Chapter 21
Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter ein Lied. Die warme Männerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht hineinpassen. Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend, daß man ihm, als man es hörte, zutraute, es werde noch über das alte Jahr hinaus ins neue hinein und hinüber tönen wollen.
Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstraße langsam gegen das Dorf zu.
* * * * *
Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und während der Nacht betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie zusammen führten, das zu beschreiben würde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen, aber desto vergnüglicheren und desto zielbewußteren Rausch hin. In einem der zahlreichen Bärenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion sprach. Joseph hörte, so gut er noch hören konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder gemäß den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an nichts, so etwas höre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden Angestellten, dem gegenwärtigen und dem früheren, schenkte der Ingenieur infolge seiner heftigen Gesprächsanteilnahme keine Beachtung.
Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen und zu erschallen, um den Beginn des neuen Jahres läutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von den Chören des Männergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von Fackeln beleuchtet, das nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wütenden Handelsgärtner, den ärgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter den Zuschauern und Zuhörern.
Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte, bessere, als sonst in Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gönnte sich etwas, das er sich sonst nicht wohl hätte erlauben dürfen; das ergab schöne, fette Rechnungen, und diese wurden gleich bar bezahlt.
Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu der Mitternachtsmusik gekommen, still und verschämt, im Gegensatz zu den unverschämten Augen, die sie unter ihren Mitbürgerinnen antraf, die es sich zur Wonne machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. Sie war heute eine einsame, wenig geachtete, wenig beliebte Frau, aber sie ertrug es.
Am späten Morgen erwachten im Turmzimmer zwei noch nicht ausgeschlafene Köpfe. Es war heller Tag und bereits elf, halb zwölf Uhr, also schon beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und Wirsich an, um hinunter zu gehen. Im Bureau stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den Spätling und den unberufenen Eindringling erblickte, kannte keine Grenzen. Er war nahe daran, Joseph zu schlagen.
»Nicht nur,« rief er aus, »daß Sie den ganzen vorigen Tag, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung oder der Benachrichtigung zu sagen, weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert haben, besitzen Sie auch noch die Frechheit, einen neuen halben Tag zu versäumen und zu verschlafen. Unerhört ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten heute gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, aber es kann jemand Geschäfte halber daherkommen, und welchen Eindruck macht dann das, wenn die Magd dem Ankömmling sagen muß, der Lump von Angestellter liege noch oben in seinem Nest. Schweigen Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links und rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat auch noch die Stirne, in Gesellschaft eines Menschen anzulangen, der, wenn er sich nicht augenblicklich jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, wie ich ihm befehle, anderes und deutlicheres zu gewärtigen hat. Und kommt an, mit einer Gelassenheit, die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem schuldbewußt sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses Haus ist noch immer ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit, in der es sich befindet, darf niemand mich zum Narren und Buben machen, am allerletzten mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit er zu leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es gilt einen letzten Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen Sie die Feder zur Hand.«
Der Gehülfe sagte mit einer endgültig verletzenden Ruhe:
»Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen Lohnes aus.«
Er wußte kaum, was er sagte, er hatte nur das bestimmte Schluß-Bewußtsein. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Feder in die Hand zu nehmen, so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkürlich dasjenige, was die stärkste Möglichkeit darbot, zu Ende mit all diesen Dingen zu gelangen.
Tobler war denn auch außer aller Fassung.
»Machen Sie, daß Sie sofort zum Haus hinauskommen. Fort! Zu meinen Feinden! Ich brauche Sie nicht mehr.«
Er überhäufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst heftigen, dann immer schwächeren, bis der Ton der Wut gänzlich in Klage und Schmerz übergegangen war. Joseph stand immer noch da. Es dünkte ihn, mit der ganzen Welt Mitleiden haben zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber stark und nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich war längst vorläufig in den Garten hinausgetreten. Der Hund wedelte seinen alten Bekannten an. Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des Wohnzimmers und hörte mit gespanntem Ohr durch die Wände und Mauern, was von unten her zu ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete sie die Bewegungen des im Garten stehenden, früheren Gehülfen.
»Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr Tobler, dann gehe ich,« sprach's vom Schreibtisch aus.
Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte Tobler.
Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr möglich, zu bleiben, worauf Tobler sagte, das sei doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer Stunde begab sich der Gehülfe, so unauffällig er konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er der Reihe nach wieder diese kleinen, nichts- und für ihn vielbedeutenden Gegenstände in die Hand, um sie säuberlich aber rasch in den bereitgehaltenen Koffer zu stecken. Als er mit Packen fertig war, stellte er sich für zwei Minuten an das offene Fenster und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren Herzen die Gegend an. Dem großen See da unten warf er sogar eine Kußhand zu, ohne zu überlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefühl des plötzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens.
Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, rief er Wirsich zu: »Warten Sie. Ich komme im Moment.« -- Dann ging er die Treppe hinunter, das Köfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das Herz klopfte!
