Part 14
So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhäuser. Viele aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass ihre Sache gerecht sei.
So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen überlegen zehnfach und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir müssen nur einstehen Einer für den Andern und unser Pulver trocken halten.“
Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von den Führern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der Nationen machte sich geltend, auch eine Frage der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie Jene.
In den gelehrten Büchern und Blättern stritten sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und träumten. Die Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig.
Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“
Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.
Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders waren sie denn Schweine.
Und er antwortete ihnen kein Wort.
Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und übel riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine trinken?“
Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften sind in ihren Händen wie gute und gehorsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“
Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein Vornehmer und hältst es mit den Reichen und Mächtigen?“
Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt.“
Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich Gottes?“
Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in uns und ausserhalb.“
Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der Reiche?“
Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der Wein?“
Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage.“
Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte sich von ihnen und sprach nicht mehr.
Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut haben, darin das Glück ist und Wohlleben für Alle.“
Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?“
Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“
Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut.“
Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es wird immer Schlechte geben.“
Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts gut.“
„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in den Schooss legen?“ fragten sie nun.
Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein Leben, schafft zehnfaches Leben.“
Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne. Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts geändert, seit die Sonne scheint.“
Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: „O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom war besser und Babylon war edler. Im blutrothen Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer Kunst!“
Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne.
Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann.
Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle.“
Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.
Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und gesund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“
Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.
„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; nur sie _wissen_ es und sorgen nicht. Höre!“
Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, verständigen Augen.
„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“
Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers.
Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf, und Alles zu geben hat den Andern.
„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. – Alles ist eitel. _Eine_ Kunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“
Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, ob es der rechte ist.“
Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er vollkommen.“
Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und Leben.“
„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“
So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die rothe, sinkende Sonne.
Die Sonne sank.
DAS SIEBZEHNTE KAPITEL.
Dies geschah, als eine Empörung kam im Lande.
Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten schlecht waren. Man hatte eine solche Fülle der Güter in den vergangenen Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren Preisen verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu thun mit den Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben. Während die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber und Kinder, müssig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und todtschlagen, denn morgen sind wir todt.“
Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der Fallenden sich zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich Wasser aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfüllt wie in einem Schlachthause.
Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Röcke wegwarfen, zu den Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften auf hohen Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestürzten Wagen, Matratzen und Möbelstücken aus den Häusern.
Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre früheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Häuser gefüllt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen verschonte man nicht, übte an ihnen grausame Verstümmelung, dass viele zarte Frauen und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks. Die Leute, die sich verloren sahen, tödteten sich lieber selber, ehe sie sich dem Feind übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu werden oder gerichtet zum Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich dünkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.
Solches kam auch vor den König und verdross ihn sehr in seinem Herzen, bekümmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der Nacht.
So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch immer im Gefängniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag, wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm im Gefängniss und seinen Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der Andern, weil er wohlbekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie Alle folgten.
Dieser sprach unerschrocken vor dem König. „Es ist Deine Schuld so gut wie dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“
Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht Alles geben.“
Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es Deiner eignen Seele gut ist.“
Davon wollte er nichts hören, schickte ihn immer und immer wieder weg. Aber wenn seine Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hören, wenn seine Räthe drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis und den. Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverräther.“
So dass ein Gerede ging im ganzen Land: „Der Drechslergeselle ist mehr denn unser König. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“
Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu den fremden Königen, dass diese Briefe schrieben, sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Hände dieses Aufrührers gegeben, der ihn am Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler errichtet über seinem Thron.“
Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fürsten zu bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine Würde, die er von seinen Vätern ererbt hatte, und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der Majestät gewohnt von Jugend auf.
Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, während sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. „Dein Angesicht ist strahlender wie die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben und verkümmern.“ Sie priesen seine Weisheit, die grösser sei denn die aller Gelehrten und Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser als aller Könige ringsum. So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren würde ihm folgen auf allen seinen Fahrten.
Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu verringern: „Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht hältst? Vielschwätzer, armselige, kleine Krämer und Pillendreher? Man denkt, dass Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt. Du selbst bist erschüttert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Höchste der Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben.“
So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten sich in den Staub, gaben grosse Feste. Böller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glänzenden Uniformen mit blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war für sie Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.
So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: „Es ist Alles zum Besten eingerichtet. Da sieh doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei meinem Einzug.“
Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert werden Gut und Böse.“
Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.
Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.
Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr zu essen und beobachtete sie lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.
Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch die Lügner.
So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse des Geschlechts in ihr rührten. Vielleicht hofften sie auch, dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen unter Aprilschauern.
Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über der andern.
So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander zu reiben.
Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also schwerkrank und schweigsam zu wissen.“
Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. „Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“