Chapter 16
Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht eigentümlichsten Art und Weise. Er verstand es, plötzlich, als hätte ihn die dunkle Erde selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft gleichsam weghauchend, zu erscheinen. Dann blieb er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um etwas zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie es schien, persönlichen Lust und Freude. Dann öffnete er die Türe, trat aber noch nicht ein, würde ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb stehen, anscheinend, um zu prüfen, welchen Eindruck sein unheimliches Benehmen machte. Seine kalten Augen fest auf den unangenehm berührten Gehülfen gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um vorläufig abermals eine Pause zu machen. Nie sagte er guten Tag oder guten Abend. Für ihn schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht einmal die Gottesluft, denn dieser Mann schaute in die Welt hinaus, als ob er nicht nötig hätte, zu atmen. Sein knochiges Gesicht fest ineinanderklemmend nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus einer schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd hoch in die Luft und ließ sie auf den Schreibtisch des Gehülfen fallen, schweigend, spitz und hackig, wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan schien er sich an dem Bewußtsein zu weiden, das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er dachte in keinerlei Weise daran, sich zu entfernen, sondern probierte minutenlang, ob es ihm gelinge, die Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befördern. Dann sagte er -- beinahe -- adieu und ging. Dieses Adieu des Mannes war viel frostiger, als wenn er gar nichts gesagt hätte, es klang geistesabwesend und zugleich bewußt kurz und hart. Der Mann schien dann gehen zu wollen, nein, jetzt tat er jedesmal erst das Schreckliche, er maß mit seinen Augen die Umgebung, das Haus und den Garten. Dann ging die andere Türe auf, Frau Tobler erschien aufgeregt im Bureau, mit großen Augen und mit den angstvollen Worten: »Jetzt steht er wieder im Garten! Sehen Sie, sehen Sie!« --
An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war das Wetter meist ein graues, kaltes, schweigendes Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern des Hauses waren an den Sockeln naß, ein scharfer Seewind blies, neue Schneegestöber oder Regenstürze versprechend, und der See lag da so bleiern und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine schönen Abend- und Morgenfarben? Versunken in der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab es weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die Stunden zeigten alle dasselbe trübe Aussehen, die Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der lieben, wohlbekannten Lichtunterschiede überdrüssig geworden zu sein. Zeigte sich in solch einer Naturtrübheit und -Entstelltheit noch der Mann mit der schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler und der Angestellte, das Erdbild sei plötzlich umgedreht worden, und man erblicke die Schattenseite alles Tatsächlichen und Gewohnten, nicht mehr das Natürliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das schöne Haus Tobler aufzuhalten, und das Glück und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja selbst seine Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, müden, glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu haben. Wenn dann Frau Tobler durchs Fenster schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein Winter- und Nebelsee geworden war, die Melancholie erblickte und empfand, die sich auf allem Sichtbaren breit machte, mußte sie ihr Tuch an die Augen halten und hineinweinen.
Als einer der wildesten Gläubiger und Schuldenforderer erwies sich der Gärtner, der bis dahin stets die Gartenarbeiten besorgt, und die Gewächse geliefert und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte wie ein ganzes Bataillon von Schimpfern auf Tobler und dessen ganze Familie und sagte, er wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gönnen, bis der Tag da sei und er die Genugtuung habe, diese »hochmütige Gesellschaft« gepfändet und aus dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, halb, um ihn im geheimen zu kränken, diese rohen Worte, und sofort befahl dieser, die Pflanzen, die ihm gehörten, und die sich in den Gewächshäusern der Gärtnerei befanden, von dort ohne weiteres abholen, und sie nach dem Keller des befreundeten Versicherungsagenten, des Mannes, der die Grottennacht mitgemacht hatte, führen zu lassen. Joseph war mit der schleunigen Erledigung dieses Befehles betraut, und er hatte keine Ursache, zu zögern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen nach der Gärtnerei gefahren, und dort wurden dann auch die Pflanzen, darunter ein bereits ziemlich hochgewachsenes Edeltännchen, aufgeladen. Der zum Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die Straßen, neben den augenaufreißenden Leuten vorbei, und hielt vor der Wohnung des dem Fuhrmann bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent selber half mit abladen und in den Keller tragen, was immer hineingehen mochte. Das junge edle Tännchen mußte an Schnüren befestigt werden, damit es in den für sein schlankes und stolzes Wachstum zu niedern Gewölben wenigstens schräg stehen konnte. Es tat dem Gehülfen weh, den Baum derart untergebracht zu schauen, aber, was war da zu machen? Tobler wollte es so, und der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte Richtschnur für das Tun des ersteren.
Dieser Versicherungsagent war in der Tat Tobler treu geblieben. Es war dies ein einfacher aber aufgeklärter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen Schwierigkeiten rein äußeren Gepräges einem Manne Freundschaft und Vertrautheit aufzukünden, den er einmal schätzen gelernt hatte. Er war nun noch beinahe der einzige, der etwa Sonntags herüber in die Villa kam, um einen Jaß inszenieren zu helfen. Etwas zu trinken gab es bei Toblers immer noch, behüte! Da war ja erst noch in den letzten Tagen ein kleines Faß voll prächtigen Rheinweines aus Mainz angekommen, eine verspätete, aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, die einer Bestellung aus früheren, besseren Tagen entsprechen mochte. Tobler schaute groß auf dieses Faß herab, er wußte sich gar nicht mehr an den einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm solchen teuren Wein zu senden, zu erinnern. Joseph hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin bestand, den Wein in Flaschen abzuziehen und dann dieselben gehörig mit Korken zu verschließen, zu welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche Geschicklichkeit an den Tag legte, so daß Frau Tobler, die dem behenden Ding zusah, scherzweise fragte, ob er denn früher schon einmal in Kellereien gearbeitet habe. Auf solche Art gab es im Haus manche muntere und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich dazu beitrug, über die zahlreich vorkommenden, schweren Stunden hinüberzuhelfen, was für alle nötig genug und eine nicht zu unterschätzende Wohltat war. Da aber wurde eines Tages Frau Tobler plötzlich krank.
Sie mußte sich, so ungern sie das gerade jetzt tat, zu Bett legen, und man war gezwungen, den Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es seit vielen Wochen zu vermeiden gewußt hatte, den Fuß weiter über die Schwelle eines Hauses zu setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so schlimm stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er fürchten mußte, daß er für die ärztliche Arbeit und für die Mühe des mitternächtlichen Ganges durch eine stockdunkle Gegend nicht honoriert werden würde. Er trat an das Bett der Frau still heran und tat in Manier und Sprache so, als wenn er seine freundschaftlichen Besuche nie eingestellt hätte, sondern fortwährend in bester Verbindung mit der Familie geblieben wäre. Er fragte teilnahmevoll nach den Schmerzen, und danach, seit wann Frau Tobler sie habe usw. und übte die ernsten Pflichten seines Berufes so angenehm, als er es vermochte, aus. Tobler zeigte dem Doktor später, trotzdem es schon bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen erstes naturgroßes Modell am selben Tag angekommen war. Jetzt könne er ja das Möbel gleich an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder und versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was aber nicht recht gelingen wollte. »Nicht noch rasch ein Glas Wein trinken, Herr Doktor?« -- Nein. Der Arzt ging.
So müsse sie nun auch noch zu allem unschönen Übrigen im Bett liegen, klagte die Frau zu jedem, der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug, wehklagte sie weiter, daß im Haus und im Geschäft bald alles zusammenstürze, möge nun nicht einmal die nackte Gesundheit mehr bleiben. Krank müsse man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein Auge zum Überwachen mehr als nötig geworden sei. Und Geld werde das wieder kosten, und wo es hernehmen? Sie sei so matt, und sie möchte so gern munter sein, möchte gern das Schlimmste ertragen. Wo Dora sei? Dora solle zu ihr kommen. --
Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. Da es aber tagelang so dauerte und er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mußte, zu sagen hatte, so wagte er es, das Zimmer zu betreten. Er tat es mit der Zaghaftigkeit des Menschen von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute ihn lächelnd an und gab ihm die Hand, und er brachte es zustande, ihr gute Besserung zu wünschen. Wie groß ihre Augen waren. Und diese Hand. Was für eine Blässe. War das eine Rabenmutter? Sie fragte, wie es unten im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benähmen und sagte schwach, nun müsse einstweilen er ein bißchen den Erzieher spielen, bis sie wieder aufstehen könne. Sie sehne sich darnach. Ob auch Pauline noch recht koche. Und was die Geschäfte machten?
Er gab ihr Auskunft und war sehr glücklich über diesen Moment. Und dieser Frau, die sogar im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand, der die Krankheit eher Schönheit zutrug als wegnahm, hatte er eine Moralrede halten wollen? Wie unrecht und unreif. Und doch, wie wahrscheinlich! Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um kein Haar besser als wie immer behandelt.
Wenn Silvi während dieser Tage ein Geschrei ausstoßen wollte, zischte ihr Pauline in die Ohren: »Bist still!« Die Kranke mußte geschont werden.
Bei der nächsten passenden Gelegenheit geschah es sodann, daß Tobler dazu kam, den patentierten Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie war wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung und wagte es, die Fehler, die diesem Möbel anhafteten, zu rügen. Vor allen Dingen, sagte sie, sei der Stuhl zu schwer, er drücke, und dann müsse er breiter gebaut sein, er enge zu sehr ein.
Das war unangenehmer Bescheid von der eigenen Frau. Tobler, der einsah, daß er gewisse Dinge außer acht gelassen hatte, ging sofort daran, die nötigen Änderungen zu treffen, indem er am Zeichentisch ein paar neue Bestandteile rasch entwarf, um die Muster alsobald an die Schreinerei senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger Umänderungen, und der Stuhl konnte dann um so energischer in Fabrikation genommen werden. Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte, sie seien gespannt auf die Zusendung eines ersten, kompletten Exemplares.
Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man stund mit einer ganz neubegründeten Unternehmungsgesellschaft in Verbindung, man hatte ausführlich Offerte eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung des Geschäftsherrn, da dies gewünscht worden war. Man hoffte!
Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen Hause vom Werk aus abgestellt worden, aus Gründen, die auch allen andern Lieferanten verboten, weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in den Abendstern fließen zu lassen. Die Nachricht von der plötzlichen Ausschaltung des elektrischen Stromes machte Tobler beinahe krank vor Wut und veranlaßte ihn, den Herren vom Elektrizitätswerk einen ebenso ohnmächtig zornigen wie überflüssig groben Brief zu schreiben, bei dessen Empfang und Lektüre diese Leute, allen voran der Direktor der Anstalt, in gutmütig-verächtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber mußte man sich nun im Hause Tobler wieder einmal der bescheidenen Petroleumlampen bedienen, an welches Licht sich alle, außer Tobler, auch rasch gewöhnen konnten. Dieser aber vermißte zu sehr, wenn er nachts spät nach Hause kam, den Anblick seiner geliebten elektrischen Verandalampe, die ihm jeweilen als das schönleuchtende Wahrzeichen und als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz seines Hauses vorgekommen war. Der Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner Brust mit der großen übrigen Wunde und trug dazu bei, seine Gemütsstimmung noch mehr zu verdunkeln, derart, daß der jähe Wechsel seiner Laune für alle Mitwohner das täglich zu kostende Brot wurde.
Jetzt aber mußte in allererster Linie eine Summe Geldes beschafft werden, koste es was es wolle. Die dringendsten Verpflichtungen wenigstens mußten beseitigt werden, so galt es eines Morgens, der Mutter Toblers, einer vermögenden, aber hartnäckigen und in ihren Grundsätzen als unerschütterlich bekannten Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar folgenden:
Liebe Mutter!
Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen sein, in welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und zum voraus schon tötenden Blicken der Schlange. Ich bin von Gläubigern derart umgeben, daß, wenn das Freunde und Gönner wären, ich zu den reichen und allbeliebten Menschen zählen müßte; aber leider sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der Bedrängteste der Menschen. Du hast mir, liebe Mutter, früher auch schon mehr als einmal aus der Klemme geholfen, ich weiß es, und ich bin Dir allezeit im stillen dankbar dafür gewesen, so bitte ich Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie Menschen bitten, denen das Messer der öffentlichen Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal noch aus der Verlegenheit und sende mir umgehend, wenn es Dir irgendwie möglich ist, wenigstens einen vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was Recht heißt, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter, versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, daß ich vollkommen von Deinem guten Willen abhängig bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins Verderben stürzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das wollen können? Gegenwärtig ist auch noch meine Frau krank, Deine Tochter. Sie liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder verlassen dürfen, ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt eines Tages wird verlassen können. Du siehst, auch das noch! Was soll ein Geschäftsmann, der dermaßen von Schlägen und Stößen getroffen worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaßen gewußt mich über dem Wasser zu halten, jetzt aber bin ich in der Tat am Rande der absoluten Unmöglichkeit, mich ferner zu halten, angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines schönen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn habe sich das Le -- -- -- doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir unverzüglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine Mahnung, aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld mehr, und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie meine Frau längst gewöhnt. Ich schildere Dir meine Zustände nicht wie sie sind, sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der Sprache zu bewahren. Meine Frau grüßt Dich herzlich und umarmt Dich, ebenso Dein Sohn
Karl Tobler.
Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest überzeugt. Die Reklame-Uhr bewährt sich, verlaß Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehülfe verläßt mich, wenn er seinen rückständigen Gehalt jetzt nicht ausbezahlt erhält.
Der Obige.
Während Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der Angestellte an seinem Schreibtisch die Mündung des Korrespondenzgeschützes auf einen Bruder von Tobler, einen in angesehener Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden Regierungsbaumeister, indem er demselben, gemäß den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen, ans Herz legte, wie miserabel es im Abendstern hergehe und daß es allerhöchste Zeit sei usw.
»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder nein, halt, der Brief muß so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus eigenem Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben haben. Schreiben Sie ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehört? Ich stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie aber sind ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie rasch. Ich muß überlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann muß ich zum Bahnhof.« --
Tobler lachte und sagte:
»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber man muß sich in Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt. Und dann wollen wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine Mutter wird schon müssen. Andernfalls -- -- und vergessen Sie nicht, die ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift übersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch.«
»Wie diesen Mann die Hoffnungen und 'Kunststücke' hinreißen,« dachte Joseph.
* * * * *
Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat. Sie hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die Frau erschien wieder, mit einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen wieder zu widmen. Sie trat leise und schön auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu lächeln. Ihre Stimme war dünner geworden, ihre Bewegungen kürzer und furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher wie neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne Sanftheit über ihr ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als hätte sie sich von nun an nie mehr ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas Partei ergreifen können. Mit ihrer Dora verfuhr sie natürlicher, nicht mehr gar so zuckerig, die Konditorei hörte ein bißchen auf zu blühen, und die Silvi konnte sie anschauen, ohne daß ihr der offenbare Zorn ins Gesicht schoß, was vorher beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute sie an und empfand so, und sie selber glaubte auch so empfinden zu müssen. Das Gesicht drückte Kummer aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit und etwas beinahe hoheitsvoll Mütterliches. »Ich bin wieder einigermaßen gesund, Gott sei Dank!« schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und diese Sprache mußte eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und Manieren können nicht gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als läge auf ihm noch das erregte Zucken früherer unschöner Aufregungen, aber im großen ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich bin ein wenig besser, feiner und überlegener geworden. Seht mich an. Nicht wahr, ihr merkt es?« -- Ihre Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten oder Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hände die Gabe des Nachdenkens bekommen hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches viel ruhiger und offener nach. Wir sind zarter geworden.« -- Ja, die ganze Frau Tobler war ein wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.
Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tüchtig geheizt worden. Sie schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im undurchsichtbaren Nebel. Wie schön das war, daß man gar nichts sehen konnte. Wie gemütlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es in Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder. Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und sie mußte leise lachen. Sie wischte ein bißchen den Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel eigentlich mehr nur so an, als würde sie dieselben haben liebkosen und grüßen wollen. Wie ihr alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles in eine fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. Es lag alles in einem eigentümlichen, verkleinernden, verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich.
Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war längst zu kalt im Hundehaus geworden. Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.
Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es an unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und manchmal halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der Frau, die jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die alte Dame und das Fräulein, waren mit Toblers infolge eines Meinungs- und Rechtsstreites böse geworden. Es handelte sich um einen kleinen, an beide Nachbargüter anstoßenden Grundstücksecken, den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die Sache war zu geringfügig, um vor Gericht getragen zu werden, aber sie machte böses Blut, es entstanden Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige freundnachbarliche Verkehr hörte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder über den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt. Die Freundschaft war damit bündig gebrochen. Überhaupt, von welchen Personen hatte nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten »sollten es nur noch einmal wagen, den Fuß auf Toblersches Terrain zu setzen, dann würden sie schön ankommen!« --
So saß man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete meistens zwei Köpfe, den der Frau und den des Gehülfen, der ihr Gesellschaft leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das aufgeschlagen auf dem Eßtisch lag.
Es vergingen einige Tage. Sie wurden in allen ihren Stunden empfunden, diese Tage. Man zählte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war nicht gleichgültig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, hing doch das Bestehen des Hauses Tobler nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an Monate oder Jahre zu denken, oder man verkürzte die Gedanken-Monate und -Jahre und veranlaßte die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die Tage gaben. Ein Geräusch war wichtig, denn es konnte der Briefbote sein, der eine neue, sorgenvolle Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Töne waren wichtig, denn es konnten die Töne der Haustürklingel sein, und es konnte jemand kommen, der Betrübliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, denn er konnte bedeutend sein: »Heda, Herr Tobler und Frau,« konnte diese Stimme rufen, »rasch mit euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten aller Menschenstätten. Sputet euch, denn es ist Zeit. Ihr habt's lange genug schön gehabt.« -- Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein Ruf sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das Gesicht des Tages, die Züge und Gebärden dieser, wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen von den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen und von der Art, wie man es machen mußte, um auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein. Sie redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs zornig auf das Haus Tobler, im Gegenteil, sie schienen es von hoch und von fern, in Gestalt von Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulächeln und es trösten zu wollen. Diese Tage glichen der Frau Tobler beinahe ein wenig. Auch die Tage schienen krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um die herum sie sich in der unabänderlichen Reihenfolge ablösten.