Der Fremde: Ein Gleichniss

Part 16

Chapter 163,606 wordsPublic domain

Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind nicht die, die geben können. Von innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die Bettler die Letzten sind, werden die Könige die Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass es von einem König käme.“ ...

Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine einsame Gegend.

DAS ACHTZEHNTE KAPITEL.

Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.

Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen, zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...

Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.

Sie liefen, liefen für ihr Leben.

Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend emporgehoben.

Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen und Pferdeäsern.

Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.

Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.

Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. – Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht.

Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als vollkommner Erfolg bewiesen.

Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er war ein grosser Mann.

In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle machte er sich bemerkbar.

Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.

Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, Freund und Feind.

Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten Waffen blinkte. Sie schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.

Für ein andres Mal reservirte man diese.

Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war, Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.

Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen Brustkastens. Das Gesicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem Paradebett, ein gefällter Eichstamm.

Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General, war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine schreckliche Sache.

Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.

Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt. Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide, blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich. Wie hässlich der Tod war!

Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr. Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. – Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen. Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist ihr Werth?“

An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas Dunkles verschwand im Schatten. Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab. Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...

Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war traurig.

Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich gezogen fühlen?

Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig.

Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“

Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.

Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer wieder, tödtet, vernichtet.

„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.

Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.

„Mama ...“ rief er. „Mama ...“

Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und hatte ihn geküsst.

Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ...

Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...

Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...

Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war der Sieg.

Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. Sie beteten.

Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles dasselbe ...

Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung. Alles starb.

Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne.

Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...

In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein Hahn.

Es war Nacht.

DAS NEUNZEHNTE KAPITEL.

Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines jüngeren Collegen.

„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!“

Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen Weltauffassung, während der Gerichtsrath in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer Statthalter.

„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“

Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.

Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.

„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan, ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! Die verbrennten uns Christus heute noch.“

Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.

„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“

„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“

„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“

„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“

Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.

Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauenzimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.

Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.

„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“

„Was mein ist, ist meines Bruders.“

„Wenn er es nicht giebt?“

„Es ist nicht an mir zu fordern.“

„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie darüber?“

„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so.“

„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne physischen Umgang?“

„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee höchst spasshaft.

Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst zu thun?

„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ...“

„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“

Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr Gesetze?“

Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“

Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht gethan.“

„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.

„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“

„Das sind Ausnahmen.“

„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“

„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.

„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“