Der Gang nach der Himmelpforte
Part 1
Der Gang nach der Himmelpforte Eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde. (Zum Besten der Neustädter Klein=Kinder=Schule.)
Wernigerode, 1851 In Commission bei F. Heinecke.
Druck von B. Angerstein.
Inhalt
Cap. I. Der Ausgang Cap. II. Der Ursprung des Namens Himmelpforte Cap. III. Das Mißverständnis Cap. IV. Die Klöster Cap. V. St. Augustinus Cap. VI. Der Augustiner-Orden Cap. VII. Das Gewitter Cap. VIII. Geschichte der Entstehung des Klosters Himmelpforte Cap. IX. Geschichte des Bestehens des Klosters Himmelpforte Cap. X. Geschichte des Untergangs des Klosters Himmelpforte Cap. XI. Der Regenbogen Cap. XII. Die Heimkehr
I.
»Väterchen, laß uns doch auch nach der Himmelpforte gehen!«
So sprach im Tone der innigsten Bitte die kleine Sophie, indem sie sich zärtlich an den Vater schmiegte und dessen erfaßte Hand küßte.
Der Vater kniff ihr leise in das runde rothe Bäckchen und erwiederte nach einigem Besinnen: »Nun ja, Schmeichelkätzchen, es mag geschehen!«
Kaum war das Wort verlautet, so zeigte ein sich erhebendes lautes Frohlocken an, mit welcher Freude die Einwilligung des Vaters nicht bloß von der kleinen Sophie, sondern auch von deren Geschwistern vernommen worden war. Diese hatten bis dahin am Fenster gestanden und mit Sehnsucht den Leuten nachgesehen, welche schon seit einigen Stunden vorüberzogen und von denen sich annehmen ließ, daß sie sämmtlich die Himmelpforte zu ihrem Ziel erwählt hatten. Denn es war heute das Fest der Himmelfahrt Christi, und der Besuch der sogenannten Himmelpforte amNachmittage dieses Festes war eine altherkömmliche Sitte bei denBewohnern der guten Stadt Wernigerode. Daß darüber manche dennachmittäglichen Gottesdienst versäumten, war gerade nicht nöthig und nicht löblich, denn die Himmelpforte lag so nahe bei der Stadt, daß zu ihrem Besuche auch nach der Kirche Zeit genug übrig blieb.
Als Vater Lehrwart, der selbst Prediger war, seinen Kindern die Erlaubnis zum Besuch der Himmelpforte ertheilte, war die Kirche schon aus und auch der Kaffee war schon getrunken. Es war halb drei Uhr Nachmittags. Die Leutchen, welche jetzt noch hinausgingen, schienen so große Eile zu haben, als fürchteten sie, mit jeder Minute etwas zu versäumen. Daher harrten auch die drei Kinder Lehrwart's, die sich in der größten Geschwindigkeit fertig gemacht hatten, mit Ungeduld des Augenblicks, wo ihre Tante Elisabeth, die sie begleiten wollte, gleichfalls bereit sein würde. Endlich war es so weit gekommen, daß nur noch zärtlicher Abschied vom Vater zu nehmen war. Aber, in welches Erstaunen und in welche Freude geriethen die Kinder bei der unerwarteten Erklärung des Vaters, er selbst wolle auch von der Gesellschaft sein! Man hüpfte vor Freude. Ernst sprang eilig treppauf, um des Vaters Hut herunterzuholen, während Louise seine Handschuhe und Sophie seinen Stab herbeibrachte. Wedelnd und bellend bezeugte der muntere Spitz seine Erwartung, auch mitgenommen zu werden, und kaum war die Hausthür geöffnet, als er schon zu wissen schien, wohin man sich wenden werde, und der Gesellschaft voran, spornstreichs aus dem nahen Thore hinauslief.
