Der Fremde: Ein Gleichniss

Part 7

Chapter 73,559 wordsPublic domain

„Aber es waren doch in den Irrthümern dieser Leute – allerdings gleich Körnern in der Spreu verborgen – auch einige unbestreitbare evangelische Wahrheiten enthalten.“

„Das ist eine gefährliche Ansicht. Jesuitisch – so gewissermaassen: der Zweck heiligt das Mittel, lieber Bruder.“

Dieser Herr war bekannt dafür, dass er die feinste Nase in Deutschland hatte, um die Jesuiten zu riechen. Das war sein rother Lappen, auf den er überall losging, ihn überall herausfand, wie der Spürhund die Fährte. „Hat uns nicht Martinus von dem Aberglauben befreit? Und sagt nicht der Herr selbst: Ihr, die Ihr Zeichen und Wunder sehen wollt ...“ Der Confrater hob warnend den Finger.

„Nichtsdestoweniger giebt die Schrift ausdrücklich die Möglichkeit solcher zu. Nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichsten Sinn.“

„Wir sollen Gott nicht versuchen. Vermessenheit, Freund, Vermessenheit! Es ist die grosse Aufgabe der modernen Theologie, die Wissenschaft mit der Religion zu vereinigen.“

„Es wird immer Vieles bleiben, was wir nicht wissen.“

„Da haben wir uns dann wohl in Demuth mit der beschränkten Einsicht hienieden zu genügen. Das ist eine gefährliche Bahn, lieber Bruder. Eine Schlinge des Argen, ebenso gut wie die er in der Lauheit uns legt, dem vollständigen, rationalistischen Ablehnen des Wunderbaren und Unfasslichen. ‚Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort. Dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stückweise. Dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin.‘“

Hier meldete das Dienstmädchen, dass ein fremder Mann in der guten Stube wartete. Sie war augenscheinlich etwas in Zweifel, ob ihm wirklich die gute Stube gebührte und wartete auf Bescheid. – Man hörte eine Thür sich öffnen und vorsichtig wieder einklinken aus dem Zimmer, wo die Frau Superintendentin mit ihrer Freundin sass.

Der Superintendent empfing den Gast dem Programm gemäss mit demonstrativer Herzlichkeit. „Nun, lieber Freund? Nehmen Sie Platz, mein Lieber! Ich habe Sie hergebeten mit diesem meinem sehr geschätzten und verehrten Collegen, um mich mit Ihnen über Ihre religiösen Ansichten zu unterhalten. Das ist immer lehrreich für einen Diener am Wort, gewissermaassen ja auch meine geistliche Pflicht, obgleich Sie ganz als Freund hier sind, mein Gast und in aller Güte. – Ich vermuthe, Sie gehen von der sehr richtigen Ansicht aus, dass das Evangelium den Laien wieder mehr in der Form des täglichen Brotes gleichsam, nicht nur an Sonntagen in der Kirche, näher gebracht werden muss. Es soll wieder ein Bestandtheil des täglichen Lebens werden, und Sie denken, dass dazu Predigt und persönliche Ansprache, selbst Aufsuchen des Einzelnen, das Geeignetste ist. Es wären dies wohl gleichsam die Principien, auf die sich die mir sehr interessante moderne Agitation der Heilsarmee stützt. Ich möchte, dass Sie mir nun in kurzen Worten das Dogmatische Ihrer Lehre, den festen Kern der Heilswahrheiten, auf die Sie persönlich den Hauptnachdruck legen, entwickelten.“

„Ich habe keine.“

„Sie verstehen mich nicht. Jedenfalls gehören Sie doch irgend einem Bekenntniss an, oder haben sich in Ihrem Innern für ein solches entschieden? Wenn Sie Protestant sind, halten Sie sich an die Augsburger Confession? Folgen Sie eher Luther? Jedenfalls doch – und das ist wohl kaum eine Frage – stehen Sie mit uns auf dem Boden des apostolischen Glaubensbekenntnisses?“

Der Superintendent sah ihn streng an.

Der Confrater nahm eine Prise.

„Ich kenne es nicht,“ sagte der Fremde.

Der Superintendent war roth geworden wie ein Mohnkopf. „Aber – aber – das ist die Hauptsache. Das ist Christenthum, die geheiligte Norm, für die unsre Väter, die erste Christenheit gelitten und gestritten haben. Das Andre ist leere Phantastik, giebt der weitesten Irrung Spielraum, der Regellosigkeit.“

„Es giebt das Leben.“

„Welch’ ein Irrthum! Welch’ ein verhängnissvoller und weittragender Irrthum!“ rief der Superintendent warm. „Es wäre ja denkbar, dass ein Mensch, der ganz ausserhalb der christlichen Heilssphäre stände, den Namen Christi nie gehört hat, auf rein deduktivem, moralphilosophischem Wege zu einer der christlichen durchaus ähnlichen Ethik gekommen wäre, wenn hier eben blos die Ethik das Entscheidende wäre. Denken Sie, dass das ganz denkbar sein könnte?“

„Es ist denkbar,“ sagte der Fremde.

„Stoiker,“ nickte der Confrater. „Griechische Philosophen der nachplatonischen Schule! Das sind die Argumente, die schon die französische Revolution gebrauchte.“

„Sie würden doch nicht sagen, dass ein solcher Mensch ein Christ wäre, mit uns Theil hätte an der Erlösung durch den Leib des Herrn?“

„Ich würde es sagen.“

„Und wie wird er dastehen im nächsten Leben, wenn Christus die Seinen um sich versammelt, die im Blut des Lammes Gewaschenen, auf seinen Namen Getauften eingehen, und die Andern abgetheilt werden zur Linken?“ Der Superintendent wischte sich den Schweiss. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen.

„Ich weiss es nicht.“

„Eine Art Allheilslehre,“ beruhigte der Confrater. Das Wortspiel zwischen „Leere“ und „Lehre“ amüsirte ihn. „Socialistische Moral des Christenthums. Das ist blos die Frucht. Der Glaube ist das Erste.“

„Ich glaube, dass die That das Erste ist.“

Jetzt sah der Superintendent wieder Fahrwasser. Er war ganz erfreut. „Das ist die Lehre von den Werken, das Katholische, Papistische, wogegen schon Lutherus sich auflehnte. Wir können aus uns selbst nicht gerecht werden.“

„Wir können wollen.“

„Und die Rückfälle? Das menschliche Gesetz bestraft sie. Wie wird sie Gott nicht strafen?“

„Wie soll Gott sie strafen, wenn sie in sich selbst ihre Strafe tragen?“

„Fatalismus,“ notirte der Confrater.

„Die Bösen! Die Bösen, Mann! Wie erklären Sie die Bösen?“

„Es ist ihr Unglück.“

Dem Superintendenten wurde in der That die Halsbinde zu eng: „Unglück? Und der, der kämpft, das Gute will, Gutes thut? Sollen die Guten keinen Vortheil vor den Schlechten haben?“

„Sie sind glücklich.“

Der Confrater mischte sich jetzt ein: „Sehr interessant. In der That höchst interessant. Das ist Buddhismus. Es ist die Lehre des Buddha. Wenn man denkt, dass sie dreitausend Jahre alt ist! Haben Sie irgend welche Verbindung mit diesen Religionsgesellschaften gehabt? – Es könnte doch sein in irgend einer corrupten Form“ – (dies für den Collegen) –, „Bücher darüber gelesen?“

Der Fremde sah den Confrater an. „Alles ist Verbindung,“ sagte er.

„Natürlich! Die Wiederkehr! Die Wiederkehr!“ Der Professor rieb sich die Hände höchst befriedigt. „Das ist das charakteristische Merkmal. Sie geben sich das weiter wie ein Geheimniss. Fragen Sie ihn doch, ob er an die Seelenwanderung glaubt? Gerade für die populäre, gewissermaassen kindliche Phantasie haben diese Verwandlungen etwas Anziehendes. Sie finden das im Volk in tausend Märchenvorstellungen, Geschichten von Wehrwölfen, Schwanenjungfrauen, sprechenden Bäumen. Selbst in dem indianischen Märchen des Hiawatha von Longfellow kommt diese Idee wieder, in der Verkörperung des Samenkorns. Isis und Osiris, Baldur, ... Es ist Alles dasselbe.“

