Der Fremde: Ein Gleichniss

Part 8

Chapter 83,905 wordsPublic domain

Schön war es in der That. Alle Bäume standen wie schwarze Säulen, ganz gerade mit seltsamem Ast- und Aderwerk. Ihre Zweige verbanden sich. Sie kreuzten sich und rankten ineinander geheimnissvoll in Rosetten, Sternen, wie ein Kirchendach. Er ging ganz leise, wie auf weichen, weissen Rosen. Er zertrat sie nicht. Sie richteten sich auf unter seinem Fusstritt. Sie dufteten sehr süss, Ambra, Weihrauch und Myrrhen, die mystischen Düfte der Kirche, die Seele darstellend, die sich spiritualisirt in Sehnsucht.

Jetzt fing es auch an zu läuten. Zwischen den hohen Bäumen schwangen die Glocken. Sie hingen da in Stricken von einem Baum zum andern. Und sie schwangen, schwangen. Wunderbare Melodieen waren die Melodieen der hohen, ernsten Bäume. Den kleinen Priester erstaunten sie. „Ich habe es doch oft rauschen hören im Walde. Niemals wusste ich, was es war. Aber jetzt weiss ich es.“

Und er hörte kleine, liebliche Stimmen. Das waren die der todten Blumen unter dem Schnee. Er hatte gedacht, dass sie todt wären. Sie waren nicht todt, sie warteten nur auf den Frühling, lagen warm und weich gebettet unter dem Schnee, der sie zudeckte und fiel – fiel.

Die Schneeflocken selbst sangen. Sie fassten sich an und tanzten. Es war richtiger Rhythmus in ihrer Bewegung. Dazu klangen sie. Und dann waren sie Engelsköpfchen mit weichen, flaumigen, ganz jungen Flügeln. Das sind die Seelen der todten Kinderchen, die sterben, ehe sie zum Bewusstsein ihrer Seele erwachen.

Er hatte nie gewusst, wo diese todten Seelen hinkommen. Jetzt wusste er es. Sie waren glücklich und deckten die kleinen Blumen zu, dass sie gut schliefen, nicht erfroren im harten Winter.

Er musste über einen Bach, der ganz zugefroren war. Aber das Wasser war auch nicht todt, es schlief nur in der Tiefe. Er hörte es singen geschäftig am Werke, in kleine Röhrchen tausend Tröpfchen zu giessen, die Erde aufzuweichen. Es wird Frühling! Es wird Frühling!

Auf einmal war es Frühling.

Er wandelte in einem grünen Dom. Wände von lichterem Grün schoben sich zwischen die andern, hohen. Alle regten tausend Blättchen. Einige waren fast durchsichtig vom Licht, das sie golden durchglühte. Die Andern blieben im Schatten beinah schwarz, oder ihre Ränder zeichneten sich wie in hellem Feuer gezogen. Atlasglänzend lief es entlang am Buchenstamm wie feinste Haut des Apfelschimmels, röthlich schwelend an der rissigen Kiefernborke. Die Birken standen ganz weiss mit gesenkten, wehenden Zweigen, ein kleines, zitterndes Herz jedes Blättchen, Jungfrauen vergleichbar in der Schönheit ihrer Haare im Mai. Pelze hatten die Haselnussblätter. Die Erlen bogen sich, schwärzliche, schuppige Schlangenleiber, dem Sumpf entsprossen, mit klebrigem, bitterschmeckendem, starkgerieftem Blattgrund. – Und da oben über dem Blätterdach stand die Sonne, goldne, warme Frühlingssonne.

Er wandelte mit nackten Füssen auf einem Blumenteppich. Wo er hintrat, blühten die Blumen. Sie blühten auf wie Kissen unter seinen Füssen, nur Blumen ohne Blätter und Stengel. Vögel sangen, goldne Vögel mit silbernen Schwingen, die Stimme des Windes, der Erde und des Wassers, Alle priesen Gott.

Er sah auf und die Sonne war Gott. Seine Strahlen fielen warm über Alles. Er war gut – gut.

„Ihr könnt mich nicht verstehen so. So gross und gut bin ich. Darum bin ich das Grösste und das Gute, was Ihr verstehen könnt.“

Er verstand sehr wohl, wie gut Er war. Und dass Er tausendmal besser und grösser sein musste, als er verstehen konnte.

Aber es war da eine Brücke aus den Strahlen, die von Seiner Brust ausgingen, und den weissen, funkelnden Sonnenstrahlen mit Perlen und Emeralden und köstlichen Topasen geschmückt, die das Licht gebiert im Wasser, aus der Tiefe. Auf der schritt er.

Durch das Blaue schritt er gerade in die strahlende Sonne hinein. Er wusste, dass sie Feuer war, aber sie brannte nicht. Sie war auch nicht golden. Sie war weiss, von einer lichten, unbeschreiblichen Klarheit, lichter denn das Mondlicht im Kerne der junggebornen Mondsichel, und Atlasschimmer aus keuschen Lilienkelchen.

Er sah eine Frau in der obersten Klarheit. Sie hielt einen Lilienstengel in der Hand. Er wusste, dass es seine Mutter war, die er nie gekannt und verloren hatte. Jetzt erkannte er sie gleich. Sie lächelte ihm zu.

„Ich komme. Ich komme,“ sagte der kleine Priester begeistert.

Auch ein ganz weisses Lamm sah er. Er freute sich, dass es da war. Er hatte die Thiere immer geliebt. Er hoffte, dass es auch für sie einen Himmel gab. Dies wusste er nun auch.

Alle Bäume waren eitel lichtes Silber. Ihre Früchte waren Diamanten und Perlen. Weisse Schneelilien sprangen auf, die süss dufteten. Man konnte in die Erde sehen, tief hinein, denn sie war weiss und durchsichtig wie Milchglas, Opale, in denen das Sternenlicht floss. Es war dies innere Licht, von dem sie leuchtete, denn es gab nicht Schatten mehr. Wo Festes gewesen war, wurde es weich und floss im Schimmer, der löste.

Und er war ganz weiss, er selbst. Seine Finger waren weisse Strahlen. Aus seiner Brust schien die Klarheit, Alles, wo sie hinfiel, ward weiss.

Er trat in das kleine Stübchen der Holzschlägerhütte. Dies war ein elendes winziges Gelass. Blut lag da auf der Bettdecke, Blut auf dem Fussboden, Blut über den hastig hingeworfenen Kleidern. Man hatte die Fiedel gerettet. Aber der Kasten war zerschlagen im Falle. Die Saiten hingen wirr und ungesträngt.

Die Augen des Sterbenden waren weitgeöffnet. Ein Ausdruck des Schreckens lag darin, und Brennen, als ob er sähe und Furcht hatte. Er phantasirte: „Hast Du die Frauen gesehen, wenn sie zur Kirche schreiten? Ihre Hacken schlagen kurz auf und ihre Hüften tanzen unter den runden Röcken, die der Wind hin- und herschlägt. Wenn der Sechzehnender durch das Unterholz bricht und der Stolz des Waldes ist in seiner keilenden Brust! Hei! Der Zug der Burschen, der zum Schützenfest zieht. Alle Fiedeln spielen auf und die Schenkel stampfen. Wie Herrenblick, der zwingt, trifft der nie fehlende Bolzen. – Ich sage Dir, es ist nichts, was über des Weibes Anmuth geht, denn ihre Falschheit! Wie ich sie geliebt habe und wie ich sie hasse! Ihre Augenbrauen, die wie Bögen der Krönung sind, darunter triumphirende Heere einziehen. Ihre Augen locken und ertränken wie der wilde Bergsee. – Das ist roth – roth Alles – vor meinen brennenden Augen!“

Der kleine Priester strich mit der Hand über die Augen. Sie schlossen sich. Sie brannten nicht mehr.

„Ich habe die Erde gerochen am Frühlingsmorgen, wenn sie dampfend aufbricht, ehe der Tag kommt. Tausend Würzbäche strömen, wo die tausendjährige Edelfichte krachend niederschlägt. Gefährlich wie Blutdunst ist der umnebelnde Duft des Weines, der zu Kopfe steigt und die Fäuste straff macht. Aber der Frauen Athem ist röther wie Blut. Wie Weizenacker frisch geöffnet ist der Leib des Weibes. – Es ist die Schwüle der Sommererde, die die Todten nicht schlafen lässt.“

Er strich mit der Hand über die Nasenlöcher. Leise fuhr der tröstende Finger die zitternden, hastenden Nüstern entlang. Der Geruch war fort.