»Ich muß nun Adieu sagen, ich muß nun gehen,« sagte er zu Frau Tobler. Diese fragte:
»Was hat's denn gegeben? Müssen Sie gehen?«
»Ja,« antwortete der Gehülfe.
»Denken Sie ein bißchen an mich, wenn Sie fort sind?«
Er bückte sich und küßte ihr beide Hände. Sie sagte:
»Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau Tobler, es wird Ihnen nicht schaden. Das ist eine Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen Sie! Küssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. Sagen Sie meinen Kindern adieu. Walter! Komm doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, gib Joseph die Hand. Kommt. Ja.« --
Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:
»Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und ich weiß es beinahe. Seien Sie immer ein bißchen demütig, nicht zu viel, Ihren Mann werden Sie immer stellen müssen. Aber brausen Sie nie auf, lassen Sie die ersten Worte des Übelwollens immer unbeantwortet; auf ein heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein züchtiges, sanftes. Gewöhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten in der Stille zu besiegen. Was Frauen jeden Tag tun müssen das soll auch der Mann nicht wollen ganz außer acht lassen. Das Weltleben unterliegt ja denselben Gesetzen wie das häusliche Leben, nur größeren und breiteren. Nur nie stürmisch! Haben Sie auch alles, was Ihnen gehört, eingepackt? Gehen Sie jetzt mit Wirsich? Hören Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer ein bißchen artig. Dann werden Sie schon vorwärtskommen. Ich, ich werde auch bald fortgehen. Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und mein Mann und meine Kinder, irgendwo dann in der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem billigen Quartier. Man gewöhnt sich an alles, und nicht wahr, ein ganz klein wenig gern sind Sie doch hier bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war doch vieles hübsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen lassen?«
»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:
»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie verdient, daß Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. Sie sind unser Angestellter gewesen -- nein, gehen Sie jetzt. Viel Glück, Joseph.«
Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.
Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen sie weiter.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mühe zu geben, indem er gehen kann.« Er gelobte sich im stillen, sich Mühe zu geben, indem er
zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld; zur nutzbringenden Insertion bedienen. »Solch ein Feld kostet Geld;
»Reklame-Uhr geworfen«. Ein sonderbarer Spaß, zehn- bis zwanzigtausend 'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spaß, zehn- bis zwanzigtausend
Mark in Uhren zu werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort »werfen« gemerkt Mark in Uhren zu werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt
Rang- und Bildungsunterschiede fallen umbarmherzig in einen großen, bis Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen großen, bis
heiß wurde und sie ihm verzeihten, ohne daß sie sich Rechenschaft gaben, heiß wurde und sie ihm verziehen, ohne daß sie sich Rechenschaft gaben,
einums andere Mal auf den üppigen Mund zu küssen. Wie furchtbar weh ein ums andere Mal auf den üppigen Mund zu küssen. Wie furchtbar weh
Tiefe setzte sich an das unergündlich Nasse an. Die Frau hielt ihre Tiefe setzte sich an das unergründlich Nasse an. Die Frau hielt ihre
»Meine Herrin,« dachte Josef, »versteht kein Wort Französisch. Die »Meine Herrin,« dachte Joseph, »versteht kein Wort Französisch. Die
des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal dawaren, und so des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so
toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum
»Aha!« machte der Gehilfe. »Aha!« machte der Gehülfe.
Tobler frug Josef, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen
»Nein, noch nicht.« Josef habe heute noch keine Zeit dazu gefunden. »Nein, noch nicht.« Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.
der Hand des eifrigen Gehilfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, der Hand des eifrigen Gehülfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,
aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es jetzt einfach eine aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine
absetzen, auf das dürfe Joseph immer sich gefaßt machen. absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.
ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach' keine ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine
seinem Luftgemach, bequem gemacht hatte: seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte:
Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffetrinken einen Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen
um dem Empfindlichen von seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu
Kissen auf! Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe, Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe,
Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleitenen Gespräch, daß Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß
Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr vonder Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der
Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten wenn er Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er
manigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!
naß. Der Bahnwäter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war
nichts Wichtigerem beschäftigt sich, folgendes darauf: nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:
herum, und so lange die Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es
teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählungsphantasie teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählerphantasie
Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenwärter trat zur rasselnden Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwärter trat zur rasselnden
»Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenwärter, ein anscheinend »Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenenwärter, ein anscheinend
im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benehmen und sagte im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benähmen und sagte
den Eßtisch lag. dem Eßtisch lag.
sah, seinen Gegner in anstäniger Weise niederzuwerfen. Schließlich sah, seinen Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich
durftest vertrauen, da sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht
gedankenlos Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum Laufburschen gedankenlos. Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum Laufburschen
Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu zu Haus Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu Haus
desselben antrieb, er er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im desselben antrieb, er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im
schuldbewußt voll sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses schuldbewußt sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses ]