Der Gang nach der Himmelpforte

Part 2

Chapter 23,558 wordsPublic domain

Sie waren auch in der That gleichsam die geistlichen Soldaten des Papstes und trugen sehr viel zu der Ausbreitung und Aufrechterhaltung der angemaßten Gewalt dieses vermeintlichen Statthalters Christi auf Erden bei. Jeder besondere Orden hatte einen eigenen General. Ueber die Klöster eines Ordens, die sich in einem und demselben Lande befanden, war ein Provinzial gesetzt. Die Vorsteher der einzelnen Mönchsklöster pflegen Aebte, Prioren oder auch wohl Pröbste zu heißen. Die Nonnenklöster hatten Aebtissinnen oder Priorinnen an ihrer Spitze.

Anfangs gehörten zwar die Kloster=Leute mehrentheils dem weltlichen Stande an und nur zu den Vorstehern der Klöster pflegte man Geistliche zu wählen. In der Folge aber erlangten auch die meisten der Mönche, welche einige Gelehrsamkeit und Bildung besaßen, das Ansehen und die Rechte der Geistlichen und genossen dann auch in den Klöstern manche Vorzüge vor den übrigen Mönchen, welche Laienbrüder genannt wurden und geringere Dienste verrichteten, z.B. allerlei Handarbeit leisten, die Aecker und Gärten des Klosters bestellen, auch wohl in den benachbarten Städten und Dörfern terminiren d.h. umherziehen und milde Beiträge für die Unterhaltung des Klosters einsammeln, mit einem Worte: betteln mußten, während ihre geistlichen Brüder theils in der Umgegend predigten und andere gottesdienstliche Geschäfte verrichteten, theils der Jugend Unterricht gaben, theils innerhalb der Klostermauern in ihren Zellen allerlei Wissenschaften studirten und sich besonders viel mit dem Abschreiben der heiligen Schrift und anderer Bücher beschäftigten, wodurch sie sich um die Mit= und Nachwelt hauptsächlich verdient gemacht haben.

Die Klosterregeln der verschiedenen Orden wichen von einender darin ab, daß sie mehr oder minder strenge Vorschriften für die tägliche Lebensordnung der Klosterleute enthielten. Darin aber stimmten fast alle überein, daß sie den, der einmal in den Orden aufgenommen wurde, durch ein feierliches Gelübde zum unbedingten Gehorsam gegen die Vorgesetzten, zum ehelosen Leben, zu vielen an gewissen Stunden des Tages und in der Nacht zu haltenden Andachtsübungen, zu mancherlei Selbstverläugnungen und besonders zu häufigem Fasten verpflichteten. Doch wurde unter dem Fasten nicht die strenge Enthaltung von aller Speise, sondern nur die Verzichtung auf den Genuß des Fleisches an gewissen Tagen verstanden und auch dieß war wieder dadurch gemildert, daß dabei der Genuß von Fischen, als welchen man kein Fleisch zuschrieb, erlaubt war. Daher pflegten natürlich die Klosterleute so gescheut zu sein, dafür zu sorgen, daß es ihnen an Fischen nicht fehlte und legten alle viele Fischteiche in der Nähe ihrer Klöster an. Auch die Mönche des vormaligen Klosters Himmelpforte haben es so gemacht, wie ihr die deutlichen Spuren davon sogleich mit euren eigenen Augen sehen könnt.

Man hatte während der letzten Erzählung das Thal der Holtemme, in dem die Kolonie Friedrichsthal liegt, die nahe vor dem Westernthore von Wernigerode anhebt, verlassen und den Weg in ein Seitenthal eingeschlagen, dessen Anfangs ziemlich weite Mündung sich an dem Punkte, wo man jetzt stand, verengte. Hier sah man einen hohen Damm, der das Thal vormals geschlossen hatte, aber durchstochen war, so daß das sonst von dem Damme angehaltene und angesammelte Wasser eines kleinen Bächleins abfließen konnte. Mit verwunderungsvollen Ausrufungen, wodurch sie die folgende Fortsetzung der Erzählung des Vaters Lehrwart öfter unterbrachen, zählten die Kinder nachher noch sechs bis sieben ähnliche Dämme in dem Thale, in welchem man weiter hinauf stieg.

Vorerst sah sich der Vater Lehrwart genöthigt, eine kleine Pause in seiner Erzählung zu machen, weil der Fußpfad, den man verfolgte und der an dem Bergabhange zur Rechten des Thalgrundes hinlief, so schmal war, daß die Gesellschaft sich in eine lange Reihe auflösen mußte und nur einzeln hintereinander hergehen konnte.

V.

Nachdem der Weg wieder breiter geworden war und sich die Gesellschaft wieder näher um ihn versammelt hatte, fuhr Vater Lehrwart fort.

Unter den vielen Mönchsorden, die nach gerade entstanden, zeichnete sich in mancher Hinsicht sehr vortheilhaft der Augustiner=Orden aus, der uns näher angeht, weil das Kloster Himmelpforte ein Augustiner=Kloster gewesen ist. Dieser Orden leitete seinen Ursprung von einem der berühmtesten christlichen Kirchenlehrer, dem gewöhnlich so genannten heiligen Augustinus ab, von dessen merkwürdiger Lebensgeschichte ich Euch Etwas erzählen muß.

Er hieß eigentlich Aurelius Augustinus und wurde zu einer Zeit geboren, wo das Christenthum in dem damaligen großen Römischen Reiche, zu dem auch sein Geburtsland, das nördliche Afrika, gehörte, immer mehr herrschend ward, nämlich ohngefähr 50 Jahre nachher, nachdem der Römische Kaiser Constantin der Große selber ein Christ geworden war. Auch die Eltern des Augustinus waren schon Christen; sein Vater, ein vornehmer Mann, war wenigstens ein Christ dem äußeren Bekenntniß nach; seine Mutter aber, die Monika hieß, war eine recht lebendige und eifrige Christin und wandte allen Fleiß daran, ihren lieben Sohn von Kind auf mit der heiligen Schrift bekannt zu machen und ihn aus derselben zu unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum. Doch schienen ihre Bemühungen nicht gelingen zu wollen. Denn während der junge Augustinus auf den niederen und höheren Schulen, auf die ihn sein Vater schickte, mancherlei Wissenschaften erlernte, die dazu gehörten, um einmal einen tüchtigen Advokaten abgeben zu können, so hielt er dabei doch wenig auf das Wort Gottes, das ihm viel zu einfältig vorkam, und führte ein leichtsinniges und ausschweifendes Leben.

Bei seiner großen Wißbegierde ließ er sich durch den lockenden Reiz des geheimnißvollen Wesens verleiten, unter die Manichäer zu gehen, eine damals weit verbreitete Sekte von Menschen, die Christenthum und Heidenthum mit einander vermengten und vorgaben, oder sich selbst einbildeten, in den Lehren des Mannes, eines gewesenen Magiers, den Schatz einer viel höheren Weisheit, als die des Christenthums, zu besitzen. Diese ihre vermeintliche Weisheit hielten sie aber geheim. Neun Jahre lang brachte Augustinus als Lehrling in der Mitte dieser Leute zu, ohne daß er in ihre Geheimnisse eingeweiht wurde, bis er endlich einsah, daß er getäuscht sei. Nachher meinte er in den Schriften des Griechischen Weltweisen Plato alle Weisheit gefunden zu haben, während es ihm doch noch immer an dem Anfange der wahren Weisheit, der Furcht Gottes, mangelte, indem er sein Herz und Leben nicht besserte. Ueber das Alles war natürlich seine fromme Mutter Monika sehr betrübt. Sie klagte einstmals ihr Leid unter vielen Thränen einem frommen christlichen Bischofe, indem sie ihn bat, doch einmal eine Unterredung mit ihrem Sohne zu halten, um ihn von seinen Irrthümern zu überzeugen zu suchen. Allein der Bischof antwortete, es würde bei dem jungen hitzigen Manne mit Disputieren nichts auszurichten sein, sie sollte nur fleißig für ihn beten, daß ihn Gott mit seinem heiligen Geiste erwecken und erleuchten möge, und fügte die tröstliche Verheißung hinzu: ein Sohn so vieler Thränen könne unmöglich verloren gehen! Das Wort dieses Mannes bewährte sich bald wunderbar. Augustinus war nämlich unterdessen als Lehrer der weltlichen Redekunst an die hohe Schule zu Mailand berufen. Da lockte ihn die große Beredsamkeit des dortigen Erzbischofs, des heiligen Ambrosius, an, so daß er denselben oft und gern predigen hörte, obgleich es ihm dabei nicht um die Erbauung seines Herzens, sondern nur um die Ergötzung seiner Ohren zu thun war. Doch endlich wurde er in seinem Gewissen von der Kraft des göttlichen Wortes getroffen, entschloß sich von Stund' an zu gänzlicher Aenderung seines Sinnes und Wandels, ließ sich taufen, gab sein Rhetor=Amt auf und ging wieder in sein Vaterland Afrika, wo er sich ganz aus der Welt in einen Kreis gleichgesinnter, frommer Freunde zurückzog, mit denen er sich zu einem gemeinschaftlichen, stillen und gottseligen Leben vereinigte. Drei Jahre lang hatte dieses klösterliche Leben Augustinus gewährt, als er gegen seinen Willen aus seiner Zurückgezogenheit wieder hervorgeholt und als ein brennendes und scheinendes Licht der Welt auf einen hohen Leuchter gestellt ward. Er wurde nämlich in Hippo, der Hauptstadt derjenigen Gegend von Afrika, wo er sich aufhielt, zuerst zum Presbyter erwählt und nachher sogar zum Priester erhoben. Als solcher führte er ein klösterliches, nach gewissen Regeln geordnetes Leben auch bei den ihm untergebenen Geistlichen ein, was sich als eine sehr zweckmäßige Maßregel bewährte.

Der Ruhm und Einfluß seiner eifrigen Wirksamkeit, und besonders seiner tapfern geistlichen Bekämpfung der vielen Irrlehrer damaliger Zeiten verbreitete sich bald fast über die ganze christliche Kirche. Seinen großen Fleiß beweisen seine vielen geistreichen Schriften, die auf uns gekommen sind. Er starb im Jahre 430, während seine Stadt von den wilden Horden der Vandalen belagert ward, die sie bald nachher auf eine schreckliche Weise zerstörten. In den folgenden Zeiten des Aberglaubens, unter der Herrschaft des Pabstthums, wurde Augustinus als ein Heiliger verehrt, und seine angeblichen Todtengebeine wurden gleich denen anderer sogenannten Heiligen als kostbare, wunderthätige Reliquien angesehen.

Während wir Gottlob von solchem Aberglauben befreit sind, so muß doch auch uns evangelischen Christen das Andenken dieses Mannes desto werther sein, weil die beiden großen Reformatoren Luther und Calvin in der Hochschätzung gegen ihn einerlei gesinnt waren und, wie sie selbst dankbar bekannten, aus seinen Schriften viel gelernt haben.

VI.

Schon während eines Theils seines letzten Vortrages war Vater Lehrwart stehen geblieben und hatte einige Male seinen Sohn Ernst durch bedeutungsvolle Winke erinnern müssen, daß er aufmerksam zuhören möge, anstatt seine Geschwister und die übrige Gesellschaft in ihrer Aufmerksamkeit zu stören. Ernst hatte zwar bis jetzt geschwiegen, aber mit sichtbarer Ungeduld, und hatte wenigstens nicht unterlassen können, durch Fingerzeige die Blicke Aller dahin zu richten zu suchen, wohin seine eigenen gingen. Diese hafteten an den, großen Gräbern ähnlichen, Unebenheiten und Hügeln, womit der Grund des Thales in der Gegend, wo der Vater Stillstand gemacht hatte, bedeckt war.

Als der Vater die Lebensgeschichte des heiligen Augustinus beendigt hatte, erhielt Ernst die Erlaubniß zu reden, der, wie es schien, sich nicht wenig darauf einbildete, kund thun zu können, daß jene Hügel die Stelle des vormaligen Klosters Himmelpforte bezeichneten, wobei ihn die Bestätigung des Herrn Archivarius, daß er Recht habe, gegen die etwanigen ungläubigen Zweifel der übrigen Kinder sicherte.

»Ja,« sagte dieser, »da liegen die wenigen Rest des Klosters begraben, von welchem wir, Eure Väter, als wir in eurem Alter waren, noch weit mehrere Ueberbleibsel erblickten. Mein seliger Vater aber hat noch einen Mann gekannt, in dessen Jugend die Mauern der Klosterkirche noch so vollständig vorhanden waren, daß bloß das Dach fehlte, nach dessen abgebrannten Balkenköpfen die Knaben mit Steinen zu werfen pflegten.«

Als die Augen der Gesellschaft eine Weile mit verwunderungsvollem Nachdenken auf diesem Platze geruhet hatten, that die Frau Archivarius den Vorschlag, den Beinen auch einige Ruhe zu gönnen und die bequemen Plätze zum Sitzen zu benutzen, welche einige gefällte Baumstämme darboten, die am Rande des den Wiesengrund des Thales bekränzenden Eichen= und Buchenwaldes hingestreckt lagen.

Dieser Rath wurde gern befolgt und auch die Erquickung wurde dankbar willkommen geheißen, welche Tante Elisabeth darreichte, indem sie aus ihrem Handkorbe Obst und einiges Backwerk hervorlangte und dasselbe in der Gesellschaft vertheilte. Unterdessen nahm Vater Lehrwart den unterbrochenen Faden der Erzählung wieder auf und sagte, er wolle mit der Geschichte des heiligen Augustinus nun noch einige Mittheilungen über den von ihm benannten Orden verknüpfen.

Ihr habt schon vorhin gehört, redete er die Kinder an, daß der heilige Augustinus nach seiner gänzlichen Sinnesänderung sich mit mehreren gleichgesinnten Freunden aus der Welt zurückgezogen hatte, um im Verein mit ihnen, abgesondert von der übrigen menschlichen Gesellschaft, ein einsiedlerisches Leben zu führen, und daß er später, nach seiner Erhebung zum Bischof, auch bei der, ihm zunächst untergebenen Geistlichkeit eine Art von Klosterzucht eingeführt hatte. Es war natürlich, daß bei dem großen Ansehen, worin dieser Mann stand, die von ihm aufgestellten Regeln bald in mehreren schon vorhandenen und neu eingerichteten Klöstern zur Richtschnur erwählt wurden. So entstand der Augustiner=Mönchs=Orden, der sich in zwei Klassen theilte, von denen die eine die der Eremiten, die andere die der regulären Kanoniker oder der regulierten Chorherren genannt ward. Die ersteren ahmten das einsiedlerische Leben Augustin's in seiner Zurückgezogenheit von der Welt nach. Die letztern waren solche, mehrentheils zu einer Kirche gehörige Geistliche und Kirchendiener, welche die von Augustinus bei der Geistlichkeit von Hippo eingeführte klösterliche Lebensordnung zu ihrem Vorbilde erwählten. Diese wohnten gewöhnlich in größeren Städten in der Nähe einer Hauptkirche, wenn nicht in einem Hause beisammen, doch in aneinander stoßenden Häusern und kamen zu gewissen Stunden des Tages und selbst der Nacht zu gemeinschaftlichen Andachtsübungen oder auch zu gemeinschaftlicher Mahlzeit zusammen. Jene, die Eremiten, baueten sich dagegen in der Regel ihre Klöster in einsamen, von den Städten abgelegenen, stillen Gegenenden auf, obgleich sie sich späterhin mitunter auch in Städten und Flecken anbaueten.

