Der Gehülfe

Chapter 17

Chapter 173,838 wordsPublic domain

Aber Frau Tobler war nach und nach wieder die frühere Frau Tobler geworden. Je mehr sie gesundete, desto mehr glich sie wieder sich selbst. Es wäre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, wenn sie plötzlich eine andere hätte werden können. Nein, so rasch sprang eine lebendige Menschennatur nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafür war gesorgt, daß das nicht geschehen konnte, und wie! Daß die Frau milder ausschaute, das war nur, weil sie sich noch schwach fühlte.

* * * * *

Eines Abends während dieser Zeit saßen die Beiden, die Frau und der Gehülfe, bei der Lampe, im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise. Wann war er denn überhaupt nicht auf der Reise? Auf dem Tisch, neben jeder der zwei Personen stand ein halb gefülltes Glas Rotwein. Sie spielten Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck ihres Gesichtes war infolgedessen heiter. Sie pflegte immer zu lachen, wenn sie beim Kartenspielen gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie ließ ein naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund springen, das vielleicht zu einer andern Zeit den Partner geärgert hätte. Aber Joseph trank einen Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide setzten das Spiel fort, indem Frau Tobler die Karten von neuem zu mischen begann. Nach ungefähr einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas lesen, in dem Buch, das ihr der Gehülfe heute aus dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde unterbrochen, die Frau begann gleich zu lesen, während Joseph sich, unlustig, eine Zeitung oder ein Buch zur Hand zu nehmen, auf das Ruhebett setzte und anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch enthielt, versenkt zu haben. Mit der einen Hand strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfältig über die scheinbar tief nachdenkende Stirne, während ihr Mund sich still aber unruhig zu bewegen begann, als habe er etwas zu den Geschehnissen der Lektüre mitzusagen gehabt. Einmal stieß sie sogar einen leisen aber kummervollen Seufzer aus und atmete hörbar mit der Brust auf und ab. Wie das still und sonderbar anzuschauen war! Joseph versank immer mehr in die Betrachtung der Leserin, und es war ihm, als lese auch er in einem großen, geheimnisvoll-spannenden Buch, ja es war ihm, als lese er geradezu im selben Buch wie Frau Tobler, deren Stirne, die er aufmerksam ansah, ihm den Inhalt desselben auf merkwürdige Weise zu vermitteln und zu erklären schien.

»Wie still sie liest,« dachte er, sie noch immer betrachtend. Plötzlich schaute sie vom Buch auf, großen Auges zu dem Gehülfen hinüberschauend, als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten Welt gewesen, und als habe das Auge Mühe gehabt, sich zu entsinnen, was das sei, was es jetzt sah. Sie sagte:

»Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit über, während ich gelesen habe, an, und ich merke nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn das? Ist es Ihnen nicht zu langweilig?«

»Nein gar nicht,« erwiderte er.

»Wie doch so ein Buch fesselt,« bemerkte sie und las weiter.

Nach einer Weile schien sie müde geworden zu sein. Die Augen mochten ihr ein bißchen weh tun. Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schloß aber das Buch noch nicht, als überlege sie, ob sie noch fortfahren solle oder nicht.

»Frau Tobler!« sagte Joseph ruhig.

»Was?« fragte sie.

Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinüber, der ihr, wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zögernd, er sei unvorsichtig. Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt, daß sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und daß sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmütigen Gesichtsausdruck zur Schau trage. Plötzlich sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt habe, nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das was er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des Anhörens wert. Sie solle ihm erlauben, schweigen zu dürfen.

Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehülfen, sich näher zu ihr zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen. Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge neugierig zu machen, die dann nicht kämen. So etwas sei feig oder gedankenlos. Sie höre.

Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch gesetzt und sagte, das, was er zu berichten habe, handle von der Silvi.

Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort:

»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man für dieses Kind übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir Ihre Güte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein großes Unrecht an dem kleinen Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später werden? Wird es je den Mut und die gehörige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern muß, daß man es in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das für eine Erziehung, ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer Pauline auszuliefern? So etwas müßte die Klugheit verbieten, auch dann noch, wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darüber nachgedacht habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspüre. Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen komische Menschen. Doch nein. Ich möchte ganz anders zu Ihnen reden. Es paßt sich nicht so. Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute kein Wort mehr über meine Lippen.«

Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache, sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles komme ihr übrigens jetzt so sonderbar vor. Der Gehülfe aber brauche keine Angst zu haben, sie verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er meine es gut.

Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie, sie liebe eben das Kind nicht.

»Warum nicht?« fragte Joseph.

Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unüberlegte Frage vor. Sie liebe eben Silvi nun einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen könne, und was das für ein Gefühl sei, solch ein erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern von der Silvi fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so süß sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu erfahren, und wenn auch; würden ihr die treffenden Antworten auf solche, wie ihr scheine, überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen können? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß sie Unrecht begehe. Schon als ganz kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen. Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das Gefühl, das sie mit dem Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den nächsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig mit dem Herzen anschließen könne, aber sie hoffe wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die habe man und empfinde man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, das heiße, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie wolle versuchen, und nun wünsche sie, zu Bett zu gehen, sie fühle sich recht müde.

Sie stund auf und ging zur Türe. An der Schwelle drehte sie sich um und sagte:

»Ich hätte es bald vergessen -- gute Nacht, Joseph. Wie zerstreut ich bin. Löschen Sie die Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. Tobler wird wohl noch lange nicht kommen. Sie haben mir heute abend das Herz ein wenig erschwert, aber ich bin Ihnen nicht böse.«

»Ich wollte, ich hätte geschwiegen,« sagte Joseph.

»Machen Sie sich keine Gedanken.«

Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.

Der Gehülfe blieb mitten im Zimmer stehen. Nach kurzer Zeit erschien Tobler. Der andere sagte:

»Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da mir zu sagen erlauben wollte: ich habe vor einer halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will Ihnen das zum voraus bekennen. Ihre Frau Gemahlin wird sich veranlaßt fühlen, sich über mich zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, Dinge letzten und allerletzten Gewichtes. Ich bitte Sie höflichst, keine so großen Augen machen zu wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein Mund noch ich etwas Verzehrbares, es gibt nichts zu essen an meiner Person. Was den Ton dieser Sprache betrifft, so erklärt sich dieser daraus, daß er von einem wütenden Gemüt diktiert wird. Wäre es nicht besser, Sie jagten Ihren kuriosen Herrn Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus? Ihre Frau mißhandelt das ganze Jahr lang ungestört die Silvi. Wo haben Sie Ihre Augen? Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? Gute Nacht, gute Nacht, ich glaube, ich habe es nicht mehr nötig, zu warten und zu hören, was Sie auf eine so sonderbare Aufführung erwidern. Ich darf annehmen, ich bin entlassen.«

»Sind Sie betrunken? He!«

Tobler rief umsonst. Der Gehülfe war bereits die Treppen hinaufgestiegen. Vor der Türe des Turmzimmers blieb er plötzlich stehen: »Bin ich ganz toll?« Und er lief so schnell er vermochte wieder die Stufen hinunter. Herr Tobler saß noch im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie vorhin die Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es täte ihm leid, sich in unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben, er bereue, aber er bemerke, daß er -- noch nicht entlassen sei. Wenn Herr Tobler noch Geschäftliches zu besprechen habe: Joseph stehe zur Verfügung.

Tobler schrie so laut er konnte:

»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrückter Kerl. Diese verdammten Bücher!«

Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß es zu Boden. Er suchte nach beleidigenden Worten in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel. »Räuber« schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine Grenzen. Er hätte sagen mögen »Hund«, aber dieses Wort machte dann wieder alle Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande sah, seinen Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich lachte er. Nein, er brüllte.

»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen.«

Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt, blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können. Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewußtsein: Er hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich -- solche Torheiten. -- Wie würde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der Frau zu Füßen zu werfen. Wie unsinnig! Von der Unmöglichkeit, denken zu können, gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als ob die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die Erde hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstraße ging noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten metallen auf den Steinen. Alles da draußen schien von Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht selber schien zu tönen, zu klirren. Joseph dachte an Schlittschuhe, dann an Erz, dann plötzlich an Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er hatte das Gefühl von einem leisen Freundschaftsempfinden für diesen Menschen. Dem begegnete er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein Zimmer zurück und zog sich aus.

