aus, in den Rachen der allezeit kostspieligen Arzneikunst, und von einer wirklichen Heilung sei dann doch nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die Ärzte und Professoren, sagte sie, nehmen für den kleinsten, dem Auge des gewöhnlichen Sterblichen kaum bemerkbaren Schnitt mit der Lanzette ein kleines, halbes Vermögen in Empfang, und wofür? Dafür, daß sie irgend einen Fehler begehen, damit man nach kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und sich von neuem kurieren lassen könne.
Ob es denn schmerze?
»So! Bisweilen!« sagte die Frau.
Dann erzählte sie Joseph den Hergang der Operation. Wie man sie aufgefordert habe, in einen großen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und vier gleichmäßig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern hätten eine wie die andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre Gesichter seien einander so ähnlich gewesen wie vier gleich große und gleichfarbige Steine. Alsdann habe man ihr befohlen, und zwar in sonderbar barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle nicht übertreiben, aber sie müsse schon sagen, daß ihr entsetzlich zumute geworden sei. Nicht ein Zug, nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck der Härte und der Herzensverlassenheit gemacht. Nicht ein Schein einer milden Miene, nicht die Spur eines tröstenden oder beruhigenden Wortes. Als ob ein bißchen gütiges Wesen sie hätte vergiften, anstecken oder gar töten können. Sie meine, das heiße die Vorsicht und die Korrektheit denn doch gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschläfert, und von da an habe sie natürlich nichts mehr empfunden und nichts mehr gewußt, bis es vorbei war. Und vielleicht, schloß sie ihren Bericht, müsse ja das alles so sein. Man empfinde es nur als überflüssig herzlos. Der wahre Arzt dürfe aber vielleicht gar kein Herz haben, wer könne das beurteilen.
Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch das Haar.
Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal dort -- hinlegen zu müssen, sei ihr abscheulich und peinlich. Und auch noch wegen etwas anderem. Joseph könne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, ihrem Mann mit so etwas zu kommen, wo die ganze finanzielle Lage, Joseph müsse das ja wissen, sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, wenn sie keine Ursache zu außergewöhnlichen Ausgaben habe. Dieses dumme Geld; wie schnöde doch eigentlich die beständige Sorge um so etwas sei. Nein, da müsse sie, und sie lächelte, zuerst das neue Kleid haben, das sie sich schon längst wünschte, ehe sie den Ärzten wieder etwas gebe. Das könne ihretwegen noch eine Zeitlang warten.
Joseph dachte: »Der Herr will die Schlosserwerkstätten warten lassen und die Frau die Ärzte.« --
Der 1. August!
Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne besondere Dinge vorübergegangen. Der Abend ist wieder da, es ist der Festabend. Schon fängt man an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne dringen die dumpfen Schläge der Böllerschüsse zu den Ohren der um das Haus Versammelten. Tobler hat für einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der Mechaniker, der den »Schützenautomaten« in Arbeit hat, ist vom Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung zu Toblers herübergekommen. Auch die beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im Gartenhaus und hat die Weine bereits angestochen. Tobler glänzt vor Festnachtfreude, schon jetzt, und je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, um so feuriger drückt sich dieser eigentümliche Glanz auf seinem rötlichen Gesicht ab. Joseph zündet Kerzen und Lampen an, er muß sich unter jeden Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. Vom Dorf her hört man ein murmelndes Singen und Lärmen, als müsse dort, in der Entfernung eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude herrschen. Neue Schüsse! Diesmal donnern sie vom andern Seeufer herüber. Tobler ruft: »Ah, die da drüben machen auch schon Ernst!« Er ruft Joseph zu sich heran, um ihm »etwas zu trinken«, und neue ergiebige Winke bezüglich der elektrischen Beleuchtung des großen Wappenschildes zu geben. Der Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen des großen, heiligen Vaterlandes.
Wie tönte doch da die sonore Stimme des Herrn Tobler, an diesem großen Abend. Bald flogen die knisternden und zischenden Raketen in die Höhe, oder es platzte ein Feuerteufel. Auch ganze Glutschlangen sprangen, von der Hand des eifrigen Gehülfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, wahrhaftig, es konnte bald einem Märchen aus Tausendundeine Nacht gleichen. Wiederum, pum, ein Schuß aus der Ferne. Die im Dorf schossen jetzt auch. Tobler rief: »Nun? Kommt ihr auch bald einmal? Ihr seid doch immer die Spätesten. Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker!« -- Er lachte aus vollem Halse, ein gefülltes Glas schimmernden, hellgoldenen Weines in der Hand schwenkend. Seine verhältnismäßig kleinen Augen sprühten, als hätten sie Feuerwerk abgeben mögen.
Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe und -schlange nach der andern. Joseph glich einem heldenmütigen Kanonier in der heißen Schlacht, so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle Stellung und Haltung eines Kämpfers angenommen, der scheinbar entschlossen war, sein letztes bißchen Blut für die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen Momenten glauben ja die Menschen Wunder was zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es bedarf nur des Weines und des Gewehrdonners, und der Wahn des Außergewöhnlichen ist zusammengewoben, fest genug, eine ganze, lange, ruhige, bescheidene Nacht zu durchschwärmen. Auch Joseph war, wie sein Herr, vom Herzensfeuer der Festnacht ergriffen worden.
»Schießt, ihr Fötzel!«
Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, und er meinte damit jene paar Leute, die sich immer einen gewissen spöttischen Ton herausnahmen, wenn er angefangen hatte, am Biertisch von seinen technischen Erfindungen zu reden. Durch seinen Ausdruck und Ausruf zeigte er diesen »Schlappschwänzen«, wie seine abermalige, kurze Ansprache lautete, deutlich seine Verachtung.
»Aber Karl!«
Frau Tobler mußte hell auflachen.
Berauschend schön war's, als jetzt von den fernen, unsichtbaren Bergen herab, gleichsam im hohen Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zündeten und brannten. Auch Hornrufe, groß und wuchtig tönende, kamen aus weiter Höhe und Ferne herabgeklungen, langsam den metallenen Atem ausstoßend und ihn lange anhaltend. Das war schön, und alles, was Ohren hatte, horchte. Ja, wenn die Berge selber zu tönen und zu reden anfangen, muß wohl bald das kleine Gezische und Geknatter der hastigen Raketen schweigen. Bergfeuer brennen still aber lang, während der Sprühregen der Nähe emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg und Geräusch, aber auch gleich wieder ins Nichts zusammensinkt.
Mit dem Eindruck, den das große, erleuchtete Wappenschild mit der roten und weißen Farbe machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er ließ daher noch ein paar Flaschen bringen und konnte sich mit Einschenken in die verschiedenen Gläser gar nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute müsse eins über den Durst genommen werden.
Und so klangen denn die Gläser eifrig aneinander, der Gläserklang vermischte sich mit dem Gelächter, das über allerhand rasch ersonnenen und ausgeführten Torheiten erschallte. Die Wangen waren so heiß wie der Ausdruck der Augen. Die Kinder hatte Frau Tobler natürlich schon längst in die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen wurde heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen und plötzlich der alten Dame aus der Parkettfabrik auf die Nase gesetzt, daß er kleben blieb. Tobler lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank zu lachen, er mußte sich die Backen festhalten, da diese zu zerspritzen drohten.
Schließlich klingelte und lächelte das Fest mit dem letzten Glas Wein an den Lippen der Teilnehmer aus. Die Lust am Späßetreiben erlahmte und sank jeden Augenblick, hintenüber taumelnd, in Schlaf. Die Frauen standen auf und gingen nach Hause, wogegen die Männer sich noch eine halbe Stunde, allmählich wieder ernsthaft werdend, im Gartenhaus aufhielten.
* * * * *
Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die Toblersche Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie fast alle Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch eine ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher, herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch sind viele angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die ebenfalls schon ein ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel haben hier vor ungefähr hundertfünfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr oder minder primitiven Räder und Gurten geschwungen, und sie haben sich bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland, sondern auch in der übrigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute und Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb hängen und stecken geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der Geschmacksänderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewußt. Sie ließen sich in den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige Gebäude aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse Form der zufällige Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann. Jene reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlößchen und Häuser mit Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, daß, wie man ahnen kann, damals ein schönes, solides häusliches Leben regiert und bestanden haben muß. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten vornehmen Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie verstecken ihre Häuser gern in ältere, bereits durch ein tüchtiges Wachstum ausgezeichnete Gärten, denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen Blutes geschenkt und gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Bärenswil oder Bärensweil viele armütige und elendigliche Bauwerke, und in diesen wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen Schönheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natürliche Überlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so lang und so gutbegründet weiterbestehen wie das wohlhabende und ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das feinere Weltleben fortexistieren.
Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen und Straßen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und Treiben. Wenn man hier eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß man nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein, sondern man muß sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch Kaleschen mit streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen zu gehören, solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau gebühren, um so mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß wirklich zum alten Land- und Stadtadel zu zählen ist.
»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter Fremder von Bärensweil sagen. Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb, weil einige Bärensweiler, mit denen er am Stammtisch des »Segelschiffes« zu sitzen pflegt, an die gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so recht glauben wollen.
Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten ihre Augen eines Tages schön aufreißen, sagt er in letzter Zeit öfters.
Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat ihn veranlaßt, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren ein einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen. Da hat er eines Tages eine größere Summe Geldes geerbt und dadurch den Plan genährt, sich selbständig zu machen. Ein noch verhältnismäßig so junger und heißblütiger Mann ist in allen Dingen, so auch in der Ausführung von heimlichen Plänen, stets etwas rasch, und das ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so nennt sie sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend, schöner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der nicht allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas für ihn! Er macht kurzen Prozeß und kauft sich das Grundstück. Er kann als freier unabhängiger Erfinder und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm beliebt, er ist an keinerlei Scholle gebunden.
Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen, der Tobler nach Bärensweil geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es will, wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfügender und -bestimmender Herr sein, und er ist es.
* * * * *
Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im Bureau ein wenig den »Schützenautomaten« an, der schließlich auch studiert sein wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand, auf welchem die ausführliche Beschreibung dieser Maschine nebst zeichnerischen Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte man ja bereits beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es ihm gelang, sich mit dem innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei vertraut zu machen.
Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding, ähnlich den Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhöfen und in allerlei öffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem Schützenautomaten nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz oder dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche war also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und verschärfte, auf ein anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch war der Toblersche Automat bedeutend größer, er war ein dickes, hohes Gestell von einem Meter und achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite. Der Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht hundertjährigen Baumstammes. Am Automaten war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz angebracht, zum Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes oder der Münze, die für Geld erhältlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu warten, dann an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun in eine offene Schale stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere Konstruktion beruhte auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem abwärts gleitenden Kanal zur Beförderung der Patronen, die sich in gleichmäßigen, der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art von Kamin zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt befanden; zog man nun an dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben eines der im Kamin befindlichen Stücke äußerst elegant heraus, und der Apparat funktionierte weiter, das heißt er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter Schütze des Weges daherkam und ihn von neuem zu der eben beschriebenen Betätigung reizte. Aber noch mehr! Der Automat hatte den Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine kreisrunde Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf der Münze und Ziehen am Griff des Hebels eine schönbemalte Reklamescheibe zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus einem Reifen verschiedenartig gefärbten Papieres, der mit der ganzen Hebelvorrichtung in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, daß der Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine erneute Reklame unmittelbar und exakt an die kreisrunde Öffnung schob, indem sich der Papierreifen stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war in »Felder« abgeteilt, die Besetzung und Benützung der einzelnen Felder kostete Geld, und dieses Geld mußte die Kosten der Anfertigung des Automaten brillant herausschlagen: »Aufzustellen ist der Schützenautomat auf Schützenwiesen gelegentlich der zahlreich stattfindenden Schützenfeste. Was die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung von Bestellungen und Aufträgen wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden. Wenn man annehmen darf, daß sämtliche Felder mit Reklamen besetzt werden, und man darf das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph war mit seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß er anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen schönen Haufen Geld, denn was die Inserate einbringen, das übersteigt bei weitem die Kosten der Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt natürlich eine wesentliche Preisermäßigung ein.«
Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank trat ein.
»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf, nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte es hin und her, prüfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich nachdenkliches und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei gut, man werde vorbeikommen.
Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm sogleich die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.
Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mußte gleich telephoniert werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf den zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam! Leute, die Geld von Tobler haben wollten, mußten in Zukunft noch ganz anders, noch viel kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das gebot das Zartgefühl Herrn Tobler gegenüber. Der Chef durfte jetzt unter keinen Umständen an diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden. Der hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den konnten jetzt nur die großen Sorgen beschäftigen. Dafür hatte ja Tobler einen Angestellten, damit dieser womöglich intelligente und geistreiche Kerl ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich dicht an der Tür aufstellte, um ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefördern. Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür rauchte er jetzt auch wieder einmal einen von den eben aus dem Dorf herspedierten, neuen Zigarrenstumpen.
Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschäften nachgegangen und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das würde fatal sein.
Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce »Für Kapitalisten« hin sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernächster Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung der betreffenden Erfindungen vorsprechen.