Beide Klassen des Augustiner=Ordens unterschieden sich auch durch die Kleidung. Die Eremiten trugen einen schwarzen Rock mit weiten Aermeln, der bis auf die Knöchel herabhing und unserm jetzigen Chorrocke sehr ähnlich war, um den Leib einen ledernen Gürtel und in der Hand einen langen Stab. Die Kleidung der Chorherren aber war weiß.

Die Eremiten gehörten zu den sogenannten Bettel=Mönchen, die von Zeit zu Zeit in der Umgegend ihrer Klöster zu ihrer Unterhaltung milde Beiträge einsammelten. Die Chorherren aber nicht. Eine recht feste Einrichtung erhielt der Augustiner=Orden übrigens erst durch den Papst Alexander IV. im Jahre 1256. Mehr als fast in allen anderen Klöstern war in denen der Augustiner Gelehrsamkeit und Bildung zu finden, selbst die Benediktiner wurden darin in mancher Hinsicht von den Augustinern übertroffen, wozu ohne Zweifel bei den letztern ihre häufige Beschäftigung mit den vielen geistreichen Schriften des großen Stifters ihres Ordens viel beitrug.

Diese Anstalten dienten nach dem Rathschlusse der göttlichen Vorsehung dazu, um in der Nacht eines finstern Zeitalters die fast erloschenen Funken eines heiligen Feuers am stillen und verborgenen Orte so lange zu hegen und zu nähren, bis sie, angefacht von dem lebendigen Odem seines Geistes, zu seiner Zeit wieder zu einer hellleuchtenden Flamme ausschlagen sollten.

Vater Lehrwart hielt einen Augenblick inne - und sagte dann mit erhobener Stimme: Aus einem Augustiner=Kloster ging der Mann hervor, der das Licht des Evangeliums Jesu unter dem Scheffel, womit es überstülpt war, wieder hervorgeholt hat: dem wir es zu verdanken haben, daß wir von dem Wahne und Aberglauben befreit sind, als ob die Gnade Gottes, die uns frei geschenkt wird, nachdem sie uns Jesus Christus unser Heiland durch sein Opfer erworben hat, noch irgendwie erkauft werden könne und müßte, von dem Wahne, als ob man dadurch in den Himmel kommen könnte, daß man ein Kloster stiftet und eine Kirche bauet, oder selbst in ein Kloster hineingeht und mit Geißeln und Fasten sich selbst quält, - der Mann, der uns die rechte, die wahre Himmelspforte, den freien Zugang zu Gott durch den Glauben an Jesum Christum wieder eröffnet hat! - Wer war der Mann? - Wer kann es mir sagen? - Martin Luther! Martin Luther! war die laut schallende Antwort, zu der des Archivarius Sohn Hermann den ersten Ton angab und in die dann die ganze übrige Gesellschaft einstimmte.

Eine Stimme vom Himmel her schien gleichsam die Bestätigung zu dem Gesagten geben zu wollen, in dem sich gleich darauf ein entferntes Rollen des Donners vernehmen ließ, wobei Alle erschrocken emporsahen.

VII.

»Es wird schlimm werden!« sagte mit besorglicher Miene der Archivarius, indem er den Vater Lehrwart auf die über den nahen waldigen Bergrücken heranziehenden dunklen Wolken aufmerksam machte. »Wir werden wohlthun,« fügte er hinzu, »wenn wir uns eilig aufmachen, um vor dem Ausbruch des Wetters nach Haus zu kommen, oder wenigstens ein schirmendes Obdach im Friedrichsthale zu finden.« Ein mehrstimmiges: Ach! und O! von Seiten der Kinder erhoben, zeigte deren Betrübniß über die gehörten Worte an und sicherte dem Vater Lehrwart im Voraus eine bedeutend überwiegende Stimmen=Mehrheit für den Vorschlag zu, den er dem Rathe des älteren Freundes mit geziemender Bescheidenheit entgegenzustellen wagte, indem er das Bedenken äußerte, daß man wohl selbst das nahe Hasserode nicht mehr erreichen würde, ehe es zu regnen anfinge, und dabei die Hoffnung ausdrückte, es dürfe ein viel näherer sicherer Schutz gegen das, wahrscheinlich sehr bald vorübergehende, leichte Gewitter zu finden sein. Denn, sagte er, wenn mich meine Augen nicht trügen, so sahe ich vorhin die Thüre des Jagdhäuschens am Saufange geöffnet und unsern Freund, den Herrn Förster Immermann, in dasselbe hineingehen.

