Der Gehülfe

Chapter 14

Chapter 143,850 wordsPublic domain

Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch war es schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon längst mit Essen fertig geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter, fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte sich mit an den Tisch, und bald gab er ein fröhliches Lied zum besten. Es wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel. Zu Bett mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug Dora auf dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau bewies, daß sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte, sie erzählte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten, denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen könne ein ausgelassenes Wort nicht viel schaden, sie selber höre so etwas auch gern einmal an. Der Zauber des Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden, einäugigen Gesellen tolle Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbändig gelacht, am meisten von Frau Tobler, die »profitieren« zu wollen schien, da sie in den letzten Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte. Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig fühlende. Außerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus welchem Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart, daß sie Vergnügen fand, die Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran, unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte sich überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und des Lachens hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel vertragen zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der ärgerlichen Frage, warum wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten draußen sei es stockdunkel, da könne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren aufgestanden. Ein wenig später sagten die Leute schüchtern gute Nacht und gingen. Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine Frau. Diese konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den Angestellten, der mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe emporzugelangen. Der Herr war müde, so sagte er nicht viel. »Gesausert« war worden, es war ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.

Am andern Morgen stand Joseph etwas früher auf und arbeitete extra fleißig, er empfand Gewissensbisse und fürchtete sich vor der Begegnung seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher als je, ja, er machte sogar Witze.

Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau Tobler, daß er sich gefürchtet habe. Sie schaute ihn groß an, als begreife sie irgend etwas an ihm nicht und sagte:

»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Kühnheit, Joseph. Auf die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Spätherbst in den See hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken. Auch eine Frau können Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es aber gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler zu vertreten, so fürchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen, anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so scharfausgeprägter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten? Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers schlecht steht, muß es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise hochachten zu sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie großherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden und bin es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich in Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.«

Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas später überraschte Joseph die Frau oben an der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe zufällig offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand, ohne an etwas zu denken, mit entblößten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und sah, stieß sie einen Schrei aus und warf die Türe zu. Welche herrlichen Arme! dachte der Gehülfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand er ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht mehr benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhältnismäßig lange an, bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.

Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wäsche in der Hand, die sie hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete ihn, als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen hätte. Was für ein Kind! Dann legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie, und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und richtete an den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverständliche Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich und er ging hinunter.

Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über mein Betragen. Dagegen möchte ich mich fast über das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau, die Mutter Silvis? Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für eine Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung wanken.«

Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler und sprach mit großer Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und die Schultern hoben und senkten sich stürmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre Stimme klang so hoch, daß sie in den eigenen Tönen und Bändern zu zerreißen drohte. Endlich war sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie schmerzvolles Gesicht. Sie hatte während des Sprechens geweint.

»Wer war das?« fragte er.

»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat. Er will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in die Schranken zurückgewiesen.«

Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie eine Rabenmutter zu schelten.

Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen können. Ob er es denn nicht klingeln gehört habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hören.

Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber er war zu träge gewesen und er hatte gedacht: »Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das schadet dem Hochmutston nichts.«

Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder, einem Bärenswiler Herrn die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber überrascht worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.

Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler.

»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph ein, »würde ich selber den Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich würde es niemals 'meinem Mann' sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen, mit anderweitigen Dingen genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch Edis Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit der Schlingel bestraft werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so dürfte er leicht außer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame, aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige Frau, in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belästigen, den er dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner Familie von seinen Geschäften und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie werden mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren Kränker zu halten, recht geben. Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur nützlich zu sein. Sind Sie mir böse, Frau Tobler?«

Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar für überflüssig fand, ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Küche hinaus, er ins Bureau hinunter.

Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie es gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich in übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich beim Klang dieser Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte denn Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein Gehülfe es sich wohl schmecken ließ? Der Appetit verging ihm beinahe, und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf zu springen. Tobler hatte seinen Überzieher mühsam abgelegt. Joseph dachte bei sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er vom Platz aufgesprungen wäre und dem Herrn geholfen hätte, aus dem Mantel herauszukommen. Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die man ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig zuvorkommend? Ob ihm das an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne Ehre, dazusitzen und ängstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben. Toblers Auftreten ließ Joseph immer Szenen befürchten. Ja, dieser Mann hatte etwas so Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehäuftes, etwas innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden Moment losbrechen möchte. Und da war es denn wirklich nicht angebracht, an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das Notwendige und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog einen Überzieher aus, und der ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzückend kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschämt, artig zu sein, und noch etwas, die Frau tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch wäre aufgezogen worden, den Mund auf und erzählte in aufreizendem Tone die Geschichte und Sünde Edis.

Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte demselben einen Schlag an den kleinen Kopf, der einen starken Mann hätte umwerfen können, wie mehr ein derartiges Bürschchen, wie der Edi eins war. Alle im Zimmer zitterten. Frau Tobler senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt leid, gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben und Stößen in die dunkle Nebenkammer hinein. Walter, der kleine Angeber, war totenbleich geworden. Dora umklammerte den Arm der Mutter. Diese wagte zu sagen, es sei genug, Tobler solle sich beruhigen. Dieser stöhnte.

»Eine unbegreifliche Frau,« murmelte Joseph für sich.

Das müsse noch sein, zu der Zeit, da sowieso im ganzen Dorf alles, was eine Stimme und ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem er sich an den Tisch setzte. Solche Rangen! Damit jeder Beliebige bald mit Fingern auf ihn, den Erzieher und Vater, deuten dürfe und sagen dürfe, die Jungen machen's halt wie der Alte. So wie man nur einen Fuß ins Haus setze, springe einem eine Widerwärtigkeit entgegen. Da solle einer noch den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend eine Wendung zu Besserem möglich. Mit den eigenen Kindern sei man gestraft. Das komme, weil man sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, zu kleiden und zu ernähren. Der Teufel auch. Barfuß mußten sie ihm nächstens zur Schule gehen, die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben statt Fleisch. Er werde einen andern Takt einführen. Aber das sei gar nicht nötig, es mache sich bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde zu essen da sein, wolle er sehen, daß diese seine Brut ganz anders sich aufführe.

Er versündige sich, und es genüge jetzt, sagte Frau Tobler.

* * * * *

Tobler führte kein anderes Regiment in seinem Hause ein, Taktstock und Tonart blieben dieselben im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel anderes im Kopf, und der Hülfsdirigent war eine zu bescheidene, zu zufriedene Natur. Dem brauchte man ja nicht einmal die längst verfallenen Gehälter auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, mit dem, was da war. Wolken und Winde flogen auch um das Haus Tobler noch herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es den Gehülfen auch nicht ans Fortgehen mahnen.

Eines Tages schneite es. Erster Schnee im Jahr, wie bist du nur so erinnerungsreich anzuschauen. Altes Erlebtes fliegt mit dir stürmisch dem Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter und Geschwistern lösen sich deutlich und vielsagend von deinen nassen, weißen Schleiern ab. Es wird einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, mit deinen unzähligen Flocken. Man glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder oder eine liebe, zaghafte Schwester. Man hält die Hand hin, um dich aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur kleine Stücke von dir. Der Kübel, der dich auffangen wollte, müßte breit und groß sein, wie die Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich ganz prachtvoll, das weiche Ding, das du da über Toblers Haus und Garten in aller Stille breitest. Frau Tobler ruft erstaunt aus: »Es schneit!« Die Kinder kommen mit Geschrei und mit Flocken in den geröteten Gesichtern und mit Schneestücken in den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird Pauline im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren und fegen müssen, damit Herrn Toblers Füße und Schuhe nicht allzu naß werden.

Tobler schickte auch seine Buben noch nicht barfuß zur Schule. Solch eine Verordnung hatte ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer in der netten Villa trotz des wilden Schneegestöbers und trotz Kälte und Nässe. Joseph zog seinen Überzieher an, wenn er zur Post lief, es war ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem warm und kleidete hübsch. Frau Tobler bat den Gehülfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen mitzubringen, das Lesen fange an in die langen Nächte ganz gut zu passen. Jassen könne man auch nicht jedesmal nach dem Abendessen. Joseph ging in die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. Die Mädchen gingen in kleinen, roten, dicken Überkleidern in den Schnee hinaus, mit Schlitten, um den Hügel hinunterzufahren, aber es ging noch nicht recht, der junge Schnee war zu naß und saß nicht fest genug auf der steinigen Erde. Leo, der Hund, half mit sich umherzutummeln.

Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen Geruch und Ton haben. Den Frühling meint man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben, nie so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerüppigkeit jedes neue Jahr neu und zauberhaft. Den Herbst hat man sich früher nie recht angeschaut, erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter ganz neu, ganz, ganz anders wie vor einem oder vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben ihre eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr da und da zugebracht zu haben, heißt es erlebt und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng miteinander verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? Die Erlebnisse können ein Jahrzehnt ganz neu färben, wie mehr und wie rascher ein kurzes Jahr. Ein kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden und hat, in Gedanken verloren, gesagt: »Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es doch.« --

Und das Lange war ihm nicht rasch vorübergegangen, erst als er an dasselbe dachte, schien es ihm Flügel, Federn und Flaumesleichtigkeit gehabt zu haben. Es war nun Mitte November, aber wenn er es sich recht überlegte, so hatte er schon im Mai der Welt diese Miene und diese Manieren und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine Freundin Klara sagte, wenig verändert.

Und die Welt, verändert sie sich? Nein. Das Winterbild kann sich über die Sommerwelt werfen, aus dem Winter kann Frühling werden, aber das Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt Masken an und ab, es runzelt und lichtet die große, schöne Stirne, es lächelt oder es zürnt, aber bleibt immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es färbt sich bald bunter, bald matt, bald ist es glühend und bald blaß, es ist nie ganz dasselbe, es verändert sich immer ein wenig und bleibt doch immer lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen Blitze und donnert mit seiner gewaltigen Stimme den Donner, es weint den Regen in Strömen herab und läßt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem Mund herauslächeln, aber an den Zügen und Linien des Gesichtes verändert sich spurwenig. Manchmal nur fährt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein Hagelsturz, eine Fluten-Überschwemmung oder ein Vulkanfeuer über die ruhige Oberfläche dahin, oder es erbebt und erschaudert innerlich von Welt- und Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt dasselbe. Die Gegenden bleiben dieselben, Städteansichten allerdings weiten und runden sich aus, aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, von einer Stunde auf die andere, das können Städte auch nicht. Die Ströme und Flüsse fließen dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie können versanden, aber sie stürzen nicht plötzlich über ihre Strombetten an die offene leichte Luft hinaus. Das Wasser muß sich durch Kanäle und Höhlen hindurcharbeiten. Das Strömen und Wühlen ist sein uraltes Gesetz. Und die Seen liegen, wo sie seit langer, langer Zeit liegen. Sie springen nicht zur Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder. Sie sind manchmal empört und schlagen ihre Wasser und Wellen zornig zischend zusammen, aber sie verwandeln sich weder eines Tages in Wolken noch eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf der Erde gehorcht schönen, strengen Gesetzen, wie die Menschen.

Es war also jetzt Winter geworden um Toblers Haus herum.

* * * * *

Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem Joseph geglaubt hatte, in die Hauptstadt fahren, und sich wieder einmal amüsieren zu sollen. In der Stadt hatte er Nebel in den Straßen gefunden, nasse Blätter am Boden, Bänke in den Anlagen, auf die man sich jetzt nicht mehr setzen konnte noch mochte, in den innern Gassen Lärm und am Abend vor den zahlreichen Kneipen gröhlende Betrunkene. Eine halbe Stunde lang war er bei seiner Frau Weiß gewesen, um ihr zu erklären, wer Tobler und Frau Tobler seien, aber eine innere Scham und Ungeduld hatte ihn bei der ruhigen und gelassenen Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und hatte ein paar Lokale zweifelhaften Genres aufgesucht, um sich zu »amüsieren«. War er der Mensch dazu gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, und im »Wintergarten« hatte er mit jungen, gigerlhaften Italienern am Büffet Händel angefangen. Ebendaselbst stieg er auf die kleine Variétébühne, vor aller Anwesenden Augen, und zum größten Gaudium derselben, und fing an, den Gaukler, der sich dort produzierte, in den Gesetzen des Geschmackes und der körperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, bis er schließlich von einer Handvoll Kellner zum Lokal hinausgewiesen wurde.

In der Kälte der Nacht setzte er sich in den Anlagen auf eine Bank, um sich den Rausch von der herrschenden, rauhen Witterung aus Kopf und Gliedern hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind sauste und rüttelte in den Ästen der Parkanlagebäume. Das aber schien einem zweiten, nächtlich hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen, der sich auf die Bank _vis-à-vis_ von Joseph gelagert hatte, gänzlich gleichgültig zu sein. Was konnte das für ein Mensch sein, und was hatte ihn veranlaßt, sich hier, gleich Joseph, in die offene, rücksichtslose Sturmnacht zu setzen? Tat man solches? Der Gehülfe, irgend ein Unglück oder einen Schmerz ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu und erkannte -- Wirsich.

»Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich?« frug er erstaunt. Sein Rausch war mit einmal verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann sagte er:

»Wie es mir geht? Schlecht. Wer läge sonst hier im Regen und in der Kälte? Ich bin ohne Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, ich werde ins Gefängnis kommen.«

Er brach in lautes, elendes Weinen aus.

Joseph bot seinem Vorgänger in Toblers Amt ein Goldstück an. Dieser nahm es, ließ es aber zu Boden fallen. Der Gehülfe schrie ihn an:

»Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen Sie das Geld. Tobler selber hat es mir heute zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im Abendstern haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, aber wir lassen den Mut keineswegs sinken. Sie, Wirsich, brauchen durchaus nicht zu sagen, Sie müssen stehlen gehen. Da schlägt man sich lieber mit der Hand eins auf den Mund, bevor man so etwas sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es nicht eine Schreibstube für Arbeitslose? Aber Sie schämen sich wohl, dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter, der ein sehr, sehr lieber, mildedenkender, erfahrener Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines Tages freidenkend genug gewesen und haben uns aus dieser Schreibstube einen jungen und in der Tat vielleicht nicht ganz tüchtigen, wohl aber brauchbaren und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, geholt, weil Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie, fragen Sie morgen früh überall, wo Sie auch mit dem Fuß hintreten, nach Arbeit, und sein Sie überzeugt, man gibt Ihnen irgendwie und wo welche. Was für Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich schnöde und kalt abgefertigt werden, aber dann gehen Sie eben weiters, bis Sie gefunden haben, was Sie in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus man langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich verbieten, ans Stehlen zu denken. Der gesunde Kopf soll der Gebieter sein und bleiben, man soll ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und Schurken wird. Doch jetzt würde ich an Ihrer Stelle mit dem Gelde da, das nicht ich, sondern Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernünftiges Nachtlager für den vorbereitenden Schlaf aufsuchen gehen. Sagen Sie, was macht Ihre Mutter?«

»Krank!« machte Wirsich mehr mit der Hand als mit dem Mund. Joseph rief aus:

»Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen Sie mir nichts, ich weiß es, als ob ich der ständige Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen wäre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn aus jeder Art schlägt, derart, daß er dem fleißigen Zigarrenstummelaufleser nicht mehr gerade in die Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz auf den Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm hinauf mit den Augen der Liebe und Bewunderung geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, ist krank, aber könnte gesund sein in den alten und ausglimmenden Tagen, wenn der Gegenstand der Pflege und Liebe recht und tüchtig und nur ein strohhalmdünn wacker tun wollte. Es brauchte ganz wenig, und die alte Frau wäre zufrieden, und sie würde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen Stolz neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind würde sie schon um der Versuche willen, honett und stark zu bleiben, beinahe anbeten. Und der Vergeßliche und Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste und letzte Möglichkeit des mütterlichen Gefühlsfeuers, und er ist plump und grausam genug, auf die Liebe und tage- und jahrelange Freude täppisch zu treten. Hören Sie, Wirsich, ich möchte Sie am liebsten durchprügeln.«