Chapter 19
Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn gar nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt, und mit den zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen die schläfrigen und lustigen Köpfe in engste Berührung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler Mühe und Ungeschicktheit an das Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann ein Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen verbunden und vermischt war. Das bißchen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur Verfügung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu sollen, den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu erklären, er stieß aber nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei Verständnis. Der Ernst der männlichen Weltanschauung lag in einem fallen gelassenen und zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein am Boden. Der männliche und menschliche Verstand gröhlte und johlte und lallte, daß die Wände des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem, was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch die Türe, die sie schüchtern geöffnet hatte, und verschwand wieder, zurückgeworfen von dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen und unflätigen Bilde, das sich ihren Augen darbot, und welches ein holländischer Trunkenboldszenenmaler nicht überzeugender und abschreckender hätte malen können, als wie es hier in Wahrheit und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie flammte und kochte und brannte bis zum frühen Morgen und bis zu der Ermattung, jener vollständigen, die den stärksten Zechern schließlich über die Nacken herfällt, um sie zu beugen und der Länge und Breite nach unter Tische und Stühle zu strecken. So geschah's auch, und die ausgelassene Gesellschaft übernachtete unter gräßlichem Schnarchen im technischen Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag. Die Gesellen erwachten. Die zwei Bärenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere Heimat zurück, während Herr Tobler nach oben ging, in sein und seiner Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen.
Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwüstete und entstellte Bureau wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so daß er sich entschloß, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander, Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände, Gläser und Pfropfen. Tinte war verschüttet, rote und schwarze. Wein schwamm am Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es schienen Bären, nicht nur Bärenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu haben, den ein Geruch erfüllte, daß es schien, als müßte man zehn Tage hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder sauber, gemütlich und wohnlich zu bekommen.
Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten. »Für alle Fälle,« dachte er.
* * * * *
Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen Vermögen viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, es genügte gerade, um die allerungeduldigsten und am schärfsten vorgehenden Dränger zufriedenzustellen. Joseph hatte längst eine Gläubigerliste zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten Wiese die am heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens vorläufig diese zu betäuben. Unter diesen wütenden und augenblendenden Gewächsen befanden sich unter andern der Gärtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher ruhen, bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe, das Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern gezuckt, und die schöne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft, dieser »undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem man, wie man sich vorgenommen hatte, das »Geld vor die Füße schmeißen würde«, der Fleischer, und aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus dieser Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«, der froh sein dürfte usw., die Uhrenfabrikanten, denen »man allerdings ihr Drängen nicht sehr verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen Turm gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld »wohl verdienten«.
Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten und unverschämtesten Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark für ein über und über verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung.
Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu Haus gegangen war, um Beträge auszubezahlen. Auch beim Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld schwand, das merkte er an der leichter werdenden Rocktasche.
Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an, worin derselbe erklärte, es sei von der Mutter nichts mehr zu gewärtigen. Er habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen; seine Bemühungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu ertragen.
Tobler verzog, während er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl nieder, als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte mit seiner starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich einem zu straff angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als sei es von oben herab von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem Nacken schienen jähzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte zu liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot. Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben, um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu klopfen. Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflüstert zu haben. »Mann! Versuche dein Letztes!«
Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm unter Ächzen und Rückenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt hätte, eine Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu schreiben. Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen. Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das Bureau drehte sich, er mußte aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu Joseph:
»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann er zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte die größte Eile.«
Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war möglich, daß man ihn nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen, den die Gegenwart eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr verwirrte, derart, daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprächen herumschlug, ohne sich verständlich machen zu können.
Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich tönenden Wutschrei warf er den ungeschickten Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hörer, um das verunglückte Gespräch zu Ende zu führen und sich den erforderlichen Bescheid selbst sagen zu lassen.
Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er bekam Fieber und mußte sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater krank?« frug diese jetzt. Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und stöhnenden Manne stand, sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn geärgert,« wobei sie den Gehülfen mit einem erstaunten und verächtlichen Blick streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wäre, zu arbeiten, aber es war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und Tasten mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemühen, gleichmütig zu sein, ein Nichtkönnen, ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.
Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten konnte erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für den Ingenieur ja in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorläufig nichts mehr zu tun. Welches Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Pläne waren nicht lächerlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu denken, er liege im Bett und könne bis am andern Tag ungestört liegen bleiben. Er ließ sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für Dora ein paar Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler hinzu. Dieser führte die Aufträge aus.
Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht worden, sagte der Gehülfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in einem Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn oft genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch tätlich und körperlich zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er täte am besten, gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie roh und dumm seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten, das fühle er deutlich. Einer, den man herumstoße und gegen Türen heranwerfe, der sei wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer müsse ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht möglich, ihn derart, wie es geschehen sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab. Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er nun hier oben zugebracht habe, getrieben hätte, so könne das körperliche Schmach und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht sich immer ein wenig Mühe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, daß er hin und wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Kräften gearbeitet habe, wenn auch die Kräfte nicht immer den, er gestehe es, gerechten Anforderungen hätten entsprechen können. Ob man so, wie es geschehen sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig zu sein und zu bleiben, behandle?
Er weinte.
Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine Störung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so plötzlich nicht mehr aushalten zu können, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bündigen Bescheid erhalten.«
Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: »Ich gehe noch rasch auf die Post.«
»Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen?«
Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man dürfe ihn nicht stören. Er dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.
Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und Gewölbtes von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen Steine und Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bäume. Durch die Äste derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler würde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte er überdies auch noch nicht endgültig ausbezahlt erhalten. Item. Die Hauptsache war: im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart beklagt zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau Tobler kniefällig die Hände zu küssen.
Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in der Türe, welche er aber vorsichtig zuschloß, zu reden an:
»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, daß Sie noch hier sitzen, daß ich mich vollständig im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und ich bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich läppisch benommen, und Herr Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen müssen?«
»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete die Frau.
»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er setzte sich. Er fuhr fort: »Und ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie es ihm schon hätten können gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich gesagt habe. Man sagt im Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so manches, was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, daß Sie noch nichts gesagt haben.«
Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau Tobler.
»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen zu stürzen und kniend Abbitte zu tun,« stammelte der Gehülfe.
So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete sie.
Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schön im Zimmer vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in früheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen mit dem kalten und bösen und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das Bewußtsein, nirgends zu Hause zu sein, lähmen und innerlich würgen können. Wie schön war es, jemandem anzugehören, in Haß oder in Ungeduld, in Mißmut oder in Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in solchen Heimstätten, wie war Joseph immer davon traurig entzückt gewesen, wenn er ihn aus irgend einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten Straße Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern, Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschönen nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein mitgenießen zu dürfen. Dieses schöne Vorrecht der Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern. Dieses friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:
»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben.«
Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig fortfuhr, an einem Unterjäckchen für Dora zu stricken oder zu häkeln. Sie setzte hinzu:
»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine verantwortliche Position, die von den übrigen Bewohnern und Gliedern Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen: sei vernünftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig. Und wir andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu dürfen, seine Winke, deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Empörtheit eben ein wenig aus dem Wege zu gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln, denn ein Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte Art und Weise behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren Kräfte nicht mehr, wie sonst immer, bewußt ist, in denen wir ihn unfähig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen, erblicken. Und wenn wir plump, und, nach unsern Verhältnissen gerechnet, voll Fehler gewesen sind, so müssen wir nicht allzusehr gekränkt sein, wenn seine Stimme und das Unmaß seiner Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut über denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan hat, der Sie soll beleidigt und in der unwürdigsten Weise soll gekränkt haben. Nun, so setzt man selber eben diese seine Würde ein bißchen herab und verzeiht, denn -- man muß seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschäften aller Art, aus Häusern, ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoßen und verletzen dürften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens und Nachahmens genossen, daß man dann eines Tages oder Abends auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte: beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die Verwirrtheit nichts dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch die Wut nicht so rasch für ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu machen. Und es ist immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und gehen wir jetzt zu Bett.«
* * * * *
Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus Tobler mußte die festliche Zeit ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der alle Empfindungen durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um die Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wäre das möglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hübsch, so auffällig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch keine vernünftige oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas, das in dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, hätte sollen verschont bleiben. Und dann war auch noch die Frage: hätten Toblers gern mögen verschont bleiben?
Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen. So etwas möchte ihm noch gefehlt haben.
Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das schöne Fest zu freuen. Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die große, breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleißig herunterstürzte, daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es wird weiß, es weißelt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich für Weihnachten.«
Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Köpfe hörten schon das Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das ganze Land glich einem säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch. Und die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch einer Landschaft! Man hörte alle Geräusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre Schaufeln, und die Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tüchern eingewickelt hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man mit zehn Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches Geschneie und ein fleißiges Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man konnte unter fünf Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern abschüttelte. Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich alle Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mußte.
Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber hindurch, per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite saß wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im hauptstädtischen Warenhaus für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.
Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine verschneite und deshalb ein wenig fröhlichere. Paulinens Gelächter und Leos freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken, obschon sonst ein Gelächter und ein Gebell hell zu färben pflegten, aber was kam gegen die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines Geschäftsmannes, und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und solch ein Lächeln kann aus der ärmsten und bedrängtesten Frau eine halbe Fürstin machen, denn ein Lächeln erinnert immer an etwas Hochachtbares und Wohlanständiges.
Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest, denn es gab kalte Nächte, die die weiße Decke knirschend zufrieren machten. Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg hinauf. Die kleinen Wege schlängelten sich hellgelb durch die schimmernd weißen Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit Reif überglitzert: ein zu süßes Schauspiel! Die Bauernhäuser stunden in dieser feinen, weißen, verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser, für den Anblick und für das unschuldige Verständnis eines Kindes geschaffen. Die ganze Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mädchen zu sein, ein schüchternes und ein bißchen kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer, machte den Spaziergänger an ein eitles Märchen glauben. Hohe Tannen standen da, in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der Sonne zerfloß und von den großen Ästen herabfiel.
Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der Weihnachtsbaum. Frau Tobler führte die Kinder zu demselben hinein und zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das zwar wenig aber dafür von Herzen sei. Tobler war bemüht, dem Fest einen gemütlichen, wirtshäuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte. Frau Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche Worte, zum Beispiel, wie schön doch so ein Bäumchen sei. Aber es mochte ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. Überhaupt stockte alles ein bißchen, und es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die paar dastehenden Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher immer ins Wohnzimmer hinüber, um sich dort ein wenig Wärme zu holen, und kam dann wieder zum Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schön und jeder hat noch Rührung erzwungen. Auch der Toblersche war schön, nur die Menschen, die um ihn herumstanden, konnten sich zu keiner längeren und tieferen Rührung und Freude aufschwingen.