Der Gehülfe

Chapter 15

Chapter 153,467 wordsPublic domain

Sie gingen zusammen, um eine Schlafstätte ausfindig zu machen. Im Gasthaus zum »Roten Haus« war noch Licht, sie traten in die Gaststube. Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saßen um einen Tisch herum, einer gab Schelmenstreiche, die er scheinbar vielfach verübt hatte, zum besten, die Übrigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen und etwas zu trinken. Er würde, dachte er, morgen früh mit dem allerersten Zug zurück nach Bärenswil fahren.

Es war nur noch ein einziges Zimmer im ganzen Gasthof frei. Wirsich und Marti schliefen daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe Stunde lang zusammen. Wirsich war nach und nach munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle nur von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer wohnen bleiben und hier fleißig Offertbriefe schreiben, die er, in Kuverts säuberlich gesteckt, selber an Ort und Stelle hintragen könne. Man müsse sich unter keinen Umständen schämen, Armut und Not an den heiteren Tag zu legen, dürfe aber dabei keine gar zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere das die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme, nur zu bald an. Eine Trauermiene sei überdies geschmacklos. Das Persönlich-Hingehen zu den Geschäftsleuten habe das Gute, daß diese meist gebildeten und vernunftvollen Menschen einem etwa ein Fünfmarkstück in die Hand drückten, da sie den Beweis vor Augen hätten, daß der Stellensuchende sich ehrlich Mühe gäbe. So hätten es etliche und andere, die er, Joseph, sehr gut kenne, gemacht, und sie hätten dabei immer gewisse bescheidene Erfolge zu erzielen gewußt. Namen und Schicksal von Hülfeflehenden seien den Reichen meist ganz schnuppe, aber diese Herren gäben eben etwas, das sei in guten, alten Firmen und Familien von alters her gutmütiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich armes müsse zu wirklich vornehmem Wesen hingehen, in aller Ruhe, dort sei es immer noch am wenigsten am Halse geschnürt und könne atmen und könne sich zeigen, wie es beschaffen sei und so, wie es eben einmal leide. Man müsse, wenn man schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde, lernen, mit Anstand und Freiheit zu zeigen, daß man bitte, das entschuldige und verstehe man, das erweiche ein wenig die Herzen und könne niemals die gute und geschmeidige Sitte verletzen. Voll Haltung müsse aber einer dabei sein, dürfe nicht zu greinen anfangen wie ein halbjähriges Wickelkind, sondern solle zeigen durch sein Benehmen, daß er von etwas Großem und Mächtigem, vom Unglück, darniedergeworfen worden sei. Das ehre wiederum ein wenig und veranlasse den Härtesten zur flüchtigen, süßen, edlen, anstandsvollen Milde. So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten, und gehörig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie er zu tun gedenke, wolle er schlafen, denn er müsse früh wieder aufstehen.

»Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti,« sagte der andere. Dann schliefen sie ein. Es war schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach drei Stunden Schlaf und einer dämmernden Eisenbahnfahrt, stand der Gehülfe wieder im technischen Bureau, zwischen Zeichen- und Schreibtisch. Jetzt ging er ins Wohnzimmer frühstücken.

* * * * *

Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und zwar als Arrestant, nach der Stadt zu begeben. Einen zweitägigen Arrest hatte er dafür abzusitzen, daß er die herbstliche Wiederholungsübung versäumte. Er meldete sich zur bestimmten Stunde in der Kaserne an, man nahm ihm die Militärpapiere ab und führte ihn in den Karzer. Dort lagerten auf Pritschen und untergelegten Mänteln an die fünfzehn jüngere und ältere Männer, die alle den Neuankömmling musterten. Es roch nach allem möglichen Schlechten in dem Raum, dessen vergittertes Fenster direkt an den Straßenboden anstieß. »Ich habe wenigstens zu rauchen,« dachte Joseph und begann, es sich auf einer der Pritschen nach Möglichkeit bequem zu machen. Bald hatten ihn alle Insassen der bunten Reihe nach angesprochen. Es waren aller Art Menschen, die ähnliche Strafen wie der Gehülfe zu verbüßen hatten. Einer wie der andere schimpfte. Entweder war es ein höherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches begangen haben sollte, oder es wurde irgend einem Staats- oder Zivilbeamten heimgezündet. Die Gesichter aller dieser fünfzehn oder sechzehn Menschen drückten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit und Unzufriedenheit mit der Stumpfheit, die im Raume herrschte, aus. Es lagen welche Burschen da, die schon wochenlang saßen, einer sogar, ein Melker, monatelang.

Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden lag hier der Tapezierer, neben dem Maurer und Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und Schweizer der reiche, jüdische Handelsmann, neben dem Schlossergesellen der Bäckermeister. Keiner von den fünfzehn Leuten glich dem andern, aber alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und Kurzweil trieben. Daß auch wohlhabende und gebildete Leute da waren, hatte seinen Grund in der gesetzlichen Unmöglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen umzugestalten, so daß hier eine Gleichheit der Behandlung herrschte, wie man sie im ungebändigten, offenen Leben lange suchen konnte.

Plötzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmäßig an der Tagesordnung stehendes Spiel arrangiert. Es hieß das »Schinkenklopfen« und bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen mit der gestreckt flachen Hand auf den Podex desjenigen, der verdammt war, denselben den unbarmherzigen Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler mußte dem Dulder die Augen zudecken, damit er sich nicht die Herkunft der Hiebe und Schläge merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die Person dessen, der ihn gehauen hatte, so war er frei, und der Ertappte hatte sich, willig oder nicht, an die unangenehme Stelle des Erlösten herabzubücken, bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkämpfte Glück des richtigen Erratens zufiel.

Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs eifrigste betrieben, bis die Hände vom Schlagen ermüdet waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, du liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine Bohnen, Rüben oder Blumenkohl, nicht einmal ein kleines Schweinefilet, sondern Suppe und ein Stück Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem Schluck Wasser. Die Suppe war auch eine Art Wasser, und die Löffel waren außerdem noch in ziemlich degoutierender Art und Weise an die Suppentöpfe angekettet, wie wenn einer das Blei hätte stehlen wollen, wozu doch sicherlich kein Grund da war. Aber es war praktisch, dieses Anketten, und militärisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt, liebkost und flattiert zu werden. »Der verächtlichen Handlungsweise die verächtliche Strafe«: das stund scheinbar auf dem Eßgeschirr deutlich und ankältend geschrieben.

Langweilige, öde zwei Tage!

Der Schweizer oder Melker war von allen noch der Lustigste. Diesen wahrhaft schön anzuschauenden Burschen hatten »sie« gefesselt dahergebracht, weil er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier, der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, daß demselben das Blut zu Mund und Nase hervorspritzte. Für diese Tat wurde natürlich dem Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der anfänglichen Strafe hinzudiktiert, was aber diesen scheinbar unerschrockenen und in Dingen der schönen Ehre vollständig gleichgültigen Menschen gar nicht weiter beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus dem stumpfsinnigen, gezwungenen Daliegen einen possierlichen und fidelen, monatelang anhaltenden Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern zu unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum das Lachen ganz verhallen und erlahmen. Dieser Melker sprach von Staats- oder Militärpersonen nie anders als im Tone kindlich-kräftiger Überlegenheit und Übermutes. Nie kam etwas Giftiges und Wütend-Zurückgehaltenes über seine Lippen. Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder wahrhaft erlebt, erzählte, hatten alle mehr oder weniger zum Inhalt die Betölpelung und Naseführung irgend welcher Standesmenschen, mit denen dieser schöne, verdorbene Mensch wie mit lächerlichen und hölzernen Puppen umzugehen gewohnt schien. Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man der Hälfte seiner Erzählungen ruhig, und ohne die gesunde Vernunft zu verletzen, Glauben schenken, denn das schien in der Tat solch ein Mensch zu sein, herkommend direkt noch von den stolzen und unbändigen Ahnen des Landes, ausgestattet mit längst aus den Generationen entschwundenen Spiel- und Raufkräften, und mit dem Mute begabt, der eben die Gesetze und Gebote der weiten Öffentlichkeit fast notwendigerweise verachtete. Sonderbarerweise trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten aller Art trieb, noch zu schärfen, auf dem Lockenkopf eine Militärmütze, die er Gott weiß wo noch von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben all seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen durchaus den einfachen, weicheren Empfindungen nicht abhold zu sein, wenigstens hörte man ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er sehr schön und voll Taktgefühl tat. Auch erzählte er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen und weitläufigen Wanderschaften, die ihn durch das ganze, große Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben hatten. Wie er da mit den Herren und Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob es nun teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählerphantasie bestehen mochte, höchst possierlich und angenehm, ja sogar romantisch anzuhören. Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schön geschwungenen und geformten Mund, eine edle und freie und ruhige Gesichtsbildung, und er würde vielleicht, mußte man, wenn man ihn betrachtete, denken, unter kriegerischen und kühnangelegten Lebensverhältnissen dem Land außerordentliche Dienste haben erweisen können. Alles an ihm sprach von untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich wenn er sang, was er zu der Zeit, die Joseph im »Loch« zubrachte, einmal plötzlich mitten in der Nacht tat, glaubte man, die Töne und den Zauber der alten, starken Zeit vernehmen zu sollen. Eine wundervolle, abendliche Landschaft stieg mit dem Lied wehmütig empor, und man bedauerte den Sänger und das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich zu verfahren, wie es tatsächlich der Fall war.