In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.

»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt,« dachte er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte nichts mehr und schlief ein.

* * * * *

Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins Bureau hinunter. Er dachte: »Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«

Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter:

»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und in diesem Haus konnte ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten ist das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von üppig! Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten will ich mich nachher schlafen legen? Unter einen behaglichen Brückenbogen wohl! Gemach! Ach Gott, sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen ohne die Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend? Und wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der lieben, prächtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen nehmen sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang. Wie traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so zärtlich, und wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie können meine Gedanken, ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr, Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner auskommen? Ja, das wird mich unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich ich bin! Und Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich bin. Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die üppigen, grünen Arme und an die blühende und duftende Brust drücken, wie der war, den ich hier oben habe erleben und genießen dürfen? Wo, in welcher Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline? Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt habe, gehört auch sie schließlich mit zu dem Schönen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich 'kopflos' sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich möchte wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet wäre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo gibt man mir das? Menschen wie ich genießen sonst nirgends die Annehmlichkeit und den Zauber von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist elend zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen müssen. Auch das wird mir fehlen. Sei es.« --

Als er auch noch an die Fahne im Sommer dachte, sah er sich genötigt, zu grinsen, um nicht plötzlich wie ein Schwächling weinen zu müssen. Dann trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, ordentlich guten Morgen sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.

Nichts dergleichen!

Joseph setzte seine demütigste und dienstfertigste Miene auf, er war unbeschreiblich froh, daß es noch nicht »so weit« war. Er setzte sich geradezu leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden geschäftlichen Aufgaben, und er drehte sich alle Augenblicke auf seinem Stuhl um, damit er sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler tat das Gewöhnliche.

Was er da gestern für einen Anfall gehabt habe? frug der Chef in unglaublich freundlichem Tone.

»Ja, das war dumm,« sagte der Gehülfe, bescheiden und beschämt lächelnd.

Er brauche nicht zu ängsten. Seinen Gehalt kriege er schon, brummte Tobler.

»O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene ihn nicht.«

»Dummheiten,« sagte Tobler, »ich bin, einige Kopflosigkeiten, die Sie sich haben zuschulden kommen lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen. Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung ich mich beworben habe, so bleiben wir hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird in diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen können.«

Später ging der Chef.

Dora war an diesem Tage krank geworden, nicht ernstlich. Es war nur eine kleine Erkältung, aber diese genügte, um das Mädchen zu pflegen, als wäre ihr letzter Tag herangekommen. Dora lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, und als Joseph zufällig sagte, er wolle zur Post gehen, es war gegen Abend, mußte er Dora versprechen, ihr ein paar Orangen oder Apfelsinen aus einer Spezereihandlung mitzubringen, was er denn auch tat.

Während des Nachtessens redete Frau Tobler beständig zu der kleinen, reizenden Unpäßlichen hinüber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi machte große Augen und hielt den Mund sperrangelweit offen, als dächte sie darüber nach, wie es zugehe, daß man so reizend krank sein könne. Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War das nichts für sie? Mußte die Natur ihr diesen hübschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering, eine kleine Erkältung bekommen zu dürfen? Sie wäre so gern einmal zärtlicher als sonst, ja nur einmal ein bißchen wärmer und milder als sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi schaute ihr Schwesterchen betrübt und erstaunt an, als wäre sie nicht imstande gewesen, es sich zu erklären, wie die da so schön krank daliegen konnte.

»Tu den Löffel aus dem Mund, Silvi. Ich kann das nicht ausstehen!« sagte Frau Tobler. Ihr Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen bekommen zu haben, eine liebliche und glatte für Dora, und eine darunter liegende gerunzelte und strenge für Silvi. Gleichzeitig schaute die Frau kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen Gesicht nach dem, was er dazu etwa denken oder sagen mochte. Aber Josephs Gesicht lächelte zu Dora hinüber.

Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen richten eben ihre Augen mit Vorliebe dorthin, wo das Schöne und Wohlgestaltete zu sehen ist, nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem Kaffeelöffel in einem ausdruckslosen Mund herumgerührt wird.

Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den schneeweißen Bettkissen heraus, auf denen verstreut, und Höhlen in den Flaum eindrückend, die mitgebrachten Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, üppige Kindermund. Diese kleinen, aber beinahe schon bewußt schönen und graziösen Bewegungen. Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen! Ja, Dora, du durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht Güte dir entgegenstrahlen.

Wie arm war da Silvi. Würde dieses Mädchen je auf den Gedanken gekommen sein, zu wünschen, man solle ihr Orangen aus den Delikateßwarengeschäften mit nach Hause bringen? Unter keinen Umständen. Dazu wußte sie viel zu gut, wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen. Ihre Bitten waren auch gar keine Bitten, sondern nur gestammelter Neid. Sie bat erst, wenn Dora längst ihr gewünschtes hatte. Nie kam sie auf einen ersten Wunsch. Die Wünsche Silvis waren alle Wunschkopien, ihre Einfälle waren keine Einfälle, sondern nur Nachahmungen von solchen, die Dora zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz nur kommt auf frische Einfälle, ein verprügeltes und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist immer ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre Kunstwerk. Silvi war eben nun einmal zweiten, dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges. Alles was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet und gebacken, und alles was sie tat, war altbacken. Wie alt Silvi bei ihren blütenjungen Jahren schon war. Welches Unrecht! --

Joseph hatte das einen Moment überdacht, während er Dora anschaute. Wenn man die anschaute, konnte man sich ein klares Bild von ihrem Gegenstück machen, und man hatte dann gar nicht nötig, die prüfenden und vergleichenden Augen erst noch lange auf Silvi zu werfen.

Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph hätte aus dem Grund seines Denkens heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt in ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin und war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß er nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu küssen. Mit diesem Huldigungskuß wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art und auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten Art tatsächlich huldigen können? Unmöglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes und Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem Mund auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.

Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand ihren Beifall. »Ein kurioser Mensch, dieser Marti!« dachte sie, »da hat er mich gestern der Silvi wegen ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb verliebt in die Dora.« -- Sie lächelte gnädig und sagte zu Dora, da müsse sie aber in Zukunft ihre Hände säuberlicher halten, wenn sie ferner solche Küsse darauf bekommen wolle und lachte.

Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem Gesicht gute Nacht sagte, sie solle sich besser zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr geben, streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu ihr. Es sei ein Jammer, wie man sie behandeln und immer wieder strafen müsse. Sie erwarte jetzt einmal gehörig Besserung. Silvi werde auch älter. Marsch. Sie solle gehen.

Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache liebreich klingen wollen, dann aber, als sei ihm die Milde unpassend und unmöglich vorgekommen, war er in die Härte hinübergesprungen, in Abstufungen, bis er zuletzt selber in einem gebieterischen »Marsch« sich abbrach.

Als die vier Kinder fort waren, wurde ein »Jaß« angefangen. Der Gehülfe hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der Übung dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast fortwährend, was ihn veranlaßte, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu wählen, da er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit wieder an den Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend. Plötzlich sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:

»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann mich zu meiner Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen früh auf die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir müssen ja jetzt das Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist sehr geizig, wenigstens hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie werden sich denken können, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt ist, aber es muß sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten müssen, ja Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, von oben herab, das fühle ich nur zu deutlich. Es wird so leicht für sie sein, mich zu kränken, mir weh zu tun, denn schließlich behandelt man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit Glacéhandschuhen jemanden anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein wenig 'auf dem Zug' gehabt, ich habe das immer empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn, meinem Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und so wird sie mir jetzt natürlich entgegentreten: wie einer Sünderin. Sie wird mir die Kleider, die ich am Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz derselben, den unglaublich überflüssigen guten Schnitt. Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht anziehen dürfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine, die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, ich werde das alte, schwarze Seidenkleid anziehen, das macht einen sehr unterwürfigen Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie sehen, andere müssen sich auch zwingen und dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. Es geht eben so, man weiß gar nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese Welt!« --

»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,« bemerkte der Gehülfe. Sie fuhr fort: