Der Fremde: Ein Gleichniss

Part 17

Chapter 173,501 wordsPublic domain

„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das Beispiel geben.“

„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen singen.“

„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und Todtschlag je möglich sein wird?“

„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“

„Dann hat’s gute Weile.“

Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?

„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“

Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit.

„Glauben Sie an Gott?“

Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht vorhanden.

Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen.

Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“

Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.

Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.

„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“

Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?

Auf dieses Alles antwortete er nicht.

Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.

Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.

Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.

Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“

Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“

Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“

Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“

Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“

Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:

„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterblichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“

Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.

Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“

Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.

... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“

Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.

Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?

Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies _fand_ er die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.

Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.

„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“

„Auch Goethe?“

„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“

„Er ist aber doch Excellenz geworden.“

„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.

„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.

„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränicke _ist_!“

„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren Gerechtigkeitsgefühls. _Es lebe_ Pommeränicke!“

„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose Menschen lachten.

Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte sich mit dem Director.

Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.

Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.

Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ meinte die Mama.

Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. „Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.

Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.

Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.

Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe, Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“

„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.

Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, das jetzige System war dumm.

Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, mit der Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.

„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.

„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“

Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.

Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“

Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“

DAS ZWANZIGSTE KAPITEL.

Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne Hände.

„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend die Satzungen der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus, Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die Wissenschaft ist die erkannte Natur.“

Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.

„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie, meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des Magens in Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann. Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“

Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er leutseliger fort. „Was ist Seele, als das vitale Princip der Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“

Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden. „Grosse Ueberreizung,“ decretirte der Professor. Ruhe, frische Luft, blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.

Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.

Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön. Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch, dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die Laien sind eben Laien.“

Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein König, ein Eroberer ist doch schließlich nur ein Laie, ein Decadent, ein Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und festgelegten Resultaten. _Wir_ passen ihn ein, nicht er uns.“

Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte, inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen, weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und Forschung waren ihm das Höchste.

Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor. Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem Philosophischen befasste.

„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat, sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! Das ist Alles sehr gleichgültig.“

„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“

„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte. Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern sich des Passus von Cäsar’s Staub?“

„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“

„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig. „Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die Phantasie!“

„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von Existirendem weiterspinnen. Sie müssen irgendwie in der Natur mit vorhanden sein.“

„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir wissen es nicht.“

Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. – Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.

„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“

„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“

Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger, wollüstiger. Eine beseelte Natur. Die _Seele_, die wir suchen, nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“

Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haarbüschel.

Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.

„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden: ‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine Weisheit als diese.“

„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“

„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“

„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das unter?“

Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten Fäusten.

Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe, in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...

Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern Irrenhäusern.“

ENDE.

Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter, gelber Häuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee führte eine Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. Rechts und links lagen Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der Aufsicht eines Wärters.

Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben ziehen, jäten. Manchmal lachte einer seltsam, kichernd, unmotivirt.

Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an. Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. Sie fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie Außerordentliches. Vielleicht dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.

An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind über die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.

Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. Es war mit einer hohen rothen Backsteinmauer umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger Gestank von Dünger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter schon.