Chapter 20
»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler zum Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer an die Wärme zu treten. Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wußte. Man sei halt dieses Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung für so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen »Jaß« zu machen. Habe man es das ganze Jahr lang getan, so könne man auch einmal am Weihnachtsabend zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein bißchen lustiger im Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht.
Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die Kinder ließ man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken beschäftigen, worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gänzlich. Das Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken, teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aßen und miteinander Karten spielten, verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch hätten an einen Festhauch erinnern können. Es war das gewöhnliche Benehmen und das allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche, denn -- es war halt doch Weihnachten, und der feinere und schönere Gedanke, der hie und da aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die Sünde, das Fest und den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und entwertet zu haben.
Ja, einsam waren diese drei Menschen, am einsamsten der Gehülfe, weil er fühlte, daß er als ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehörte, das langsam aufhörte, ein solches zu sein; weil er sich nicht, wie Herr Tobler, sagen durfte, er habe das Recht, in diesem Hause zu tun und zu verhindern oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es nicht sein eigenes war; weil er hätte Weihnachten haben und begehen wollen, da er sich doch einmal in solch einem Hause und in solch einer bürgerlichen Familie befand; weil er des Glaubens gewesen war in den letzten Jahren, er entbehre viel, solches vermissen zu müssen, und weil er am mißgestimmtesten von allen dreien Kartenspielern war und dies als ein großes Unrecht empfinden mußte.
»Ist dieses nun heiliger Abend?« dachte er.
Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es sei doch nicht ganz recht, an Weihnachten Karten zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus würde es so etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich gar keine Art, wie man da heute Nacht wieder wirtshäusele.
Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: »So hören wir eben auf!«
Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:
»Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend zu tun. Aber was ist das für ein Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der Wind morgen zum Haus hinausfegen. Ja, da wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und noch dazu heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glück, Erfolg und allgemeine, häusliche Freude ist. Wer hat sich drei oder mehr Monate hindurch unnatürlich um das Gelingen der Lebensgeschäfte abplagen müssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal fröhliche Feste feiern? Ist so etwas überhaupt denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?«
»Nicht ganz, Herr Tobler,« sagte der Gehülfe.
Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, je länger es dauerte, niemand zu unterbrechen wagte. Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten sagen, aber alle unterdrückten ihre Gedanken. Es war, als ob allen der Mund zugenäht gewesen wäre. Plötzlich schrie Tobler:
»So tut doch bald eure Schnäbel auf und saget etwas. Das ist zu langweilig, da geht man ja gescheiter ins Wirtshaus.«
»Ich gehe ins Bett,« sagte Joseph und verabschiedete sich. Auch die andern gingen bald nach oben, und das war Weihnacht gewesen.
* * * * *
Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich gemütvoll, die Geschäfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit zu empfangen. Dieser halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast täglich, indem er den Chef desselben antrieb, er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über den Mann, dessen Sache man nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen zu den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm.«
Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer das Kind seines Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel zu reden und sorgte in gar nicht übler Weise für die Unterhaltung in der still und träge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Träumer und Bauer, und andersteils hätte man ihn für einen Schwindler oder Jahrmarktbudenbesitzer halten können, denn eines Tages schlug er Herrn Tobler die öffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten und Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege, über welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen.
Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz begabten Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer Schlosserwerkstätte als Arbeiter geistig zu verträgen und zu erlahmen brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren die hülfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen?
»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler, »alle denken sie an ihn, wenn sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust, ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist er.«
Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere und weitere Spaziergänge in die kalten aber schönen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die die Füße anschlugen. Da gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote Hände, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemäntelte Menschen begegneten ihm, und Nächte überraschten ihn in unbekannten Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geräuschen, die solche Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand er plötzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, während die halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, großen, trauernden, aber lieblichen Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu ziehen, damit es sich auflöse in schöner Weise.
Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr konnte man hören. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrüdert zu haben. In der Wohnstube saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Schoß und tat gar nichts.
»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten gereitschaukelt haben, Marti!« sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie. Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel länger um sie herum. Wie doch so etwas derart ins Gefühl komme.
Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu seufzen. Sie sagte:
»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie können von hier weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden überall Stellung, denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie seien tüchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit niemandes Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es zieht niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewißheit hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein. Wenn es Ihnen paßt, und wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhältnisse erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu dürfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und was wollte und könnte Sie daran verhindern? Sie sind vielleicht manchmal unglücklich, aber wer ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. Es muß Ihnen manchmal unerhört läuferisch und luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich dermaßen voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken dürfen. Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken, trotzdem Sie sich öfters so zaghaft benommen haben. Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten können, und es hat sich vielleicht gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen gekommen sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt --«
»Frau Tobler!« bat Joseph. Sie schnitt ihm das Wort ab und fuhr fort:
»Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen zu raten, wenn Sie einmal von uns fort sind -- --«
»Aber ich gehe ja gar nicht fort!« --
Sie fuhr weiter:
»-- -- fort sind, und gedenken, sich selbständig zu machen, es anders anzustellen als mein Mann, ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.«
»Ich bin nicht pfiffig,« sagte der Gehülfe.
»Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter bleiben?«
Er sagte, das wisse er nicht. Er bekümmere sich um Zukunftsfragen nicht viel. Sie nahm wieder das Wort auf und sagte:
»Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen und sich etwas einprägen können, auch gelernt haben Sie mancherlei, wenn Sie es der Mühe wert gehalten haben, die Augen zu öffnen, und das werden Sie, so wie ich Sie einigermaßen schon kenne, getan haben. Sie sind ein bißchen an Erfahrung, an Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie werden das alles womöglich eines Tages brauchen können. Nicht wahr, manches Mal ist man Ihnen über den Mund gefahren, und getragen und ertragen haben Sie manches. Sie mußten! Wenn ich so denke -- ach was, ich habe, mit einem Wort, das Gefühl, Joseph, daß Sie uns jetzt bald, bald verlassen. Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie lieber nichts. Einige Tage werden wir ja doch wohl schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was meinen Sie?«
»Ja,« sagte er. Es war ihm unmöglich, mehr zu sagen.
Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung beifügend:
Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk. Die Zigarren sind mir von meinem gegenwärtigen Herrn zu Weihnachten gegeben worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es sind gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden Stücke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein, erstens, daß ich Dir niemals schreibe, zweitens, daß ich arm bin, derart, daß ich Dir nie Geld schicken kann, zwei Mängel, die ich beweinen würde, wenn ich mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir? Ich bin überzeugt, daß ich ein schlechter Sohn bin, aber ich bin ebenso vollkommen von der Gewißheit durchdrungen, daß ich ein guter Kerl von Sohn wäre, wenn es einen Sinn hätte, Briefe zu schreiben ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem man ehrlich glaubt kämpfen zu sollen, gestattete mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen immer wohlschmecken und fange das neue Jahr gut an. Ich will's auch versuchen.
Dein Sohn Joseph.
»Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschäften nach,« dachte er.
* * * * *
Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand bewirkten, daß derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tönen gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewußte alte Dame dahin beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche bei weitem erschöpft sei, ja, daß sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie sie sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß von weiteren Auszahlungen an Karl Tobler die Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe Mann, fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als die notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein Vermögen geworfen habe, könne sie nichts Gewinn- und Existenzversprechendes begründet erblicken. Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhöchste Zeit, daß Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhältnisse fügen lerne, die ihn zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in die er sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei nichts mehr zu erwarten.
Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mütterlichen Bescheides übermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebärdete sich wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen gewesen wäre, und brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.
Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das nun so oft schon der Schauplatz ungehöriger und unbeherrschter Szenen hatte sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose und Fassungslose wieder mit angesehen und angehört. In diesem Moment wäre er am liebsten gleich auf und davon gegangen, aber »wozu es herbeiziehen,« dachte er, »es kommt schon von selber.« Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr häßliche Empfindungen, eine wie die andere natürlich, aber auch ungerecht. Was veranlaßte ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes zu bleiben? Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz anderes, etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die Flecken der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung waren auch die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und um so lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden und geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt er sich, an dem paßte ihm vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil er sich mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.
Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar mild geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille Freudentränen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das lief als munteres, warmes Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem Seewasser zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frühlingstag mitten in den Winter hinein verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag. Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und die schmerzlichen, die sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehülfen bewegten, reizte das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie zugleich, so daß es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da zum letzten Mal den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren.
Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon an die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft zu verabreden gedachte.
Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das sei ja eine pure Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen Tag betrunken gewesen.
Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden. »Ist das möglich,« dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß, auf welcher diese gute Frau ihm Glück und Gedeihen wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstraße einschlug. Das Wirtshaus zur »Rose« streifend, das an der Straße lag, erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch saß und den Kopf schrecklich verzweifelt in die hohle Hand stützte. Das Gesicht des unglücklichen Menschen war blaß wie der Tod, seine Kleider waren schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.
Joseph trat näher und setzte sich zu seinem Vorgänger. Viel wurde zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet in der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich stark, gleichsam, um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stück Verständnis näher zu rücken, indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und Verstand beinahe unpassend gewesen wäre. Die Zeit verging, indem er sich erzählen ließ, wie es gekommen war, daß der andere aus dem guten Lebensposten wieder verjagt werden mußte.
»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen,« sagte dann Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so gingen sie zusammen, erst ein Stück gradaus, dann bergauf, über die freundlichen Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da hätte plaudern und scherzen können, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mädchens oder einer schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn es halb erlaubt gewesen wäre, hätte küssen können. Auf einer Bank in Bergeshöhe vielleicht. Oder wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder, oder wie es da hätte sein können, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und gutmütiger älterer Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben, und ein ernstes, aber ruhiges Wort würde man schön vor sich hingesprochen haben. Wenn man aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen und Geschicken der Welt heimlich zürnen und grollen, denn Wirsich bot keinen schönen Anblick dar.
Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er dazu, den ganzen halben Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwürfe.
Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze Landschaft schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen, gedämpften Erdfarben. Das Grün der Matten lächelte aus dem Schnee, dieser war von der Sonne zu weißen Flecken und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es an, Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht wünschen mögen, er wäre besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen.
Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fühlte er lebhaft. Dieser verunglückte Mensch durfte nicht gänzlich allein gelassen werden. Und jetzt paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend und in die Dämmerungen des Abends. Schon zündeten Menschen in Häusern Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die weicheren und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche Verabredung getroffen zu haben.
Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im Wohnzimmer, in der Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und Pauline und die Kinder waren noch irgendwo draußen in der Umgebung. Sie erschrak über die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen Gesellen, aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum er denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darüber aufgeregt, er sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas Unangenehmes geben.
»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern und reichte die Hand, »wie geht es Ihnen?«
»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff das Wort:
»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für heute nacht meinen Kameraden bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet er sich in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es sei denn in der 'Rose' da unten, aber ich will mein Möglichstes getan haben, zu versuchen, daß man ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben seine neue Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das weiß er selber. Sein Geld hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See stürzt, so begeht er ein Ding, worüber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken können, das aber schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor Ihnen selber, Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei Takt zu bewahren, weil überhaupt keine Haltung mehr da ist. Aber er muß nicht heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als meinen besten Freund und Kameraden ungeniert in ein Haus mit, in dem ich als Arbeiter tätig, und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß ich es nur sage, ruhig und anständig zu durchzechen, denn so machen es heute ja alle Menschen, die glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich werde dann mit Wirsich hieher zurückkehren, um ihn bei mir oben übernachten zu lassen, mag Herr Tobler das nun übel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen das, gnädige Frau, im voraus sagen. Vieles, was mich diese ganze Zeit über in Erregung hat versetzen können, begegnet in meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das Unglück meines Kameraden angeschaut habe, der gleichmütigsten und allerschönsten Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief und sorglos und warm ins Auge zu blicken. Ich vertraue meinem bißchen Kraft aufrichtig, und das ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller Kräfte und Heuschober voll Fähigkeiten hätte, aber denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, daß Sie die Güte hatten, mich anzuhören.«
Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in diesem Augenblick zurück. »Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller, lustiger Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und alle, die dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl, als habe jetzt Wirsich angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er während all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wäre er nur in ein anderes Zimmer gegangen und hätte dort ein etwas ausschweifendes, überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung nur eine Stunde oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfröhlichkeit der Kinder für ihn.
Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber etwa auch ein bißchen aufs Maß schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu hoch über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers, wo er doch früher wie zur Familie gehört habe, übernachten könne, das verstehe sich von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden, damit es keine Szene gebe.
»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter!« scholl es aus Josephs Mund nach dem Haus zurück.