»Ja, ja,« bestätigte die Frau Archivarius, »das habe ich auch gesehen!«

»Aber,« wandte ihr Mann ein, indem er die Uhr herauszog, »es wird ohnehin sehr bald Zeit zu der Rückkehr werden, es ist gleich halb fünf Uhr.«

Ein stärkeres Rollen des Donners, welches halb nach einem leuchtenden Blitzstrahle folgte, hob inzwischen alle weiteren Bedenken, und der Archivarius folgte halb unbewußt und unwillkürlich der überwiegenden Neigung seiner Ehe=Hälfte und der ihr anhängenden Kinderschaar, welche sich sämmtlich mit eiligen Schritten nach dem nur einige hundert Schritte weiter hinaufliegenden und das Thal abschließenden Saufange wandten, wo das rothe Dach des Jagdhauses Schirm gegen den Platzregen verhieß, dessen Vortrab sich in einzelnen großen Tropfen, die herniederfielen, bereits eingestellt hatte.

Aus den raschen Schritten der Kinder, die selbst bei ihrer Verdoppelung doch denen der Erwachsenen kaum zu folgen vermochten, wurde bald ein völliger Wettlauf, wobei denn wieder das Alter zurückbleiben mußte. Doch kam noch eben zu rechter Zeit Alles unter Dach und Fach in dem Jagdhäuschen, dessen Thüre den Schutz suchenden Flüchtlingen von dem ihnen entgegenkommenden und sie freundlich willkommen heißenden Förster gastfreundlich so weit als möglich geöffnet ward.

Das Jagdhäuschen, welches von Niemand bewohnt wurde, und eigentlich nur bestimmt war, zum sicheren und bequemen Schießstande Behufs der Erlegung der im angränzenden Garten eingefangenen wilden Schweine zu dienen, war zwar eng und klein. Das im oberen Raume desselben befindliche Zimmer schien bei dem Eintritt der Flüchtlinge schon hinlänglich besetzt zu sein; denn die Frau Försterin bewirthete in demselben eine befreundete Familie, die der schöne Tag und die Volkssitte gleichfalls zum Besuche der Himmelpforte angelockt hatte. Aber da man eng zusammenrückte, so fand sich doch am Ende auf den an den Wänden des Zimmers umherlaufenden Pritschen und auf einigen Stühlen in der Mitte desselben noch Platz zum Sitzen für die ganze Gesellschaft. Ja, als in Kurzem der Regen rauschend herabfloß und noch mehr als ein Häufchen von der auf den Wiesen der Himmelpforte hie und da gelagerten Menge seine Zuflucht hierher nahm, so zeigte sich's, daß das Häuschen im Stande war, in dem Raume seines unteren Schießstandes, seiner kleinen Küche und seines Ein= und Ausgangs noch mehr als ein Dutzend von Menschen zu bergen, während sich noch manche Andere an der von dem Wetter abgekehrten äußeren Seite desselben, unter dem überragenden Dache, wenigstens einigermaßen gedeckt sahen.

Zum Glücke folgten nur noch sehr wenige Donnerschläge. Sonst hätte sich vielleicht der bedachtsame Herr Archivarius, der nicht mit Unrecht die Anhäufung so vieler Menschen im engen Raume, während des Gewitters, gefährlich fand, nicht abhalten lassen, sich mit seiner Familie lieber in das kalte Traufbad zu stürzen. Da sich aber die tröstliche Verheißung des Försters bewährte und das immer später eintretende und immer schwächer werdende Rollen des Donners bewies, daß das Gewitter vorüberzog, während das Rauschen des Regens noch anhielt, so nahm Vater Lehrwart die Gunst der Umstände wahr und unterbrach die trauliche Stille des auf den Regenguß lauschenden Kreises mit der an den Archivarius gerichteten Bitte, in Gemäßigkeit seines früheren Versprechens, jetzt die Geschichte des Klosters Himmelpforte zum Besten zu geben, wobei er bemerkte, daß er den ansehnlichen Zuwachs des Auditoriums, welches er sich zu Danke verpflichten werde, als eine Aufforderung mehr dazu ansehen müsse. Der Förster und mehrere der im Häuschen versammelten Leute, sowie sämmtliche Kinder unterstützten die Bitte des Predigers.

Der Archivarius sträubte sich zwar etwas dagegen, indem er die Besorgniß äußerte, daß seine Erzählung gegen den vorherigen Vortrag des Predigers zu sehr abstechen und desto trockener ausfallen werde, je mehr jener erbaulich gewesen sei. Indessen schlug ihn der Prediger mit der scherzhaften Gegenbemerkung, daß, wer eine nasse Salbung lieben sollte, ja nur hinauszugehen brauche, um sie zu finden. Dieß erregte allgemeines Gelächter. Der Archivarius wurde von dem Förster und Prediger mit vereinter sanfter Gewalt in die Mitte des Kreises gezogen und statt des Katheders auf den daselbst stehenden, schon vorher abgeräumten, handfesten eichenen Tisch gesetzt, worauf er denn nach einigem Räuspern erklärte, er sehe wohl, er müsse sich fügen, wolle es wenigstens in einer Hinsicht, nämlich der, der belobten Kürze, seinem Vorredner zuvorzuthun versuchen und übrigens seinem Vortrag nach der beliebten Weise des Herrn Prediger 3 Theile geben, indem er kürzlich erstlich die Geschichte der Entstehung, zweitens die des Bestehens und drittens die des Unterganges des Klosters Himmelpforte zu erzählen gedenke.

Er holte dabei die Uhr heraus und nahm sie in die Hand.

VIII.

»In dem Thale der Holtemme,« so hob der Archivarius seine Erzählung an, »wo jetzt der Fleckenort Hasserode=Friedrichsthal liegt, unweit der Wohnung unseres lieben Gastfreundes, des Herrn Försters Immermann, ganz nahe unterhalb der Böterschen Papiermühle am Fuße des Kellerberges, stand vor Zeiten die Burg der edlen Herren von Hartesrode. Ein kleines Dörfchen gleiches Namens, der nachher in Hasserode verwandelt wurde, lag um die Burg her. Die Ritter von Hartesrode, wenigstens die späteren Zweige dieses edlen Stammes, waren Vasallen oder Lehnsleute der Grafen von Wernigerode und zugleich Erbmarschälle des Bisthums Halberstadt, welche Würde bei der Erlöschung ihres Stammes auf die Herrn von Rössing überging. Sie führten Anfangs in ihrem Wappen das friedliche Zeichen eines Zweigleins mit 3 fünfblättrigen Blumen, welches nachher aber einem mehr kriegerischen Sinnbilde, dem eines Balkens mit Mauerzinnen wich. In dieser seiner späteren Gestalt ist ihr Wappen noch zu schauen neben dem Gräflichen und dem Stadtwappen an der Kanzeln der St. Nicolai=Kirche zu Wernigerode. Die letzteren Sprossen ihres Stammes liegen in dem von ihnen erbauten Grabgewölbe neben dem hohen Thore der St. Sylvestri=Kirche zu Wernigerode, welches nachher zum Gräflichen Erbbegräbnisse erwählt wurde, begraben. Von den ersten Zweigen ihres Stammes, die uns die urkundliche Geschichte nennt, weiß sie keine anderen Thaten, als friedliche Vermittelung und fromme Stiftungen, die sie machten, zu rühmen.

Sie waren es, welche den Grundraum zu der Kapelle des heiligen Blutes bei Wasserleben hergaben. Ihnen hatte auch das Kloster Himmelpforte seinen Ursprung zu danken.