„Hast Du auf Deinen Lippen ihre Küsse gefühlt? Wenn sie schwören und lügen. Worte, die fallen wie der Wasserfall, lieblicher denn Nachtigallentriller. – Worte! Worte! Worte!“

Er strich über die Lippen und sie schlossen sich. Sie wurden stumm und weich.

„Ich habe sie mit meiner Hand gehalten. Ich lasse sie nicht. – Wenn man das Messer sehr fest packt und rothes Herzblut springt herüber ... Weisst Du, dass ich mein Messer unter meiner Hand hatte? Sie haben mir gesagt, dass ich das Holz sprechen machen konnte, die Saiten riefen unter meinen Fingern wie mit Menschenstimmen. Ich will spielen. Sie sollen tanzen. Sie sollen lachen und schreien. Ich will den Ton finden, der die Todten tanzen macht. Die Todten haben Knochenhände und lassen nicht los.“

Die gekrampften Finger lösen sich unter den andern streichenden, gleitenden. Die Hände fielen. Sie lagen ruhig und straff.

„Meine Füsse tragen mich nicht mehr. Aber sie haben mich getragen durch die Nacht. Im Tanze. Wer kann tanzen wie ich, der Spielmann Anderl! Wenn der Boden knackt, die Dirne hoch anfliegt zur schwelenden Decke. Ich kann springen! Der Teufel ist in meinen Füssen. Ich springe mit dem Teufel zur Hölle!“

Er berührte die Füsse an ihren Sohlen. Er salbte den rechten. Er salbte auch den linken. Die Füsse lagen still.

Der ganze Mann war weiss und still jetzt.

Der kleine Priester hatte die Fiedel genommen, das Holz zeigte keinen Sprung, die Saiten fügten sich wie von selbst und erklangen:

„Wenn Eure Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiss werden,“ sang der kleine Priester. „Und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.

„Und heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein!“ schloss der kleine Priester.

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In der Holzschlägerhütte lag der Wilddieb todt. Er lag mit gefalteten Händen und lächelnden Lippen. Eine weisse Kerze brannte. Das blasse goldne Herz stand zitternd aufrecht im Dunkel, das der Schnee warf.

Der Schnee fiel.

Unter der weissen Schneedecke, das Allerheiligste gegen seine Brust gepresst, schlief der kleine Priester.

Der Schnee fiel ... fiel.

DAS ZEHNTE KAPITEL.

Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte.

Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne. Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller Gütigkeit, dass er die Spötter zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal getragen hatten.

Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.

Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt, welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach geschliffener Stahl vor Aller Augen.

Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub – wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien. Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und kroch in der Luft, auf der Erde.

Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass ihre Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.

Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager, schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist. So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.

Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen Stein, zielte und warf. Und traf so gut, dass er die Katze hart schlug in ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem Rücken. Und lag im Staube, blutend.

Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich verhungern, um ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre Kleinen, die hungerten.

Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es wartet, dass man es vollendet.

Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche.

Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst.

Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“

„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“

„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“

Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“

Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es böse _macht_ in seiner Wirkung, sind Böse.“

Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt gegen seinen Nächsten?“

Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du aber schlägst _gegen_ Deine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich geschlagen.“

Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen nur dulden und ertragen.“

Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“

„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“

„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“

Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles Uebels.“

Er sprach: „Wie deutest Du das?“

Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“

Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“

Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger und Freigeborner.“

Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“

Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“

Da erschrak Johannes in seinem Herzen und sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“

Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“

Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“

Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“

Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“

Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“

So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.

DAS ELFTE KAPITEL.

Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:

„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen für blöde Mengen am Sonntagmorgen. Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?“

Er sprach: „Siehe zu, was ich thue:

„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, als die Herren von gestern.

„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde Wüste.

„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein Schwert, das durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder trinken.“

Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden hatte, die er säen wollte auf seinem Acker.

Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen Körnern.“

Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“

Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.

Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht hält und austreibt?“