Während diesen zwei Karzertagen hätte der Gehülfe die schönste Gelegenheit gehabt, über Verschiedenes nachzudenken, über sein bisheriges Leben zum Beispiel, oder über Toblers schwierige Weltlage, oder über die Zukunft, oder über das »Allgemeine Obligationenrecht«, aber er tat es wiederum nicht, er versäumte auch diese kostbare Gelegenheit und begnügte sich, den Späßen und Liedern und Zoten des Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter erschienen als sämtliche Nachdenklichkeit der neuen und alten Welt. Überdies wurde beinahe alle zwei Stunden das »Schinkenklopfen« wiederholt, auch eine Ablenkung vom Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwärter trat zur rasselnden Türe herein, um einen der Arrestanten, der »fertig« war, abzuberufen, was auch wiederum die geistige Aufmerksamkeit von höheren Dingen den niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu aber auch denken?

War denn nicht das Erleben und Mitleben der Gedanke, auf dessen Pflege es am allermeisten ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden des Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, genügte denn nicht ein einziger, allgemeiner Gedanke, um im Leben auf guter, glatter Bahn zu bleiben? Diese reizenden, achtunggebietenden, mühsam zusammenerdachten achtundvierzig Gedanken, was konnten sie dem jungen Menschen nutzen, da es doch vorauszusehen war, daß er sie morgen vergaß? Ein einzelner richtungangebender Gedanke war da gewiß viel besser, aber dieser Gedanke war nicht zu denken, dieser Gedanke zerfloß in die Empfindungen.

Einmal hörte Joseph den Melker sagen, das Vaterländli könne ihm in seiner ganzen Größe, wenn es wolle, den Buckel hinaufsteigen.

Wie war das natürlich und unrecht gesprochen. Freilich, das Vaterland, oder der gesetzliche Begriff desselben, schikanierte den Melker, hemmte ihn, fesselte ihn, diktierte ihm öde und gliederzerbrechende Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrießlichkeiten, Kosten und Schädigungen an der körperlichen Gesundheit. Und so wie der Melker sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben nicht ganz so gleichmäßig behandelte und vorwärtsgeschobene Menschen, wie es das militärische Gebot blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfüllungen kamen nicht einem jeden so glatt gelegen, wie vielen andern, die aus den Diensterfüllungen sogar ein Lebens- und Weltgeschäftchen zu machen wußten, indem sie sich auf Staatskosten unterhalten und beköstigen ließen. Manchem riß der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn, ja manchen konnte er sogar in die bitterste und brutalste Verlegenheit setzen, indem die paar mühsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige in das anspruchsvolle Militärtreiben flossen, wovon am Ende der Dienstpflicht kein Hauch mehr übrig blieb. Nicht ein jeder konnte dann zu Vater und Mutter gehen und um Unterstützung bitten, nicht einen jeden nahmen dann Kontor, Fabrik oder Werkstätte sogleich wieder auf, sondern er mußte oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender, lernender, erwerbender und zielbewußter Menschen gehörte. Konnte man da groß zählen auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine Idee!

»Und trotzdem!« Mit dem erwärmenden Gefühl, das in diesem gedachten »trotzdem« lag, sprang der Gehülfe von seiner Pritsche auf, um sich am »Schinkenklopfen« zu beteiligen. Er hatte Glück, er mußte nie lange »darhalten«. Er erriet die Hand, die ihn schlug, jeweilen sofort. Den Schlossergesellen erkannte er jedesmal an der Wucht des Drauflosschlagens, den Tapezierer an der Ungeschicktheit des Schlages, den Juden an den Fehlschlägen, den Amerikaner an der Zimperlichkeit und Geniertheit, womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den Melker an der absichtlich gemilderten und gedämpften Schwungkraft. Der Melker hatte für Joseph von Anfang an eine gewisse Zärtlichkeit empfunden. Er wandte sich jedesmal, wenn er zu erzählen begann, an diesen, weil er sah, daß der Gehülfe sein aufmerksamster Zuhörer war.

