Chapter 12
Und wenn dann das schöne Wetter wieder kam, wie glücklich konnte das einen berühren. Es waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu sehen, ein Weiß, ein Blau und ein Gold, Nebel, Sonne und Himmelsbläue, drei sehr, sehr feine, ja sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren, draußen im Garten zu essen, man stund dann da so, lehnte sich gegen das Gitter und dachte darüber nach, ob man das schon einmal, irgendwo in der Jugend vielleicht, könne gesehen haben. Die Wärme und Farbe waren eines geworden. Ja, sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wärme! Die Gegend schien zu lächeln, der Himmel schien selber glücklich über sein Aussehen geworden zu sein, er schien der Duft und der Inhalt und die liebe Bedeutung dieses Land- und Seelächelns zu sein. Wie das alles nur so liegen, stillsein und strahlen konnte. Wenn man über die Seefläche hinaus schaute, fühlte man sich, man brauchte nicht einmal Gehülfe zu sein, von freundlichen, wohltuenden Worten angesprochen. Schaute man in die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine zarte Melancholie in einem. Sah man das Haus an, so mußte man lachen, obschon die herrische Pauline gerade am Küchenfenster Teppiche bürstete. Die Welt schien voller Musik zu sein. Über den Kronen der Bäume erschienen wie ferne, verhallende Töne die blendend-leichten-weißen Umrisse der Alpen. Man sah hin und empfand mit einem Mal das alles als unwirklich. Dann war's wieder anders. Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch die Gegend schien zu empfinden und ihre Empfindungen zu ändern. Das Empfundene verlor sich jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja, alles war blau angefärbt und angehaucht. Und dazu diese Frische, dieses Rauschen von den Bäumen her, in denen immer eine leise, kühle Bewegung war. Konnte man da arbeiten, sich nützlich erweisen? Ja, man spannte das Waschseil auf und half der Waschfrau einen Korb nasser Wäsche aus dem Keller hinauf an das golden-blaue Licht der Erde tragen. So etwas zu tun ziemte sich an einem so schönen, bis in die letzten Winkel von Farben und Tönen durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen Tage. Und es gab eine ganze Reihe solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen, sich zum Fenster hinauslehnen und mehrere Male hintereinander sagen mußte: wie wundervoll!
Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland geworden.
Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschäfte war keine neue Wendung, keinerlei Umschwung, nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die Sorge und die Enttäuschungen gingen wie ermüdete, aber an Zucht gewöhnte Soldaten im Schritt vorwärts, sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie bildeten, Mißerfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet, einen wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam aber stetig vorwärtsbewegte, gradaus in das Kommende schauend.
Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschäftsreisen, als würde ihn der Anblick seines reizenden Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berührt haben. Er besaß ein Generalabonnement für sämtliche Bahnen auf ein volles Vierteljahr gültig, das er schließlich, da er es sich einmal angeschafft hatte, auch ausnützen mußte. Wo wäre denn da die gesunde Vernunft gewesen? Das Reisen als solches schien ihm überhaupt Vergnügen zu bereiten. Dazu war er der Mann. Im »Segelschiff« auf den Zug zu passen, denselben womöglich fürs erste einmal zu verpassen, dann in den nächsten einzusteigen, eine gewichtige Geschäftsmappe unter dem Arm, dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den Fahrgästen ein Gespräch zu beginnen, dem einen oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden Gegend schließlich auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen Leuten zu verkehren, bis in alle Nächte hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen zu pflegen usw.: das war etwas für ihn, das glich ihm und seinem Wesen, das lenkte ihn ab von unwürdigen Gedanken, das half ihm, sich wieder ein bißchen er selber zu fühlen, das war wie sein Anzug, der ihm so prachtvoll saß.
Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten hatte, den er »füttern« mußte? Käme ihm gerade noch recht! Da versauerte er noch gänzlich das bißchen Unternehmungsgeist, das er noch hatte. Würde dann nicht mehr viel fehlen und er konnte endgültig »die Bude zuschließen«. Das fehlte noch: zu Hause sitzen und sich von den Bärenswilergesichtern höhnisch anglotzen lassen. Nein, lieber dann gleich eine Kugel vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.
Und so reiste er eben.
Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die täglichen Lebensbedürfnisse angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine hochzuheben, um gemütlich in das Interieur der Toblerschen Familie blicken zu können, an der Tür zu stehen, um jemand, der vorüberging, an das Gefühl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte sich jetzt schon ein bißchen mehr als im Sommer. Sie stund einstweilen da und prüfte das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es genügte ihr, daß man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war höflich und vorsichtig. Eine Türschwelle, ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so daß diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand hinter ihr sei, als ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da hinter mir auf?« --
Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft zuflossen, wurden sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt sein. Man lebte und aß wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen. Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehülfen Verständnis und Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus dem Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das.
Die Knaben gingen wieder zur Schule, was für die Mutter eine große Erleichterung war, die sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne auf die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden Stuhl liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den freiesten und besten, welcher schönen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes Viertelstündchen, nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt gestatten mußte.
Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in die Veranda hinaus, sie möchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen spielten im Wohnzimmer.
Was das heute wieder für schönes Wetter sei, bemerkte Joseph beim Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz anderes.
»An was denn?«
So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen beständig daran, ob es nicht viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da sei, jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die Schande des Zwanges, es zu verlassen, das fühle sie, komme ja doch langsam heran. Mit den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts, sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.
»Wieso jetzt gerade?«
Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei seine Meinung bezüglich der Reklame-Uhr herauszusagen.
»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß sie sich auf guten Wegen befindet. Man muß nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen mit weiteren Kapitalisten« -- --
Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. Sie sehe es ihm ja deutlich an, daß er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er selber nicht glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn denn veranlasse, zu glauben, sie könne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten? Wenn er lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhänglicher Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen weiteren Zweck, ihn noch länger dazubehalten. Sie habe zu wissen verlangt, wie und was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine Meinung herauszusagen. Vor allem wünsche sie zu erfahren, ob der kaufmännische Gehülfe ihres Mannes überhaupt fähig eines eigenen Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein ganz unbekanntes Ding sei.
Joseph schwieg.
Was das für ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben, ihm einen Befehl erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon sein, Löcher seien genug darin. Was für ein Stolz das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers Kleider stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden, wohin er wolle, daß sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche.
Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an den Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden vergaß er beinahe, er erinnerte sich jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an und er konnte arbeiten.
Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre und sagte ruhig:
»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«
Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte heftig. Es war ihm eine Unmöglichkeit, die Feder in der Hand zu halten. Das Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Stühle schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und ging baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte er. Und dieser Frau hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit!
Das Glück und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genuß in den Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die wie Öl dalag, so ruhig, so fest. Die Frische des Elementes ließ den nackten Körper sich kräftiger und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wärter laut zu: »Nicht so weit hinausschwimmen, Sie da draußen. He! Hören Sie nicht?« Joseph aber schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im geringsten, den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt mit weiten Armbewegungen die nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees hauchten ihn eiskalte Ströme an: um so schöner, und er legte sich auf den Rücken, die Augen zum wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurückschwamm, hatte er vor den Augen das von den Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Häuser. Alles lag da, eingehüllt in einen seligen Farben- und Düfterausch. Er stieg aus dem Wasser und kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt sagte ihm der ängstlich gewordene Wärter, er hätte ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurückschwimmen können; wenn ein Unglück passiere, sei er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte.
Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es hätte ihn zu sehr gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden müssen.
Sie saßen im Gartenhaus. Unvergleichlich schmeckte Joseph das braune Getränk nach dem Bad. Man müsse wirklich jetzt die paar warmen Tage noch profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an zu plaudern von ihrer Verheiratung, von ihrer früheren Wohnung.
So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen könne, wie es einem beliebe, das sei doch etwas Reizendes und Ruhiges. Das fände man vielleicht nicht so bald wieder -- --
Joseph unterbrach sie. Er sagte höflich:
»Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. Warum denken Sie immer an das? Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Ihr gehorsamer Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? Hier stehe ich vom Tisch auf und gewärtige die Erlaubnis, mich wieder setzen zu dürfen.«
Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich setzen. Er tat es.
Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr plötzlich die Laune, sich in die Reitschule zu setzen, und sie bat den Gehülfen, sie zu stoßen und die Seile anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in die Luft flog und wieder hinuntersauste, rief sie, das gefalle ihr, und »man müsse jetzt noch ein wenig vom Garten profitieren«. Bald käme der Winter und dann heiße es nur zu herrisch: Zu Hause sitzen!
Er mußte sie jedoch bald aufhalten, da es ihr schwindlig zu werden drohte. Indem er das tat, atmete er gezwungenermaßen den Duft ihres Körpers, den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen mußte, ein. Ihre Haare berührten sein Gesicht. Diese vollen, langen Arme! Er nötigte sich, wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu küssen, durchzuckte ihn augenblicklich, aber er tat es nicht. Eine Minute später dachte er mit Schaudern an diese einfache Möglichkeit, und er war sehr froh, dieselbe vernachlässigt zu haben.
Sie saßen wieder einander gegenüber. Sie plauderte ausgelassen:
Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und sie früher bewohnt hätten, ein junger Mensch ihr den Hof gemacht habe, ein so närrisch verliebter Kerl -- nein, sie müsse schon laut lachen, daran nur zu denken, geschweige denn, davon zu sprechen. Eines Nachts sei dieser junge, übrigens besseren Kreisen angehörige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen und habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor niedergestürzt und ihr seine heiße Sehnsucht gestanden. Sie habe ihm vergeblich entrüstet zugerufen und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen. Der Mensch sei aufgestanden, aber nicht, um sich fortzumachen, sondern um sie zu umarmen. Noch jetzt, wenn sie sich in jenen fürchterlichen Moment versetze, spüre sie den Druck der Hände, die sich um sie spannten. Sie habe natürlich um Hilfe gerufen, und da sei zufälligerweise -- und jetzt komme der lustige Teil der Geschichte -- ihr Mann gerade die Treppe hinaufgekommen. Er hört nur die Schreie, stürzt sich ins Zimmer, und da habe er den jungen Mann wirklich wüst hergenommen. Den Stock, und der sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf und Schultern entzweigeschlagen, so daß sie, die Ursache der Prügel, Tobler habe anflehen müssen, den Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch zu schonen. Ihr Mann habe denselben dann die Treppe hinuntergeworfen.
»Ich muß mich also in acht nehmen,« sagte Joseph.
»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht in der Welt gegeben, wie das, das Frau Tobler dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.
Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen tun möge, wandte sie sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das etwas große Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie möchte es gar zu gern heute noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt sei, zu wünschen, er möchte das Paket herbeiholen? Es sei vielleicht zu mühsam, und Joseph habe womöglich Wichtigeres zu tun.
Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glücklich darüber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen zu können.
Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton ins Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen im Öffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein. Gut, daß der Herr nicht da war. Wie würde der über ihre freudige, frauliche Erregung gehöhnt und geschimpft haben.
Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit dem hochmodern zugeschnittenen Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie wünschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine Botenläuferin, mußte den Gehülfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, Frau Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine Baronin, sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzüglich sehe sie aus, gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur tritt sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen dürfte das Kleid beinahe zu schön sein. Aber schließlich verdienen diese Leute auch, daß sie erfahren und sehen können, was hauptstädtische Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und Form dieses Kostüms sind derart, daß man meinen möchte, der Stoff selber habe zu der Form den Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schönen Stoff erwählt zu haben.«
Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich. Sie mochte in Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lächelnd, sie getraue sich nicht, in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil zu gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre.
* * * * *
Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr. Der Ton, in welchem die Kassenbeamten der Bärenswiler Bank mit Joseph etwas besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht mehr nur Erstaunen, sondern auch herablassendes Mitleid aus. »Schlimm steht es bei euch da oben auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen und Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen, liefen täglich per Post im Abendstern ein. Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend geraucht wurden.
Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige Kleinigkeiten, die Tobler später machen lassen wollte, sobald es mit ihm wieder einigermaßen besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert Mark, eine Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo nächtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten Jahrhundert leider nicht mehr.
Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Männer des Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen Grottenfest an, die übrigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das tat übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen, desto mehr bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch einige Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte jetzt verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit würde sich nicht so rasch wieder bieten.
Die drei Männer, ein Spezereihändler, der Segelschiffwirt und ein Versicherungsagent, kamen eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, länglich wie ein größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die Besucher mehr als einmal die Köpfe anstießen. Ein Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst ein paar Stühlen, die der Gehülfe und Pauline herbeischleppten. Eine Lampe war die Beleuchtung.
Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getränk in die Gläser ergoß, worauf er über die kostenden und schmeckenden und schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein solches Weinlein im Hause sei, so -- -- Tobler hielt in seiner Ansprache inne, zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick aus seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeißen Bärenswilern eine Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemüt von einem Mann.
Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und ungezwungener. Recht unfeine Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund, aufgefangen von laut lachendem Verständnis. Nur Joseph lachte nicht viel. Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur trinken, dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lägen auf dem Grund der Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und sie austrinken. Wo Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur bestand darauf.
Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden zum besten gegeben. Die drei Bärenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen Wiedergabe derselben. Würde Tobler für jedes Lachen, das an diesem Abend erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wäre er über Nacht ein wahrhaft fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber das Gelächter trug nichts ein, es verhallte an den Wänden der kleinen Grotte, es belustigte bloß, aber bereicherte nicht.
»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler!« sprach der Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf:
Das will ich auch hoffen!
Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so gibt es immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwätze, die dieses Mannes Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber steht hoch über diesen Verdächtigungen. Er ist ein Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis, meine Herren, sieht kühn, aber es sieht auch oft prahlerisch und lächerlich aus, weil es die einzig dastehende und beständige Aufgabe hat, niemandes Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten, aber wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wäre es eine bloße, genußsüchtige Träumerei. Hinaus an das Licht der Welt muß es. Es muß sich zeigen, es muß die Gefahr, lächerlich und unbrauchbar befunden zu werden, besiegen, oder es muß von dieser Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt die klugen Köpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, was nützen die bloßen Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein bloßer hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden Bau der Welt. Die Ideen müssen sich verwirklichen, die Gedanken streben nach der Verkörperung. Hierzu braucht es des kühnen und unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der festen und treuen Hand. Eines Fußes, der, wenn es ihm endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Stürme erträgt, einer, mit einem Wort, männlichen Seele. Es ist nicht gesagt, daß dieser Mann glücklich ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden und rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt keine persönliche Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es nicht erreicht hätte, würde erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, nicht er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen. Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen.