Chapter 11
»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß Sie imstande sind, etwas zu leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes Maul macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen?«
Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder völlig befangen. Die Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie:
»Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf und seien Sie weniger empfindlich. -- Schreiben Sie!«
Und er diktierte folgendes:
An Herrn Martin Grünen in Frauenberg.
Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit zwecks Realisierung meiner Reklame-Uhr bewilligte Darlehn von fünftausend Mark auf den Ersten des kommenden Monates aufkündigen, habe ich erhalten und gestatte mir -- haben Sie das? -- Ihnen folgendes zu erwidern: 1. ist meine derzeitige finanzielle Lage derart, daß es mir eine reine Unmöglichkeit ist, Ihnen auf den angegebenen Termin den fraglichen Darlehnsbetrag zurückzuerstatten; 2. befinden Sie sich in einem groben Irrtum, wenn Sie ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf so unerwartet rasche Zurückzahlung zu dringen, indem 3. zwischen uns bei Abschluß des Darlehens, so viel ich mich erinnere, und wie ich, wenn nötig, schwarz auf weiß beweisen kann, die Vereinbarung getroffen worden ist, -- sind Sie so weit? -- daß eine Zurückerstattung der Schuldsumme erst dann zu erfolgen hat, sobald die Geschäfte der Reklame-Uhr ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben. 4. Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte Darlehen ist nicht außer Verbindung speziell dieses Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen, sowie die Abzahlung des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen des letzteren. 6. Würde es sich fragen, ob eine so kurzfristige Zahlungsforderung in einem Falle, wie dem unsrigen, überhaupt gestattet wäre. Hauptsache: das geliehene Geld liegt im obengenannten Unternehmen und verfällt dem Risiko desselben. -- Sehr geehrter Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, nachdem ich Ihnen meinen Standpunkt erklärt habe, die Sache noch einmal ernstlich überlegen. Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich mich befinde, und Sie werden kaum den Mut finden, einen Geschäftsmann ruinieren zu wollen, der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dagegen stemmt und wehrt, in die ihm drohende Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder haben wollen, so drängen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr wird sich bewähren! Ich hoffe Sie genügend überzeugt zu haben und zeichne hochachtungsvoll -- --
»Geben Sie her!« Und Tobler unterzeichnete, indem er eine volle Minute lang, scheinbar gedankenabwesend, in den Anblick des Schreibens versunken blieb.
Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen privaten Gedanken hin. Er dachte: »So ist er, dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine hochmütige und drohende Stellung ein, dann duckt er plötzlich klein zusammen und bittet, zu bedenken usw. Der Herr Grünen werde nicht den Mut finden, meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn findet? So wie dieser Brief abgefaßt ist, so pflegen Verzweifelte zu reden. Zuerst klingt es hochtrabend, dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch, dann beißend spöttisch, dann auf einmal kleinmütig, dann zornig, dann flehentlich, dann plötzlich grob, dann Brust hoch und noch ein letztes Mal in hochmütigem Ton: die Uhr =wird= sich bewähren! Wer beweist das? O ein solcher pfiffiger Darlehngeber, wie dieser Grünen aus Frauenberg einer ist, der wird hohnlächeln, wenn er diesen gefühlvollen Brief liest.« --
Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz richtiger, wagte er halblaut zu seinem Chef zu sagen. Das war ein Funke ins Pulverfaß.
Tobler sprang jählings auf: Was Joseph da Dummheiten zu schwatzen habe. Wenn er Bemerkungen machen müsse, so solle er sie nicht erst eine halbe Stunde nach Erledigung der Sache vom Mund ablaufen lassen, und dann solle er sehen, daß es keine so läppischen seien, wie die, die er sich soeben erlaubt habe.
»Unsinn!« schrie er, ergriff seinen Hut und ging davon.
Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, faltete es zusammen, steckte es in einen vorher schon adressierten Briefumschlag, klebte zu und frankierte.
Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der Buchdruckerei angekommen. Joseph fing an, diese Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu jeweiliger Briefkuvertgröße, damit sie in alle Welt hinaus verschickt werden konnten. Das Rundschreiben enthielt in hübscher Druckschrift, und mit Klischee-Abbildungen versehen, die genaue Beschreibung nebst Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, auch einer Toblerschen Erfindung. Vor allen Dingen galt es, diesen Dampfbehälter den zahlreichen, in der Umgebung von Bärenswil und weiter im Land herum verstreuten Fabriken und mechanischen Werkstätten anzupreisen, womit man einen ganz hübschen Gewinn zu erzielen hoffte.
Der Gehülfe faltete bis zur Mittagsessenszeit diese Papiere zusammen, welche Arbeit für ihn etwas geradezu Fröhliches und Gedankenförderndes enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg während des Essens, abgesehen von Dora, die ihren reizenden Mund nicht zu halten vermochte. Die Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte die langen Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen Jugendverwilderung an, indem sie sagte, sie sei wahrhaftig froh über den baldigen Wiederbeginn der Schulzeit, es werde nun gottlob bald wieder eine andere Zeit für die Schlingel herantreten. Die Autorität und das Meerrohr des Lehrers würden dann vielleicht erreichen, was der Mutter nicht möglich sei: artiges und aufmerksames Benehmen ihren Buben anzugewöhnen. Es sei ganz gut, wenn es allmählich Herbst werde. Während dieser langen, schönen Sommertage wisse das kleine Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr, wo noch irgend eine Gelegenheit sei, Übles und Dummes anzustellen.
Bei dem Wort »Herbst« fühlte sich Joseph in der Seele betroffen. Der schöne Herbst! dachte er. Einen Augenblick später war er mit Essen fertig geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, es fehle ihm Geld, um Briefmarken kaufen zu können. Die dadurch unangenehm berührte Frau sagte, so solle sie auch noch für solche Dinge sorgen, seufzte und händigte dem Angestellten das Gewünschte schmollend, aber zugleich ein wenig geschmeichelt, ein. Man mußte also zu ihr, der Frau, kommen, um Markengeld zu erwischen und zu ergattern. Joseph spielte wiederum ein wenig den Beleidigten.
Schließlich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehülfe. Wie lästig das war, jedes Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu müssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte sich, ihn von oben herab halb anzuschauen.
Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und Handlanger damit beschäftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mächtigen Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es hatte kurz vorher geregnet.
»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler?« brummte Joseph und erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur »Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tür ein schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine ersparten Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine »andere Welt« hinüber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der »Rose« unter dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat der Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gemäß, in das Restaurant zum Segelschiff ein, und wer saß dort am runden Stammtisch? Tobler!
Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der Kneipe.
Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch eins hinabtrinken, um das Hitzige, was man in der Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst Markengeld hat »betteln« müssen und infolgedessen ziemlich unwirsch aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt, zerstreut werden. Gewiß muß und kann man auch das, aber -- es war doch für einen Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff« plötzlich bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber bedeutend an.
»So? -- Sie scheinen ja auch Durst zu haben,« sagte Herr Tobler gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte:
»Ja! Muß auch sein.«
Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer die anfahrenden und abfahrenden Züge, auch jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Aber wie oft verpaßte trotzdem Tobler seine Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß, manchmal beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fällen pflegte er jedesmal zu brummen: »Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon wieder an der Nase vorbeigefahren.«
Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so daß die andern Wirtsgäste es hören konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt er schnell, er solle mit der Montierung der Uhren für die Utzwil-Stäfener-Bahn unverzüglich beginnen. Der Brief muß noch heute abgehen. Das Übrige werden Sie wohl wissen.«
Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen« Prinzipals, wie er ihn im stillen nannte, er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.
Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhändler und ließ sich eine ganze Reihe Gebrauchsgegenstände für Bureau und Zeichentisch geben, indem er's »ins Buch aufschreiben ließ«.
Solch ein niedliches Rechnungsbüchlein, was ging da nicht alles Mögliche hinein. Man nahm einfach die Waren und ließ munter aufschreiben.
Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich die Frage, wann und ob er einen gewissen Betrag einkassieren lassen dürfe.
»O gelegentlich etwa,« entgegnete obenhin Joseph. »Ich handle sehr richtig,« dachte er, »man muß zu den Leuten in oberflächlichem Ton sprechen, dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man keinen Ernst zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich zu sein. Hätte ich die Frage dieses Mannes wichtig genommen, so würde er jetzt Verdacht haben und schon morgen früh mit der quittierten Note im Bureau erscheinen. Ich diene meinem Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rührende Verdächtigungen von ihm abzulenken.«
Während dieses Gedankenganges hatte er sich scheinbar aufs Gemütlichste eine Sammlung Ansichtspostkarten angeschaut. Indem er jetzt den Laden verließ, lächelte er freundlich, und er wurde ebenso freundlich vom Besitzer desselben angelächelt.
Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit dem Falzen der Zirkulare zu schaffen. Für je ein Zirkular verwendete er vier Händebewegungen. Er träumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemütvolle Herumsinnen um irgend etwas geradezu heraus. Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor dem Schreibtisch und Bureaufenster saß auf einer dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie nähte und unterhielt sich in singender Sprechweise mit ihrem Dorchen.
»Was dieses Kind es gut hat!« dachte Joseph.
»Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken?« fragte Frau Tobler. Sie setzte hinzu: »Übrigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen Sie. Der Kaffee steht schon.«
Im Gartenhaus, während des Imbisses, fühlte sich der Angestellte durch die Freundlichkeit, mit der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu sagen, er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen zu haben.
Was er damit meine? Sie verstehe nicht.
»Nun, wegen dem Wirsich!«
Sie sagte, das habe sie längst vergessen. Für solche Sachen habe sie kein haarscharfes Gedächtnis. Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen sei? Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, Joseph bekennen zu hören, daß es ihm leid sei, sie gekränkt zu haben. Er dürfe ruhig sein, und er solle sich in allem, was das Geschäft ihres Mannes anbelange, nur immer Mühe geben, das sei die Hauptsache. Ach sie wünsche manchmal, und besonders in letzter Zeit, ein geschäftstüchtiger Mensch zu sein, um Tobler helfen zu können. Wenn sie daran denke, von hier fortziehen, das Haus, das sie so lieb gewonnen habe, verlassen -- zu -- mü--ssen -- --
Tränen standen ihr in den Augen.
»Ich will mir Mühe geben!« Er schrie es beinahe.
Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu lächeln.
»Sie dürfen nicht gleich verzagen.«
Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmütig genug all diesen sorgenvollen Dingen gegenüber. Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie ihr scheine, ungerechte Vorwürfe gemacht, deswegen, daß sie seine ganze schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie habe es für nötig befunden, zu schweigen dazu. Was denn in einem solchen Fall eine schwache und ungeübte Frau machen könne? Ob sie gar etwa den ganzen, guten Tag lang jammern, und eine wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und was das nütze? Das würde doch einer einigermaßen vernünftigen Frau weder einfallen, noch auch nur anstehen können, so etwas würde sie eher für gefährlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil immer ganz guten Mutes, und sie wage es, sich im stillen für diese Haltung zu loben. Ja, das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen Welt ihr kein einziges Wesen anerkennen wolle. -- Sie wisse im übrigen, wer sie sei, und sie fühle sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den fröhlichen und gemessenen Lebensmut nicht so bald sinken zu lassen. Daneben fühle sie wohl, wie schwer es ihr Mann zurzeit habe.
Sie war wieder heiter geworden.
»Und was Sie betrifft, Joseph,« fuhr sie fort, indem sie den Gehülfen mit ihren großen Augen anschaute, »so weiß ich ja, daß Sie ernst bei Ihren Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann wird man nicht alle Lösungen und trefflichen Leistungen aufs Mal verlangen wollen. Sie fahren einen nur manchmal ein bißchen grob an. Ja, ja!«
»Sie demütigen mich, aber ich verdiene es,« sagte Joseph.
Beide lachten.
»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau Tobler, das Gespräch beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie die Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er wünsche dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.
Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett, so den dünnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen und das Aufklatschen des Wassers auf den Blättern der Bäume anzuhören. Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte der mit den Schläuchen Beschäftigte, und es wollte ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein kurioser Mensch?« --
Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an, ungehalten, unfreiwillig. Er hatte es sich eben im »Segelschiff« gemütlich machen wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis gesetzt worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. »Müssen die schon wieder kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt, konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den Wirtshausjaß, um dafür zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack ein wenig »kindelig« war. In der Tat ging es beim Jaß unter Berufsjassern eben viel ernsthafter und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt.
Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er möchte noch ein wenig in der frischen Luft spazieren gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht, und ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht zu sagen, als er Joseph sich ausreden hörte.
Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der Mond beleuchtete zart und groß die ganze Umgegend. Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging den Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die großen Wegsteine waren weiß vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen duftenden, träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hörte er Käuzchengeschrei. Einige zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche, und plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein später Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph überließ sich vollständig seinen Empfindungen.
Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen Menschen«, der er sei. Was er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergnügen durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles? Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher geführte und das vorauszuahnende zukünftige, das, das war kurios, und Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte -- -- Diese Frauen, wie sie es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl. Spaßhaft war das, nicht wahr? --
Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause.
* * * * *
Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein gutmütiger, aber zugleich etwas heimtückischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet, heimlichfeißer Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger, irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine gesunde bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt gewesen. Aber sie verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch Klügerem aus. Sie schämen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein »schlechter Hund« sein als ein Tropf von Esel, den man leicht übers Ohr hauen kann. Die Bärenswiler sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder, der das probieren will, tüchtig gewarnt sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber sie schämen sich auch ihrer Güte, wie fast jeglicher Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den Stockzähnen, wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie plaudern mehr mit den gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne, aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wären. Später schweigen sie wieder volle vier Wochen lang. Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie Vorzüge, wo Fehler besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre Mängel als ihre guten Eigenschaften öffentlich strahlen zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie tüchtig sie sind. Um so bessere Handelsgeschäfte machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne Ursache, aber es sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und um dieser paar Ausnahmen willen müssen die Bärenswiler manches kecke und ungerechte Wörtlein hören. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust, diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen unter ihnen prahlen deshalb öfters mehr als gut und recht ist und sind verschrieen im übrigen Land. Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken und nüchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen dazu, bescheidene aber sichere Geschäfte zu machen und dito Erfolge zu erzielen. Die Häuser, die sie bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straßen, die sie bauen, sind ein bißchen holperig, genau wie sie selber, und das elektrische Licht, das ihre Dorfstraßen Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk mußte Herr Tobler geraten.
Herr Ingenieur Tobler!
* * * * *
Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwärts. Auch in der Gegend von Bärenswil blieben die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten natürlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun müssen, sie veränderten sich, trotz des Herrn Tobler, der vielleicht wünschen mochte, die Zeit stillstehen zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschäfte nicht gingen, war der unbewußte Feind alles dessen, was ruhig und gleichmäßig vorwärtsschritt. Der Tag oder die Woche ist solch einem Menschen stets entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man die Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man sich langweilt am Anblick des lahmen Geschäftsganges. Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem mehr seit einigen Tagen, und machte sie scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so wünschte er sich über die Berge in ein späteres Jahrzehnt versetzt, um alle diese ihn umgebenden Dinge nicht mehr anschauen zu müssen.
Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund irgendwo etwas still, die Natur schien sich manchmal die Augen reiben zu müssen. Die Winde wehten anders als bisher, wenigstens schien das oft so, Schatten huschten an den Fenstern vorbei, und die Sonne war eine andere Sonne geworden. Wenn es warm war draußen, so sagten ein paar Menschen, echte Bärenswiler, sieh da, wie warm es immer noch ist. Man dankte für die Milde, weil man einen Tag vorher, unter der Haustüre stehend, gesagt hatte: Potz blitz, es fängt zu rumoren an!
Hin und wieder runzelte der Himmel seine schöne, reine Stirne, oder er zog sie sogar in Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann war die ganze Hügel- und Seegegend von grauen, nassen Tüchern umhüllt. Der Regen fiel schwer auf die Bäume, was nicht hinderte, daß man zur Post lief, wenn man zufällig ein Angestellter des Hauses Tobler war. Herr Martin Grünen schien sich um die schönen, sanften Wechsel der Jahreszeiten auch nicht viel zu kümmern, sonst würde er kaum haben schreiben können, alles, was Tobler an Zahlungsverweigerungsgründen ihm angebe, das berühre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner Kündigung.