So sehr sich die Kinder darüber freueten, daß der Vater mitging, so ließ es sich doch bald an ihrer Ungeduld, womit sie vorausgingen und dann wieder, stillstehend, zurücksahen, merken, daß ihrer Meinung nach der Vater mit der Tante dießmal allzulangsam einherschritt. Als vollends eine nachfolgende Gesellschaft vorbeigehend zuvor kam, konnte Ernst die Klage nicht mehr zurückhalten: »Aber Vater, wir werden gewiß die Allerletzten werden, wenn wir nicht schneller gehen!« Lächelnd versetzte der Vater: »und wir werden doch noch früh genug kommen!« »Ach ja,« fiel die kleine Sophie, klugschnäbelig zustimmend, ein, »wenn wir auch nicht Alles sehen, das schadet nichts!«
Diese Aeußerung veranlaßte die Tante Elisabeth zu der Frage: »Was hofft ihr denn eigentlich zu sehen, Kinderchen?« Die Kinder sahen etwas betroffen den Vater, die Tante und sich untereinander an, ohne recht zu wissen, was sie antworten sollten. Endlich ließ sich die schnippische Louise dahin vernehmen, es müsse doch wohl heute in der Himmelpforte etwas recht Schönes zu sehen sein, weil sonst nicht so viele Leute dahin gehen würden.
»Aber doch,« erwiederte ihr darauf der Vater, »doch, mein Kind, irrst du dich, wenn du irgend etwas Besonders oder Außerordentliches zu sehen erwartest. Es wird heute da, wohin wir gehen, nichts anderes zu sehen sein, als was an jedem anderen schönen Frühlingstage an vielen anderen schönen Orten zu sehen ist!«
Das »Ach!« welches sich nach dieser Erklärung des Vaters aus dem Munde des neunjährigen Fräuleins hören ließ, war in einem so gedehnten und unmuthigen Tone gehalten, daß die Tante Elisabeth eine rügende Bemerkung darüber machte. »Ich dächte,« sagte sie, »es wäre gut genug und aller Ehren werth, daß der Vater heute einmal mit uns spazieren geht, was doch so selten kommt, und daß so schönes, heiteres, mildes Frühlingswetter ist, und daß das Ziel unseres Spazierganges ein so anmuthiges, liebliches Thal ist, und daß noch obenein so viele Leute, die alle festlich geschmückt sind, denselben Weg mit uns gehen. Heißt es nicht im Liede:
"Wie schön ist's im Frein, bei grünenden Maien, Im Walde, wie schön?"
»Ja, liebe Tante!« gelobte die drollige kleine Sophie, »wir wollen auch recht vergnügt sein!«
»Ich bin es schon!« sagte Ernst. »Ich ja auch« erklärte Louise. »Aber,« fügte sie hinzu, als ob sie sich rechtfertigen wollte, »ich möchte doch wissen, warum gerade heute so viele Leute in die Himmelpforte gehen?«
Ernst nahm eine wichtige Miene an, als ob er viel weiter sähe, und fragte: »Das weißt du nicht einmal? Ist denn heute nicht Himmelfahrt?«
Louise schien mit dieser Auskunft befriedigt zu sein. Tante Elisabeth und der Vater wunderten sich im Stillen über den naiven Einfall, der die beste Deutung der unterbewußten Volkssitte zu sein schien, die sich geben ließ.
Indessen glaubte der Vater doch die Gelegenheit wahrnehmen zu müssen, das Nachdenken der Kinder weiter zu führen, und sann eben darüber nach, wie sich wohl an den Namen Himmelpforte ein für die Kinder faßliches Lehrgespräch anknüpfen ließe, als ihm der Zufall dabei zur Hülfe kam.
Sophie that die ihm sehr willkommene Frage, woher wohl der Name Himmelpforte gekommen sei? Ehe er sie aber noch beantworten konnte, begüßte ihn ein Bekannter, der mit seiner Familie aus dem nahen westlichen Thore der Stadt gekommen war, und in deren Gesellschaft nun der Weg nach der Himmelpforte weiter fortgesetzt wurde.
II.