„Aber das ist nicht das Schlimme, das ist das Gefährliche nicht!“ platzte der Superintendent los. „Die Moral! Die Moral! Diese Lehre vom Nirwana, der blinden Ergebung, der Thatenlosigkeit, der stumpfsinnige Fatalismus des Orients wieder zu uns verpflanzt! Das ist der Tod aller Cultur, allen Fortschritts, aller Humanität. Das ist Heidenthum! Heidenthum! Das Christentum ist Kampfesmuth, Streben, Krieg!“

„Auf den Krieg folgt der Friede.“

„Friede da droben! Hier ist Kampf. Wir sollen Kämpfer sein.“

„Krieg in uns, Friede nach aussen.“

„Wir sind nicht hier, um Frieden zu haben. Unser Leben ist Ringen und Unruhe. Da oben erst wird er uns zu Theil. Aus Gnade.“

Der Fremde lächelte.

Der Superintendent war auf einem Lieblingsthema. „Der wahre Christ ist vor Allem ein Streiter. Seine Feinde sind der Satan, die Sünde in uns und ausser uns. Wir sind arme Sünder.“

„Wenn wir siegen?“

„Selbst wenn wir unser eignes Fleisch überwunden haben. Die Sünde in der Welt bleibt. Sie greift uns an. Wir haben uns zu wehren gegen sie.“

„Sie existirt nicht gegen uns, wenn sie in uns nicht ist.“

Der Confrater nickte von Antwort zu Antwort mehr befriedigt.

„Wir kommen jetzt auf das Fakirwesen, Hallucinationen der Märtyrer.“

„Sie wollen das nicht sagen? Das ist Vermessenheit, mein Lieber! Unser Fleisch bleibt der Anfechtung unterworfen, so lange wir im Fleisch wandeln. Wer da meint, er stehe, der sehe wohl zu, dass er nicht falle. Der Ehrgeiz – die böse Lust – Reichthum. Selbst ich –“, hier fasste der Superintendent den Fremden beinah am Rockknopf, „– selbst ich, der ich ein Diener am göttlichen Wort bin und alle seine Schlingen kenne – ich habe meine Momente der Schwäche, der Anfechtung. Ich habe Versuchungen zu bestehen ... Das ist unchristlich, Mann! Stützen Sie den Glauben! Sprechen Sie gegen die Gottlosigkeit! Auf dem Lande. Unsre Bauern haben dicke Nacken. Stolz und Habsucht sitzen da steif drin. Gott sei Dank! sind sie noch gläubig. Die Grundvesten unsres Glaubens sind unangetastet. Die moderne Anarchie und Zweifelsucht ist da noch nicht eingedrungen. Das geht immer Hand in Hand. Das bedeutet die Emanzipation des Fleisches. Wir würden uns wie Schweine im Koth wälzen. Im Koth! Sehen Sie das alte Rom! Babylon! Die antike Welt vor Christo.“

„Sie hat Christus hervorgebracht.“

„Christus ist das ganz Vollkommene, Gute. Das Fleisch ist das Böse. So kämpfen diese beiden Gewalten. Bis das Gericht kommt, das Gute siegreich bleibt im unschuldigen Blute des Lammes, das Böse im Abgrund verschlossen wird mit adamantnen Ketten. – Das ist der uralte Kampf.“

„Demiurgos, Ahriman und Ormuzd,“ bestätigte der Confrater. „Lehre von der primären Theilung der Gewalten.“

Die Frau Superintendent hatte schon mehrmals merklich und merklicher an die Thür geklopft. Jetzt steckte sie ihre Haube selbst durch den Spalt. „Excellenz von Koschemann ist für den Bazar gekommen. Wenn Du einen Augenblick Zeit hättest, lieber Willibald ...“

„Auch ich bin ein Soldat des Herrn. Sehen wir zu, dass wir gut kämpfen. Und das Heil finden, das es für uns nicht giebt, denn allein im gesegneten Blut des Lammes dereinst, das unsre Sünden abwäscht weiss wie Schnee.“

Der Fremde war entlassen.

Der Confrater sah ganz klar. „Gnostiker, die alte Geschichte. Das hat immer angefangen mit der Antastung des Buchstabens. Der Buchstabe, mein Freund! Das Wort sie sollen lassen stahn! ... Und jetzt lass uns zu unsern liebenswürdigen Damen gehen.“

DAS NEUNTE KAPITEL.

Und er ward im Geist entrückt in eine fremde Stadt.

Die Glocken läuteten. Eine ungeheure, unzählbare Anzahl von Glocken. Es waren dumpfe, grosse darunter, die mit der Stimme des Erzes riefen, der Kanonen, furchtbarer Ereignisse, Krieg, Pest und Feuersbrunst. So stark riefen sie, dass Niemand ihren Klang in der Nähe aushalten konnte, die Luft ihn lange behielt, ehe er verhallte. Sie schwangen in furchtbaren Höhen und thronten einsam in Kammern weit über den Köpfen der Menschen. Die ihre Stricke bewegten, sassen sehr niedrig auf schwebenden Balken und wurden beinah gespalten von der Heftigkeit des Klanges. Diese Glocken läutete man nur bei ganz grossen Gelegenheiten. Wenn sie klangen, sahen die Leute auf und sagten: Es ist das oder das. Sie meinten ein sehr hohes Fest, ein grosses Unglück oder eine grosse Freude. Die ganze Stadt und das Land ringsum kannte den Klang dieser Glocken. Man war stolz darauf und fürchtete sie auch.

Andre waren milder, mittlere. Die läutete man alle Sonntage. Man hörte sie auch weit, über ein ganzes Stadttheil oder eine Strasse. Ein Klang von Silber war in ihrem Erz, der sprach von Güte und Milde. Sie lockten, und schreckten nicht, läuteten regelmäßig mit kräftigen, hallenden Schlägen, wie die Stimme eines Predigers, die klangvoll spricht in schönen, malenden Worten.

Und es waren ganz kleine, die einzeln riefen wie einzelne, verlorene Stimmen. In mancher war ein sehr helles, feines Klingeln oder zitterndes Wimmern, die eilige Angst einer Agonie, oder der sanfte Schmelz einer Frauenstimme, sehr weit fortgetragen auf himmelansteigenden Trillern zu reinen Aetherhöhen. Der pure Goldklang ganz feiner Eliteseelen, die um den Thron Gottes lobpreisen, und ein kleines, gleichgültiges, hastendes Bimmeln, in dem Viele sich vereinten, wie das der Pferdebahnwagen, dieser Schellenbeutel, die herumgegeben werden in den Gemeinden zwischen den Pausen des Gottesdienstes – lästig fast, nur die Ohren füllend, das zum Alltagslärm gehörte, ihn irritirend machte.

Alle Glocken läuteten. Die grossen gaben den Ton an. Die mittleren fielen ein wie ein gutgeschulter Chor. Die ganz kleinen waren Geräusche, oder Stimmen junger Kinder. Alle läuteten. Die Luft war sehr voll und schwang von ihrem Klange. Und die andern Stimmen des Lebens schwiegen.

In den Kirchen und Domen drängte sich die Menge. Es war halbdunkel in diesen Hallen, dass man die Einzelnen in den Tausenden nicht erkennen konnte, Männer oder Frauen, reiche, gutgekleidete Leute oder ganz Arme. Ihre Gesichter bildeten blasse Flecken im Dämmer, wie aufgewandte Kelche von Blumen, die ihr Athmen wie ein Duft umwallte. Die übrige Schwere des Körpers blieb unbestimmt, ertrunken in unruhigem Schattenspiel der Vielen, dem lastenden, schweren Dunkel dieser Steine, ungeheurer Steinmassen der Gewölbe und Mauern.

Säulen standen wie Baumstämme ohne Aeste mit schweren Blättern und Steingewinden um ihre Kronen, während feine, tiefe Rillen an ihnen hinabliefen, von Regentropfen gegraben oder ewig fliessenden. Von stützenden, lastbaren Pfeilern schwangen sich die Wölbungen auf, Bogen und Brücken, gespreizte Fittiche des Adlers, kühn und immer kühner bis zum schwindelnden Ansturm der Kuppel, die den Stein zerbrach, die Schwere des Materials aufhob im ungeheuren, athemlosen Aufschwung der Seelen.

Der Schritt klang hohl vom Echo der Millionen Schritte, die da schliefen in tausendjährigen Steinquadern. Von schlanken, weissen Kerzen stiegen gelbe, zitternde Flammen, umgekehrte Herzen, blauen Schein der Sehnsucht ausathmend. Ein Duft von Weihrauch, Wachs und Thränen lag schwer in Nebeln und wallenden Wogen.

Man sah Altäre sich golden recken, Gold vom Fuss bis zur Spitze, in immer feineren Säulchen, Treppen, Bögen, inkrustirt mit bunten Edelsteinen, die Lichter gaben im Dunkeln wie Schlangenhäute, Augen seltsamer Reptile und Käfer, Wunder von goldnen und silbernen Spitzen, Rosen und Blumen, eingefrorne Rhythmen, mystische Zeichen und Runen aufsteigend wie Gedichte. Eine unverwelkliche Pflanzung aus menschlichen Herzen, mirakulöse Flora des Glaubens, hierher geflüchtet in eine heilige Grotte, unter dem Dämmerlicht der bunten Gläser, gefärbt mit ihrem Blute: Roth, welches die Liebe und der Tod ist, Blau des Glaubens, festruhendes warmes Grün der Hoffnung und des Lebens. Und Krämpfe, furchtbare Leiden, zerschnitten den himmlischen Dreiklang: Gelb der Pein und des Geizes, in den Gewändern der Aeltesten und Schreiber; Violett der Eifersucht, das zugleich die heilige Farbe der priesterlichen Macht und der Ehrfurcht ist; ein helles, gefiltertes Rosa, welches gemartertes Fleisch der Gequälten vorstellt und auch die liebliche Unschuld des Kindes. Alle spiegelnd, irrend, flehend um das klare Gold des Triumphes, Farbe der Sonne, wo die Mutter thront mit dem Kinde, die Heiligen knieen in seliger, weltentrückter Anbetung.

Wie ewige Pfeiler standen sie da, die Starken, der Apostel heilige Zwölfzahl, wunderbar die Reihe der Monde, des Sternkreises wiederholend, Propheten, Sybillen – die wussten und aushielten. Märtyrer öffneten blutrothe Wunden, Laurentius auf dem flammenden Bett, Sebastian mit durchbohrter Brust, Agnes, ganz nackt, nur in den strahlenden Mantel ihrer Haare gehüllt, unter den Augen der Wollust, – aufgerissne Seiten, furchtbare Verrenkungen der Gefolterten, Striemen der Gegeisselten. Die Heiligenscheine dominirten über verklärten Stirnen. Die weisse Taube des Geistes schwingt sich glorreich auf über Blut, Flammen und Qual.

Sie singen. Aus den Tiefen hebt es sich. Von der geknickten, schwarzen, wimmelnden Masse – De Profundis. Langgetragen, hohle Rufe wie Appellrufe in der Noth, schneidender Wehschrei der Gequälten, zitternd, sehr hoch schwebend, wie ein Weib schreit in Kindesnöthen: Miserere – Miserere ... Dumpfer Trommelschlag. Vokale fast Alles, sonore, volltönige, die nicht fallen – Ora pro nobis, aufsteigend zu männlichem Muth, Schlachtgesang, bis zum jauchzenden, hellen Posaunenstoss der Befreiten, gellend fast, schmetternd in Siegeszuversicht: Tedeum laudamus.

Die Stimmen schweigen. Das Wort allein spricht. In marmornen Worten, Sätze, die feststehen wie die Welt. Rollende Vokale, geheimnissvoll, kräftig, wie die die schufen, – das grösste Mysterium der Menschheit, Wein und Brot, uralte Mysterien, heiligste Symbole des sacrosancten Lebens.

