Chapter 13
Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede lächelten die stillen, schlauen Bärenswilerherren mit erzwungen zugepreßten Lippen. Frau Tobler war im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein aus der Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend zu verkörpern, so sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er war zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues volles Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine Rede hatte ihn beinahe stärker mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder alle. Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es wurde ein »Jaß« beschlossen. Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu Dutzenden aufgeflogen waren. »Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er prachtvoll,« dachte Joseph.
Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum, nebst ein paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herüber gewehter Blätter. Es regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische Richtungnahme auf.
Geschäfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger zu erledigen. Das Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der Gläubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer Weise, zu drängen, und im Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit, mit Geld herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das mußte herbeigeschafft werden mit allen noch zur Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die paar wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten an, dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges, herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder auf Haushaltungskonto zu buchen.
Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und Vorwärtsführendes zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt da zu sein. Eines Morgens ließ der Gehülfe aus Vergeßlichkeit die Bureautüre offen stehen beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam, gab es eine Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, daß kein Geld da sei, noch lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn auch keine Barschaften zu entwenden seien, so könne doch jemand, sei es der Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Büchern und Papieren herumstöbern.
Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die Türe habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng auf Ordnung.
Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf sie schieben wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf Pauline.
Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen.
Das waren Tage, das, nasse und stürmische, und doch war ein eigener Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich. Die Nässe und Kälte draußen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und leuchteten fiebrig die gelben und roten Blätter. Das Rot der Kirschbaumblätter hatte etwas Glühendes und Wundes und Wehes, aber es war schön, das versöhnte und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze Wiesen- und Baumland in Schleier und nasse Tücher eingehüllt, oben und unten und in der Ferne und Nähe alles grau und naß. Wie durch einen trüben Traum schritt man durch das alles hindurch. Und doch drückte auch dieses Wetter und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. Man roch die Bäume, unter denen man ging, man hörte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still geworden zu sein. Die Geräusche schienen zu schlafen oder sich zu fürchten, zu tönen. An den frühen Morgen und späten Abenden drang über den See der langdahingeatmete Ton der Nebelhörner, die einander da draußen, Schiffe ankündigend, das warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute von hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. Dazwischen gab es einmal wieder einen schönen Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder schöne noch wüste, weder besonders freundliche, noch besonders trübe, weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche, die ganz gleichmäßig licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles ruhig und mattgolden und ein bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in sich selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend. Solche Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schön, leicht und vertraut vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos, beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr schwer, was ihm vorher schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine angenehme Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hübschen Dorfstraßen entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen. Man konnte überall hingehen, es blieb immer dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht blickte einen ernst und zart an.
Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein neues Inserat »Fabrikbeteiligung gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber abgewiesen, und auf spätere Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie fürchtete, beleidigt zu werden. Die hauptstädtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung des Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund hundert Mark, eine dem Frauengedächtnis nur zu gut sich einprägende Summe.
»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum Gehülfen. Es war eben ein Faß jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natürliche Frohsinn, der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit drei Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten.
Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer Französin: sie solle gefälligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler sei übrigens mit der Arbeit nicht ganz so zufrieden wie frühere Male, indem das Jüpon zu eng geraten sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf alle Fälle möchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man könne zurzeit nur nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler sei mit Geschäften und Sorgen zu sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch müsse geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid und man bitte, davon überzeugt zu sein, usw.
Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschäftsherr seine zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt.
Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Blätter, da machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er vermochte. Der Tag war kalt und finster. Große, unbestimmbare Wolken lagerten düster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen. Die Bäume in der Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam nun heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er sagte, was in guten und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler genossen. Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches hübsche Trinkgeld, so sähe er nicht ein, weshalb das immer so andauern müßte, und er sei jedenfalls einer von denjenigen Bärenswilern, die es gut mit dem allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen.
Bald war der ganze Garten gesäubert. »Auch schon wieder eine Arbeit erledigt,« sagte lachend der Bahnwärter. »Ja junger Herr, es gibt mancherlei Sorten Beschäftigungen, und in allem, was man mit aufrichtigem Bemühen tut, kann ein Stück Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt ein paar von Herrn Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so ist mir das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung kann man einen glühenden Stengel schon vertragen.«
Frau Tobler ließ dem Mann einen halben Liter »Sauser« geben.
* * * * *
Der Aktienbierbrauerei Bärenswil wurde betreffs Besetzung einer Anzahl Felder oder Flügel der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug ab, später vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher Mißerfolg, der Tobler veranlaßte, den Briefbeschwerlöwen zu Boden zu schmettern, wo er in Stücke flog, die der Gehülfe aufhob. Gleichzeitig wurde auf das technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschütz gerichtet. Die Kanonenkugel verletzte zwar niemanden, aber sie reizte, ärgerte und vermehrte die Unruhe.
Das war niemand anderes als der frühere Agent und Reisende Toblers, ein gewisser Herr Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen daherzutraben kam, um die rückständigen Gehälter und Provisionen, die sich auf die Konzessionserwerbungen für die Reklame-Uhr bezogen, einzufordern. Tobler würde diesem Menschen am liebsten zurückgeantwortet haben: »Du kannst mir in der Gegend von Genua in die Schuhe hineinblasen, du Narr, was du bist,« aber er mußte vernünftigerweise auch diese neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen und schrieb dem Mann: »ich kann nicht bezahlen!«
Geduld! Herr Tobler sah sich genötigt, von allen seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Mitmenschen Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. Ich bin so unvorsichtig gewesen und habe mein gesamtes Barvermögen in meine Unternehmungen geworfen. Treibt mich nicht bis zum Äußersten. Ich ordne meine Verpflichtungen, ich kann noch erben, ich besitze noch Ansprüche auf ein mütterliches Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat, Kapitalien gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten, rücken lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar ein wenig, aber usw. --
Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte jetzt Tobler mit seinem Advokaten, an welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten schrieb.
Das erste Schützenautomaten-Exemplar war inzwischen fertig geworden, es funktionierte in der Tat glänzend und erweckte fröhliche Hoffnungen. Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es womöglich noch vorbehalten, die Reklame-Uhr und das darin geworfene Vermögen zu retten. Der Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das fertige Werk zu besichtigen, und dieser folgte der Aufforderung gerne, umsomehr als der Herbsttag schön und mild war. Er machte sich zu Fuß auf und spazierte gemächlich gegen das eine gute Stunde weit entlegene Nachbardorf zu, rechts zur Begleitung der in die Höhe schießende Wald, links der ruhige See, so ließ es sich ganz gut »in Geschäften« die Landstraße entlang gehen. In der Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der mechanischen Werkstätte, fand sie nach vielem Suchen in den durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen und stand nun vor dem elegant mit Dekorationsfarben angemalten Schützenautomaten. Der Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie glatt und geräuschlos das Ding lief, brummte, nun erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine angemessene Entlöhnung, oder man dürfe, meine man, eine solche gewärtigen, nachdem man doch, was aber Tobler nur nicht anerkennen wolle, die Hauptsache am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle erteilen und Umherreisen sei eine Sache eben noch lange nicht in Wirklichkeit im Gang. Dazu bedürfe es der Hände, die auch tatsächlich arbeiten. Ja, Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten, wie man hierorts die Sachlage auffasse, es könne nicht schaden, wenn Tobler es wisse.
Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen Auslassungen und trat bald den Heimweg wieder an.
Zu Hause rief man ihm schon von Weitem entgegen, es warte ein Herr unten im Bureau auf Herrn Joseph Marti.
Es war der Verwalter des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus, der Mann, dem der Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demütigsten und sanftesten Manieren hatte. Die Herren begrüßten sich gegenseitig freundschaftlich, beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste und zerfetzte Gesicht des Verwalters ließ Joseph an längst überstandene Dinge denken. Eine armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult sitzen, dann sah er den Herrn Tobler zur Tür eintreten, den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er sich umguckte nach dem passenden Menschen, der diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das alles schon zurücklag.
Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil hinaufgeführt habe?
Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten umschaute, sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloßem Interesse, damit er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein schläfriger Tag gewesen, keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den Zug gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur neugierdehalber komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem Genußvollen das Nützliche und Notwendige, und so möchte er sich denn die Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe geschrieben habe, der Betrag, den die übliche Vermittlungsgebühr ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und Mahnungen nicht eingetroffen seien?
»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter,« antwortete Joseph.
»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen Betrag?«
»Nein!«
Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte:
»Herr Tobler ist während all dieser Tage für Menschen, die Geld von ihm haben wollen, unter keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da, sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen, Herr Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu sagen, daß man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche einzulassen, sondern sie kühl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um mich nach Bärenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen und fleißigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen könne und mich nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also zu bewähren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«
»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?« fragte der Verwalter. Der Gehülfe sagte:
»Nein, und das gehört allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht gefallen. Ich habe hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden, vergangen, und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«
»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen?«
»Ausgezeichnet!«
Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was gesprochen worden sei, nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf gerichtlichem Wege zu betreiben.
»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem abgeschabten Hut, schaute den Gehülfen väterlich an, gab ihm die Hand und ging.
Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter mit nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:
Schlechte Gewohnheit.
Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu bedenken, was mir Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir eine sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, der mir um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen Gestalt verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen, verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in sein Gesicht schaute. Ein Verlust prägte sich sogleich meinem Herzen ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas überspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich gewissenhaft, und nur ab und zu muß ich mir wohl oder übel gebieten: Vergiß das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste und stürmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann von dem Gedanken an dieses scheinbar Winzige und Nichtige erfüllt, durch und durch, während die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, für mich unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind eine schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das was ich da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau Tobler. Vielleicht hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für mich. --
Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verließ das Bureau. In der Tat harrte seiner eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für den Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den Keller zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden mußten. So zog er denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler war erstaunt über seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein bißchen zu allem brauchen könne. Sie hängte dem Lob eine Lehre an und bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer unsicherer und veränderlicher werde, beinahe notwendig, daß junge Leute lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen jungen Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen Dingen umzugehen wisse.
Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten sie in die Zimmer getragen, und in die richtigen Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt werden. Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht, stund dabei und sah ein wenig ängstlich seinen Aushänge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu kühn vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck des Bangens steht,« dachte der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich.
Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, daß er zufrieden, ja glücklich war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere Menschenhälfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher geboren? Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben sollen? Schade, daß es in der Nähe von Bärenswil keine Blockhäuser zu bauen gab.
Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist übrigens nicht so rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas Körperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich öfters lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen über Land, das Steigen auf Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten erzählt. Arme- und Beinbewegungen empfand er als etwas Köstliches. Das Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als das Nachdenken über hohe Dinge. Er schwitzte gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War er der geborne Ziegelsteinträger? Hätte man ihn an einen Karren spannen sollen? Herkules war er jedenfalls nicht.
Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil einen Mann sah, der Säcke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es Herbstende und man hängt Vorfenster an.