Die hinzugetretene Wander=Gesellschaft bestand aus dem Archivarius Herrn Gründler nebst seiner Frau und drei Kindern, Hermann, Marie und Julie, die zwar im Alter schon weiter vorgerückt waren, als die Lehrwart'schen Kinder, sich aber dennoch freundlich mit ihnen paarten.
Nach den ersten wechselseitigen Begrüßungen sagte Vater Lehrwart dem werthen Freunde, es sei ihm doppelt lieb, mit ihm zusammenzutreffen, weil er hoffe, mit seiner Hülfe den eben gehegten Wunsch, den Gang nach der Himmelpforte für seine Kinder lehrreich zu machen, desto besser erreichen zu können. Er bitte, ihm ein= und auszuhelfen, wo seine Kunde nicht hinreichen sollte.
Zuvörderst sei er seiner kleinen Sophie die Antwort auf die Frage schuldig, woher der Name Himmelpforte wohl stamme? Ueber den Ursprung dieses Namens glaube er nun schon selber aus dem Archive, worin er zu Hause sei, Auskunft geben und sich dieserhalb auf eine der allerältesten Urkunden von der Welt berufen zu können.
»Nun, das wäre!« fragte verwundert der Archivarius.
Vater Lehrwart fuhr fort: »Ich meine die Geschichte des Erz=Vaters Jakob. Ihr wißt doch, wer der war, Kinderchen?«
»O ja,« gab eins zur Antwort, »es war der Sohn Isaaks.«
»Richtig,« belobte der Vater. »Ihr wißt, Isaak hatte zwei Söhne, Esau und Jakob. Esau verkaufte leichtsinniger Weise das Vorrecht seiner Erstgeburt für ein Linsengericht an seinen jüngern Bruder, und Jakob wußte durch einen listigen Anschlag seiner Mutter Rebekka auch noch obenein das zu erlangen, daß ihm der Segen zu Theil ward, den der alte Isaak eigentlich seinem erstgeborenen Sohne Esau zugedacht hatte. Um dem Zorne Esau's darüber auszuweichen und zugleich um sich eine Frau zu suchen, ergriff Jakob den Wanderstab und machte sich auf den Weg gen Haran in Mesopotamien, wo die Anverwandten seiner Mutter wohnten. Der Weg war weit, und nachdem Jakob eine Tagesreise gemacht hatte und die Sonne untergegangen war, sah er sich genöthigt, sein Nachtlager unter freiem Himmel zu halten. Er nahm also einen Stein, den er unter sein Haupt legte, und legte sich schlafen. Ungeachtet dieses harten Kopfkissens schlief er dennoch, ermüdet von dem langen Marsche, den er gemacht hatte, bald sanft und süß ein. Im Schlafe hatte er einen gar schönen, lieblichen Traum. Es träumte ihm nämlich, er sähe eine hohe Leiter auf der Erde stehen, die mit ihrer Spitze an den Himmel rührte. An der Leiter stiegen die Engel Gottes auf und nieder und oben auf der Höhe derselben stand Gott der Herr selbst und sprach zu Jakob: »Ich bin der Herr, der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und der Gott Isaaks, und das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen zum Erbe und Eigenthum geben. Und deine Nachkommenschaft soll sehr groß und zahlreich werden und sich ausbreiten gegen Morgen und gegen Abend, Mittag und Mitternacht. Und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst und will dich wieder herbringen in dieß Land, denn ich will dich nicht lassen, bis daß ich thue Alles, was ich dir geredet habe.« Da nun Jakob von seinem Schlafe erwachte, sprach er: »Gewißlich ist der Herr an diesem Orte und ich wußte es nicht!« Und erfüllt von Erfurcht sprach er weiter: »Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes denn Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels!« Und Jakob stand des Morgens früh auf und nahm den Stein, dener zu seinen Häupten gelegt hatte und richtete ihn auf zu einem Denkmahl, und goß Oel oben darauf, um ihn damit einzuweihen und hieß die Stätte Bethel d.h. Gottes=Haus, und that ein Gelübde und sprach: »So Gott wird mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brod zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mahle, soll ein Gotteshaus werden, und Alles, was Gott mir giebt, davon will ich den Zehnten dahin geben.«
Die Kinder hatten alle aufmerksam zugehört. Das kleine Heer ihrer flüchtigen Gedanken würde sich aber bald wieder zerstreut haben, wenn nicht Vater Lehrwart gesucht hätte, es durch einige hingeworfene Fragen beisammen zu halten. Er hob an: »Wer Achtung gegeben hat, wird wiederholen können, was Jakob an dem Orte sagte, wo ihm im Traume die Himmelsleiter mit den auf= und absteigenden Engeln und Gott der Herr selber erschienen war.«
Rasch war Louise mit der Antwort bei der Hand: »Er sagte: »Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist die Pforte des Himmels!«
»Warum,« fragte der Vater weiter, »mochte denn wohl Jakob meinen, hier sei die Pforte des Himmels?« - »Nun, was hatte sich für ihn an diesem Orte gleichsam eröffnet und aufgethan?« »Der Himmel!« riefen aus einem Munde die Kinder.
»Und als welches Herrn Haus oder Wohnung sah Jakob den Himmel an, dessen Pforte oder Eingang er an diesem Orte meinte gefunden zu haben?« - »Als Gottes Haus!« erwiederte Ernst.
»Was gelobte er daher, auf der Stelle der Erde, wo er mit dem Haupte auf dem Steine gelegen hatte, bauen zu wollen, wenn Gott seine Verheißung erfüllte?« »Ein Gotteshaus!« war die Antwort.
»Wißt ihr denn, was für Häuser man noch heutiges Tages Gotteshäuser zu nennen pflegt?«
»O ja,« sagte Ernst, »man nennt die Kirchen so.« »Aber,« fuhrt der Vater zu fragen fort, »sind denn die Kirchen wirklich eigentliche Wohnhäuser Gottes?« »Nein!« sagten einstimmig die Kinder.
Unser junger Freund Hermann wird uns einen vortrefflichen Ausspruch des Apostels Paulus darüber anführen können, der in der Apostel=Geschichte im 17. Kapitel geschrieben steht. - Hermann Gründler sagte voll Ausdruck die Stelle her: »Gott, der die Welt gemacht hat und Alles, was darinnen ist, sintemal er ein Herr ist Himmels und der Erden, wohnet er nicht in Tempeln mit Händen gemacht; sein wird auch nicht von Menschenhänden gepfleget, als der Jemandes bedürfte, so er selber Jedermann Leben und Odem allenthalben giebt; und hat gemacht, daß von einem Blute aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat Ziel gesetzt, zuvor versehen, wie lange und wie weit sie wohnen sollen; daß sie den Herrn suchen sollen, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten, und zwar er ist nicht fern von einem jechlichen unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir, als auch etliche Poeten bei euch gesagt haben: wir sind seines Geschlechts!« »Bravo!« lobte Vater Lehrwart den Sohn seines Freundes und richtete sogleich an die jüngeren Kinder desselben die Frage: »Wenn sich nun Gott allenthalben fühlen und finden läßt und wenn da, wo man sich zu Gott nahen und Gottes Nähe spüren und empfinden kann, eine Pforte des Himmels ist - wo giebt es dann eigentlich auch für uns Pforten des Himmels?«
