Part 15
Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“
Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein müsste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie fühlte, dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach.
Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel, Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ...“
So kam sie noch näher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie gleich ein Kind war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer grossen, reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden würde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem, fast wie die eines Sterbenden.
„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, „so will ich sie Euch geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Vögel singen freundlich dem wärmenden Licht.“
Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien. Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit, und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.
Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe – Liebe ...“ sagte er. „Das ist Liebe einer Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die Sonne selbst sehen. – Ich habe Sehnsucht nach dem Tode.“
„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und ohne Zürnen, obgleich ihr Herz aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. Seht, lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre zarten Blätter. Alle leben und athmen.“
Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz, dass er ihr Herz athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. „Du lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber Du wirst todt sein. Würmer werden in Dir wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine Hände fort, als ob er Würmer von ihnen abschlenkerte. Seine Nüstern zogen sich zusammen im Ekel.
Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurück: „Ich werde auch mit Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist noch lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles Fragen, alle Sehnsucht hört auf im Himmel.“
Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den Kranken. Er sprang plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: „Das ist nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte, stinkende Maden!“
Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen, hässliche, unfläthige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig und wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel gewesen. Im Rathen über ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zähne.
Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel für ihr zärtliches und noch so kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und Wollen. Sie fiel ohnmächtig hin.
Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte sie. „Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess er hervor. „Ihr habt uns zu Grunde gerichtet. Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen und nur zur Hälfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Götter. Wir sind reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott! Gott! Gott!“ ...
Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre Augen funkelten bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie todt.
Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind über seinen Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie gebreitet wie ein Leintuch. Aus der rothen Halswunde troff das Blut.
Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.
„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld und Güte. Das ist nun Alles dahin – dahin.“
Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm ihre Hände, küsste sie. Und küsste ihre weissen, kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen: Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des schrecklichsten Todes.
Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen die Blumen. O süsse Blume! Blume der Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte liebliche, kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten sie gesegnet. Keinem hast Du je Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“
Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brüten. Da Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zärtlich in ihrer Geberde.
Dies that er. Niemand konnte ihn hindern. Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.
Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.
Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem Volk.
Er schwieg zu Allem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster und sah in die Nacht.
So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete auf den Morgen.
Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.
Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“
Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“
Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.
Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.
Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.
Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken.
Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein Regen erfrischte.
Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“
Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.
Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen Fürsten.
Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste. Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe. Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, Persönliches. _Der_ war gestorben in der Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.
Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...
Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten. Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der Farben.
Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen.
Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem Handschuh. Die Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.
Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre tödtlichen Lippen.
Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den Sinnen der Männer.
Und sie tanzte vor ihm.
Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.
Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher wurde. – Sie war wach geworden.
Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes Tambourin schüttelnd.
Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie tanzte.
Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine kostbare Last, ein Altartisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.
Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.
Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter dem goldnen Helme.
Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. – Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.
Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...
Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie er auf. „Sei mein!“
Diesen Abend unterzeichnete der König das Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.
Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde eine wunderbare Tröstung zu Theil.
Er sah plötzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns mehr trennen.“
Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig gewesen, und einer hochgebornen Dame.
Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem Fremden.
Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“
Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da er von den Königen und Mächtigen forderte?“