Der Gehülfe

Chapter 18

Chapter 183,523 wordsPublic domain

»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, daß seiner Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren könnte. Ein Stück Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo es sich aber um ein persönlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen Charakters, um rein seelische Überwindungen, da schieben sie lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich: 'Geh du! Du machst das besser als ich!' was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung aufzufassen beinahe gezwungen ist.«

Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort:

»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur. Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg haben werde. Im übrigen, was rede ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf Toblers Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, längst aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes Geschäftstüchtigkeit ist in mir gründlich ins Schwanken geraten. Ich glaube jetzt überzeugt zu sein, daß er nicht genügend Raffiniertheit, nicht genügend Herzlosigkeit besitzt, um rentable Geschäfte machen zu können. Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute angenommen, das äußere Betragen, die Manieren, nicht aber zugleich die Fähigkeiten. Gewiß, es muß einer, der gute Geschäfte macht, deswegen kein Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll, zu rasch, zu gut und zu natürlich empfindend. Auch zu leichtgläubig ist er. Nicht wahr, Sie wundern sich, mich dermaßen reden zu hören, aber glauben Sie mir, wir Frauen, beständig an die Enge und an die Beschränktheit des Hauses gebunden, wir denken über mancherlei nach, und wir sehen auch manches und fühlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens die geschäftsüberladenen Männer nur auf, aber überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären uns mit dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der Vermutung, daß wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu gern gut, und das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Pläne, das untergräbt dieselben. Er ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu gerade, zu plötzlich, deshalb viel zu einfach. Er ist eine schöne, volle Natur, und solche Naturen reüssieren mit solchen Unternehmungen nie, oder fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.«

Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lächeln. Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen:

»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und lachen ihn hinter seinem Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm merkwürdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu ungeniert gezeigt hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat stechen müssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute hätten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Händen gegeben, das ist eine Schwäche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und laut zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei. Wäre er erfolgreich, so würde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich nie selbständig gemacht, sich nie auf eigene Füße gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen Stellung als technischer Angestellter still gehalten hätte. Wir waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes Haus, aber was bedarf es dessen, da doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen? Nach Feierabend machten wir unsern stillen, hübschen Spaziergang rund um den Hügel. Es war zu schön, um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen, aber eines Tages wurde es eben weggeworfen.«

»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,« sagte Joseph. Diese Worte schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief:

»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu der Frau des Geschäftsmannes, in dessen Bücher man tagtäglich hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und einer schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch alles gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines Mannes mit dieser fluchwürdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglücklich gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«

Sie lief aus dem Zimmer.

Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder? Muß es bald jeden Abend eine heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, und bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt heraus. Bald schreit die Silvi, bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß wir alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollständig hinten hinüber schnappten. Dann gute Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit sind wir noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in diesem Hause ist mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen worden. Aber auch das mag gut sein. Übrigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst? Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler hat wohl heute wieder im Sinn, im 'Segelschiff' zu übernachten. Das gehört scheinbar auch zu meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier seiner Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern Gesellschafter?«

Er löschte die Lampe und ging zu Bett.

* * * * *

Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete sie ein Stück hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft und dergleichen. Man sah von oben herab ein Lächeln im Gesicht der Frau, und ein Winken mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter ebenfalls nachwinkte. Wie naß alles war. Zu dieser Winterzeit hätte es eigentlich trockener und kälter sein können, dachte man, und dann verschwand Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt verfolgten. Es waren dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin fortgehen gesehen hatte.

Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische Einbildungskraft hätte versteifen wollen, dem Weggang einer Königin. Joseph, der Vasalle, hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu uns modernen Menschen hinübergrüßenden getreuen Untertanen gewesen wäre, bitterlich weinen müssen, während die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei ausgestoßen haben würde, wenn sie eine von denjenigen gewesen wäre, die in alten Zeiten schöne und hohe Königinnen, wie die Geschichten lehren, bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht ein Drache gewesen, und die Kinder Königskinder und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten eine, die früher immer dabei waren, wenn es solche traurige Abschiede für immer gab, als es noch Schlösser, Burgen, Stadtmauern und Tränen der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz anders.

Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende Verbannung auf eine öde Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Königin kam hier nicht vor, es sei denn, man hätte Frau Tobler als die sorgenvolle Königin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz apart und wunderlich nicht hätte sein können. Auch keine düstere Heldengestalt, sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stück weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost, sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen. Und von einem besonders betrübten Knecht und Vasallen war hier ebensowenig die Frage und Rede als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau. Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter niemand, außer den Kindern, und das waren weder Königs- noch Fürstenkinder, sondern schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben kann. Leo war kein Drache. Er würde eine solche mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig übel genommen haben. Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts.

Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewärtigen habe, meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn betreffe, er werde und müsse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei lächerlich. Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und heute erst recht.

Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die Handelsabteilung schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Joël, der sich, wie es schien, »gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Später verließ er das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen.

Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg und zwar zur Post. Auf dem Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was sie dem Chef würden nachgebrüllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere Straße, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten Haus« vermutet hätte, Wirsich.

»Sie sind wieder hier?«

Sie schüttelten sich die Hände. Wirsich schaute ganz vergnügt drein, er sah aus, als wenn ihm eben etwas sehr Entgegenkömmliches passiert wäre. Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden und zwar in der Kolonialwarenhandlung Bachmann & Co. Er sei, wie der Gehülfe ihm angeraten habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten Offertbriefen in der Tasche, auf die Wanderung, von Geschäftshaus zu Geschäftshaus gezogen, und in der Tat habe man ihn fast überall menschenfreundlich behandelt, aber man habe nirgends eine Stellung für ihn frei gehabt, bis er schließlich zu den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, und dort sei dann die Sache zu seinem Glück komplett geworden. Und nun glaube er sich nach langer Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fühlen zu dürfen. Jedenfalls könne er sagen: »Guten Tag, Freund, du siehst, mir geht es gut.« Ob es nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nächstbeste Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst hinauf zu nehmen?

»Aber gewiß. Sehr gern. Aber hören Sie, Wirsich, sagen Sie, können Sie's vertragen?« sagte Joseph.

Der andere beteuerte: »Natürlich!« -- So gingen sie in das zunächst liegende Restaurant Central, wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben ließen.

»Denn sonst lieber nicht. Es wäre schade um die neue Position,« glaubte Joseph gut zu tun, nachzufügen.

Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es fiele ihm nicht ein, sagte er, etwa gar wieder so unvernünftig zu trinken, wie früher. Er habe sich das jetzt, glaube er, ein für allemal abgewöhnt, so verkommen sei er denn doch noch lange nicht. Wie es bei Toblers stehe?

»Nicht gut,« sagte der Gehülfe, und er erzählte in kurzen Umrissen den Verfall des Hauses. Wirsich solle sich aber hüten, zu plaudern, das seien Geschäftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas an.

Wirsich sagte:

»So habe ich es dem Großhans, diesem Tobler, doch noch prophezeien können, daß er noch einmal zu seinem prahlerischen Haus und Garten hinausfliegt. In jener Nacht hat er's von mir gehört, und jetzt gehen die Worte in Erfüllung. Was er andern getan hat, das geschieht ihm nun selber, und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? Sind wir Angestellten ohne die Spur von Empfindung auf diese Welt gekommen? Wir werden eines Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und milde getan zu haben. Pardon, Marti, Sie sind mein Nachfolger und genießen infolge meines Sturzes einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. Sie können natürlich nichts dafür, daß Sie mich vom Posten verdrängt haben. Was rede ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden. Also Entschuldigung. Ich meine nur, der Zorn kann einen fortreißen, sich eine so lange Zeit in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers? Donnerwetter, jetzt trinke ich grade extra noch eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau Gastwirtin, bringen Sie mir noch solch einen Schoppen. Sie Marti werden doch wohl auch noch einen trinken.«

»Nur bitte ich,« sagte Joseph, »meinen Chef nicht angreifen zu wollen. Und dann auch nicht gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein gegenwärtiger Prinzipal ist kein Großhans. Sie werden diesen unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn gesprochenen Ausdruck zurücknehmen. Tun Sie's alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe Ihnen nicht vertrauliche Aufklärungen über Toblers Lage gegeben, um diesen Mann hinterher beleidigen zu hören. Im übrigen: Prost! Es freut mich, daß es Ihnen gut geht.«

»Ich sag' ja: im Zorn!« entschuldigte sich Wirsich.

Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide tranken je noch ein Glas, auf welche »Lage« eine vierte folgte. Sie würden so fortgefahren haben, wenn nicht jetzt die Türe aufgegangen, und Herr Tobler selber ins Restaurant getreten wäre. Er überflog beide Zecher und Angestellten mit einem zündenden Blick, der den Männern genug sagte.

Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den Hut abgezogen, den er vorher ziemlich burschikos auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die Höflichkeit, und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. Er stand übrigens bald auf, da das Gespräch mit Wirsich ohnehin verstummte, rief, er möchte bezahlen und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink des Ingenieurs veranlaßte ihn jedoch, in dessen Nähe zu treten. Dieser fragte:

»Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?«

Joseph antwortete: »O, er hat eine Stelle gefunden. Hier dicht nebenan, bei Bachmann & Co. Seit heute. Er freut sich sehr darüber.«

»So? Und er trinkt wohl noch immer gern, was? Der wird sicherlich lange in der neuen Stellung verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf der Post?«

»Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. Mein Vorgänger hat mich aufgehalten. Ich werde gleich gehen, und wenn Sie wünschen, daß ich Ihnen die Briefe hieherbringe« -- --

Tobler verneinte, und der Gehülfe entfernte sich.

Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, marschierte unsicher vorwärts, wußte nicht, ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten grüßen sollte oder nicht, tat es, und sogar tief und demütig, und stieß zum Überfluß noch an einen Tisch an, bei welcher Gelegenheit er beinahe umgestürzt wäre. Sein Achtungsgruß wurde mit keinem Zug einer Miene erwidert. Tobler »wollte nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben«. An der Tür stolperte Wirsich zum zweiten Mal. War das eine schlimme Vorbedeutung?

* * * * *

Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach Hause gefahren. Herr Tobler, Pauline und Joseph erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam schnaubend und rasselnd an. Allerlei Menschen drängten sich in die Nähe des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden Ungetümes heran. Die Frau stieg aus, Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Körbe und Pakete in Empfang zu nehmen. Mutter Tobler hatte der Sohnesfrau Verschiedenes mitgegeben, das konnte man ungefähr zum Voraus wissen, deshalb war man zu dritt am Bahnhof erschienen. In zwei Körben befanden sich teils Äpfel, teils Nüsse. Die Pakete enthielten Sachen für die Frau selber und für die Kinder.

Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, daß die ganze Sache weder ganz gut noch auch ganz schlecht abgelaufen war. Es drückte Müdigkeit und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine Hälfte des Gesichtes ein bißchen gelächelt hätte. Im ganzen schien sie ihrem Mann, der sie neugierig darum befragte, eine genügende und zufriedenstellende Auskunft gegeben zu haben, denn Tobler schien nicht übel Lust zu haben, rasch jetzt noch für eine Weile ins »Segelschiff« zu gehen. Seine Frau sagte, sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen wünsche, mit welchen paar Worten denn auch die bezügliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den Davongehenden noch nach, er sei in mindestens einer Stunde wieder im Abendstern und verschwand in seiner Stammkneipe.

Die Übrigen gingen nach Hause. Dem Gehülfen war es eine angenehme Pflicht, die Körbe, so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch wenigstens wieder einmal etwas »Körperliches«. Er schritt hinter den beiden Frauen, hinter der Magd und der Frau, leicht daher, gänzlich gedankenlos. Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum Laufburschen geboren,« dachte er.

Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm von Fragen, aus der kindlichen Wißbegierde heraus ertönend. Und eine Belagerung der Pakete und Obstkörbe. Was Großmutter sagen ließe, wollten die drei Kinder wissen. Nur das Vierte nicht. Silvi blieb schläfrig und gleichgültig. Auch die Geschenke ließen dieses Mädchen gleichgültig. »Mich betrifft das nicht,« sagte ihre Miene. Um so mehr mußten die Sachen die übrigen drei betreffen. Sie wurden jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen und Neugierden in die Betten geschickt.

»Wie bin ich müde,« sagte Frau Tobler.

Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr die Schuhe aus. Sie saß auf dem Sofa. Joseph, der daneben stand, dachte: »Ich muß gestehen, daß es mir nicht unangenehm gewesen wäre, wenn sie zu mir gesagt hätte: zieh mir die Schuhe aus! Ich glaube, ich hätte mich mit Vergnügen gebückt.« --

Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er hinzu und hob ihn ihr auf. Sie lächelte matt und dankte und sagte:

»Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht immer gewesen. Kommt wohl mein Mann bald nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?«

»Sehr, sehr gut,« gab er zur Antwort. Pauline hatte das Zimmer verlassen.

Er sei eben noch jung, da spreche er so und müsse wohl auch so sprechen, sagte die Frau. Ihr sei es so schwer zumut.

»Haben Sie Verdruß gehabt?«

Auch! Aber dieser kleine Verdruß berühre sie wenig. Sie fühle sich heute zu allerhand Gedanken hingezogen. Ob Joseph noch jassen möge? Ja? Das sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche Lust, Karten zu spielen. Sie glaube, das helfe ihr.

Sie setzten sich an den Tisch und spielten Karten. Pauline trug etwas zu essen auf für Frau Tobler und ging dann wieder. »Vielleicht ist diese Frau zugleich leichtsinnig und schwermütig veranlagt. So kann es sein. Übrigens bin ich ein Dummkopf!« dachte der Gehülfe.

»Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau,« sagte mitten im Spiel Frau Tobler.

»Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das kann man sich denken. Aber sie wird müssen!«

»Ja eben!« machte sie. Sie lachten beide. »Wie das wieder leichtsinnig ist,« dachte der Buchhalter und Korrespondent des technischen Bureau C. Tobler. Die Firma! Schließlich war man denn doch ein gesetzter Mann. Da saßen sie beide wieder zusammen, sie, die »unbegreifliche Frau« und er, der »kuriose Mensch«. Joseph mußte laut auflachen. Was er habe? --

»O nichts. Dummheiten.«

Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa ihr gegenüber keine Scherze erlauben. Er erwiderte auf diese Bemerkung, er sei der kaufmännische Angestellte des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie hoffe, daß er das bestimmte Gefühl habe, er sei das. Er warf die Karten, die er in der Hand hielt, auf den Tisch, erbebte und erklärte, ein ernsthafter und solider Angestellter sei's nicht gewohnt, bis in alle Nächte hinein Karten zu spielen. Er war aufgestanden und ging, indem er erwartete, sie werde ihn zurückrufen, nach der Türe hin. Sie ließ ihn gehen.

Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, stieg er ins Bureau hinunter, zündete die dort befindliche Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau folgendes:

Sehr geehrter Herr!

Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich frei werdende, passende Stelle gütigst vormerken zu wollen. Ich finde mich nicht veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr Verwalter, spitzen sich immer schärfer zu. Ich sage: für alle Fälle! und empfehle mich Ihnen

Hochachtungsvoll Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.

Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hörte. Eine halbe Minute später traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar Stammgäste aus dem »Segelschiff«, ins Bureau ein, laut redend und lachend, und wie es schien, voll trunkenen Übermutes.

Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft fleißigen und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte er weiter, indem er sich lachend seinen Jaßkollegen zuwandte. Jetzt aber solle er nur ruhig Feierabend machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag. Dann ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses führte und rief, so laut er konnte: Pauline!

»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben herab.

»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein. Aber es muß rasch geschehen.«