»Allenthalben!« ließ sich Marie Gründler vernehmen. Vater Lehrwart bestätigte ihre Antwort mit der hinzugefügten Erklärung: »Allerdings, liebe Kinder, jeder Ort in der Welt kann zu einer Himmelpforte für uns werden und wird wirklich dazu, wenn wir uns an demselben in Ehrfurcht und Andacht zu Gott nahen und seine beseligende Nähe und Gegenwart fühlen. Weil uns aber die Kirchen die schönste Gelegenheit dazu darbieten, uns gemeinschaftlich zu erbauen und im Umgange mit Gott himmlischen Frieden und selige Freude in unseren Herzen erfahren und damit gleichsam einen Vorgeschmack des ewigen Lebens und der himmlischen Seligkeit genießen zu können, so verdienen denn auch die Kirchen in dieser Hinsicht besonders Gottes=Häuser oder Himmelspforten und Vorhöfe des Himmels zu heißen.«
Die nach diesen Worten Lehrwart's eintretende andächtige Stille unterbrach zuerst die Tante Elisabeth durch die an die kleine Sophie gerichtete Aufforderung: »Sag' doch einmal die schönen Verse her, die du auswendig gelernt hast und an die du durch die Worte des Vaters gewiß erinnert bist!« Die Kleine sagte: »Nicht wahr, Tantchen, du meinst die Verse: Wo wohnt der liebe Gott?« und als ihr die Tante freundlich aufmunternd zunickte, hob sie die folgenden Verse zu sprechen an und brachte sie auch glücklich ohne Stocken zu Ende:
"Wo wohnt der liebe Gott? Sieh' dort den blauen Himmel an, Wie fest er steht, so lange Zeit, Sich wölbt so hoch, sich streckt so weit, Daß ihn kein Mensch erfassen kann; Und sieh der Sterne gold'nen Schein Gleich als viel tausend Fensterlein: Das ist des lieben Gottes Haus, Da wohnt er drin und schaut heraus Und schaut mit Vater=Augen nieder Auf dich und alle deine Brüder!
Wo wohnt der liebe Gott? Hinaus tritt in den dunkeln Wald, Die Berge sieh' zum Himmel gehn, Die Felsen, die wie Säulen stehn, Der Bäume ragende Gestalt; Horch, wie es in den Wipfeln rauscht, Horch, wie's im stillen Thale lauscht! Dir schlägt das Herz, du merkst es bald. Der liebe Gott wohnt in dem Wald; Dein Auge zwar kann ihn nicht sehen, Doch fühlst du seines Odems Wehen!
Wo wohnt der liebe Gott? Hörst du der Glocken hellen Klang? Zur Kirche rufen sie dich hin. Wie ernst, wie freundlich ist's darin! Wie lieb, wie traut und doch wie bang'! Wie singen sie mit froher Lust! Wie beten sie aus tiefer Brust! Das macht, der Herr Gott wohnet da! Drum kommen sie von fern und nah, Hier vor sein Angesicht zu treten, Zu flehn, zu danken, anzubeten.
Wo wohnt der liebe Gott? Die ganze Schöpfung ist sein Haus. Doch, wenn es ihm so wohlgefällt, So wählet in der ganzen Welt Er sich die engste Kammer aus. Wie ist des Menschen Herz so klein! Und doch auch da zieht Gott herein; O, halt' das deine fromm und rein! So wählt er's auch zur Wohnung sein, Und kommt mit seinen Himmelsfreuden Und wird nie wieder von dir scheiden!"
Eine innige Rührung hatte während des Aufsagens der Verse die ganze Gesellschaft ergriffen. Die kleine Rednerin wurde mit einem zärtlichen Kusse sowohl von der Tante als auch von deren Freundin belohnt, die sich für ihre Kinder eine Abschrift der schönen Verse ausbat.
Die eingetretene ernste Stimmung wurde indessen bald auf eine kleine Weile dadurch gestört, daß ein sehr possierliches Mißverständnis zum Vorschein kam.
III.
Der elfjährige Ernst Lehrwart, der sich neidlos über den Beifall, den seine kleine Schwester erhalten hatte, mitfreute, wollte ihr vermuthlich auch den seinen bezeugen, hatte diese daher bei der Hand erfaßt, um sie zu führen und sagte zu ihr: »Komm, mein liebes Sophiechen, laß uns vorangehen, da wirst du weniger müde und dann sind wir die ersten in der Himmelpforte und ich zeige dir gleich die Stelle, wo Jakob geschlafen und wo das Gotteshaus, welches er nachher baute, gestanden hat!«
Bei diesen Worten brach die Tante Elisabeth in ein lautes Gelächter aus und sagte mit einem etwas schalkhaften Seitenblicke auf ihren Bruder: Nun, das muß ich sagen, das ist ein lustiger Irrthum! Dachte ich's doch beinahe, daß so etwas herauskommen würde, als der Vater bei seiner Erklärung des Namens der Himmelpforte so gar weit ausholte und bis auf die Geschichte des Erzvaters Jakob und seines Traumes von der Himmelsleiter zurückging. Die ganze übrige Gesellschaft stimmte in das Gelächter der Tante ein und Vater Lehrwart selbst nahm einen Augenblick daran Antheil. Doch faßte er sich bald wieder, als er sah, wie sehr sich Ernst beschämt dadurch fühlte, dem, ungeachtet aller seiner Bemühung sie zurückzuhalten, Thränen entfielen. Er redete ihm tröstlich zu mit den Worten: »Du hast nicht Ursach, mein Sohn, dich so sehr zu schämen und zu betrüben. Der Irrthum, in den du geraten und wegen dessen du so eben verlacht bist, ist sehr zu entschuldigen. Dein Vater selbst ist gewissermaßen Schuld an demselben gewesen. Uebrigens hättest du bei etwas mehr Nachdenken wohl auch von selbst einsehen können, daß die Himmelpforte, nach der wir gehen, nicht derselbe Ort sein könne, an welchem Jakob schlief, als er auf der Reise nach Haran in Mesopotamien begriffen war. Es bedarf nur, daß du auf einige Umstände aufmerksam gemacht wirst und du wirst dann selbst deinen Irrthum lächerlich finden.
Du weißt doch, in welchem Welttheile das Land Kanaan liegt, von welchem Jakob dazumal ausging? In Asien. Wie heißt dagegen der Welttheil, in welchem wir wohnen? Europa! Wie weit meinst du wohl, daß es von uns bis dorthin sei?« Ernst besann sich einen Augenblick und erklärte dann, indem er sich lachend vor die Stirn schlug: Ach, viele hundert Meilen weit. - Jakob aber, wie lange war der erst gegangen, als er das Nachtlager hielt, während dessen er im Traume die Himmelsleiter erblickte? Mit zunehmendem Lachen sagte Ernst: Er war erst einen Tag lang gegangen! Und also - half der Vater fort, - kann der Ort, den Jakob die Himmelpforte nannte, nicht unsere Himmelpforte gewesen sein.
Nun erfordert aber die Billigkeit, fiel hier der Archivarius ein, daß Sie, mein lieber Freund, das Unrecht vergüten, welches Ihrem Sohne geschehen ist, als er so sehr ausgelacht wurde und daß Sie die in seinem Irrthume verborgen liegende Wahrheit an's Licht ziehen; denn sicher hat er die Glocke läuten gehört, nur ohne zu wissen, wo sie hängt, wie man zu sagen pflegt. Ja, sagte Vater Lehrwart, Ernst wird wohl früher schon von mir gehört haben, daß einst in unserer Himmelpforte wirklich ein Gotteshaus, ein Gott geweihtes Heiligthum gestanden und daß der Ort daher seinen Namen erhalten hat. Vielleicht habe ich ihm damals auch gesagt, daß das sonst hier befindlich gewesene Gotteshaus vermuthlich seine Entstehung einem ähnlichen Gelübde, wie das des Erzvaters Jakob war, zu danken gehabt hat.
