Der Fremde: Ein Gleichniss

Part 12

Chapter 123,868 wordsPublic domain

Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises wechselten sich dort mit den vier Hörnern des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf Widderklauen.

Und öffnete die Thüre weit und neigte sich bis zur Erde und berührte den Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: „So es Dir recht ist, Deiner Seele gefällt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein süsser Herr!“

Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den geschnitzten Sitz am Tisch.

Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefäss mit Wasser. Und rieb seine Füsse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Füssen und sah ihn an.

Sprach er: „Warum kniest Du vor mir?“

Sie sprach: „Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich knieen so und Dir dienen allezeit.“

Er sprach: „Kennst Du mich?“

Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du bist meiner Seele holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern Mann gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thür meiner Kammer blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute.“

Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich lieben?“

Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine Füsse in Flammen setzen, um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende Faulheit des Sumpfes.“

Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. Glühende Nägel müssen in ihre Hände eindringen; ihre Seiten werden sich öffnen und bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen haften wie fressendes Feuer.“

Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: „Stich zu!“

Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist der Stolz und die Gnade des Weibes, und macht sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er sein Leben lieber lässt denn die Süsse ihres Leibes. Um Schönheit wird ein Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen und der Feinheit der Glieder. – Gieb mir Deine Schönheit.“

Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror in ihrem dünnen Linnen. Dies Alles that sie in der grössten Freude, mit den herzlichsten und zärtlichsten Liebesworten.

Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird über Dich kommen, Krankheit, Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine Wangen einfallen von der Sorge und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist sehr lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. Ein Spott denen, die Dich priesen.“

Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle, der mein erwählter Herr ist und lindester Gebieter.“

Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager für mein Haupt des Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“

Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, die Thür verschliessen und mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und glücklich. Meine Habe soll den Armen gehören. Ich nehme nichts denn einen Stab, Brot für morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: ‚Es ziemt sich nicht einem Weib, in Freiheit zu laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und eines grössten Königs Geehrte.“

Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade schleierlos musst Du gehen und unverhüllt, nackt und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer ist wie ihr Leben, sie es zehnfach lassen würde um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich von Dir heische.“

Da ward sie roth über und über, röther wie die Purpurrose, die zuerst der Sonne sich öffnet. Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe schlugen und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten Spitze ihres Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! Nimm mich.“

Und seine Seele ward weich über ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.

Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze, den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“

Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.

Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich.

Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.

Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das Brautbett besteige.“

Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.

Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die Zeit ruft.“

Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch und so ganz schamlos!“

Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf silberweissen Linnen.

Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche glaubten noch schlechtere Dinge.

Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer darum bauen!“

Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.

DAS VIERZEHNTE KAPITEL.

Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.

Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle für nichts gewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.

Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“

Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.

Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, dahingingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“

Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.

Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt hätten vom Unreinen.

Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Klötze blieben, die mühsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern, schnobernd wie die Schweine nach Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der Fährte des Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie in Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind gar nicht, Rauch und Asche. Wir stehen fest und finden.“

Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner niedrigen Dunkelheit.

Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht für seine Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glänzendes Gefieder lockt Gelüste der Räuber.

So dass diese niemals aufkommen, die die Schönheit nackt gesehen hatten und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust voll waren wie die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal wussten, dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt hätten in ihrer Unreinheit, – waren gross und sprachen die Urtheile über wichtige Dinge.

Und man nahm ihr Recht für _das_ Recht. Und ihre Wahrheit für _die_ Wahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.

Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf und würgte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel, denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die wächst und stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Flügel der Seele wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben.“

Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Güte so klein geschaffen und die Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.

Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist Dein Zweck mit ihnen Gnade oder ist es Neid des Mächtigen, Allherrschenden gegen das Kleine, Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Mächtige nicht? Und es ist ein viel Mächtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Güte war vor Ihm Halbheit? Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich bin für Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele ist müde in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Lärm der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel ist, wo gigantische Schatten schweigen.“

So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder. Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden Tropfen.

Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, die kommen soll?“

Sie sprach: „Ich war.“

Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten gewesen war.

Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der Schatten.

Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen Tatzen.

Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah gegen Osten.

Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“

Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.

Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“

Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.

Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich das Blut abwischt und weitergeht.“

Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen ihnen.“

Diese Vision verschwand. Er blieb allein in der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“

Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“

Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.

Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“

Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt sind.

Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“

Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich.

Dies verschwand.

Er hörte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er sprach höhnisch: „Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder. Sie glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fühlen gelernt hat, rührt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“

Er sprach: „Hast Du Bessres gefunden?“