Ueber der Menge, die kniet, hungernd, brünstig, erhebt der Priester das Allerheiligste. Er selbst ist weiss, ganz weiss. Er ist hundertjährig. – Es giebt einen goldnen Schein wie die Sonne.

In einem ungeheuren wehen Seufzer hebt sie sich, es zu empfangen – das Opfer von Gott angeboten. Blut und Fleisch, für das andre Opfer des Fleisches und des Blutes, des Lebens, an das grosse Leben, das prangend weggeht über den Tod, Jammer und Kleinheit.

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... Ein enger Holzpfad im Gebirge. Das Gebirge liegt verschneit seit Wochen. Bis an die Knie hoch steigt der Schnee. Die Tannenzweige brechen unter seiner Last. Gleich Zuckerhüten ragen die Baumwipfel aus der Weisse. Man unterscheidet nur höhere und niedrigere Lagen, Steine sind Schneekuppen. Gleichmässig ist er im Grunde, hart, vereist, eingestampft. Aber die Oberschicht ist federweich, eine Hand hoch, glitzernd, feiner wie der Flaum auf Brüsten der Eidergänse, mit Seidenreflexen.

Unter dem Schnee begraben liegen Moos, Gräser und Gesträuche. Er stäubt in Puder von den überlasteten Zweigen. Kleine Aeste und Holzstückchen, die sich ablösen, versinken lautlos. Die Lücke, die sie verursachen, schliesst sofort die streichelnde Sammethand. Der ganze Wald leuchtet weiss, blauweiss vom Schimmer des jungfräulichen Schnees. Der Fuss versinkt in ihm wie in Daunenteppichen. Ohne Kühle fast. Aber er hebt sich schwer heraus. Das Leder des Stiefels wird hart und spröde von der Feuchtigkeit, die nirgends das Wasser zeigt.

Und immer fällt der Schnee. Man sieht keine Spuren des Wildes. Es ist erfroren, festgefroren wie stehende, steinerne Bildsäulen in Mauern von schmeichelnden Krystallen oder es verkriecht sich im inneren Tann, wo das Dach der Zweige es schützt, karge Nahrung sich findet an Sprossen und Rinde. Der Schnee füllt die Fahrgeleise des Weges aus. Er steigt zu seinen Rändern und vermischt sie. Wie Gespinnste in seinem Innern ziehen sich dürre Bastadern der Farne und Heidelbeerbüsche. – Die Stille ist sehr tief und der Schnee fällt.

Durch den tiefen Schnee sucht sich der kleine Priester seinen Weg. Er trägt die letzte Tröstung zu einem Sterbenden.

Der Tod ist rasch gekommen. Ein blutjunger Bursch, der Spielmann Anderl. Heute hatte sein Schatz Hochzeit gemacht mit einem Andern. Der Spielmann war zurückgesprungen über die Berge, das fressende Gift im Leibe und den Kopf im Feuer. „Geht’s schlecht, so geht’s schlecht, geht’s gut, kürz’ ich mir den Weg um Stunden.“

Am Hornbiehel war er abgestürzt. Jetzt lag er im Todeskampf in der Holzschlägerhütte.

Durch Schnee und Nebel im beeisten Gebirge kämpfte sich der kleine Priester zu dem Sterbenden.

Er war noch sehr jung, noch nicht lange da oben. Man nahm für die Stelle die ganz Unbedeutenden, die Bescheidenen, die nicht Carriere machen würden. Niemals hatte er daran gedacht, ein Findelkind, das man den Priestern übergeben. Regelmäßig liefen die kargen Beiträge für ihn ein, von einem Büreau bezahlt an eine Kasse, ohne Persönlichkeit, ohne Namen.

Er hatte niemals eine andre Heimath gekannt als das Kloster. Da war seine Stätte, am Altar. Der liebte ihn und der hatte ihn nicht zurückgestossen. Mit weissen Blumen umkränzte er ihn. Er sang. Er schwang seine Weihrauchschale, weissgekleidet als Chorknabe, Diener am heiligsten Messopfer, eh’ er selbst daran theilgenommen. So war er aufgewachsen, in dieser Atmosphäre der Liebe, Weiss und Gold, den heiligen Farben der Unschuld und des Triumphes. Ohne einen andern Gedanken. Er liebte Alles.