Nicht bloß vermuthlich, entgegnete der Archivarius, sondern wir dürfen dieß nunmehr als gewiß ansehen, nachdem vor einigen Jahren die Stiftungsurkunde des Klosters Himmelpforte im Archive des Johannisklosters zu Halberstadt aufgefunden worden ist. - Ei, sagte Vater Lehrwart, das ist mir ja lieb zu vernehmen! Ich wiederhole nun meine vorherige Bitte, daß Sie, mein werther Freund, jetzt an meiner Statt reden, und meinen Kindern in der Kürze das Wichtigste von der Geschichte des vormaligen Klosters Himmelpforte erzählen, was mir doch nur aus Ihren schätzbaren Mittheilungen in einem früheren Jahrgange unseres Wochenblattes bekannt ist. Das will ich gern thun, erwiederte der gefällige Freund, und ich werde dabei jene Mittheilungen durch Angabe einiger Umstände berichtigen und ergänzen können, die damals mir selbst noch unbekannt waren. Aber es heißt ja im Sprüchwort: Schuster, bleib' bei deinen Leisten! Und ich würde Ihnen vorgreifen, wenn ich es nicht Ihnen selbst überließe, unseren Kindern vorerst das Nöthige über die Klöster überhaupt und über den Augustiner=Orden insbesondere zu sagen, was wir doch wohl billig der Geschichte des Klosters Himmelpforte vorangehen lassen.
In letztrer Hinsicht haben Sie Recht, sagte Vater Lehrwart; ich will das Meinige thun und mich dabei kurz zu fassen versuchen.
IV.
Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, so begann Vater Lehrwart seine Erzählung, gab es unter den Christen manche, welche in ihrem ernstlichen und eifrigen Streben, ein recht frommes heiliges Leben zu führen, so weit gingen, daß sie sich ganz von der übrigen menschlichen Gesellschaft absonderten und in Höhlen und Wüsten begaben, um in der Einsamkeit desto ungestörter ihre Andacht verrichten und sich desto besser in der Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung üben zu können. Unter den Leuten dieser Art, die man Eremiten oder Einsiedler nannte, erlange einen besonders großen Ruf der Frömmigkeit und Heiligkeit ein gewisser Antonius, der deshalb auch der Heilige oder der Große hieß und der zu der Zeit des ersten christlichen Kaisers, Constantin des Großen, 300 Jahre nach Christi Geburt, in Aegyptenland lebte. Zu diesem gesellten sich in seiner Einsamkeit bald mehrere gleichgesinnte Leute, welche ihre Hütten neben die seinige bauten und eine der seinigen ähnliche Lebensart führten. Dieß Beispiel von Vereinigung einer frommen Gesellschaft zu einer gemeinschaftlichen heiligen Lebensart fand anderweit Nachahmung. Man erbaute sich in abgelegenen, unbewohnten stillen Gegenden Häuser, in denen man zusammen mit anderen Gleichgesinnten wohnen und sich gemeinschaftlich mit ihnen der Andacht und Frömmigkeit befleißigen wollte. Solche Häuser wurden Klöster und die Bewohner derselben Mönche und Nonnen genannt.
Auch fehlte es nicht an reichen und vornehmen Leuten, welche zwar nicht selbst Lust hatten, das für besonders heilig und Gott wohlgefällig gehaltene Klosterleben zu führen, aber doch für Andere auf ihre Kosten Klöster erbauen ließen und dieselben überdem mit Gärten und Feldern und allerlei Einkünften zum Lebensunterhalte ihrer Bewohner ausstatteten, weil sie das für ein gutes Werk hielten, um dessen willen sie wähnten in den Himmel zu kommen.
Es hatte sich bald gezeigt, daß diejenigen, welche in den Klöstern lebten, nicht bloß Vorsteher, sondern auch bestimmte Gesetze haben müßten, nach denen sie sich richteten, damit Ordnung unter ihnen statt fände. Die Gesetze, welche in einem Kloster befolgt wurden, nannte man die Regel desselben. Alle die Mönche und Nonnen, welche dieselbe Kloster=Regel befolgten, machten zusammen einen Orden aus und pflegten auch zum Unterschiede von anderen eine besondere Kleidung zu tragen, fast wie die verschiedenen Truppen=Gattungen einer Armee.