Zu rauchen war den »Gefangenen« verboten, aber Schulkinder kamen an das Gitterfenster heran und vermittelten den zierlichsten und schönsten Tabakschmuggel. Einer der Insassen kletterte auf die Achseln eines zweiten hinauf und pickte vermittels eines an einen geheimnisvollen Stock befestigten Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und geschickt auf und warf dafür die Groschen oder Rappen den kleinen Verkäuferinnen und Schmugglerinnen durchs Fenster zu, derart, daß das »Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenenwärter, ein anscheinend gutmütiger Mann, schwieg dazu.

Die zwei Karzernächte waren für Joseph kalt, fröstelnd und schlaflos. In der zweiten Nacht konnte er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger Schlaf war es. Er träumte fieberhaft.

Das »Vaterländli« des Melkers lag ihm großausgestreckt mit allen seinen Bezirken und Kantonen vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, blendenden Alpen. Zu ihren Füßen erstreckten sich himmlisch grüne und schöne Matten, umhallt von Kuhglockentönen. Ein blauer Fluß beschrieb ein leuchtendes und friedlich gezeichnetes Band durch die Gegenden, Dörfer und Städte und Ritterburgen zart berührend. Das ganze Land glich einem Gemälde, aber dieses Gemälde lebte; Menschen, Geschehnisse und Gefühle bewegten sich darin auf und ab wie hübsche und bedeutende Muster auf einem großen Teppich. Handel und Industrie schienen wunderbar zu gedeihen, und die ernsten, schönen Künste lagen in brunnenrauschenden Winkeln und träumten. Man sah die Dichtkunst am einsamen Schreibtisch sitzen und sinnen und die Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schön und ermüdet von ihren Schaffenswerkstätten heim. Man sah den Wegen am Abendlicht an, daß es Heimwege waren. Weite und schallende und ergreifende Glocken tönten. Dieses hohe Tönen schien alles, was da war, zu umschallen, zu umdonnern und zu umarmen. Daraufhin hörte man das feine, silberne Klingen eines Geißenglöckchens, und es war einem, als stünde man auf einer hochgelegenen Bergweide, umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen herauf und das Lärmen der menschlichen Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich diese Bilder von selber, als wären sie auseinandergeblasen worden, und eine Kaserne hob sich in ihren Fronten deutlich und stolz empor. Vor der Kaserne stand eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter und unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst oder Hauptmann saß zu Pferd und ordnete die Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten, geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausführten. Wunderbarerweise war aber dieser Oberst kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn deutlich am Mund und an der weithinschallenden Stimme. Der Melker hielt nun eine kurze, aber feurige Rede, worin er der militärischen Jugend das Vaterland ans Herz legte. »Trotz allem!« dachte Joseph und lächelte. Sie waren ja in der Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu lächeln erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein junger, hübscher Leutnant trat auf den Soldaten Joseph zu und sagte freundlich: »Nicht rasiert, Marti. He?« Worauf er säbelklirrend die Front weiterschritt. Joseph griff sich verlegen unter das Kinn: »Noch nicht einmal rasiert bin ich heute!« -- Wie die Sonne strahlte. Wie heiß es war! Plötzlich gab es im Traum einen Stoß, und ein freies Feld tat sich auf mit einer liegenden, auseinandergezogenen, halbrunden Schützenlinie. Die Gewehrschüsse widerhallten in den nahen Waldbergen, die Signale ertönten. »Sie sind tot, stürzen Sie um, Marti!« rief der auf seinem Pferd das Bild des Gefechtes überschauende Melker-Oberst. »Aha,« dachte Joseph, »er ist nett zu mir. Er läßt mich hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen.« Er blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war, indem er sich die Zeit damit vertrieb, Grashalme durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so dazuliegen! Aber er sollte jetzt wieder aufspringen und in Reih und Glied treten. Er konnte nicht, es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte nicht aus dem Mund herausgehen, er arbeitete daran, Schweiß trat ihm auf die Stirn, Angst in die Seele, und er erwachte und befand sich wieder auf der Pritsche, dicht neben dem schnarchenden Schlossergesellen.

Nach drei Stunden rief ihn der Wärter. Er war »fertig«. Er nahm Abschied von allen. Dem armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte, drückte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere wieder zurück und konnte die Straße betreten. Die Glieder waren kalt und steif, im Kopf summte und läutete und schoß noch der Traum. Eine Stunde später stand er wieder inmitten der realen, Toblerschen Geschäfte. Reklame-Uhr und Schützenautomat winkten ihm ärgerlich und zugleich hilfeflehend entgegen, und Joseph schrieb wieder an seinem Schreibtisch.