Es war um ihn wie der weiche, milde Schein, der vom linnengedeckten Altar ausging, der Lampe, die ewig brannte in all dieser Weisse, dieser Stille. In lasterverzerrten Zügen sah er das Leid. In ihrem Hochmuth die Angst. In ihrer Schönheit, rührender als ihre Schönheit, den Tod.

Wie auf weissen Rosen ging er mit nackten Füssen, lächelnd das Heilige tragend gleich Engelknaben. Und vor seiner demüthigen Stirn neigten sich die Stolzen. Die Bescheidnen fassten Muth. Alles liebte ihn. Es war, wie wenn die Vögel süsser sangen, wenn er vorbeischritt im Klostergarten. Sie waren zutraulich und pickten von seinen Händen. Die Blumen, die er pflanzte, gediehen. Ruhig und majestätisch entfalteten sie sich. Die Sonne schien nicht zu heiss auf sie. Irgendwie hörte der Sturm auf um ihre schlanken Stengel.

Es gab alte Mönche im Kloster, die das Leben gekannt hatten. Es hatte harte Narben gegraben in ihre Seele. Sie liebten ihn, die alten Wunden brannten nicht, wenn er da war. Nur eine Gabe besass er, die lieblichste David’s, der Musik. Die Töne wurden lind unter seiner Hand und wenn er spielte, hörte der Tumult auf in leidenschaftdurchwühlten Herzen.

Niemals war er stolz gewesen oder ungütig. Ein Kind Jesu! Er trug diesen Namen, halb der Schande, wie eine feine, goldne Aureole.

Die Grossen übersahen ihn und für die Klugen war er nichts. Er hatte keine Disputationen geschrieben über Fragen des Glaubens. Die weltliche Macht der Kirche liess ihn kalt. Der Beifall einer Menge hätte ihn schüchtern gemacht.

Aber er liebte die kleinen Kinder. Sehr alte, hülflose Leute waren ihm ehrwürdig. Er richtete die geknickten Halme auf und ihn erbarmte der Vogel unter dem Himmel.

Tapfer kämpfte der kleine Priester durch den Schnee. Der Schnee fiel in weichen, grossen, fasernden Flocken aus Wolken, die selbst Schneesäcke waren. Sie hingen so niedrig, dass man nicht sah, wo sie aufhörten und das Gestöber anfing. Ihre Vorräthe schienen unendlich, als ob ein ganzer Himmel voll von Schnee hinter ihnen läge. Er leerte sich langsam. Von den Schichten bauten sich Mauern ihm entgegen. Nichts konnte mehr welchen aufnehmen. Aus dem Ueberfluss wallten neue Hügel über. – Diese Flocken lösten sich nicht auf. Sie schwebten und drehten sich langsam in der Luft und blieben hängen wie im Festen, Gesättigten. Man dachte an Nesterbauen dabei, Eiderdaunen, in die man sehr tief einsank. Und es war gar nicht kalt. Der Schnee schien wie eine schützende Schicht zwischen der Kälte und der Erde. Es war wunderbar, wie lautlos er fiel. Und überall, wo er fiel, hörten die Contouren auf, alles Steife, Eckige, Nackte. Wie ein liebevoller Pelzmantel hüllte er sie ein, dass sie nicht mehr froren, zeigten. Er fiel ... fiel ...

Der kleine Priester fror gar nicht. Im Gegentheil, ihm war warm. Er trug das Allerheiligste unter seiner Soutane, gegen die Brust gepresst. Und es war ihm, als wäre es da eingedrungen. Es sass da und brannte. Goldne Strahlen warf es. Immer grösser, immer weiter. In der Mitte war ein blutrothes, glühendes Herz und sein Scheinen war wie Karfunkel. Es leuchtete weit durch den nächtlichen Wald.

„Das ist, als ob ich ein Licht bei mir trage,“ sagte der kleine Priester. „Wie seltsam das ist! Und wie schön!“