* * * * *

»Sie haben jetzt da eine tüchtige Erholungspause gemacht,« sprach der Ingenieur, »zwei volle Tage spürt man in einem Geschäft wie dem meinigen. Es heißt jetzt doppelt hinter der Arbeit her sein. Hoffentlich merken Sie sich das, was ich sage. Dazu habe ich natürlich einen Gehülfen nicht nötig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen zu lassen. Es wird niemand von mir verlangen dürfen, daß ich Gehälter aus« -- --

Er hatte sagen wollen: »auszahle«, schnitt aber plötzlich seiner Rede, nachdenklich werdend, den Atem ab. Joseph glaubte nicht nötig zu haben, auch nur ein Wort zu erwidern.

Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein bildhübsches, kleines Modell stand auf Toblers Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, scheinbar voller Entzücken, hin und her drehte, um den Genuß des Anschauens von überall her zu haben. Sogleich mußte sich der Gehülfe dahinter setzen und Offertbriefe schreiben an verschiedene in- und ausländische, größere Krankenmöbelgeschäfte.

Tobler legte das feine Gerät durch einfache Schraubendrehung und Hebelverschiebung glatt zusammen, ließ sich das Ding in gutes Papier einpacken, nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um diesen Ungläubigen, den sarkastischen Bärenswilern, zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder komplett und gangbar gemacht worden sei.

Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter des Ortes zu schreiben, Tobler könne der morgen früh um neun Uhr stattfindenden Besprechung bezüglich der Streitsache Martin Grünen persönlich nicht beiwohnen, da ihn dringende Geschäfte abhielten. Er erlaube sich daher, dem Herrn Friedensrichter die nötigen Aufklärungen und Zahlenaufstellungen schriftlich zu geben, woraus er ersehen könne, daß usw.

»Daß mein Herr Tobler ein Engel ist,« lächelte innerlich, nicht ohne flüchtige Bosheit, der Gehülfe. Nachdem dieses Schreiben erledigt war, galt es ein ähnliches, in beinahe noch brüskerem Ton gehaltenes Erklärungsschreiben an das löbliche Bezirksgericht abzufassen. Joseph wunderte sich wieder einmal über die Prägnanz seines Briefstiles, sowie über die Höflichkeitswendungen, die er plötzlich dem energischen Ton hie und da einzuflechten wußte. »Man darf nie zu grob sein,« dachte er bei solchen Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und des bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen Brief ziemlich rasch, denn er hatte die Sache jetzt ja »schon so sehr los«, über welchem zufriedenen Bewußtsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, unfehlbaren Stumpen anzündete. Mochten sie kommen, die Friedensrichterämter und Bezirksgerichte, und die ebenso zahlreichen wie tückischen amtlichen Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, sie würden deswegen noch lange fortfahren, und zwar ganz ruhig und seelengemütlich, ihre duftenden Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.

Im Dorf war man allmählich, zuerst einander es zuflüsternd, jetzt aber es laut auf der Straße erzählend, einer immer höher steigenden Welle, aus Einsicht bestehend, ähnlich, zu der Überzeugung gekommen, daß da oben im Abendstern nichts mehr zu »retten« sei, wenn man nicht die nötigen Schritte, wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand der Betreibungsgesetze einleite. Und so war es denn dahin gekommen, daß Herr Tobler, sowohl was die Firma als was die Haushaltung betreffen mochte, von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich bestrahlt, beschattet und betrieben wurde. Es glich einem festtäglichen Speerewerfen, wie es da von links und rechts, von daher und dorther auf das Haus Tobler, Löcher und Verstimmungen einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts- oder Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hämisch und zugleich gemütlich ums Haus und rund um den ganzen Garten herum, als hätte er hier besonders guter Weile gehabt, als würde es ihm gerade hier oben ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah aus, als ob der Mann ein stiller Gartenkunst- und Naturbewunderer gewesen wäre.

Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem Baukonsortium oder gar von einer geographischen Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem Gedächtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber so sah der Kerl aus. Frau Tobler haßte und fürchtete ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von den Fenstern weg, als wäre dieser Mann die personifizierte trübe Ahnung und Stimmung gewesen. Die Frau hatte recht, denn wenn man sich erkühnte, dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes Antlitz zu betrachten, so fror einen, und man fühlte sich unwillkürlich von der eiskalten Hand des Unheiles berührt und gestrichen.